Donnerstag, 26. September 2013

Endlich: Schuldgefühle auch für Väter.

aus Die Presse, Wien, 22. 9. 2013

Schuldgefühle: Jetzt machen auch die Väter mit

Das ständig schlechte Gewissen, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen, war lange Jahre der exklusive Begleiter berufstätiger Mütter. In den USA erreicht es nun auch die Daddies.

von SABINE MEZLER-ANDELBERG

Eine der letzten Bastionen der Frauen gerät ins Wanken: War es bisher nahezu ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, sich nach einem anstrengenden 16-Stunden-Tag noch schuldig zu fühlen, holen die Männer in dieser Disziplin auf. Zumindest ist das das Ergebnis einer Umfrage des amerikanischen „Redbook“-Magazins: Mehr als 60 Prozent der befragten Väter empfinden einen deutlichen Konflikt zwischen Beruf und Familie, die große Frage im Leben der neuen Väter lautet „Enttäusche ich meinen Chef oder enttäusche ich meine Kinder?“

„The new daddy guilt“ – sinngemäß „Die neuen Schuldgefühle der Väter“ – taufte die Autorin des Redbook-Berichts, Jessica Baumgardner, das neue Phänomen, das laut den Umfrageergebnissen nicht nur eine Empfindung der um 1980 geborenen „Millennium-Väter“ ist, sondern durchaus von den Frauen dieser Generation bestätigt wird – auch wenn die Zahlen noch ein wenig auseinanderklaffen. Immerhin 40 Prozent der befragten Mütter beschreiben die Väter ihrer Kinder als extrem involviert, 72 Prozent bescheinigen ihnen, dass sie sich bemühen, deutlich bessere Väter zu sein als es ihre eigenen waren. Mit Erfolg, wie eine Studie des „Families and Work Institute“ bestätigt: Rund 4,1 Stunden pro Tag verbringt der in den 80er-Jahren geborene Vater mit seinen Kindern, fast doppelt so viele wie noch die 70er-Jahrgänge in ihren Nachwuchs investiert haben. Und auch der Stellenwert der Vaterschaft ist in der jüngeren Vergangenheit gestiegen, wie eine zitierte nationale Studie aus dem Jahr 2011 zeigt: Laut dieser halten es 77 Prozent der Männer für wichtig, ein guter Vater zu sein, aber nur 49 Prozent sagen das auch über die Bedeutung der beruflichen Karriere. 

Sexy wie Brad Pitt. 

Soviel Engagement für die Familie kommt beim weiblichen Geschlecht an, wie Psychologe Joshua Coleman vom „Council on Contemporary Families“ an der Universität von Miami „Redbook“ bestätigt: „Bisher war es so, dass Frauen sich für Männer mit finanziellem Erfolg interessiert haben; heute geht es um Männer, die emotional involviert sind und sich an der Hausarbeit beteiligen“, beschreibt er die Veränderungen gegenüber Baumgardner, die etwas prägnanter formuliert, dass Brad Pitt mit seinen Kindern an der Hand beim Überqueren der Straße heute wesentlich sexier wirkt als George Clooney mit einer seiner Freundinnen am Arm.

Eine Attraktivität, die allerdings ihren Preis hat, wenn schon vor der Arbeit das Frühstück für den Junior bereitet, das Jausenpackerl gerichtet und der Weg zum Kindergarten mit ihm angetreten wird, ehe am Abend wieder einmal die Entscheidung zwischen einem gemeinsamen Abendessen und den vom Chef erwarteten Überstunden zu treffen ist. Das Ergebnis ist neben Erschöpfung immer auch das schlechtes Gewissen – ein Gemütszustand, der Frauen seit Jahrzehnten vertraut ist und Baumgardner in ihrem Essay zu der freundlichen Begrüßung „Welcome to our world, guys“ bewegt.

In Österreich sieht die Welt der Väter derzeit – noch – etwas anders aus, wie Erich Lehner, Männer- und Geschlechterforscher an der Alpen-Adria Universität, erklärt. Ein neues Schuldgefühl lasse sich empirisch nicht nachweisen, jedoch seien ein großes Bewusstsein und eine große Bereitschaft, mehr für die Kinder zu tun, sehr wohl vorhanden. Zwei Drittel der Väter seien heute bereit, in Karenz zu gehen, drei Viertel von ihnen können sich durchaus vorstellen, Teilzeit zu arbeiten. „Jedoch ist auch ein großes Bewusstsein dafür vorhanden, was dagegen spricht: nämlich die Angst vor Einkommensverlust und dem Karriereknick“, so Lehner über die nach wie vor vorhandenen Einschränkungen.

Vater spielt, Mutter sorgt. 

Natürlich engagieren sich die Väter heute, wissen wie man wickelt und spielen mit dem Nachwuchs; soweit, dass der Mann seinen Beruf danach ausrichte, sei es aber noch nicht. „Die 1. österreichische Männerstudie hat gezeigt, dass der Vater eher der Spielvater ist, die Mutter eher die Versorgungsarbeit übernimmt“, so der Männerforscher. Eine wirkliche Präsenz der Väter sieht er erst ab einer Verteilung der Versorgungsarbeit von 50:50 gegeben; eine Situation, die ohne eine Veränderung des derzeitigen gesellschaftlichen Systems aber nur schwer herbeizuführen sei. Die aber nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder positive Auswirkungen haben könnte, weisen doch Studien seit Jahren darauf hin, dass Kinder von zwei präsenten Eltern in allen Bereichen des Lebens bessere Chancen haben als Kinder, die mit nur einem präsenten Elternteil groß geworden sind.

Und wie steht es um die Wertschätzung der involvierten Väter in Österreich? Sehr wohl sei das Ansehen der Vaterschaft in bestimmten – bürgerlichen – Kreisen in den vergangenen Jahren gestiegen, auch wenn nach wie vor die berufliche Ausrichtung im Vordergrund stehe. Die aber keinesfalls im Gegensatz dazu stehen muss: „Involvierte Väter haben heute eine andere Männlichkeit“, so Lehner, die durchaus auch Unternehmen schätzen, da diese oft verlässlichere Mitarbeiter mit weniger Ausfällen sind. Als „sexier“ will Lehner ihren Status aber noch nicht bezeichnen, der „Brad-Pitt-Effekt“ scheint hier noch ein wenig auf sich warten zu lassen. Zumindest, was wissenschaftliche, empirisch belegbare Ergebnisse angeht.


Nota. - Die meisten Männer haben aber fürs Spielen mehr Talent als für Hausarbeit.
J.E.

Sonntag, 22. September 2013

Das starke Geschlecht in der Antike.

aus Badische Zeitung, 21. 9. 2013                                     Weingefäß, Athen, um 550 v.Chr.


Prächtige Burschen 
"Das starke Geschlecht in der Antike": Eine Ausstellung im Basler Antikenmuseum.

von Martin Halter

Der Mann darf heute schon mal Staub saugen, weinen und Schwäche zeigen, ohne seine Würde zu verlieren, und diese Aufweichung der alten Rollenbilder verunsichert ihn bekanntlich. Im alten Athen war noch klar, wann der Mann ein Mann war: Wenn er mit Trinkbecher, Flöte und Kurzschwert umgehen konnte, beim Opfer im Tempel, beim Sport im Stadion, bei der politischen Debatte auf dem Marktplatz und natürlich im Krieg seinen Mann stand. Er durfte vor Troja in heilige Raserei fallen oder sich in Olympia mit Stierblut dopen, und niemand nahm Anstoß, wenn sich pädophile Erzieher an Knaben vergriffen. Aber Homosexualität unter Erwachsenen war verpönt, und Heulsusen und Feiglinge wurden geächtet, verbannt oder noch härter bestraft.


Das Basler Antikenmuseum konfrontiert in seiner neuen Ausstellung "Wann ist man ein Mann? Das starke Geschlecht in der Antike" Mannsbilder aus der Zeit zwischen 550 bis 330 v. Chr. mit zeitgenössischen Vorstellungen von Männlichkeit. Eine auf den Boden gemalte Rennbahn führt augenzwinkernd durch einen Parcours von gut siebzig Exponaten: Vasen, Skulpturen, Waffen, Sportgeräte, Grabsteine – von der Wiege bis zur Bahre, vom Raufen und bacchantischen Saufen der Jugend bis zum Friedhof. Lockiges Langhaar galt als unmännlich, der Bart als Zeichen des Alters: In einem schönen Körper wohnte ein gesunder Geist, der sich durch Stärke, Tapferkeit, Selbstbeherrschung, Tugend und Zeugungskraft auszeichnete und Bürgersinn über private Selbstverwirklichung oder gar eheliche Liebe stellte.

Das Antikenmuseum will schon seit einiger Zeit die Antike vom Kothurn holen und näher an uns heran rücken; so wurde zuletzt in der Ausstellung "Sex, Drugs und Leierspiel" Athen als dionysisches Hippieparadies inszeniert. Der neue Direktor Andrea Bignasca und seine Kuratorin Ella van der Meijden treiben dieses Konzept jetzt noch weiter voran – und schießen dabei manchmal doch übers museumspädagogisch ehrenwerte Ziel hinaus. So stehen neben den erwartbaren Porträtbüsten, Statuen und Torsi unvermittelt und fast unkommentiert Objekte aus dem heutigen Männeralltag wie Ritalin und Viagra, Lenkrad, Windeln und Hanteln. Die Absicht ist klar: Die Playstation-Generation soll die Männer Athens nicht als entrückte Halbgötter aus Marmor und Gips wahrnehmen, sondern als "prächtige Burschen" wie du und ich, als Zeitgenossen und Leidensgefährten.

Das Beiprogramm umfasst neben klassischen Vorträgen und Kindernachmittagen auch Sparringskämpfe mit dem Basler Schwergewichtler Arnold "The Cobra" Gjergjaj und lokalen Faust- und Ringkämpferinnen, eine Abendführung "nur für Damen" und das eher postfeministische Angebot "Wir backen einen Traummann". In einer Parallelausstellung in der Skulpturhalle gibt es viel schwellende Muskeln und nackte Gemächte zum Thema Sportsmänner zu sehen. In der Sonderausstellung "Enthousiasmos" im Obergeschoss lässt die holländische Modefotografin Brigitte Vincken kraftstrotzendes Fleisch auf kalten Marmor, vergängliche auf unsterbliche Männlichkeit treffen, aber die innige Umarmung von nackten Modellathleten und antiken Kunstwerken erinnert dann doch eher an erotischen Kitsch à la Helmut Newton und Gunter Sachs als an Herakles und Theseus.

Antikenmuseum Basel, St. Alban-Graben 5, und Skulpturhalle Basel, Mittlere Str. 17. Bis 30. März, Di bis So 10–17 Uhr. In der Skulpturhalle: Sa, So 11–17 Uhr. 

Sie feierten, bildeten Körper und Geist, kämpften und politisierten – doch wer waren diese griechischen Supermänner? Weinschale (Kylix) aus Athen; Ton; um 470 v. Chr.
aus TagesWoche, Basel                                                         Weinschale (Kylix) aus Athen; Ton; um 470 v. Chr.

6.9.2013, 16:01 Uhr  

Das Antikenmuseum Basel stellt in einer Ausstellung den antiken griechischen Mann auf die Probe. Und richtet die Frage, was ein Mann sei, damit auch an uns. Die Antike spitzt scheinbar das allzu vertraute Ideal des machoiden Alleskönners noch zu. Doch irgendwas war anders. 

Von  

 Zunächst die schlechte Nachricht: Es gibt aus der Antike nichts Neues. Mit dem Titel «Wann ist man ein Mann?» bietet die Ausstellung im Antikenmuseum Basel und in der Skulpturenhalle an, unsere Konzepte von Männlichkeit zu überdenken – wie haben die’s damals gemacht? Etwas Zustupf für die Diskussion können wir tatsächlich gebrauchen.


Wir haben androgyne Models und die gleichgeschlechtliche Ehe, wir haben engagierte Väter und Prominente ohne dickes Auto, wir haben David Bowie und Bradley Manning. Das mag wohl sein, aber das Bild des muskulösen, erfolgreichen, unabhängigen Mannes ist dadurch nicht getrübt. Und die Griechen? Viel mehr noch! Ein Mann musste schön sein, sportlich, intellektuell und sich am besten noch Ruhm erkämpfen. So der erste Eindruck. 

Homoerotik angesehen und erwünscht

Die Ausstellung führt das Leben eines griechischen Mannes vor, wie er es im 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus idealerweise durchlaufen hat. Durch Skulpturen und bemalte Vasen werden die Stationen seines Weges erzählt: Sowie er kein Kleinkind mehr ist, folgt der griechische Racker anderen Bestimmungen als seine Schwestern. Schon jetzt hat er ungleich mehr Freiheiten, doch auch mehr Anforderungen werden an ihn gestellt. Der Bub lernt Musik machen, schreiben, rechnen (Schwesterchen lernt derweil haushalten) und treibt im gymnasion Sport.


Dies geschah damals nackt und eignete sich daher als Jagdgrund: Erwachsene Bürger schauten sich auf den Sportplätzen nach Jünglingen um und boten sich ihnen als Liebhaber und Mentoren an. Diese Form der Homoerotik war in der Antike angesehen und erwünscht. Ohne vorhergehendes Liebesspiel, so war man überzeugt, kommt die Lehre nicht weit.
 
Was uns abgeht: das Sinngefüge

Der Kenner bringt dieses Wissen mit. Schemenhaft gehört es auch zur Allgemeinbildung. In der Ausstellung ist man allerdings weitgehend seinen Eindrücken überlassen. Kurze Übersichtstexte führen in die jeweilige Lebenslage des Mannes ein. Doch die Beschriftungen der Exponate nehmen sich viel Freiheit und sind wenig informativ, dafür charmant.

Eine Silbermünze mit eingeprägtem Pferdegespann wird zum Beispiel so erläutert: «Auf dem 4-Ps-Boliden zum Sieg». Lovely. Als Ergänzung bekommt der Besucher aber ein Buch mitgegeben, das die Exponate erläutert und sich als prägnante Kulturgeschichte der alten Griechen entpuppt. Der Band ist so toll und kompetent gemacht, man will ihn auf dem Sofa lesen und danach aufbewahren.

 
Kampf und Ruhm

Beim Lesen zeigen sich die Bezüge, die zwischen den mannigfaltigen Anforderungen an den werdenden Mann bestehen. Damit entsteht ein umfassendes Sinngefüge. Liebe und Lehre hängen zusammen aber auch Liebe und Kampf. Kampf ist die höchste Tätigkeit und Ruhm das höchste Gut. Doch die ethischen Skills als Bürger zählen nicht weniger und genauso die politische Arbeit an der Gemeinschaft.

Die Bildung des Geistes ist wertlos ohne die Bildung des wohlgestalten Körpers – aber auch umgekehrt. In dieser Durchdringung der Werte findet sich wieder, was Westeuropa seit der Renaissance in Atem gehalten hat: Mass, Balance, Gemeinschaft. Dieser umfassende Blick ist der Neuzeit abhanden gekommen. Wir teilen die Werte der Antike, doch uns fehlt das Gefüge. Wir sind Spezialisten und wissen nicht warum. 

Gegenwartsbezug etwas holzschnittartig

Die Verherrlichung der Antike, aber auch ihre Vertrautheit haben sich verflüchtigt. Die Auseinandersetzung mit ihr ist in den akademischen Raum abgewandert und hat dort Staub angesetzt. Andrea Bignasca ist seit einem Jahr Direktor im Antikenmuseum Basel und hat sich vorgenommen, die klassische Ausstellungskultur aufzumischen. Er will die Antike als Geschichte erzählen und damit Fragen an die Gegenwart richten.

 
Zugegeben: Der Versuch der Ausstellenden, den Bezug zur heutigen Männlichkeit herzustellen, ist etwas platt. In sterilen Vitrinen stehen Giletterasierer neben Viagrapackungen. Staubsauger und Windel veranschaulichen den weichen und verantwortungsvollen Mann von heute. Na gut. Sein Vorhaben ist dem Rektor und seinen Kuratoren (federführend Ella van der Meijden) trotzdem gelungen: Sie erzählen die Antike als Geschichte der Männlichkeit.

Das kommt auch den Kunstwerken zugute: Man betrachtet sie nicht als Kunst, sondern taucht durch sie in eine Lebenswelt ein. Klafter werden ihnen damit von den Schultern genommen. Und nebenbei bemerkt man, was für ein fantastisches Stück man gerade vor Augen hat. 

Nota. 

Man kann streiten, ob es richtig gewesen wäre, die kultisch-aristokratische Knabenliebe, die in den dorischen Staaten Griechenlands eine öffentlich etablierte Institution war und in dem von der Ausstellung dokumentierten Zeitraum ihre Blüte hatte, in den Mittelpunkt einer solchen Ausstellung zu rücken. Aber wenn ein professioneller Besucher der Ausstellung zu einer Formulierung gelangt wie "niemand nahm Anstoß, wenn sich pädophile Erzieher an Knaben vergriffen", dann können die Gewichte dort nicht stimmen. Es war andersrum, die von Stadt und Familie anerkannten Liebhaber wurden zu den Erziehern der Knaben, in Sparta sogar zu deren Vormündern. Und auch das Wort Homo- erotik ist ganz fehl am Platz. Denn in dem päderastischen Verhältnis stand nicht die Gleichheit der beiden im Vordergrund, sondern ihre Ungleichheit: Wie anders hätte der Ältere den Jüngeren sonst zum Mann erziehen können? Was sie verband, war nicht das Geschlecht selbst, sondern ihre gemeinsame Bestimmung zur aretê - das, was an der Männlichkeit die Tugend ausmacht und von den Römern mit virtus übersetzt wurde; und eben der Eros. Homosexualität im Wortsinn war allerdings verpönt.

Das dorische Sparta war übrigens auch einer der ganz wenigen griechischen Staate, in denen auch die Mädchen eine sorgfältige Erziehung erfuhren; freilich ohne männliche Liebhaber.
J.E.

Mittwoch, 18. September 2013

Das richtige Männergesicht.

aus scinexx                                                                                         Hans Thoma, ...Caesar


Männer: Breites Gesicht provoziert Egoismus

Gesichtszüge beeinflussen das Verhalten des Gegenübers

Es kommt sehr wohl auf das Aussehen an - genauer gesagt auf die Breite des Gesichts: Männer mit breiteren Gesichtszügen gelten als erfolgreicher, aber auch als unehrlicher und aggressiver. Das allerdings hat Konsequenzen, wie ein neues Experiment von US-Forschern belegt: Wir verhalten uns Männern mit breiten Gesichtern gegenüber egoistischer und weniger hilfsbereit als solchen mit schmaleren, wie sie im Fachmagazin "PloS OnE" berichten. 

Ein breites Gesicht mit ausgeprägtem Kinn gilt als besonders männlich. Unbewusst signalisiert es offenbar eine stark von Testosteron geprägte Persönlichkeit. Tatsächlich haben Studien in den letzten Jahren einige Verbindungen zwischen der Gesichtsform und dem Verhalten gefunden. So ergab ein Experiment im Jahr 2012, dass Männer mit maskulinen Gesichtszügen eher zur Untreue neigen. 2011 belegten Michael Haselhuhn und Elaine Wong von der University of California in Riverside, dass Manager mit einem eher breiten Gesicht erfolgreicher sind und ihre Firma profitabler führen.

Jetzt haben sich die beiden Forscher angeschaut, ob es einen Zusammenhang der Gesichtszüge mit egoistischem Verhalten gibt - und dabei den Spieß auch einmal umgedreht: In vier neuen Experimenten überprüften sie, ob sich Männer mit breiten Gesicht egoistischer Verhalten und auch, wie ihr Gegenüber darauf reagiert. Die jeweils 131 bis 207 Probanden absolvierten dabei jeweils paarweise verschiedene Spiele, bei denen sie entscheiden mussten, ob sie mit ihrem Partner teilen wollten oder nicht. Bei einigen Durchgängen ging es dabei zusätzlich um die Frage, ob sie ihrem Partner trauten oder nicht.

Breites Gesicht provoziert unsozialere Reaktionen

Dabei zeigte sich: Männer mit breitem Gesicht neigten dazu, sich egoistisch zu verhalten und teilten seltener und ungerechter mit ihren Partnern. Umgekehrt aber hielten auch die Partner die Probanden mit den breiteren Gesichtern für weniger vertrauenswürdig und egoistischer und teilten dann ihrerseits auch weniger mit ihnen. Menschen reagieren demnach unbewusst auf die Gesichtsform - möglicherweise weil sie damit entsprechende Erwartungen verbinden.

Nach Ansicht der Forscher zeigt dies, dass der zuvor beobachtete Zusammenhang zwischen Gesichtsform und Verhalten zwei Triebkräfte hat: Das eine sind biologische Faktoren, wie beispielsweise ein höherer Testosteronwert, der Aussehen und Verhalten gleichermaßen beeinflusst. Das andere aber ist ein sozialer Aspekt: Die unbewusste Reaktion der anderen auf das Gesicht könnte dazu beitragen, bestimmte Verhaltensweisen - beispielsweise Egoismus oder Aggression - zu fördern. Allerdings betonen die Forscher auch, dass allein die Gesichtsform sicher nicht dazu geeignet ist, auf alle Aspekte der Persönlichkeit zu schließen und dass es hier nur um eine Tendenz geht. (PLoS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0072259)

(University of California - Riverside, 18.09.2013 - NPO)

Dienstag, 17. September 2013

Macht Östrogen dumm?

 

Weibliches Geschlechtshormon hemmt Lernfortschritte 

- bei Ratten


ÖstrogenHohe Konzentrationen des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen hemmen den Lernerfolg – jedenfalls bei Rattenweibchen. Der jetzt im Fachjournal Brain and Cognition veröffentlichte Versuch kanadischer Forscher gibt erstmals konkrete Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Hormon und dessen Einfluss auf Gehirnfunktionen und -strukturen von Erwachsenen. 

Während des Eisprungs sind die Östrogen- konzentrationen im Blut bei Frauen am höchsten. Das Geschlechtshormon sorgt dafür, dass die Eizelle reift, und fördert das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut. Bereits seit einiger Zeit gibt es jedoch Hinweise darauf, dass hohe Östrogenwerte auch die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen. Inwieweit dies jedoch kausal zu spürbaren Einbußen bei erwachsenen Frauen führt, war bisher unklar.
 „Obwohl Östrogen dafür bekannt ist, eine signifikante Rolle für Lernen und Gedächtnis zu spielen, gab es bisher keinen klaren Konsens über den genauen Effekt“, erklärt Wayne Brake, Professor für Neurobiologie an der kanadischen Concordia Universität. Brake und seine Kollegen haben nun erstmals in Versuchen an Ratten den hemmenden Effekt des Östrogens genauer untersucht. Für die Experimente nutzten sie die so genannte „latente Inhibition“, einen etablierten Test für die Bildung neuer Gedächtnisinhalte. Dabei wurde den weiblichen Tieren zunächst wiederholt ein Ton vorgespielt, ohne dass darauf eine Konsequenz folgte. Nachdem die Ratten sich an den Ton gewöhnt hatten, veränderten die Forscher den Versuchsablauf: Jetzt wurde der Ton mit einem weiteren Reiz gekoppelt. Während Rattenweibchen mit niedrigen Östrogenspiegeln schnell lernten, dass beides verknüpft war, brauchten die Tiere mit höheren Östrogenspiegeln deutlich länger.

„Wir haben diesen Effekt nur bei erwachsenen weiblichen Ratten beobachtet“, erklärt Brake. „Diese und andere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Östrogen direkt das Gehirn beeinflusst, vielleicht durch Störung von Signalmolekülen. Unsere Studie hilft damit, die Kontroverse über die Effekte des Östrogens auf das Gehirn zu klären. Der nächste Schritt ist nun, sich anzuschauen, wie genau dies geschieht.“
 
(Concordia University, 27.09.2010 - NPO)    Nota.  Ich will daran erinnern, dass das Gedächtnis nur die eine Hälfte der Intelligenz ausmacht. Die andre Hälfte ist der Humor. Vielleicht macht Östrogen Frauen ja stattdessen humoristischer, wer weiß?J.E. 

Montag, 16. September 2013

Frauen scheuen Wettbewerb schon im Kindesalter.


Autor: Mark Fallak, Öffentlichkeitsarbeit
Institut zur Zukunft der Arbeit

25.06.2010

Mädchen sind schon als Dreijährige deutlich seltener zum Leistungswettbewerb mit Gleichaltrigen bereit als Jungen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die beim Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienen ist. Damit wird erstmals gezeigt, dass sich derartige Unterschiede zwischen den Geschlechtern bereits im Kleinkindalter ausprägen.


Die Studie basiert auf einem umfangreichen Experiment der Universität Innsbruck, in dem das Wettbewerbsverhalten von über 1000 Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 18 Jahren untersucht wurde. Je nach Alter mussten die Teilnehmer Rechenaufgaben lösen oder einen Wettlauf absolvieren und konnten dadurch Geld verdienen.

Im Laufe des Versuchs hatten sie die Wahl, ob sie gegen Gleichaltrige antreten wollten, um ihre Verdienstmöglichkeiten zu steigern. Im Schnitt entschieden sich 40 Prozent der Jungen, aber nur 19 Prozent der Mädchen für die Wettbewerbsvariante. In allen Altersgruppen lag der Abstand zwischen den Geschlechtern bei etwa 15 bis 20 Prozentpunkten. Dabei war es unerheblich, ob die Kinder in gemischten oder gleichgeschlechtlichen Gruppen gegeneinander antraten.

Ein weiterer interessanter Befund der Studie: Sowohl im Kopfrechnen als auch beim Wettlauf schnitten Jungen und Mädchen annähernd gleich ab. Allerdings neigen Jungen eher dazu, die eigene Leistung zu hoch einzuschätzen.

Wirtschaftsforscher sehen in der geringeren Wettbewerbsbereitschaft von Frauen eine mögliche Ursache für den Lohnabstand zwischen den Geschlechtern und den geringen Frauenanteil in Führungspositionen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, das Wettbewerbsverhalten von Frauen schon in jungen Jahren gezielter zu fördern, um einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu leisten“, sagt der Innsbrucker Verhaltensökonom Matthias Sutter, der die Studie mitverfasst hat.

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Nota.

Man darf beruhigt sein, dass man die Mädchen fördern will, indem man sie zu mehr Wettbewerb ermuntert, und nicht, indem man die Jungen vom Wettbewerb abhält. Da macht sich ein erster Fortschritt bemerkbar.  

J.E.

Sonntag, 15. September 2013

Opferabonnement gekündigt.

aus Süddeutsche.de, 13. September 2013 17:45                                                                                     Heidi K.


Erfundene Vergewaltigung 

"Ich hätte ihr mehr gewünscht"
Die Lehrerin Heidi K. hat sich die Vergewaltigung durch einen Kollegen nach Ansicht des Landgerichts Darmstadt nur ausgedacht. Fünf Jahre lang saß der unschuldige Mann im Gefängnis. Nun muss Heidi K. selbst hinter Gitter. Nicht lang genug, wie manche meinen.
 
Von Hans Holzhaider, Darmstadt
 
Fünf Jahre und sechs Monate Haft für Heidi K. wegen Freiheitsberaubung - "das war keine einfache Entscheidung", sagt die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk am Freitag. Die 15. Große Strafkammer am Landgericht Darmstadt ist zu der Überzeugung gekommen, dass die heute 48-jährige Lehrerin gelogen hat, als sie vor zwölf Jahren ihren Kollegen Horst Arnold beschuldigte, er habe sie während einer Unterrichtspause anal vergewaltigt.
 
Fünf Jahre saß Horst Arnold, der die Tat immer bestritten hat, dafür im Gefängnis. Weitere fünf Jahre kämpfte er um seine Rehabilitierung, bis er im Juni 2011 in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde. Ein Jahr später starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. "Die Justiz würde sich gerne bei Herrn Arnold entschuldigen", sagt die Richterin, "aber diese Entschuldigung können wir jetzt nur noch an die Hinterbliebenen richten, die all die Jahre mitgelitten haben." Arnolds Mutter, die die Urteilsverkündung miterlebte, sagt: "Es bringt mir meinen Sohn nicht wieder, aber es ist eine große Genugtuung." Ob sie das Urteil als gerecht empfinde? "Ich hätte ihr mehr gewünscht", sagt Helga Arnold.
 
Was hat sich wirklich zugetragen an jenem 28. August in einem Biologie-Vorbereitungsraum der Georg-August-Zinn-Schule im hessischen Reichelsheim? Nach Überzeugung des Gerichts war es so: Horst Arnold kam in den Raum und überraschte Heidi K. dabei, wie sie in seinen Unterlagen stöberte. Er herrschte sie an, sie verließ den Raum. "Sie war verärgert über die Zurechtweisung und fürchtete, er könnte den Vorfall weitererzählen", sagt Richterin Bunk. Sie beschwerte sich über ihn - "wir gehen davon aus, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht an eine anale Vergewaltigung denkt". Aber die Reaktion der Kolleginnen ermutigt sie. 
 
Idealopfer mit Alkoholproblem  
 
Horst Arnold ist nicht sehr beliebt, man weiß, dass er ein Alkoholproblem hat, dass er, wenn er getrunken hat, auch gelegentlich verbal aggressiv ist. "Sie merkt: Er ist ein Idealopfer. Ihr wird geglaubt, niemand zweifelt. Und so baut sie ihre Geschichte immer weiter aus." Bis sie endlich, in der Endfassung, ihren Kollegen beschuldigt, er habe sie brutal gegen den Tisch gedrängt, ihr den Mund zugehalten, sie vergewaltigt und mit dem Tod bedroht, falls sie etwas verrate. Um das zu untermauern, habe sie sich schließlich auch selbst Verletzungen beigebracht - Kratzer und blaue Flecken am Bauch sowie einen kleinen Einriss der Afterschleimhaut.
 
Welche Beweise hat das Gericht für diesen Ablauf? "Objektive Beweise gibt es nicht", räumt die Richterin ein - Heidi K. hat die Kleidung, die sie bei der behaupteten Tat trug, vernichtet. Es seien "Mosaiksteinchen", die das Gericht von der Schuld der Angeklagten überzeugt hätten.
 
Zunächst die widersprüchlichen Angaben über den Tathergang: Bei der ersten Vernehmung sagte Heidi K., sie habe geschrien, später gab sie an, sie habe nicht schreien können, weil der Täter ihr mit dem Unterarm die Luft abgedrückt habe. "Bei einem solchen Vorgang bekommt man Todesangst", sagt die Richterin, "das wird nicht einfach vergessen." Als Nächstes: die Behauptung, sie habe nach der Tat einen "Blackout" gehabt und könne sich nicht daran erinnern, unmittelbar nach der Vergewaltigung zwei Unterrichtsstunden gehalten zu haben. "Das kann so nicht gewesen sein. Das ist eine ganz klare Lüge und spricht dafür, dass die Vergewaltigung nicht stattgefunden hat", sagt die Richterin. 
 
Plötzliche Analfissur  
 
Schließlich die Verletzung am After. Zwei Ärztinnen hatten sie nicht entdeckt, und Heidi K. hatte bei der Untersuchung auch nicht über Schmerzen geklagt. Erst drei Wochen später, als sie sich zu einer neuerlichen Untersuchung ins Krankenhaus begibt, ist die Analfissur plötzlich da, und Heidi K. hat solche Schmerzen, dass die Untersuchung unter Vollnarkose durchgeführt werden muss. "Das lässt nur den Schluss zu: Unmittelbar nach der Tat gab es keine Analfissur", sagt Richterin Bunk.
 
Und das Motiv? "Ein Motiv im eigentlichen Sinn fehlt", sagt die Richterin. "Das ist das Erschreckende: Sie braucht keinen spezifischen Grund. Es ist eher eine Reaktion, aus einer momentanen Verärgerung, aus Furcht vor eventuellen üblen Nachreden." Erklärbar sei das nur aus der Persönlichkeit der Angeklagten: ihrem übersteigerten Geltungsbedürfnis, ihrem Streben nach Anerkennung und Mitgefühl, ihrem Hang zur Dramatisierung, der sich ja auch schon in der Vielzahl erfundener Geschichten niedergeschlagen hat, die sie im Lauf der Jahre verbreitet hatte.
 
Ihre Richterkollegen, die Horst Arnold vor elf Jahren verurteilt haben, nimmt Bunk in Schutz. "Wir haben heute einen ganz anderen Wissensstand als die Kammer damals", sagt sie. Die damaligen Zeugenaussagen hätten ein völlig anderes Bild von Horst Arnold und Heidi K. ergeben. Auch bei sorgfältiger Verhandlung könnten Richter durch Falschaussagen getäuscht werden. "Dass falsche Urteile im Rechtsstaat nicht auszuschließen sind", so die Richterin, "das ist einfach so."


Freitag, 13. September 2013

Väterforschung.

aus Die Presse, Wien, 9. 6. 2013

Unsere Väter: Unerforschte Wesen  

Welche Rolle spielt der Vater in der Kindererziehung? Eine große Studie widmet sich dem von der Forschung bislang stiefmütterlich vernachlässigten Forschungsobjekt.

von Petra Paumkirchner

Die Mutter-Kind-Beziehung ist längst eine gläserne Beziehung, die im letzten Jahrhundert aus allen Blickwinkeln untersucht und analysiert wurde. Wie ist es aber um den Vater bestellt? Was weiß die Forschung über die Vater-Kind-Beziehung? Wenig, sagt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert der Uni Wien, Expertin für frühkindliche Entwicklung: „Die Zeit ist reif, dass das Thema Vaterschaft erforscht wird. Moderne Väter fordern das auch ein.“

Ahnert hat gemeinsam mit fünf Kollegen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz das Netzwerk „Central European Network on Fatherhood“, Cenof, gegründet, in dem Vaterschaft aus fünf Perspektiven betrachtet wird: aus der Persönlichkeits-, Bio-, Arbeits- und Entwicklungspsychologie sowie der Psychopathologie.

Die Forscher interessiert zunächst, ob der Mann an sich von seiner psychischen und biologischen Ausstattung her Interesse daran hat, ein Kind großzuziehen. „Er hat keine Disposition gegen Kindererziehung, aber er ist stammesgeschichtlich darauf auch nicht ausgerichtet“, sagt Ahnert. Ein Teilaspekt dieser vielfältigen Studie ist der männliche Hormonhaushalt. Aus der Männerforschung weiß man, dass Männer mit hohem Testosteronspiegel im Blut weniger empathisch sind als Männer mit niedrigerer Konzentration des Sexualhormons.

Es stellt sich aber die Frage, ob Männer mit einer geringeren Testosteronkonzentration daher die besseren Väter sind oder ob Väter, die intensiv an der Geburtsvorbereitung Anteil nehmen, im Laufe der Schwangerschaft unabhängig von ihrer biologischen Ausstattung empathischer werden und eine erhöhte Fürsorglichkeit entwickeln.

Behütende Mütter. 

„Spannend ist auch, welche Rolle die Väter überhaupt in der Familie spielen dürfen. Was lassen die Mütter zu?“ In der Psychologie spricht man vom „gatekeeping“-Konzept. Die Mutter funktioniert als „Torhüter“ und bestimmt, inwieweit sich der Vater an der Kinderbetreuung beteiligen darf.

Um das Großprojekt gut vorzubereiten und über die alltägliche Rolle des Vaters mehr zu erfahren, wurden Väter auf Kinderspielplätzen und in Kinderspielwarengeschäften von den Forscherinnen und Forschern interviewt. Neben klassischen Fragebögen zu den Themen Familienklima und Partnerschaftsqualität wird auch eine Smartphone-App benutzt, mit der die Väter ihr Zeitmanagement dokumentieren sollen.

„Die Väter bekommen eine Woche lang zu unterschiedlichen Zeiten ein SMS und müssen angeben, was sie gerade machen“, erklärt Ahnert die App, die sie derzeit mit ihren Studierenden erproben lässt. Meistens werden Teilnehmer ähnlicher Studien rückwirkend über ihren Wochenablauf befragt, was oft zu unrealistischen Einschätzungen führt und Ergebnisse verzerrt.

Fordernde Väter. 

„Zentral für uns ist, die Motive und Bedingungen herauszufinden, mit denen sich Väter mit ihren Kindern auseinandersetzen“, so Ahnert. Generell lässt sich sagen, dass Väter anders mit ihren Kindern umgehen als Mütter: Sie stellen den fordernden Elternteil dar, manchmal überfordern sie die Kinder sogar. Während die Mütter behütend und beschützend wirken, sind die Väter eher herausfordernd.

Die Kinder können mit ihren Vätern den Erkundungsdrang ausleben und lernen mit Rivalität und Aggressivität umzugehen. Um das zu untersuchen, sind neue Forschungssettings nötig. Die klassischen Settings zwischen Mutter und Kind, bei denen Mutter und Kind z.B. gemeinsam in einem Raum spielen und die Mutter diesen kurz verlässt, um zu sehen, wie das Kind reagiert, können auf die Vater-Kind-Beziehung nicht umgelegt werden.

„Derzeit versuchen wir kreative, neue Ideen für eine standardisierte Testsituation mit Vater und Kind zu entwickeln“, sagt Ahnert. Dazu haben sich die Studierenden Bewegungsspiele und Bewegungsparcours ausgedacht, um darstellen zu können, wie Väter mit ihren Kindern umgehen. Wie lassen sich die Väter für diese Spiele begeistern? Weiters schaut sich die Forschungsgruppe an, welche Impulse Väter bei geistigen Herausforderungen für ihre Kinder setzen – zum Beispiel bei Knobelspielen, Puzzles und Geschicklichkeitsspielen.

Die Beobachtungen sollen aufzeigen, welche Entwicklungsimpulse von Vätern ausgehen und wie sich diese von jenen der Mütter unterscheiden. Daraus lassen sich auch Rückschlüsse ziehen, woran es Kindern, die ohne Väter aufwachsen, mangelt bzw. was alleinerziehende Mütter kompensieren müssen.

„Ein Forschungsschwerpunkt sind auch die immer zahlreicher werdenden Patchwork-Familien.“ Historisch gesehen sind Stiefmütter häufig in den Familien unserer Vorfahren anzutreffen, denn bis zum 20. Jahrhundert verstarben viele Wöchnerinnen an Kindbettfieber. Stiefväter sind ein relativ junges Phänomen, das jedoch zunimmt. Wenn es biologisch nicht ihr eigenes Kind ist, wodurch sind Stiefväter motiviert, sich bei der Kindererziehung zu engagieren? Und wie ändert sich die Motivation, wenn der Stiefvater und die Mutter der Stiefkinder eigene Kinder bekommen?

Entwicklung bei Frühgeborenen. 

Lieselotte Ahnert selbst wird sich in einem Teilprojekt mit der Vater-Kind-Bindung bei Frühgeborenen beschäftigen. Seit eineinhalb Jahren führt sie in Kooperation mit dem Wiener AKH Studien in der Nachsorgeambulanz für Frühgeborene (gemeinsam mit Renate Fuiko) durch, um vor allem deren emotionale Entwicklung zu verfolgen.

„Wir konnten zeigen, dass Frühgeborene, die in ihrer weiteren Entwicklung durchaus von den Eltern in einem passenden Ausmaß gefordert und nicht nur behütet und von jeglicher Herausforderung abgehalten werden, später bessere emotionale Regulationsmechanismen zeigen und Stress besser bewältigen können als sozusagen nur in Watte gepackte Frühgeborene.“ Dies ist allerdings eine Gratwanderung, die noch besser untersucht werden muss, weil sie auch Auswirkungen auf die Beratung der Eltern hat.

Die Beratungsstellen sind jedoch fast vollkommen auf die Mütter fixiert. Umso wichtiger ist es, den Vater ins Boot zu holen und sein Potenzial in der Kindererziehung zu nutzen. Die Studienergebnisse von Cenof sollen – so jedenfalls der Wunsch der Forscher – in sozialpolitische Maßnahmen münden.

Donnerstag, 12. September 2013

Östrogen ist männerfeindlich.

aus New York Times, 12. 9. 2013                                                                           Dieter Schütz, pixelio.de

Middle-Aged Men, Too, Can Blame Estrogen for That Waistline 

It is the scourge of many a middle-aged man: he starts getting a pot belly, using lighter weights at the gym and somehow just doesn’t have the sexual desire of his younger years. 

By  

Ben Iverson took part in a study of men aged 20 to 50 who agreed to have their testosterone production turned off for 16 weeks. The study is being repeated to measure vitality in older men.

The obvious culprit is testosterone, since men gradually make less of the male sex hormone as years go by. But a surprising new answer is emerging, one that doctors say could reinvigorate the study of how men’s bodies age. Estrogen, the female sex hormone, turns out to play a much bigger role in men’s bodies than previously thought, and falling levels contribute to their expanding waistlines just as they do in women’s.

The discovery of the role of estrogen in men is “a major advance,” said Dr. Peter J. Snyder, a professor of medicine at the University of Pennsylvania, who is leading a big new research project on hormone therapy for men 65 and over. Until recently, testosterone deficiency was considered nearly the sole reason that men undergo the familiar physical complaints of midlife.

The new frontier of research involves figuring out which hormone does what in men, and how body functions are affected at different hormone levels. While dwindling testosterone levels are to blame for middle-aged men’s smaller muscles, falling levels of estrogen regulate fat accumulation, according to a study published Wednesday in The New England Journal of Medicine, which provided the most conclusive evidence to date that estrogen is a major factor in male midlife woes. And both hormones are needed for libido.

“Some of the symptoms routinely attributed to testosterone deficiency are actually partially or almost exclusively caused by the decline in estrogens,” said Dr. Joel Finkelstein, an endocrinologist at Harvard Medical School and the study’s lead author, in a news release on Wednesday.

His study is only the start of what many hope will be a new understanding of testosterone and estrogen in men. Dr. Snyder is leading another study, the Testosterone Trial, which measures levels of both hormones and asks whether testosterone treatment can make older men with low testosterone levels more youthful — by letting them walk more quickly, feel more vigorous, improve their sexual functioning and their memories, and strengthen their bones. Smaller studies have been promising but unreliable, and estrogen has not been factored in.

“We had ignored this hormone in men, but we are studying it now,” said Dr. Alvin M. Matsumoto, a testosterone and geriatrics researcher at the University of Washington School of Medicine and the V.A. Puget Sound Health Care System, who is a Testosterone Trial researcher. “We are just starting out on this road.”

Both men and women make estrogen out of testosterone, and men make so much that they end up with at least twice as much estrogen as postmenopausal women. As levels of both hormones decline with age, the body changes. But until now, researchers have focused almost exclusively on how estrogen affects women and how testosterone affects men.

Dr. Finkelstein’s study provides a new road map of the function of each hormone and its behavior at various levels. It suggests that different symptoms kick in at different levels of testosterone deficiency. Testosterone, he found, is the chief regulator of muscle tone and lean body mass, but it takes less than was thought to maintain muscle. For a young man, 550 nanograms of testosterone per deciliter of blood serum is the average level, and doctors have generally considered levels below 300 nanograms so low they might require treatment, typically with testosterone gels.

But Dr. Finkelstein’s study found that muscle strength and size turn out to be unaffected until testosterone levels drop very low, below 200 nanograms. Fat accumulation, however, kicks in at higher testosterone levels: at 300 to 350 nanograms of testosterone, estrogen levels sink low enough that middle-aged spread begins.

As for sexual desire and performance, both require estrogen and testosterone, and they increase steadily as those hormone levels rise. Researchers say it is too early to make many specific recommendations, but no one is suggesting that men take estrogen, because high doses cause feminine features like enlarged breasts.

Although doctors prescribe testosterone gels for men whose levels fall below 300 nanograms per deciliter, that cutoff point is arbitrary, and there is no clinical rationale for it, Dr. Finkelstein said. Often men take the hormone to treat complaints like fatigue, depression or loss of sexual desire, which may or may not be from low levels of testosterone. The data suggest that men with levels around 300 nanograms who complain of sexual problems may want to try testosterone, but those who complain of flagging muscle strength should not blame testosterone deficiency, Dr. Finkelstein said. But, he added, “symptoms of low testosterone tend to be quite vague.”

Today, millions of men are using testosterone gels, fueling a nearly $2 billion market.

For their study, Dr. Finkelstein and his colleagues recruited 400 men aged 20 to 50 who agreed to have their testosterone production turned off for 16 weeks. Half then received varying amounts of testosterone, while the other half also got a drug that shuts off estrogen synthesis so the researchers could assess the effects of having testosterone but not estrogen.

It turned out to be surprisingly easy to recruit subjects, Dr. Finkelstein said. One, Ben Iverson, joined in part for the $1,000 subjects were paid. “That, to me, was enticing,” he said. He was a 28-year-old Harvard graduate student at the time and is now an assistant professor of finance at Northwestern University.

Although Mr. Iverson’s wife looked askance at the injections to block testosterone production, Mr. Iverson ended up getting enough testosterone in the gel he was assigned to use. The worst were the testosterone-suppressing injections, which required him to use a huge needle in his abdomen once a month, he said.

He found out when the study ended that he was in a group that got enough testosterone to keep his levels in a normal range. “I literally did not notice any difference at all,” Mr. Iverson recalled.

The worst symptoms were in men whose estrogen production was shut down — they got intense hot flashes.

Now Dr. Finkelstein is repeating the study with older men. The Testosterone Trial is looking at them too.

For that study, Dr. Snyder and his colleagues recruited nearly 800 men aged 65 and older who have low testosterone levels. The men take either a placebo or enough testosterone to bring their level to between 400 and 800. Investigators are assessing walking speed, sexual functioning, vitality, memory, red-blood-cell count, bones and coronary arteries. The yearlong study will be completed next year.

Next, researchers said, they want to do a large study like one conducted with thousands of women in 2002 that asked about long-term risks and benefits of hormone therapy. Does testosterone therapy lead, for example, to more prostate cancer? Does it prevent heart attacks?

“We still don’t know the answers to the clinical questions,” Dr. Matsumoto said. “Does it prevent things that are really important?”

Mittwoch, 11. September 2013

Mannes Kraft und die Väterlichkeit.

aus Die Presse, Wien, 10. 9. 2013

Zusammenhang zwischen Hodengröße und Väterlichkeit

Je kleiner die Hoden eines Vaters sind, umso mehr kümmert er sich um seine Kinder. US-Forscher haben das gezeigt. Sie sehen dahinter zwei Fortpflanzungsstrategien: Eine setzt auf möglichst viele Zeugungen, die andere mehr auf Förderung des bereits gezeugten Nachwuchses.

Von Thomas Kramar

Im österreichischen Wahlkampf war (bisher) nur einmal von Hoden die Rede: Als Frank Stronach über einen politischen Mitbewerber erklärte, er habe keine. Das mutete uns recht amerikanisch an. Im deutschen Sprachraum ist auch die Hodengröße als Metapher für Mut und/oder Männlichkeit nur selten – im Vergleich zum Spanischen („cojones“) oder zum Englischen, man denke an den AC/DC-Song „Big Balls“, der freilich auf den Rock'n'Roll-Klassiker „Great Balls Of Fire“ anspielt.

Aber ist es nur eine Metapher? Korreliert die Größe der Hoden tatsächlich mit anderen Eigenschaften ihres Trägers? Dazu erscheint nun in den renommierten Proceedings Of The National Academy Of Sciences eine Studie mit dem Titel „Testicular volume is inversely correlated with nurturing-related brain activity in human fathers“. Frei übersetzt: Je größer die Hoden eines Vaters, umso weniger Interesse zeigt er für seine Kinder. Das Thema mag skurril anmuten, doch der Studienleiter, James Rilling von der Emory University in Atlanta, erklärt die Motive so: „Das ist eine wichtige Frage. Denn frühere Studien haben gezeigt, dass Kinder mit engagierteren Vätern sozial, psychisch und bildungsmäßig besser abschneiden.“ So frage sich: Warum investieren manche Männer mehr Zeit und Energie in ihre Kinder als andere?

Seit Längerem bekannt ist, dass höhere Testosteronspiegel mit geringerem väterlichen Engagement korrelieren, aber auch mit höherer Neigung zu Scheidung und Untreue und aggressivem Verhalten gegenüber den Kindern. Die Biologen erklären das trocken als Balance zwischen zwei Fortpflanzungsstrategien: einer, die in möglichst viele Zeugungen investiert („mating strategy“) und einer, die darauf setzt, die bereits gezeugten Kinder so zu unterstützen, dass sie viel Erfolg im Leben haben („parenting strategy“). Die zweite Strategie ist – darwinistisch gesehen – insofern sinnvoll, als im Leben erfolgreiche Kinder selbst eher mehr Kinder zeugen resp. gebären, was den Fortpflanzungserfolg des Großvaters erhöht.

Natürlich hängt die Testosteronproduktion von der Hodengröße ab, diese beeinflusst aber noch mehr die Menge und Qualität der Spermien – und damit die Aussicht, erfolgreich auf die „mating strategy“ zu setzen. Also baten Rilling und Mitarbeiter 70 Väter von ein- bis zweijährigen Kindern in ihr Labor, um sich Tests zu unterziehen.

Steht er auf, wenn das Baby schreit?

Erstens einer Messung der Hodengröße. Zweitens einer Befragung, wie sie sich denn um ihre Kinder kümmern, ob sie sie wickeln und baden, ob sie nachts aufstehen, wenn das Baby schreit. (Um die Aussagen zu objektivieren, wurden auch die Mütter befragt.)

Drittens wurden den Testpersonen Bilder ihrer eigenen und fremder Kinder mit fröhlichem, traurigem und neutralem Gesichtsausdruck vorgelegt und dabei mit Magnetresonanzspektroskopie die Aktivität in einschlägigen Hirnregionen gemessen, unter anderem in einem Areal, das zum Belohnungszentrum gehört. „Bei den Männern mit kleineren Hoden war diese Region, wenn sie Fotos ihres eigenen Kindes betrachteten, aktiver“, erklärt einer der Forscher.

Wie stets bei solchen Korrelationen fragt sich: In welche Richtung geht die Kausalität? Was ist Ursache, was Wirkung? Oder gehen beide Phänomene auf eine gemeinsame Ursache zurück? Naheliegender scheint hier, dass die Hodengröße die Testosteronproduktion und damit „typisch männliche“ Eigenschaften wie Mangel an Empathie beeinflusst. Aber, so Rilling, „es ist auch denkbar, dass die Hoden schrumpfen, wenn Männer in der Pflege aktiv sind. Wir wissen ja auch, dass die Testosteronspiegel sinken, wenn Männer engagierte Väter werden.“

Für den Fall, dass junge Männer diese Aussichten so unerfreulich finden, dass sie mit ihrer Vaterrolle hadern, zwei relativierende Anmerkungen: Erstens ist dieser Effekt gewiss reversibel. Und zweitens mag Testosteron ein gutes Image haben. Aber es steigert nicht nur die Risikofreudigkeit, sondern schwächt auch das Immunsystem. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Männer kürzer leben als Frauen.

Nota.

Was man alles untersuchen kann! Vor Jahren ging eine Meldung durch die Presse, nach der italienische Wissenschaftler herausgefunden hatten, dass Jungen, die vor der Pubertät in einem Fußballverein gespielt haben, kleinere Hoden haben als ihre Altersgenossen. Sollen wir daraus folgern, dass Fußballspieler bessere Väter sind?
J.E.        

Dienstag, 10. September 2013

Die Feminisierung der Pädagogik…

greinendes Balg
 

…und die Infantilisierung des Kindes sind ein und dasselbe. 

Zum Erzieher taugt nicht die Glucke, sondern der Herausforderer.

Montag, 9. September 2013

Dann mach doch die Bluse zu!

aus Die Presse, Wien, 07.09.2013 | 18:03 

"Hausfrauen, hört auf, euch zu entschuldigen!"

Die Deutsche Birgit Kelle ist Ende dreißig, hat vier Kinder, einen klugen Kopf und ein gutes Mundwerk. Damit bringt sie frischen Wind in deutschsprachige Feminismusdebatten, jetzt auch mit einem Buch.

von Anne-Catherine Simon

Sie ist 38 Jahre jung und drauf und dran, ein Fixstern am Horizont deutscher Feminismusdebatten zu werden. Dabei war Birgit Kelle völlig unbekannt, bis sie zur Sexismusdebatte um FDP-Politiker Rainer Brüderle Stellung nahm. Als im Jänner auf der Internetplattform des Magazins „The European“ ihr Artikel „Dann mach doch die Bluse zu!“ erschien, hatte sie offenbar einen gesellschaftlichen Nerv getroffen. Der schlagfertige Text verbreitete sich viral im Netz und wurde so heiß diskutiert, dass er sogar „Social-Media-Phänomen des Jahres“ getauft wurde. Kelle fand die Sexismusdebatte heuchlerisch und aufgebauscht und fragte: „Mit welcher Begründung soll man uns in die Chefetagen vorlassen, wenn wir es nicht einmal schaffen, allein an einer Bar ohne Sexismuspolizei zu bestehen?“

Nun hat die Deutsche unter demselben Titel ein Buch veröffentlicht. Darin spielt die Sexismusfrage freilich eine Nebenrolle, Hauptthema ist ein anderes. Kelle hat vier Kinder, ist für sie lang zu Hause geblieben, habe „unfassbar schöne Jahre“ mit ihnen hinter sich – und ist es leid, sich dafür zu entschuldigen. „Denn sich zumindest ein bisschen schlecht zu fühlen, ist Mindestmaß für eine Hausfrau und Mutter in Deutschland.“

Kelle ist keine neue Eva Herman, die im Heimchen am Herd die „wahre“ Natur der Frau entdeckt hat. Die freie Journalistin mit Jura-Abschluss ist erstens klüger und zweitens ideologisch erfrischend unbekümmert. Sie vermisst nur die Freiheit, die der Feminismus versprochen hat. „Es ist mein gutes Recht, mein Leben so zu leben, wie es mich glücklich macht. Ich habe nur dieses eine. War der Feminismus nicht einst dafür eingetreten, dass ich genau das machen darf? Leben, wie ich es will? Was ist passiert auf dem Weg der gleichen Rechte für alle?“

Das ist kein Uraltplädoyer für das Hausfrauendasein. Birgit Kelle ist das frische Gesicht eines alten Unbehagens, das kein Alter hat. Unbehagen, da man als Frau, die sich entscheidet, mit ihren Kindern länger als das gesellschaftlich als „angemessen“ angesehene Mindestmaß hinaus zu Hause zu bleiben, scheel angesehen wird. Da man in Verdacht steht, faul zu sein, feige, dumm, ein Opfer.

Kelle schreibt nun regelmäßig Kolumnen in „The European“. Hunderte Frauen hätten ihr geschrieben, erzählt sie, halbtags arbeitende Mütter wie Studentinnen, die versuchten, Kinder und Studium zu vereinen. „Manche hatten große Karrieren beendet, um bei ihren Kindern sein zu können. Sie kamen aus allen Altersklassen und aus allen politischen Richtungen. Manche waren kirchlich engagiert, andere überzeugte Atheistinnen.“ Und immer wieder dasselbe: „Sie sprechen mir aus der Seele“ oder „Ich dachte, ich sei die Einzige, die so denkt.“ Das habe sie wütend gemacht. „Diese Frauen hungern nach Anerkennung“, sagt sie.

Luxusmodell für Kleinkinder.  


Zweifellos zu Recht. Wer wie Birgit Kelle aus Begeisterung mehrere Kinder aufzieht und diese Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren bei sich und mit Geschwistern zu Hause aufwachsen lässt, noch dazu als gut ausgebildete, also nach gesellschaftlichem Konsens höchst „förderfähige“ Person, macht für fast kein Geld sehr wertvolle Arbeit. Könnten Kleinkinder Lebensformen im Geschäft kaufen, würden sie wohl ausnahmslos zu dieser Luxusausgabe „bei Mama oder Papa zu Hause“ greifen. Hochpreisig ist sie ja, aber nur für die Eltern selbst. Trotzdem ernten diese Eltern oft nicht einmal die Toleranz, die die Gesellschaft angeblich allen Lebensentwürfen entgegenbringt.

Kelle denkt nicht daran, die ewige Debatte, ab wann Kleinkinder (noch nicht) in die Krippe gehören, neu aufzuwärmen. Sie fordert nur den Respekt vor der freien Wahl der Mutter. Warum werden Väter, die länger „am Herd“ bleiben, beklatscht und Mütter ausgebuht?, fragt sie.

Einst war die Hausfrau ein aufgezwungenes Lebensmodell, längst ist sie es nicht mehr, es sei denn durch Arbeitslosigkeit. Und allein schon wegen des finanziellen Drucks besteht keine Gefahr für die große Hausfrauenrenaissance. Trotzdem sind Angst und Abneigung davor geblieben und führen zu paradoxen Haltungen. So geben sich linke Feministinnen, die alle Mütter so bald wie möglich wieder im Erwerbsleben sehen wollen, laut Kelle als „Steigbügelhalter für einen Kapitalismus übelster Ausprägung“ her, „in dem nur noch derjenige etwas zählt, der zum Bruttosozialprodukt beiträgt.“

Noch etwas findet Kelle befremdlich: „Wie einhellig und pauschal in dieser Sache über Familien mit Migrationshintergrund geurteilt wird, gern auch im Zusammenhang mit ,bildungsfernen‘ Familien – in einem Land, das sonst sehr bemüht ist, jeden Eindruck von Ausländerfeindlichkeit zu vermeiden. Ist eine Mutter, die kein Deutsch spricht, eine schlechte Mutter? Ist ein Vater mit geringer Bildung automatisch ein schlechter Vater?“

Und warum paart sich der Kampf um die Gleichstellung der Frau immer noch so oft mit Zwangsbeglückung und Bevormundung? Wenn es um das Muttersein ging, war die Wahlfreiheit im klassischen Feminismus ja nie so richtig vorgesehen. Dessen Ikone Simone de Beauvoir schrieb: „Keiner Frau sollte es erlaubt sein, zu Hause zu bleiben und ihre Kinder großzuziehen, denn hätten sie diese Möglichkeit, dann würden zu viele Frauen sie nutzen.“ Vielleicht dachte sie an einen vorübergehenden Zwang, bis Frauen wirklich frei entscheiden könnten. Aber viele Feministinnen trauen das Frauen bis heute nicht zu.

„Unpassende“ Studien.  


Und wenn Studien erscheinen, die nicht ins Bild passen, was dann? 2011 bejahten bei einer Befragung von 800 österreichischen Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren 55 Prozent der weiblichen Befragten die Aussage: „Wenn mein Partner so viel verdient, dass unser Lebensunterhalt gesichert ist, möchte ich Hausfrau sein.“ Studienleiter Peter Filzmaier erklärte das damit, dass „das Familienleben – mit ganz unterschiedlichen, auch modernen Familienbegriffen – in Österreich einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wert darstellt.“ Dennoch zeigte sich der „Kurier“ überzeugt, die wahren „schockierenden Ursachen“ seien ausschließlich Wirtschaftskrise, Druck der Arbeitswelt und Versagen des Staats bei der Kinderbetreuung.

Noch viel aussagekräftiger war eine ebenfalls 2011 erschienene Studie des Mouvement Mondial des Mères (MMM). 61Prozent der befragten 11.000 europäischen Müttern sagten, sie wollten sich voll auf ihre Kinder konzentrieren, bis diese das dritte Lebensjahr vollendet hätten. 37 Prozent wollten das auch noch bis zum Schuleintritt. Und 70 Prozent wünschten sich Teilzeitarbeit bis zum 18. Lebensjahr der Kinder.

Haben alle diese Frauen ein deformiertes Bewusstsein? Flüchten sie alle vor einer zu harten, Frauen benachteiligenden Arbeitswelt? Oder sind unter ihnen doch einige oder viele, die einfach gern länger bei den Kindern bleiben möchten – ganz einfach, weil sie es wollen? Ja, und könnte es sein, dass es immer im Durchschnitt mehr Frauen als Männer geben wird, die das wollen, ganz gleich, wie viel Bewusstseins- und Systemveränderung man betreibt?

Birgit Kelle berichtet von einer Debatte mit der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, die ihr vorwarf, „ich sei gar nicht frei, selbst zu entscheiden, ich sei gefangen in einer Illusion. Folgt man ihrer Argumentation, dann bin ich als freiwillige Hausfrau und Mutter eine Art Geisel mit ,Stockholm-Syndrom‘“, die mit ihrem Peiniger (dem Ehemann, dem System) kollaboriere.

Das erinnert an das herrliche Gespräch zwischen dem norwegischen Komiker Harald Eia und einer Genderforscherin in Eias viel beachteter Reportage „Gehirnwäsche“. Nachdem Eia die Dame mit Studien konfrontiert hat, die zeigen, wie unterschiedlich Buben und Mädchen sich vom Babyalter an etwa gegenüber Spielzeug verhalten, fragt er sie, ob dieses Material ihre Sichtweise ändere. Aber nein, antwortet sie, „nein. Ich habe eine theoretische Basis, so könnte man es sagen. Und darin ist kein Platz für Biologie.“

Weg mit dem H-Wort.  


Am besten wäre es wohl, könnte man den belasteten Begriff Hausfrauen überhaupt abschaffen, wenn es um Mütter geht, die sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen wollen. Das Wort ist zu sehr mit alten Lebensformen, mit Hilflosigkeit und Zwang assoziiert. Birgit Kelle hat offenbar kein Problem damit, betont aber ebenfalls: „Nur wenige Frauen sind heute wirklich Hausfrauen, wie sie in den Geschichtsbüchern stehen. Manche sind es nur für einige Jahre, andere für längere Zeit. Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, dann steckte ich zeitweise in jeder dieser Schubladen. Manchmal erfolgte der Wechsel im Wochenrhythmus. Ich bin es leid, von Schublade zu Schublade zu springen, je nachdem, in welche mich andere gern stecken wollen, um ihr Klischeedenken zu kultivieren. Kuchenbacken und Geschichtenvorlesen hindern mich nicht daran, Geld zu verdienen und meine Autoreifen selbst zu wechseln. Ich kann beides, denn ich bin eine Frau. Was von alledem ich jedoch lieber mache – mit Verlaub, das entscheide ich selbst.“

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Birgit Kelle im Wortlaut

„Dann mach doch die Bluse zu“ ist im Adeo Verlag erschienen – ein Auszug daraus:

Aus feministischer Sicht bin ich eine wirklich traurige Gestalt, die über ihren Kindern gluckt, ihnen selbst gekochtes Essen aufzwingt, und das auch noch zu Hause! Ich bin es leid, das immer wieder zu erklären, zu entschuldigen, zu rechtfertigen. Es ist mein gutes Recht, mein Leben so zu leben, wie es mich glücklich macht. Ich habe nur dieses eine. War der Feminismus nicht einst dafür eingetreten? [...]

Das Frauenkollektiv ist tot, sollte es überhaupt jemals existiert haben. Es gibt nicht die Frau und auch nicht den einen „Frauenwillen“. [...] Der Zwang ist geblieben, nur die Aufseher haben gewechselt. Besser gesagt, die AufseherInnen [...].

Mussten wir uns früher also von Männern erklären lassen, was das Richtige für uns Frauen ist, müssen wir uns das heute von anderen Frauen gefallen lassen. [...] Mussten wir einstmals darum kämpfen, aus dem bürgerlichen Leben ausbrechen zu dürfen, müssen wir heute darum ringen, in diesem bleiben zu dürfen. Mussten wir früher darum kämpfen, berufstätig sein zu können, müssen wir heute dafür streiten, bei unseren Kindern bleiben zu dürfen.

Ein glückliches Dasein als Mutter und Ehefrau ist auf diesem Weg einfach nicht vorgesehen. Ganz im Gegenteil, es ist sogar ein Verrat an der Frauensache. [...] So schrieb etwa die amerikanische Feministin und Politikwissenschaftlerin Jane Mansbridge realistisch: „Wenn auch nur zehn Prozent aller amerikanischen Frauen Hausfrauen bleiben, so würde dies die traditionelle Sichtweise auf das, was Frauen tun sollen, bestärken und andere Frauen ermutigen, ebenfalls Hausfrauen zu sein, zumindest, wenn ihre Kinder klein sind ... Dies bedeutet, wie auch immer eine einzelne Feministin über Kindererziehung oder Hausarbeit denkt, so hat doch die Bewegung als Ganzes viele Gründe, Frauen von der Vollzeithausarbeit abzubringen.“

Noch Fragen? Es darf eben nicht sein, was nicht sein soll. Ich dürfte mich doch der Frauenbewegung anschließen, bekam ich einmal von einer Leserin zu hören [...]. Ja, ich dürfte mich doch in meinem Kampf für das Glück von Müttern netterweise anschließen, oder besser gesagt hinten anstellen bei der großen feministischen Sache. Was sie und auch viele andere Frauen dieser Generation offensichtlich nicht einmal ansatzweise begriffen haben: Ich bin längst Teil der Frauenbewegung, ich bewege mich nur in eine andere Richtung. [...]

Von mir aus soll doch jede Frau leben, wie sie will. Wenn sie Karriere machen möchte, dann nur zu, wir brauchen die Frauen in der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik. Wenn sie beides haben will, Kinder und Karriere, auch gut, dann sollten wir ihr helfen, das Ganze zu bewältigen. Und wenn sie Hausfrau und Mutter sein will? Dann lasst sie doch, und gebt ihr die gleiche Unterstützung für ihren Lebensweg, die ihr allen anderen Frauen auch zugesteht.

Aber genau daran hapert es, und deswegen bin ich an diesem Punkt absolut liberal. Da es nicht darum gehen kann, anderen Frauen einen bestimmten Lebensentwurf aufzudrängen und sich in der Rabenmutter/Heimchen-am-Herd-Diskussion aufzureiben, sondern darum, jede ihren eigenen Weg gehen zu lassen. So, wie Friedrich der Große es einst formulierte, dass jeder nach seiner Fasson selig werden soll.

An diesem Punkt sind die Konservativen übrigens weitaus liberaler als die sogenannte moderne Linke oder diejenigen, die sich dafür halten. [...] Selbst die verstocktesten Konservativen nehmen [...] inzwischen nahezu widerstandslos hin, dass die Gesellschaft sich verändert, sie müssen Toleranz aufbringen, um selbst noch konservativ sein zu dürfen in einem Land, in dem sie sonst als überholt abgestempelt werden. 

Adeo Verlag