Sonntag, 18. Juni 2017

Endlich: Frauenquote auch beim Nobelpreis.


Die FAZ veröffentlicht heute unter der Überschrift Genderlogik eine Glosse  von zur mangelnden Gleichstellung von Männern und Fruen in der Wissenschaft. Daraus:

... Eine neue Studie aus der amerikanischen Philosophie legt davon ein beredtes Zeugnis ab. Ihr Befund ist, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, deckungsgleich mit dem, was kürzlich eine Erhebung aus der Astrophysik in der Zeitschrift „Nature“ dokumentierte: Frauen sind in akademischen Publikationen unterrepräsentiert. Demnach lag zwischen 2004 und 2015 der Frauenanteil unter den Autoren in 25 renommierten philosophischen Zeitschriften bei 14 bis 16 Prozent. Das sind rund zehn Prozent weniger, als Frauen in philosophischen Fakultäten vertreten sind. In der Astrophysik erhalten Frauen laut neuesten Berechnungen rund zehn Prozent weniger Zitationen als Männer, obwohl die Qualität ihrer Publikationen sich nicht von der ihrer männlichen Kollegen unterscheidet.

Nun funktioniert die Erfolgslogik des zeitgemäßen Wissenschaftsmanagements aber so: Je mehr Publikationen in renommierten Zeitschriften, desto besser der eigene Zitationsindex, desto größer die Chancen auf eine attraktive Professur. Die Autoren der „Philosophical Studies“ regen deshalb an, für jeden wissenschaftlichen Text einen „Bechdel-Test“ zu machen: Wurden mindestens zwei Philosophinnen zitiert und mindestens eine davon sinnvoll im Text rezipiert, und wird mindestens eine deshalb zitiert, weil sie die Arbeit derselben oder einer anderen Frau, auf keinen Fall aber die eines Mannes, diskutiert? Wer alles mit „ja“ beantworten kann, hat den Test bestanden. ...



Dienstag, 13. Juni 2017

Der wahre Grund, warum Frauen Beruf und Familie schlecht vereinbaren können.


Die FAZ bringt heute einen Artikel von Patrick Bernau über die wahren Gründe, weshalb vor allem Frauen Mühe haben, ihr Familienleben mit einer Erwerbstätigkeit in Einklang zu bringen:

Viele, vor allem hoch qualifizierte Frauen, bekommen stattdessen gar keine Kinder: Sie haben Probleme mit der Work-Life-Balance. Tatsächlich sind Work-Life-Balance-Probleme bei höher qualifizierten Deutschen verbreiteter als bei niedriger qualifizierten. Das liegt nicht nur daran, dass höher qualifizierte Stellen oft mehr Arbeitszeit verlangen, sondern auch daran, dass der Stress aus der Arbeit häufig in das Privatleben überschwappt und der Beruf eher unter privatem Stress leidet. Dazu kommt, dass in höher qualifizierten Berufen oft mehr Rationalität und Kompromisslosigkeit erwartet wird: ganz anderes Verhalten als in der Familie. So haben es frühere Studien erfragt.

Zwei andere Forscherinnen haben jetzt nachgewiesen: Hochqualifizierte Frauen tun sich mit der Work-Life-Balance schwerer als hochqualifizierte Männer – und das liegt nicht zuletzt daran, dass Frauen Risiken scheuen.


Risiken sind alltäglicher Teil der Kindererziehung. Riskieren die Eltern, dass ein Kind beim Laufen lernen hinfällt, oder fangen sie es auf? Riskieren sie, dass sie das Kind zehn Minuten zu spät aus dem Kindergarten abholen, oder kommen sie lieber eine Viertelstunde zu früh? Ständig haben Eltern solche Entscheidungen zu treffen. Risiken sind aber auch alltäglicher Teil vieler hochqualifizierter Tätigkeiten: Ärzte müssen entscheiden, ob sie noch eine zusätzliche Untersuchung anordnen. Angestellte müssen entscheiden, ob sie das Risiko eingehen, eine Aufgabe ihres Chefs noch liegen zu lassen – schließlich schließt der Kindergarten bald.

Eine Studie der Ökonominnen Anne Busch-Heizmann und Elke Holst zeigt: Wer Risiken scheut, hat mehr Probleme mit der Work-Life-Balance. Das ermitteln sie aus dem sozio-ökonomischen Panel, einer jährlichen Umfrage unter mehr als 20.000 Deutschen. Die Umfrage zeigt: Frauen fühlen sich auch häufiger unterbezahlt als Männer und bei der Arbeit oft nicht angemessen gewürdigt. Aber: Entscheidend für die Work-Life-Balance ist, wie man mit Risiken umgeht. Risikoscheue Männer fühlen sich ebenso zwischen Arbeit und Familie zerrissen wie risikoscheue Frauen. Allerdings sind es die Frauen, die Risiken häufiger aus dem Weg gehen – und in der Folge größere Probleme mit der Work-Life-Balance haben.




Montag, 29. Mai 2017

Väter erziehen Söhne und Töchter.

Typisch Junge, typisch Mädchen? Rollenklischees beeinflussen offenbar, wie Väter mit ihren Kindern umgehen.
aus scinexx

Väter gehen mit Töchtern anders um 
Rollenklischees beeinflussen Verhalten gegenüber Kleinkindern 

Das Geschlecht macht den Unterschied: Väter gehen im Alltag mit Töchtern anders um als mit Söhnen – und zwar selbst, wenn diese noch Kleinkinder sind. Das offenbart nun ein Experiment. Demnach wenden Väter ihrem Nachwuchs je nach Geschlecht nicht nur ein unterschiedliches Maß an elterlicher Aufmerksamkeit in emotionalen Situationen zu. Sie spielen auch andere Spiele und nutzen eine andere Sprache. Diese subtilen Unterschiede spiegeln sich sogar im Gehirn der Männer wider, wie die Forscher berichten.
Mädchen spielen mit Puppen, lieben Rosa und sind sensibel. Jungen toben am liebsten den ganzen Tag, stehen auf Bagger und sind hart im Nehmen: Geschlechterklischees wie diese gelten in unserer Gesellschaft inzwischen weitestgehend als veraltet. Völlig aus den Köpfen zu verbannen sind die Vorstellungen über angeblich typisch männliche und typisch weibliche Verhaltensweisen aber doch nicht so ganz. Selbst im Erwachsenenalter werden Männer und Frauen immer wieder mit Stereotypen konfrontiert – mit teils erstaunlich negativen Folgen.

Doch was bestimmt, wer als Erwachsener solche Rollenklischees verinnerlicht hat und sich womöglich selbst stereotypengerecht verhält? Neben kleinen Unterschieden, die durch die Gene oder die Hormone zu erklären sind, spielen vor allem diverse Umwelteinflüsse eine Rolle dabei - allen voran die Erziehung. Wie sehr aber beeinflussen Geschlechterklischees das Verhalten von Eltern gegenüber ihren Kindern heutzutage noch?
 
Lauschangriff im Kinderzimmer
 
Wissenschaftler um Jennifer Mascaro von der Emory University in Druid Hills haben das nun am Beispiel der Väter untersucht. Für ihre Studie beobachteten sie 52 Männer mit ihren Kleinkindern im Alter zwischen eins und drei Jahren – jeweils 24 Stunden lang an einem Wochentag sowie am Wochenende. Das Besondere: Die Studienteilnehmer trugen während dieser Zeit ein kleines mobiles Gerät am Körper, das sich alle neun Minuten einschaltete und 50 Sekunden lang sämtliche Umgebungsgeräusche aufnahm. 
 
Anders als in einer künstlichen Versuchsumgebung konnten die Forscher Vater und Kind auf diese Weise während ihres normalen Alltags begleiten. Eine Methode, von der sie sich besonders aussagekräftige Ergebnisse erhofften: "Der Vorteil ist, dass sich die Probanden mit diesem Gerät völlig normal verhalten und fast vergessen, dass sie es tragen" erklärt Mascaro.
 
Singen mit Töchtern, toben mit Söhnen
 
Die Auswertung offenbarte einen deutlichen Geschlechterunterschied. Väter scheinen demnach mit Töchtern anders umzugehen als mit Söhnen. Konkret zeigten die Ergebnisse, dass das insbesondere die elterliche Aufmerksamkeit betrifft: "Weinten die Kinder oder riefen nach ihrem Papa, reagierten Väter von Töchtern darauf schneller und stärker als Väter von Söhnen", sagt Mascaro. 
 
Weitere Unterschiede offenbarten sich beim Spielen und Sprechen mit den Kleinkindern. So sangen Väter mit Töchtern häufiger. Außerdem nutzten sie vermehrt Wörter, die negative Emotionen ausdrücken, zum Beispiel "weinen", "Tränen" oder "einsam". Zusätzlich verwendeten sie auch mit dem Körper assoziierte Begriffe wie "Bauch", "Gesicht" oder "Füße" öfter. 
 
Mit Söhnen verbrachten die Probanden dagegen mehr Zeit mit Kampf- und Tobespielen. Zudem war ihr Vokabular vermehrt von Wörtern geprägt, die mit Erfolg und Leistung in Verbindung stehen – etwa "der Beste", "gewinnen" oder "super". Auch analytische Sprache verwendeten sie vergleichsweise häufiger, wie das Team berichtet.
 
Unterschiede auch im Gehirn
 
Der geschlechtsabhängige Umgang mit dem Kind spiegelte sich interessanterweise auch im Gehirn der Eltern wider. So untersuchten die Wissenschaftler mithilfe der Magnetresonzantomografie (MRT), wie die Väter auf Fotos unbekannter Erwachsener, unbekannter Kinder oder Bilder ihres eigenen Kindes reagierten, auf denen diese unterschiedliche Emotionen ausdrückten. 
 
Das Ergebnis: Während bestimmte Hirnregionen der Väter von Töchtern eine erhöhte Aktivität bei den Bildern des eigenen Kindes mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck zeigten, reagierten Väter von Söhnen vor allem auf den neutralen Ausdruck ihres Kindes verstärkt.
 
Langfristige Folgen?
 
"Die Resultate bestätigen, dass Rollenvorstellungen einen Einfluss darauf haben, wie wir selbst mit ganz kleinen Kindern umgehen", fasst Mascaro zusammen. Doch wo liegen die Ursachen für dieses Verhalten? "Der Geschlechter-Bias bei der Erziehung könnte zum einen völlig unbewusst passieren", sagt Mascaros Kollege James Rilling. "Zum anderen könnten Eltern aber auch gezielt versuchen, ihr Kind so zu erziehen, dass es den sozialen Erwartungen entspricht – in dem Glauben, dass ihnen das im späteren Leben nützen wird." 
 
Unklar ist, wie die sich die subtilen Unterschiede im elterlichen Verhalten langfristig auf die Entwicklung der Kinder auswirken. "Kommende Studien sollten untersuchen, ob diese Differenzen zum Beispiel einen Einfluss auf Faktoren wie Empathie, emotionale Stabilität oder soziale Kompetenz haben", sagt Mascaro. 
 
So könnte der vermehrte Gebrauch emotionaler Sprache Mädchen tatsächlich empathischer machen – und Jungen könnten unter einer verminderten emotionalen Zuwendung psychisch leiden. Womöglich mache auch die im Test festgestellte auf den Körper fixierte Sprache Mädchen anfälliger für Essstörungen, spekulieren die Wissenschaftler. "Wir brauchen dringend mehr Forschung, um solche Zusammenhänge zu untersuchen", fordert Mascaro. (Behavioral Neuroscience, 2017; doi: 10.1037/bne0000199)
 
(Emory Health Sciences/ American Psychological Association, 29.05.2017 - DAL)
  
 
Nota. - Wie ist das eigentlich: Spricht das für die geschlechtsspezifischen Rollenbilder, dass sie uralt sind, oder spricht es gegen sie?
 
Oder anders gefragt: Vielleicht geben kleine Jungen unmessbare nonverbale Signale, dass sie gerne raufen wollen, und kleine Mädchen geben Signale, dass sie lieber ein Lied hören wollen? Ach, das habt ihr gar nicht untersucht, ihr Schlaumeier! Hättet ihr aber sollen. Danach hättet ihr dann beobachten können, was Väter und Mütter je daraus machen - und was in ihren Gehirnen dabei passiert. Das wär nicht bloß "gerecht", sondern auch wissenschaftlich gewesen. 
JE 
 
 
 
 

Mittwoch, 24. Mai 2017

Gendern macht's möglich: Der Penis ist schuld am Klimawandel.

 
aus Süddeutsche.de,

Wissenschafts-Hoax
Der Penis als Klimakiller
Ein wissenschaftliches Fachjournal ist auf eine sinnfreie Studie zum "sozial konstruierten Penis" hereingefallen. Darin brandmarken zwei Autoren das männliche Glied als Verursacher allen Übels.

von Sebastian Herrmann
 


"Um den Ruf des Mannes und seines Geschlechtsteils steht es schlecht. Ein jüngst im Fachjournal Cogent Social Sciences publizierter Aufsatz fügt sich da passend ins Bild: "Penisse sind problematisch", schreiben die Autoren und verweben in ihren Ausführungen diverse Argumente zu der These, dass das männliche Geschlechtsorgan so etwas wie die Hauptursache für den anthropogenen Klimawandel sei.

Zudem könne der Penis kaum als anatomische Gegebenheit verstanden werden, behaupten die Forscher weiter, sondern sei vielmehr als soziales Konstrukt zu begreifen. Verpackt sind die Thesen in der hermetischen Sprache des Postmodernismus, die beim Lesen oft Zweifel weckt, ob man zu doof für den Text ist oder ob es sich schlicht um verstiegenen Unsinn handelt.

Prä-post-patriarchalische Gesellschaft? Nicht einmal dieser Begriff weckte Misstrauen

Bei dem Aufsatz über den sozial konstruierten Phallus, der den Klimawandel irgendwie erst ermöglicht, handelt es sich zweifelsfrei um Unfug - der jedoch in einem echten Fachjournal veröffentlich wurde. Die beiden Autoren Jamie Lindsay und Peter Boghossian haben dem Open-Access-Journal Cogent Social Sciences ein Nonsense-Paper untergejubelt, das aus weitgehend sinnfreiem Geschwafel besteht, sich aber des Jargons bedient, der viele gendertheoretische Texte auszeichnet. 

Wie sie auf der Webseite skeptic.com schreiben, verfolgten die Autoren damit zwei Ziele. Zum einen wollten sie demonstrieren, dass Open-Access-Journale, die für wissenschaftliche Veröffentlichungen, anders als klassische Fachzeitschriften, Geld von den publizierenden Forschern verlangen, leicht mal Unsinn veröffentlichen, ohne diesen kritisch zu prüfen; schließlich bekommen sie es bezahlt.

Zum anderen, so Lindsay und Boghossian, wollten sie zeigen, dass sich in manchen akademischen Feldern der gröbste Unfug publizieren lässt, wenn er nur zu den dort vorherrschenden Überzeugungen passt. Im Fall der Gendertheorie bedeute das, so die Überlegungen der beiden, dass ein Aufsatz die Redaktion schneller überzeugt, wenn Männlichkeit darin als grundsätzlich problematisch und toxisch dargestellt werde."

In seinen verständlichen Passagen leiste der Text das auf eindrückliche Weis: "Wenn Männer mit breiten Beinen sitzen, entspreche dies der Vergewaltigung des leeren Raumes um sie herum, erläutern die vermeintlichen Experten und streuen weitere Anwürfe in sperriger Sprache in den Aufsatz. Der Beitrag sei ganz im Stil der poststrukturalistischen, diskursiven Gendertheorie verfasst, schreiben die Autoren in ihrer Enthüllung auf skeptic.com und bekennen, selbst keine Ahnung zu haben, was das eigentlich genau sei. Macht aber nichts, die Gutachter des noch recht jungen Journals beanstandeten selbst bizarre Begriffe wie "prä-post-patriarchalische Gesellschaft" nicht. Sie fragten lediglich weitere Literaturbelege an, um die These abzusichern." Diese lieferten Lindsay und Boghossian, in dem sie einen Textgenerator im Internet verwendeten, der zeitgeistig unsinnige Texte erstellt.Das habe den Gutachtern genügt, der Beitrag über den sozial konstruierten Penis wurde veröffentlicht.

"Die Aktion gleicht jener des Physikers Alan Sokal, der in den 1990er-Jahren einer sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift eine sinnfreie Parodie als echten Beitrag unterjubelte. Auch jener Text bediente sich des sperrigen postmodernistischen, poststrukturalistischen Jargons, um Quantengravitation als vermeintlich sozial und linguistisch konstruiertes Phänomen darzustellen. Tatsächlich handelte es sich um blanken Unsinn, mit dem Sokal die zweifelhaften Usancen einer ganzen akademischen Disziplin bloßstellen wollte.

"Den Urhebern des aktuellen Hoaxes wurde auf Twitter und anderswo unter anderem vorgeworfen, transphob zu sein. Zahlreiche Kommentatoren vertraten auch den Standpunkt, dass die Aktion das Geschäftsmodell der Open-Access-Journal bloßstelle, aber keinesfalls die Methodik der akademischen Genderforschung.

Wie gut der fabrizierte Unfug allerdings zu den Publikationen dieses Faches passt, demonstrieren die Beiträge des Twitter-Feeds von New Real Peer Review. Dieser veröffentlicht Fachbeiträge aus sozialwissenschaftlichen Journalen, die, nun ja, zumindest sehr seltsam klingen, aber so tatsächlich veröffentlicht wurden. Etwa der Beitrag über die Notwendig- keit einer feministischen Gletscherkunde; oder der darüber, dass Zoobesuche mit Kindern Geschlechterstereotypen verfestigen; oder der Aufsatz mit der These, dass es ein Zeichen maskulinen Hegemoniestrebens sei, wenn Männer zu Hause kochen."


Was Testosteron und Östrogen im Kopf anrichten.

aus derStandard, Wien, 24. Mai 2017, 13:00

Geschlechterunterschiede
Das Spiel der Hormone im Hirn
Inwieweit hängen Sexualhormone und Gehirnleistung zusammen? Neurowissenschafter wie Genderforscher versuchen der Frage auf die Spur zu kommen, welche Rolle Biologie, Umweltbedingungen und Stereotype spielen 

von Karin Krichmayr

Wien – "Weibliche Hormone für ein besseres Gedächtnis", "Späte Mütter sind geistig fitter" oder "Macht Östrogen dumm?" – Wenn man sich die Schlagzeilen zu durchaus seriösen wissenschaftlichen Berichten über die Auswirkungen von Geschlechtshormonen auf das Gedächtnis ansieht, bleibt man oft etwas ratlos zurück.

Denken Männer anders als Frauen, wie immer noch oft suggeriert wird? "Hormone beeinflussen die Gedächtnisleistung", sagt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Med-Uni Wien. "Studien haben gezeigt, dass Frauen gerade bei der Merkfähigkeit besser abschneiden und weniger vergesslich sind als Männer."

Es wird vermutet, dass dafür die Östrogene, die weiblichen Sexualhormone, verantwortlich sind. Denn wenn der Östrogenspiegel während der Menopause absinkt, schwindet auch die Gedächtnisleistung. Nach einer Umstellungsphase normalisiert sich das Erinnerungsvermögen aber wieder. "Östrogen dürfte insbesondere beim sprachlichen Gedächtnis eine wichtige Rolle spielen", sagt der Neurowissenschafter Hubert Kerschbaum von der Uni Salzburg. Demzufolge könnten sich auch Hormonschwankungen während des Menstruationszyklus, die Einnahme der Pille oder der Zeitpunkt des Kinderkriegens auf das Erinnerungsvermögen auswirken, wie diverse Studien (etwa von Roksana Karim von der University of Southern California) nahelegen.

"Was die Auswirkungen von körpereigenem Östradiol – einem wichtigen Östrogen – auf junge Frauen im reproduktionsfähigen Alter betrifft, gibt es keine eindeutigen Ergebnisse", räumt Kerschbaum ein. "Manche Studien finden einen Zusammenhang zwischen Östradiolspiegel und Gedächtnisleistung, andere nicht."

Erfahrung und Übung

Fest steht: Es ist alles nicht so einfach. "Der Einfluss von Sexualhormonen kann durch Erfahrung und Übung ausgeglichen werden", sagt Alexandra Kautzky-Willer. "Wesentlich ist die Neuroplastizität, also dass sich das Gehirn ständig verändert." So haben Stress, Sport und andere Betätigungen Einfluss auf die kognitiven Leistungen. Pilotinnen etwa würden bei den berühmten Rotationsübungen zum räumlichen Vorstellungsvermögen, in denen Männer tendenziell besser abschneiden, genauso reüssieren wie ihre Kollegen, führt Kautzky-Willer ein Beispiel an. Bekannt ist auch, dass Frauen, die mit Geschlechterstereotypen konfrontiert werden, schlechtere Ergebnisse bei mathematischen Aufgaben erzielen als andere Frauen.

Die Frage, ob Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen biologisch determiniert oder ein Produkt sozialer Zuschreibungen sind, beschäftigt Gehirn- wie Genderforschung schon lange. "Eine biologisch orientierte Extremposition wäre jene, dass Hormone bei Erwachsenen nun wirklich das Unterscheidungsmerkmal schlechthin sind und das Verhalten bestimmen. Auf der anderen Seite des Spektrums steht der Standpunkt, dass der Hormonlevel selbst grundlegend von geschlechtlich sozialisiertem Verhalten bestimmt ist", sagt Sigrid Schmitz, Biologin und Wissenschaftsforscherin an der Humboldt-Universität zu Berlin. "Doch solche einfachen Polarisierungen sind heute obsolet, denn die Erforschung der biosozialen Wechselwirkungen bildet heute einen Forschungskern auch in Biologie und Medizin."

Variabler Testosteronspiegel

Den sozialen Einfluss auf den Testosteronspiegel macht eine 2015 im Fachblatt PNAS veröffentlichte Studie der Neuroendokrinologin Sari van Anders von der Universität Michigan deutlich. Sie und ihr Team zeigten, dass allein das Ausführen einer männlich konnotierten Handlung – in diesem Fall das Nachspielen einer Entlassungsszene – dazu führte, dass bei Frauen, die den Boss spielten, der Testosteronspiegel anstieg, nicht jedoch bei Männern. Und zwar unabhängig davon, ob die Entlassung nach einem stereotyp weiblichen, "soften" Muster oder in einer stereotyp männlichen, harten Manier ablief.

Schmitz und ihre Kolleginnen und Kollegen aus Neurowissenschaft und Genderfoschung entwickeln im internationalen Netzwerk Neurogenderings Forschungsansätze, die das hochkomplexe Zusammenspiel von sozialen Normen, Erfahrungen, Biologie und Testbedingungen berücksichtigen, nicht zuletzt um stereotype Verzerrungen zu den vermeintlich großen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu vermeiden.

Um eine differenziertere Forschung zu unterstützen, verweist Schmitz auf ein neues, aktuell diskutiertes Konzept: "Das ,pre-registration protocoll' regt an, dass nicht erst die Ergebnisse einer Untersuchung begutachtet werden, sondern noch vor der Durchführung von Studien das Setting, die Variablen, Ziele und Methoden im Peer-Review-Verfahren diskutiert werden."

Filterfunktion

"Man kann bei Geschlechtsunterschieden im Gehirn nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien denken", betont auch Neurobiologe Hubert Kerschbaum. Er ist dem Einfluss der Hormone auf das Hirn schon länger auf der Spur: In einer kürzlich im Journal of Neuroscience Research veröffentlichten Studie hat Kerschbaum die Fähigkeit untersucht, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden.

"Das Arbeitsgedächtnis, das ständig neue Informationen speichern und verarbeiten muss, braucht Filter, um relevante Informationen zu verstärken und andere zu hemmen, also zu vergessen", erläutert Kerschbaum. Die Ergebnisse variierten je nach Aufgabe: Frauen schnitten besser dabei ab, sich Wörter zu merken, als Männer. Wenn es aber darum ging, als unwichtig markierte Wörter zu vergessen, funktionierte das bei Männern besser als bei Frauen.

"Ein Faktor bei der Filterfunktion dürfte das weibliche Hormon Progesteron sein", sagt Kerschbaum. "Aus vergangenen Studien wissen wir, dass eine Aufgabe von Progesteron darin besteht, im Gehirn hemmende Netzwerke zu stimulieren, und sich somit positiv auf die selektive Wahrnehmung auswirkt." Hormone beeinflussen also nicht allgemein die Merkfähigkeit, wohl aber einzelne Prozesse, die bei der Selektion im Gehirn eine Rolle spielen.

Gerechte Bildungschancen

Andere Studien konzentrieren sich auf Umweltfaktoren: "Kognitive Leistungen sind auch abhängig von Lern- und Fördermöglichkeiten", sagt die Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer. Sie führt eine europaweite PNAS-Studie von 2014 ins Feld, die ergab, dass die Geschlechtsunterschiede bei Merkfähigkeit, Mathematik- und Sprachkompetenz in jenen Ländern am geringsten waren, wo es bessere Lebensstandards und gerechtere Bildungschancen gab.

Einig scheinen sich die Experten jedenfalls in einem Punkt zu sein: Körper und Gehirn sind so dynamisch miteinander verbunden, dass es sehr schwer ist, die Mechanismen dahinter aufzudecken. Zumal immer wieder festgestellt wird, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Verhältnis zu den Schwankungen unter den Angehörigen desselben Geschlechts eher gering ausfallen. 



Nota. - Sexistisch klingt es so: Frauen haben das bessere Gedächtnis, Männer sind vergesslicher. In allergerechteste Sprache übersetzt, sagt man eher: Frauen erinnern sich an alles, egal ob wichtig oder unwichtig: Hauptsache, es tönt. Männer machen einen Unterschied und vergessen, was überflüssig ist.
JE




Dienstag, 23. Mai 2017

In ihren Genen unterscheiden sich Männer und Frauen ganz erheblich.

Bartholomäus Spranger Herakles und Omphale
aus FAZ.NET, 23. 5. 2017

"Auch wenn Mann und Frau über eine nahezu identische Ausstattung mit Genen verfügen und von den Geschlechtsorga- nen abgesehen eine überschaubare Zahl an äußerlichen Unterschieden aufweisen – sobald man genauer hinsieht auf die Erbanlagen, findet man gewaltige Unterschiede: Mindestens 6500 von knapp 20.000 untersuchten Erbanlagen sind ent- weder in dem einen oder dem anderen Geschlecht stärker aktiviert. Das ist das Ergebnis einer Analyse von Genomfor- schern des Weizmann-Instituts, die sich die Genaktivierung diverser Organe und Gewebe bei nahezu 550 Erwachsenen angesehen haben."





Samstag, 20. Mai 2017

Jungens müssen wie Jungens sein - zu unser aller Bestem.

The Sunday Times, London; November 18, 2007
 
Boys must be boys – for all our sakes
Our uptight, risk-averse world is denying boys the outlets they need to grow up into civilised, successful adults. 

by Sue Palmer

Ryan was eight when he tried to kill himself. He saved up his Ritalin tablets until there seemed to be enough for an overdose, then knocked them back and waited to die. Later, after he had been very sick, his mum asked why he had done it. “Because I’m too naughty,” he said. “I’m just a nuisance to everyone.”

Ryan is constantly in trouble at school and at home. He has been diagnosed with ADHD (attention deficit hyperactivity disorder), a “developmental disorder” involving problems with concentration and self-control. ADHD did not exist as a medical condition until 40 years ago but is now thought to affect about 5% of the population. The vast majority of sufferers are male.

Last year I published a book called Toxic Childhood, looking for reasons behind recorded increases in children’s behavioural and learning difficulties over the past 20 or so years. I concluded that rapid social and cultural change – junk food, poor sleeping patterns, a screen-based lifestyle, marketing pressures, family upheavals – were interfering with healthy development.

It was clear from my research that behavioural and learning difficulties hit boys hardest. Educationally, for instance, many now fall at the first fence and never recover: boys are three times as likely as girls to need extra help with reading at primary school, and by the time they reach GCSE they trail behind in almost every subject on the curriculum. Indeed, less than a century after women’s emancipation, female students significantly outnumber male ones at British universities.

Behavioural disorders such as ADHD are about four times more likely to affect boys and so are the emotional, behavioural and mental health problems that, according to the British Medical Association, now beset 10-20% of our children and teenagers. As these sorts of problems in teenage boys all too often lead to school failure, disaffection and antisocial behaviour, there are powerful reasons for trying to solve them.

So I’m now researching another book to find out why the modern world seems particularly toxic for boys. It’s already clear that the sort of behaviour we require from our offspring in an uptight, urban, risk-averse and increasingly bureaucratic society comes far less naturally to infant males than to their sisters.

Take the “naughtiness” that is wrecking life for Ryan and those around him. There have always been naughty boys, but in the past the activities of scamps, scrumpers and scallywags were usually shrugged off as high spirits. Fictional rascals, like Huck Finn and William Brown, clearly viewed themselves as heroes, not suicidal victims.

The big difference between Ryan’s miserable existence and that of youngsters in the past is that, until the end of the 20th century, much of boys’ boisterous behaviour went unnoticed and unrestrained by adults. There was time, space and freedom for lads to run off steam. Even when shades of the prison house did close around the growing boy, the time at the edges of the school or working day was still his own and the local woods and hills were his natural habitat.

This is not simply a case of “blue-remembered hills” – the tendency of adults to romanticise childhood. There have, of course, been periods in the past when children were mercilessly exploited and probably had little time or energy to play, but most historical accounts of boyhood, even recent urban ones, involve a degree of freedom to roam that seems unthinkable today.

There are many reasons behind contemporary parents’ reluctance to let their children play outside, one of which is a very reasonable fear about increases in traffic. Another is the far less reasonable and generalised fear of “stranger danger” which, in today’s highly anxious climate, parents seem unable to keep at bay, even when they know that child abduction is no more likely today than it was in their own youth. But perhaps the most significant reason for most of the parents I speak to is the fear of being thought irresponsible.

In an increasingly risk-averse society it has become the mark of a good parent to keep one’s child under careful scrutiny at all times. As “responsible” parents have increasingly locked their children away, there has been a change in the attitude of the public to unsupervised children. In the past few years, communities in all areas of the country have become far less tolerant of boys’ outdoor play, even when it’s not particularly rambunctious.

A teacher told me recently of a small group of boys who were playing behind her house during the school holidays, making go-karts from bits of junk. She was stunned when a letter was posted through her door by a neighbour, urging her to help to move the children on. “They may be making go-karts today,” the letter explained, “but they could be vandalising our cars tomorrow.”

Boys have a deep biological need to be out and about. According to evolutionary biologists, the brains of newborn human babies have not changed significantly since Cro-Magnon times, so infant males are still born with the genetic encoding of Stone Age hunters. As they grow their bodies yearn to rehearse this masculine role: they need to run across fields, clamber through the undergrowth, fashion tools and weapons, push boundaries, take risks. If they don’t fulfil these needs, they are likely to suffer in terms of development: physically, emotionally, socially, cognitively.

Humanity has, of course, come a long way since Stone Age times, not least because of our remarkable and unique ability to pass on our culture to our young. Through the ages this has made the human race more civilised, more democratic and more able to live a peaceful, social existence. Part of the civilisation process has been finding ways of gradually redirecting boys’ primitive male instinct to hunt (and fight) along channels that suit the economic circumstances of the day. But it is a gradual process and can’t be rushed.

Sadly we seem to have reached a stage where adult citizens have “civilised” themselves out of a sense of shared humanity. In a society driven by individualism, selfish consumerism and rights legislation, it’s easy for powerful groups (such as neighbours with no small children of their own) to assert their rights over those of less powerful groups, and children are the least powerful members of society. When adults deny children the right to play – out of fear, risk aversion or sheer intolerance – they threaten the long-term health not only of those children but of society itself.

Sometimes children realise this for themselves, even if adults do not. When teachers in Newcastle banned the game of tag [fangen], Hannan, one of the teenage pupils affected, had this to say: “To be honest, adults can be very stupid at times. They ban everything for health and safety reasons. If they are going to ban very simple stuff like this, they might as well lock all kids in empty rooms to keep them safe. Kids should be allowed to experiment, otherwise when they grow up they will make very stupid mistakes from not having enough experiences in childhood.” Even in the 21st century we still have to civilise our young, balancing their natural instincts with the requirements of society. This is what “bringing up” children means. During the first 10 years or so, parents and teachers have to bring these Stone Age babies up through 10 millenniums of human culture, civilising, socialising and educating them for the world in which they will live.

The process has always been more difficult with boys, since prototype hunters are less naturally inclined to social niceties than their sisters, the prototype nurturers. And as our urban, technology driven lifestyle moves us ever further away from our biological heritage, it becomes even more of a challenge.

The sensible approach – adopted in Scandinavian countries, with their outdoor forest schools and long period of informal preschool education – is to acknowledge boys’ biological drives and to take them into account, while gradually introducing all children to the sorts of behaviour that society requires.


There is a general awareness of children’s developmental needs among parents, politicians and the public in the Nordic countries, which means that everyone takes a more broad-minded and tolerant attitude to the undersevens?!, especially boys, and play is valued as an essential part of their early learning.

Giving boys leeway [Spielraum] in the early years pays off long-term. With time and space to develop physical, emotional and social skills, they acquire greater levels of self-control and empathy. As time goes by, they can therefore be expected to behave with greater consideration to their more venerable neighbours.

Meanwhile, those neighbours, having smiled indulgently at the little lads when they saw them playing outside as toddlers, are unlikely to feel threatened by them as they grow up. The early leeway pays off in cognitive terms, too: despite starting the formal teaching of reading two years later [!] than we do in Britain, Sweden and Finland regularly top the international league for achievement in literacy.

The contrast between Scandinavian tolerance of children’s needs and current Anglo-Saxon practices could not be more stark. In hyper-competitive hard-nosed Britain, the public, parents and politicians all seem to feel that there’s no time to waste on running about and playing. Our children, especially those wayward [widerborstig] boys, must be fast-tracked into “sensible” adult-like behaviour as soon as possible. Since we are not prepared to provide the safe open spaces needed for play, they also have to be fast-forwarded into a sedentary, screen-based 21st-century lifestyle.

So from their very earliest years many boys in Britain today have little means of fulfilling their instinctive need for activity and risk. They are plonked from babyhood in front of the television (or, in more aspirational households, Baby Einstein DVDs) to watch other people moving about rather than getting down and dirty themselves.

At nursery, boys are corralled with a host of other children, mostly indoors so that energetic play is out of the question. Even outdoors there is often restraint: toddlers in the nursery down the road from me are exercised on leads in our local park, three children per nursery worker. This fulfils health and safety regulations – but leaves their charges with less freedom of movement than the average family dog.

When proper school starts – which it does in Britain earlier than anywhere else in the world? – children must knuckle down straight away to reading and writing. But when they are denied the rough-and-tumble [balgen] activity that develops physical coordination and control, many five-year-old boys are simply unable to focus on a book or wield a pencil.

They find class lessons, trying to sit still “on the mat” while the teacher explains the mysteries of phonics, bewildering and intolerable. (“It wastes your time, sitting on the mat,” one little boy said to a researcher. “It wastes your life,” chimed in his mate dolefully.)

So boys who are too immature to settle sufficiently often fail to pick up the basic skills that underpin the three Rs of reading, writing and arithmetic, and then tumble into a cycle of school failure, guaranteed to add to their antisocial tendencies.

As we move further into the 21st century, our young men will need physical control, emotional resilience and social competence to meet the challenges ahead; and one of those challenges, unless we act very soon, will be dealing with the threat to society posed by Ryan and the growing band of “lost boys”, as they follow the horribly predictable downward spiral of school failure, teenage disaffection, violence and crime.

If British society is to keep up with the frantic pace of change, we must acknowledge not just where we are going to but where we have come from. Every baby born is a link between the future of the human race and its remote, primitive past; and if boys are not allowed to be boys – for the first few years at least – a growing number of them are likely to reject the cultural treasures that we have spent 10 millenniums acquiring.

Sue Palmer Detoxing Childhood: What Parents Need to Know to Raise Happy, Successful Children (Orion, £9.99)  

Dienstag, 16. Mai 2017

Testosteron in der Pubertät.

Lothar Sauer
aus scinexx

Teenager: Testosteronschub macht ungeduldig 
Mit steigendem Hormonspiegel wächst die jugendliche Ungeduld 

Geduld ist nicht ihre Stärke: Wenn Teenager etwas wollen, kann es ihnen meist nicht schnell genug gehen. Doch woran liegt das? Forscher machen nun den sprunghaften Anstieg des Testosteronspiegels in der Pubertät für die berühmt-berüchtigte jugendliche Ungeduld verantwortlich. Denn ihre Experimente zeigen: Je höher der Hormonspiegel, desto stärker sind männliche Heranwachsende auf schnelle Belohnungen fixiert. 

Teenager ticken anders: Kommen Kinder in die Pubertät, verändert sich ihr Verhalten oft radikal. Sie werden nicht nur reizbarer und unberechenbarer – auch Geduld ist für sie plötzlich ein Fremdwort. Selbst wenn sich Warten auszahlen würde, muss es für die Jugendlichen dann häufig sofort sein. Nicht zu Unrecht wird ihnen daher nachgesagt, nur auf die akute Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse fixiert zu sein.

Studien legen nahe, dass der Drang nach schneller Belohnung das Verhalten von Heranwachsenden tatsächlich ungewöhnlich stark beeinflusst. Demnach scheinen bestimmte Hirnregionen bei ihnen viel stärker belohnungsorientiert zu sein als bei Erwachsenen. Wissenschaftler um Corinna Laube vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin haben nun erstmals untersucht, welche Rolle die Hormone für die jugendliche Ungeduld spielen.

Die Qual der Wahl 

Für ihre Studie untersuchten die Forscher, wie impulsiv Teenager im Alter zwischen elf und 14 Jahren Entscheidungen treffen. Weil Jungen gemeinhin als ungeduldiger gelten als Mädchen, konzentrierten sie sich dabei auf männliche Heranwachsende. Für das Experiment gaben die 72 Probanden zunächst zwei morgendliche Speichelproben zur Bestimmung ihres Testosteronspiegels ab.
 

Anschließend absolvierten sie einen Entscheidungstest. Insgesamt 80-mal hatten die Jugendlichen dabei die Wahl zwischen unterschiedlichen, hypothetischen Geldbeträgen. Konkret konnten sie zwischen einem baldigen, kleineren Geldbetrag oder einem höheren Geldbetrag in der ferneren Zukunft wählen.

Entscheidung für das schnelle Glück 

Wie erwartet zeigte sich ein Großteil der Teenager empfänglicher für unmittelbare Belohnungen. Demnach entschieden sich im Schnitt zwei Drittel der Studienteilnehmer für den kleineren Geldbetrag, der schneller zu haben war. Das eigentlich Interessante daran: Die Sensibilität für das "schnelle Glück" stand deutlich mit dem Testosteronlevel in Verbindung, wie das Team berichtet. Demnach scheint es der sprunghafte Anstieg dieses Hormons zu sein, der belohnungsbezogene Hirnregionen wie das Stratium gewissermaßen in einen Ausnahmezustand versetzt. 

Das rein chronologische Alter könne die Empfänglichkeit für unmittelbare Belohnungen hingegen nicht erklären, sagt Laube: "Unsere Untersuchung macht deutlich, dass in entwicklungspsychologisch orientierten Studien gerade das pubertäre Alter – gemessen an der körperlichen und hormonellen Reife – berücksichtigt werden sollte."

Testosteron schuld an Ungleichgewicht? 

In einer Vorgänger-Studie hatten die Wissenschaftler bereits gezeigt, dass die erhöhte Impulsivität von Jugendlichen auf ein Ungleichgewicht in der Reifung des affektiven Netzwerkes und des kognitiven Kontrollnetzwerks im Gehirn sowie ihrer Verbindungen zurückzuführen ist. Künftig gelte es nun zu untersuchen, inwieweit das Testosteron dieses Ungleichgewicht beeinflusst und somit die Anfälligkeit für impulsive Entscheidungen erklärt, schreibt das Team. 

"Impulsivität gehört zum Erwachsenwerden und ist Teil einer gesunden Entwicklung", betont Laubes Kollege Wouter van den Bos. "Jugendliche eignen sich damit neue Fähigkeiten an, die sie als eigenständiges Individuum brauchen. Doch Jugendliche können sich mit ihrem impulsiven Verhalten auch schaden." 

Eltern und Lehrer müssen sich mit dieser mitunter nervenaufreibenden Charaktereigenschaft ihrer Zöglinge wohl oder übel für eine gewisse Zeit abfinden. Eine gute Strategie scheint jedoch zu sein, sich diese zumindest zunutze zu machen: "Aus erzieherischer Perspektive kann es vor dem Hintergrund der vorliegenden Studienergebnisse ratsam sein, gutes Verhalten von Jugendlichen kurzfristiger zu belohnen, anstatt auf Belohnungen in der Zukunft zu verweisen", lautet die Empfehlung der Forscher. (Psychoneuroendocrinology, 2017; doi: 10.1016/j.psyneuen.2017.03.012)

(Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 16.05.2017 - DAL)

Montag, 15. Mai 2017

Fünf Jahre danach.

institution logoAbschlussforderungen der Fachtagung "Jungenbeschneidung in Deutschland"

Dr. Victoria Meinschäfer
Stabsstelle Kommunikation
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

09.05.2017 11:11

Anlässlich des fünften Jahrestags der Verkündung des sogenannten „Kölner Beschneidungsurteils“ fand am 8. Mai an der Heinrich-Heine-Universität die Tagung „Jungenbeschneidung in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme“ statt. Elf Referenten berichteten aus medizinischer, juristischer, soziologischer und psychologischer Sicht über den aktuellem Wissens- und Forschungsstand zur Zirkumzision. Die rund achtzig Teilnehmer und die Veranstalter verfassten zum Abschluss folgende Resolution:

Ärztlicher Bereich

Ärzte sollten nicht ohne Indikation und immer unabhängig von Herkunft, Religion und sexueller Orientierung behandeln und aus diesem Grund auch keine medizinisch nicht indizierten Beschneidungen durchführen, schon gar nicht an einwilligungsunfähigen Patienten. Erforderlich sind mehr Sensibilität und mehr Kenntnisse über die psychischen Folgen der Beschneidung von männlichen Kindern, damit wir sie besser diagnostizieren können. Hierzu bedarf es umfassender Forschung.

Die Einrichtung von Therapie- und Beratungsangeboten für direkt und indirekt Betroffene ist zu fördern.

Notwendig sind Aufklärungsinitiativen über anatomische und medizinische Fakten, Risiken und Spätfolgen durch Gesundheitsinstitutionen wie die BZgA, sexualwissenschaftliche Institute und ärztliche Fachverbände.

Nötig ist die Finanzierung einer fundierten, flächendeckenden Fachberatung bei Elternwunsch auf Beschneidung ihres Sohnes, die das Wohl des Kindes, dessen sexuelle Selbstbestimmung und dessen spätere psycho-sexuelle Entwicklung im Zentrum der Betrachtung haben.

Vor jeder Beschneidung muss gemäß der geltenden Rechtslage eine umfassende und dokumentierte Aufklärung über alle möglichen Risiken sowie eine objektive Befunddokumentation erfolgen.

Zu fördern ist eine evidenzbasierte Forschung zu den akuten wie langfristigen physischen und psychischen Folgen der Vorhautentfernung, auch im Hinblick auf die Tradierung herkömmlicher Männlichkeit.

Juristischer Bereich:

Der folgende Vorstoß des Familienministeriums, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, verdient Zustimmung: 

„Die staatliche Gemeinschaft achtet, schützt und fördert die Rechte und das Wohl des Kindes und trägt Sorge für kindgerechte Lebensbedingungen. Bei allem staatlichen Handeln das Kinder betrifft, ist das Wohl des Kindes maßgeblich zu berücksichtigen. Jedes Kind hat vor einer staatlichen Entscheidung, die seine Rechte betrifft, bei der zuständigen Stelle einen Anspruch auf Gehör und auf Berücksichtigung seiner Meinung entsprechend seinem Alter und seiner Reife.

Soll diese Grundgesetzänderung nicht symbolisch bleiben, sondern Wirksamkeit entfalten, muss die umfassende Erlaubnis von Vorhautamputationen im Elternrecht aufgehoben werden.

Politik und Gesetzgebung müssen sich einschränkungslos hinter den Satz stellen: Die genitale Unversehrtheit ist ein Menschenrecht aller Kinder. Die Klagemöglichkeit der Betroffenen – auch gegen die eigenen Eltern sowie gegen die Beschneider– muss sofort wieder hergestellt werden. Es kann nicht sein, dass Betroffene selbst bei schwersten Folgen keine Entschädigung geltend machen können.

Schon derzeit muss folgende Regelung getroffen werden:

Das Kind soll, auch als Erwachsener –angelehnt an die Regeln des StORMG (Gesetz zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs) –das Recht haben, die Einwilligung der Eltern zu widerrufen. Übt der Beschnittene dieses Recht aus, begründet dies eine Schadensersatzpflicht der Eltern oder der Beschneider bei Fahrlässigkeit.

Dies gilt auch, wenn keine vollumfängliche und am Kindeswohl orientierte Aufklärung dokumentiert ist. 



Montag, 8. Mai 2017

So viele kleine Unterschiede.


Rodin, Le baiser
aus scinexx

Was die Gene von Mann und Frau unterscheidet
6.500 Gene sind bei beiden Geschlechtern unterschiedlich aktiv

Klare Unterschiede: Mindestens 6.500 Gene sind bei Männern und Frauen unterschiedlich aktiv – und dies nicht nur in den Geschlechtsorganen, sondern auch in ganz normalen Geweben wie dem Körperfett, den Muskeln oder der Haut. Sogar in Herz und Hirn entdeckten Forscher teilweise überraschende Unterschiede. Interessant auch: Männerspezifische Gene sind offenbar anfälliger für Mutationen, wie die Analysen ergaben. 

Männer und Frauen unterscheiden sich in mehr als nur den offensichtlichen äußeren Merkmalen. Zwar ist "das" männliche oder weibliche Gehirn ein Mythos, dennoch existieren psychische und gesundheitliche Unterschiede. Studien zeigen beispielsweise, dass die Geschlechter verschieden auf Stress reagieren, dass Männer zwar meist die bessere Orientierung haben, dafür aber vergesslicher sind und unter schlimmeren Infekten leiden. 

6.500 Gene "ticken" anders 

Wie sich Frauen und Männer auf der genetischen Ebene unterscheiden, haben nun Moran Gershoni und Shmuel Pietrokovski vom Weizmann Institute of Science umfassend untersucht. Für ihre Studie analysierten sie die Genaktivität von rund 20.000 proteinkodierenden Genen in 53 verschiedenen Körpergeweben von 544 Männern und Frauen. 


Das Ergebnis: Immerhin 6.5000 Gene sind bei beiden Geschlechtern unterschiedlich aktiv – einige werden bei Frauen stärker abgelesen, andere bei Männern. "Das zugrundeliegende Erbgut ist in uns allen nahezu identisch", sagt Gershoni. "Aber es wird in verschiedenen Körperteilen und Individuen unterschiedlich genutzt." Wo und wie zeigt nun die Karte der geschlechtsspezifischen Genlandschaft.

Nicht nur in den Fortpflanzungsorganen 

"Insgesamt konzentriert sich die geschlechtsspezifische Genexpression vor allem in den Fortpflanzungsorganen - wie angesichts der physiologischen Unterschiede von Mann und Frau zu erwarten", sagen die Forscher. "Aber zusätzlich gibt es auch Unterschiede bei unzähligen Genen, die keinen direkten Bezug zur Reproduktion haben." 

So sind beispielsweise einige Gene in der Haut von Männern viel aktiver als bei Frauen. Wie die Forscher feststellten, sind dies die Gene, die das Wachstum der Körperbehaarung steuern – und damit auch den Bartwuchs von Männern. Auch Gene für das Muskelwachstum sind bei Männern aktiver, bei Frauen werden dafür an der Fettspeicherung beteiligte Gene stärker abgelesen.

 "Insgesamt unterscheidet sich die Genexpression allein in Fettgewebe, Muskeln, Haut und Herz in mehr als hundert Genen", berichten die Forscher. "Das deutet auf substanzielle Unterschiede in der Physiologie und den biologischen Signalwegen dieser Gewebe bei Frauen und Männern hin.

Unterschiede auch in Herz und Hirn 

Unerwartet waren Aktivitätsunterschiede, die die Forscher im Gewebe des linken Herzvorhofs entdeckten: Dort sind einige Gene, die unter anderem die Kalziumaufnahme steuern, bei Frauen in jüngeren Jahren sehr viel aktiver als bei Männern. Dies könnte der Grund sein, warum Frauen zumindest vor den Wechseljahren seltener an Herzerkrankungen leiden. Im Alter allerdings nimmt auch bei ihnen diese Genaktivität rasant ab. 

Auch im Gehirn stießen die Forscher auf Unterschiede: Eines der dortigen Gene wurde bei Frauen erheblich stärker abgelesen als bei Männern. Zwar ist seine genaue Funktion noch unbekannt, es könnte aber dafür verantwortlich sein, dass Frauen seltener an Parkinson erkranken als Männer, so die Vermutung der Wissenschaftler.

Männergene sind anfälliger für Mutationen 

Die Wissenschaftler untersuchten auch, wie sich die Mutationsanfälligkeit im Erbgut von Männern und Frauen unterschiedet. Dabei zeigte sich: Je geschlechtsspezifischer die Aktivität eines Gens war, desto anfälliger war es für Veränderungen. Und bei Männern funktionierte die Selektion gegen Mutationen sogar noch schlechter als bei Frauen, wie die Forscher berichten. 

Eine mögliche Erklärung dafür: " Frauen können nur eine begrenzte Zahl von Nachkommen bekommen, daher hängt das Überleben der Art stärker davon ab, dass die Frauen überlebensfähig sind", erklärt Pietrokovski. "Daher kann die natürliche Selektion es sich leisten, bei den für Männern schädlichen Genmutationen laxer zu sein." 

Zumindest auf der Ebene der Gene wirkt die Evolution demnach durchaus geschlechtsspezifisch. "Männer und Frauen unterliegen unterschiedlichen Selektionsdrücken", sagt Pietrokovski. "In gewissem Maße kann die menschliche Evolution daher als eine Art Koevolution der Geschlechter angesehen werden." (BMC Biology, 2017; doi: 10.1186/s12915-017-0352-z)

(Weizmann Institute of Science, 08.05.2017 - NPO) 


Nota. - Furchtbar kompliziert das Ganze; und dann herzerfrischen simpel: Weniger die Gene unterscheiden sich, als die Art ihrer Wirkung: bei diesen stärker, bei jenen schwächer. So richtig groß sind solche Unterscheide ja nicht; aber wenn es so viele sind, läuft's auf dasselbe hinaus. 

Dies ist der entscheidende Satz: Männer und Frauen unterliegen unterschiedlichen Selektionsdrücken. Die Folge: Manche Eigenschaften haben sich mehr auf der weiblichen, andere mehr auf der mänlichen Seite angesammelt. Das ist nur im Detail mühselig zu verfolgen. Im Großen betrachtet ist es klar wie das Kleine Einmaleins.
JE