Sonntag, 31. Juli 2016

Frauen an der Macht.

aus Der Standard, Wien, 31.7.2016

Indien: Wenn Frauen Frauen unterdrücken  
Nichts fürchten die Frauen mehr als ihre Schwiegermütter, die alles kontrollieren wollen, um in den patriarchalischen Strukturen selbst Macht zu erlangen

von Christine Möllhoff

Neu-Delhi/Dubai – Bevor Nitu aus dem Zwei-Zimmer-Haus in Delhis Viertel Khanpur auf die schmale Gasse tritt, wirft sie ihre Dupatta, den breiten indischen Schal, über den Kopf und verbirgt damit ihr Gesicht. Früher hat sie das nicht getan, doch seit sie verheiratet ist, darf sie sich Fremden nicht mehr unverhüllt zeigen. Das hat nicht etwa ihr Ehemann angeordnet. "Meine Schwiegermutter wünscht das so", sagt die 26-jährige Inderin. 

Nichts fürchten viele Frauen auf dem Subkontinent mehr als ihre Schwiegermutter. Überall in der Welt werden Witze über Schwiegermütter gerissen, meist klagen Männer. Doch nur selten spielen Schwiegermütter eine so zentrale Rolle dabei, patriarchalische Strukturen zu zementieren und junge Frauen zu kontrollieren, wie im mehrheitlich hinduistischen Indien. 

Die "Saas" hat das Sagen 

Zwar verändert sich Indien rasant. Kleinfamilien nehmen zu und die jungen Frauen von heute lassen sich weniger gefallen. Aber noch immer folgen viele Paare der alten Tradition, nach der Hochzeit zu den Eltern des Mannes zu ziehen. In der neuen Familie stehen die jungen Frauen unter der Fuchtel der "Saas", wie die Schwiegermutter auf Hindi heißt. Man erwartet, dass sie sich der älteren Frau klaglos unterwerfen. 

Natürlich gibt es Schwiegermütter, die ihre Schwiegertöchter liebevoll behandeln. Doch für viele junge Ehefrauen beginnt eine Leidenszeit. Sie werden wie Sklavinnen ausgebeutet und müssen die ganze Familie bedienen. Dieses Muster pflanzt sich über Generationen fort: Später schikanieren sie ihre eigenen Schwiegertöchter, um sich für die harten Jahre zu entschädigen. 

Selbst an Macht gewinnen 

Während die Männer draußen das Sagen haben, spielen die Schwiegermütter in der Familie oft ihren verlängerten Arm. Ihnen obliegt es, die Ehre der Familie zu schützen und die jüngeren Frauen zu überwachen. Obwohl selbst Frauen, gelingt es ihnen so, von den patriarchalischen Strukturen zu profitieren und Macht zu erringen. Damit tragen sie aber auch zur Unterdrückung von Frauen bei. 

Von ihren Ehemännern haben die jungen Frauen wenig Hilfe zu erwarten. So verlangt die Sitte, dass sich die Söhne bei Konflikten aus Respekt auf die Seite ihrer Mutter schlagen. Bis heute haben viele Männer ein engeres emotionales Band zu ihrer Mutter als zu ihrer Frau. Indische Mütter vergöttern und verhätscheln ihre Söhne oft maßlos, weil sie erst durch einen Sohn einen Wert bekommen, während Töchter als minderwertig gelten. Auch so verfestigen Frauen altertümliche Rollenbilder. 

Kontrolle über das Sexleben 

Dafür reklamieren viele Mütter eine Machtposition im Leben ihrer erwachsenen Söhne und deren Ehefrauen. Ihre Kontrolle kann sich auf fast alle Aspekte des Lebens erstrecken. Sie bestimmen, wie sich die Schwiegertochter kleidet, ob sie ihre Eltern besuchen, einen Job annehmen oder auf Reisen darf. Viele Frauen dürfen nicht mal alleine einkaufen oder zum Arzt gehen. Im Extremfall bestimmen Schwiegermütter sogar, wie oft das junge Paar Sex hat, indem sie die "Bahu", die Schwiegertochter, bis tief in die Nacht schuften lassen, um romantische Augenblicke zu zweit zu verhindern. 

Das Machtgefälle führt oft zu Gewalt. "Es gibt wachsende Hinweise, dass viele indische Frauen Gewalt durch ihre Schwiegermütter erleiden", heißt es in einer Studie von 2013. "Indische Schwiegermütter sind beständig in Verfahren wegen Gewalt gegen ihre Schwiegertöchter verwickelt, insbesondere in Mitgiftfällen." Zwar seien nur etwa vier Prozent aller Häftlinge in Indien Frauen. Doch bei Mitgiftmorden seien sie direkt nach den Ehemännern die zweithäufigste Tätergruppe. In Delhis Gefängnis Tihar soll es laut Medien sogar einen eigenen sogenannten "Schwiegermutter-Trakt" geben. 

Zu Tode gefoltert 

In Odisha wurde jüngst eine Frau mitsamt ihrer zwei erwachsenen Töchter zu lebenslänglicher Haft verurteilt, weil sie die Schwiegertochter wegen der Mitgift zu Tode gefoltert hatten. Umgekehrt machen auch immer wieder Fälle Schlagzeilen, in denen Frauen ihre Schwiegermütter misshandeln. Vor allem ältere Frauen wie Witwen, die ohne Schutz eines Ehemannes dastehen, gelten als Bürde und werden leicht Opfer häuslicher Gewalt. Das geht so weit, dass sie ausgesetzt werden. Die heilige Stadt Vrindavan ist voll von Witwen, die in ihren Familien nicht mehr erwünscht sind.  


Nota. - Aber die Autorin bleibt dabei: Das sind "patriarchalische" Strukturen! Dabei beschreibt sie die sehr typische Verteilung der Macht zwischen den Geschlechtern in traditionalen agrarischen Gesellschaften: Der Mann vertritt die Familie nach außen; innen herrscht seine Mutter. 

Das ändert sich in dem Maß, wie in den sich modernisierenden bürgerlichen Gesellschaften das öffentliche Leben (durch den Markt) auch in den privaten, häuslichen Bereich immer mehr Eingang findet: Die Machtstellung der Frauen im Haushalt schwindet gar nicht - nur wird das Geschehen im Haus immer unwichtiger im Vergleich zu der Rolle, die der Mann "in der Welt" zu spielen hat. 

Und in den Industrienationen spielt dann die Frau im Haushalt eine immer geringere ökonomische Rolle, die Hausarbeit wird elektrifiziert und schließlich roboterisiert. Seither will auch die Frau arbeiten gehen.
JE




Mittwoch, 20. Juli 2016

Testosteron, entmythologisiert.


aus nzz.ch, 20. 7. 2016                                                                     Dihydrotestosteron

von Andrea Roedig

... Robin Harings Buch ist die populärwissenschaftliche Fassung seiner Habilitation; und die Kapitel tragen bemüht lustige Überschriften wie «Wer hat, der kann» oder «Nix für Turnbeutelvergesser» oder «Die Wechseljahre – jetzt auch für den Mann». Auf der Basis etlicher naturwissenschaftlicher Studien versucht der Epidemiologe, die Luft aus dem symbolisch zur Manneskraft aufgeblasenen Testosteron zu lassen. Auch hier kann man einiges über die Geschichte der Hormon-Entdeckung lesen, aber auch gut Verständliches über den Einfluss von Testosteron auf die Entwicklung des Fötus im Mutterleib und Ernüchterndes über die Wirkung des Hormons als vermeintliches Haarwuchsmittel. Die Testosteronkonzentration im Blut sage nichts über die Wirksamkeit aus, weil der eigentliche Faktor die Fähigkeit der Rezeptoren, das Hormon aufzunehmen, sei

Haring hält die Mitte. Er spricht sich nicht direkt für die radikale Theorie der sozialen Konstruktion des Geschlechts aus, legt aber nahe, dass das meiste am Geschlechtscharakter gesellschaftlich bestimmt sei, und weist auch darauf hin, dass, wie im «Kreisverkehr», soziale Einflüsse sich wiederum auch auf den Hormonhaushalt auswirkten. So könne in Konfliktsituationen der Testosteronspiegel ansteigen, bei frischgebackenen Vätern dagegen sei er ziemlich niedrig. Als Fazit liesse sich festhalten, dass das Androgen – physisch zwar nicht wirkungslos, aber doch bei weitem überschätzt – vor allem als wunderbares Placebo tauge.

Einerseits, andererseits

Zwischen der Skylla des populären Sachbuchs und der Charybdis erheblichen Theorie-Geraunes hindurchgetaucht, muss die Rezensentin «Testo Junkie» den Preis für das anregendere Buch zuerkennen. Der Text ist anstrengend und verstörend, aber auch ungemein vielfältig und inspirierend, vor allem was die Wahrnehmung von Körperbildern angeht und Vorstellungen alternativer Geschlechterordnungen.

... Was aber die Entmythologisierung von Testosteron betrifft, so hat Robin Haring gewonnen. Denn die erotisch-dämonisierende Eloge des Pharmakons in «Testo Junkie» zeichnet sich nicht gerade durch eine nüchterne Einschätzung aus. Gegen solche Aufbauschung bietet die schlichte «Männerlüge» ein gutes Antidot.

Robin Haring: Die Männerlüge. Wie viel Testosteron braucht der Mann? Braumüller, Wien 2016. 191 S., Fr. 30.90.

Freitag, 15. Juli 2016

Was einer nicht zwischen den Beinen hat...

...das muss er wohl im Kopf haben.
aus nzz.ch, 15. 7. 2016

Grosse Hoden, kleines Hirn
Mensch, Schimpanse, Beuteltier: Je grösser die männlichen Geschlechtsorgane einer Tierart sind, desto kleiner ist ihr Gehirn. Woran liegt das eigentlich?

von Andrea Six

Paarungsriten mögen anstrengend sein. Dass der Mann jedoch nach einem einmaligen Liebesrausch kollabiert und stirbt, klingt nicht nach einer effizienten Fortpflanzungsstrategie. Für einige Beuteltiere lohnt sich diese suizidale Sexualpraktik aber offenbar. So kopulieren die Männchen der Breitfuss-Beutelmäuse in Australien einmal im Leben in einem mehrwöchigen Paarungsrausch, der mit dem Tod endet. Das Immunsystem schaltet sich vor lauter Stress ab, die kleinen Tiere verlieren ihr braunes Fell und verbluten innerlich.

Für die Erhaltung ihrer Art ergibt das Liebesopfer der Mäuse durchaus Sinn. Australische Forscher haben berechnet, dass je mehr Energie die Männchen in eine kurze heftige Paarungszeit investieren, desto mehr Nachkommen überleben. Damit das Opfer Früchte tragen kann, besitzen die Tiere verhältnismässig grosse Hoden.


In der Entwicklungsgeschichte zahlt es sich unter Umständen aus, sich bei der Samenproduktion zu verausgaben. «Jedem männlichen Wesen steht lediglich eine beschränkte Menge an Energie zur Verfügung», sagt Stefan Lüpold von der Universität Zürich. «Wie diese Energie auf die Erhaltung des eigenen Körpers und die Fortpflanzung verteilt wird, ist je nach Tierart sehr unterschiedlich», so der Biologe.

Einen anderen Ausgang nahm das evolutionäre Spiel Hoden gegen den Rest des Körpers bei den Brüllaffen: So haben diese Primaten aus Mittel- und Südamerika entweder eine besonders sonore Stimme oder grosse Hoden. Wer viel Sperma produziert, muss dafür mit einem feineren Stimmchen singen.

Suchend-tastender Penis

Entscheidend für den Siegeszug der eigenen Spermien ist zudem, wie die Partnerwahl abläuft. Ist die Konkurrenz gross, weil sich das Weibchen mit vielen Partnern einlässt, müssen die Männchen viel Energie für die Samenproduktion aufwenden, um möglichst viele Spermien beim Weibchen zu placieren. Der Glattwal etwa umwirbt sein Weibchen mit suchend-tastendem Penis. Gleichzeitig muss er seine Mitstreiter übertreffen. Welcher Samen den Treffer landet, hängt vom Zufall ab. Da lohnt es sich, möglichst viele eigene Spermien ins Rennen zu schicken.

Und noch ein Hindernis steht seinem Vaterglück im Weg: die unglaubliche Grösse der zukünftigen Mutter. Auf dem Weg zum Ei müssen die Spermien einige Meter zurücklegen. «Im Genitaltrakt von grossen Tierarten geht ein enormer Teil der Samenzellen verloren», sagt Stefan Lüpold. Grosse Tiere setzen daher auf eine hohe Anzahl von Spermien. Der Glattwal hat sich dafür eine stattliche Spermafabrik zugelegt: Eine ganze Tonne wiegen seine Hoden. Sein Gehirn hingegen bringt nur wenige Kilo auf die Waage. Zum Vergleich: Ein Mann mit diesen Proportionen trüge eine Zwetschge im Kopf und eine Melone in der Hose. Üblicherweise ist es andersrum.




Mehr oder weniger monogam

Und trotzdem kommt ein Mann mit einem nur gerade 40 Gramm leichten Produktionsorgan zum Zug. Selbst Bruder Schimpanse bringt mit einem geringeren Körpergewicht doch einen dreifach so grossen Hoden mit zur Partnerwahl. «Die Strategien von Schimpanse und Mensch sind sehr unterschiedlich», sagt Lüpold. Schimpansen leben promisk. Der Mensch hingegen mehr oder weniger monogam. Der Mann pflanzt sich demnach mit weniger Konkurrenzdruck fort und kann es sich leisten, weniger Spermien zu produzieren. So bleibt mehr Energie für andere Kapazitäten übrig. So kann in Gehirngrösse, komplexe Sozialstrukturen, feinmotorische Leistungen oder kulturelle Fähigkeiten investiert werden. Ganz ähnlich verhält es sich bei Fledermäusen. Monogame Arten begnügen sich mit einem kleinen Hoden, profitieren dafür aber über ein mächtigeres Denkorgan.

Manchen Wesen scheint dieser Weg zu mühsam gewesen zu sein. Schlangensterne, nahe Verwandte der Seesterne, stellen 40 Prozent ihres Körpers der Spermienproduktion zur Verfügung. «Weil der Schlangenstern seine Samen einfach in die Umgebung abgibt, braucht er grosse Mengen, damit ein Spermium auf ein ebenfalls frei schwimmendes Ei treffen kann», sagt Lüpold. Dafür gibt sich der Schlangenstern mit einem äusserst schlichten Gemüt zufrieden und schleicht gedanklich unbelastet durch die Weltmeere.


Dienstag, 12. Juli 2016

Von Anfang an gefährlich leben.

Ob das ungeborene Kind ein Junge oder Mädchen ist, spielt für bestimmte Schwangerschafts-Komplikationen sehr wohl eine Rolle.
aus scinexx

Schwangerschaft 
Bei Jungen gibt es mehr Komplikationen
Mehr Frühgeburten und Probleme für die Mutter bei männlichem Nachwuchs

Jungen haben es schwerer – zumindest im Mutterleib. Denn bei ihnen kommt es deutlich häufiger zu Frühgeburten und Komplikationen in der Schwangerschaft als bei weiblichen Ungeborenen. Das bestätigt nun eine australische Vergleichsstudie über als 500.000 Geburten. Die Ursache für diese vorgeburtlichen Unterschiede sind noch nicht ganz klar. Die Forscher vermuten aber, dass die Genaktivität der Plazenta dafür eine wichtige Rolle spielen könnte.

Neun Monate lang bildet der Mutterleib die schützende und prägende Umgebung für das ungeborene Kind. Die wichtigste Verbindung zur Mutter und zur Außenwelt ist dabei die Plazenta: Über sie gelangen einerseits Botenstoffe, Sauerstoff, aber auch Stresshormone und Schadstoffe zum Kind, andererseits wandern auch Zellen und Moleküle des Ungeborenen in den Kreislauf seiner Mutter. Diese Wechselbeziehung beeinflusst daher auch, wie die Schwangerschaft verläuft.



Ob es männlichen und weiblichen Ungeborenen im Mutterleib gleich ergeht, oder ob es möglicherweise doch Unterschiede gibt, haben nun Petra Verburg von der Universität von Groningen und ihre Kollegen näher untersucht. Für ihre Studie werteten sie die Daten von mehr als 574.000 Schwangerschaftsverläufen und Geburten aus, die zwischen 1981 und 2011 in Südaustralien stattfanden.

Mehr Frühgeburten und Komplikationen

Das Ergebnis: Das Geschlecht spielt schon vor der Geburt eine Rolle – für die Gesundheit von Mutter und Kind. Wie die Forscher feststellten, haben männliche Ungeborene ein 27 Prozent höheres Risiko für eine Frühgeburt schon vor der 24. Schwangerschaftswoche und ein 24 Prozent höheres Risiko für eine Frühgeburt zwischen der 30. und 33. Woche.

Für die Mutter bedeutet männlicher Nachwuchs ebenfalls potenziell mehr Probleme, wie die Studie ergab: Sie leiden vier Prozent häufiger an Schwangerschafts-Diabetes und zu 7,5 Prozent häufiger an Präeklampsie, einer mit stark erhöhtem Blutdruck und vermehrter Eiweißausscheidung verbundenen Erkrankung.

"Die Belege sind eindeutig: Das Geschlecht des Kindes hat eine direkte Auswirkung auf den Verlauf der Schwangerschaft", sagt Seniorautorin Claire Roberts von der University of Adelaide. Die Ungleichheit der Geschlechter beginne demnach bereits im Mutterleib.

Menschlicher Fötus und Plazenta Menschlicher Fötus und Plazenta

Ist die Plazenta verantwortlich?


Die genauen Ursachen für diese Unterschiede sind noch unklar. Die Forscher vermuten jedoch, dass die Plazenta als Bindeglied zwischen Mutter und Kind eine entscheidende Rolle spielt. Bereits in einer früheren Studie hatten Roberts und ihre Kollegen festgestellt, dass die Genaktivität von 142 Genen in der Plazenta anders ist, je nachdem ob das Ungeborenen ein Junge oder Mädchen ist.

"Die Plazenta ist für den Erfolg der Schwangerschaft entscheidend", erklärt Roberts. "Wir glauben deshalb, dass die geschlechtsbedingten Unterschiede in der Plazentafunktion die Phänomene erklären können, die wir bei den Schwangerschaften beobachtet haben." Wie genau die Plazenta den unterschiedlichen Verlauf der Schwangerschaft bei Jungen und Mädchen beeinflusst, muss nun geklärt werden.

Nach Ansicht der Forscher spricht aber einiges dafür, dass künftig das Geschlecht des ungeborenen Kindes auch bei den Voruntersuchungen stärker berücksichtigt werden muss. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir spezifische, an das Geschlecht des Kindes angepasste Interventionen benötigen, um Komplikationen für Mutter und Kind zu verhindern", sagt Verburg. (PLOS ONE; 2016; doi: 10.1371/journal.pone.0158807)

(University of Adelaide, 12.07.2016 - NPO)

Sonntag, 3. Juli 2016

Gut Ding will Weile haben: Jungens hinken hinterher.

Robert Doisneau
aus Süddeutsche.de, 23. September 2015

Zweierlei Hirn
In den sprachlichen Fächern sind Mädchen den Jungen in der Schule meist deutlich überlegen. Eine Studie zeigt nun, woran das liegt - die für Lesen und Sprachenerwerb wichtigen Bereiche im Gehirn entwickeln sich demnach bei Schülerinnen früher.

Von Matthias Kohlmaier 

Erst wurden sie ignoriert, dann gefördert, mittlerweile machen sie meist bessere Abschlüsse als ihre männlichen Altersgenossen: Die schulischen Leistungen von Mädchen bieten kaum mehr Anlass zur Sorge. Doch gerade ihre Vorteile gegenüber Jungen in den sprachlichen Fächern haben womöglich nicht nur mit Förderung zu tun, wie der Forscher Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt nun in einer noch unveröffentlichten Studie zeigt. Auszüge liegen der Süddeutschen Zeitung vor.

"Jungs haben keinen biologischen Nachteil, Mädchen entwickeln sich nur schneller", sagt Böttger über seine Forschung zum Sprachenerwerb von Kindern und Jugendlichen. Für seine Erhebung hat er die Hirnaktivität bei Vier- bis Neunjährigen bei Leseaufgaben gemessen. Ergebnis: Im besagten Alter entwickeln sich die für Lesen (und Schreiben) zuständigen Gehirnzellen hormonell unterschiedlich, bei Mädchen viel früher als bei Jungs. "Der Vorsprung der Mädchen kann bis zu drei Jahre betragen", so Böttger.

Wichtig dabei ist die sogenannte Myelinschicht, die sich etwa bis zum 30. Lebensjahr um die Nervenfasern im Gehirn bildet. Je weiter diese Ummantelung entwickelt ist, desto höher die Leitungsgeschwindigkeit zwischen den Zellen. Das gilt auch für lange Nervenbahnen, zuständig für Schreiben und Lesen. Böttger hat herausgefunden, dass der Myelinisierungsgrad bei allen getesteten Mädchen höher war als bei Jungen. Für ihn beweist das, was in Grundschulen Alltag ist: "Mädchen lesen früher besser, da sie früher über entsprechende biologische Dispositionen verfügen." 

Ein OECD-Bericht zu Geschlechterunterschieden in der Bildung hatte im vergangenen März auch ein deutliches Hinterherhinken von männlichen Schülern beim Lesen ausgemacht. "Das Lesevermögen ist das Fundament, auf dem fast der gesamte weitere Lernerfolg gründet", schreibt die OECD, "wenn Jungen schlecht lesen, leidet auch ihre Leistung in allen anderen Schulfächern." Ähnliche Folgerungen zieht der Didaktiker Heiner Böttger. Zwar nivelliere sich der neuronale Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bis zum Alter von ungefähr 17 Jahren - das gelte aber nur, wenn Jungen nicht vorher schon wegen ihrer schwächeren Leistungen in sprachlichen Fächern stigmatisiert würden. 

"Wir dürfen die Mädchen nicht kleinhalten" 

"Lehrer müssen geschult werden, damit Jungs im Sprachenunterricht nicht frühzeitig zurückfallen", sagt Böttger. Daher müsse die Information über physiologische Unterschiede zwischen Geschlechtern in der Lehrerbildung vorkommen. 

Die Studie zeigt nicht nur, dass Jungen im Vor- und Grundschulalter speziell gefördert werden müssten, um sprachlich mitzuhalten. Sie deutet auch darauf hin, dass Mädchen mehr leisten könnten, wenn sie mehr gefordert würden. Trotz der "Jungen-Krise" sagt Böttger: "Wir dürfen die Mädchen nicht kleinhalten." Er befürchtet "Decken-Effekte", wenn Mädchen im jungen Alter im gleichen Tempo wie männliche Klassenkameraden unterrichtet werden - obwohl sie aufgrund ihres bereits weiter entwickelten Gehirns viel mehr Möglichkeiten hätten. 

Birgit Gegier Steiners Buch „Artgerechte Haltung. Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung“ ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen.


Nota. - Die Schule ist nicht zuletzt deshalb ein unnatürliches Labor, weil dort Wörter, Begriffe, Reden einen viel größeren Platz einnehmen als im 'wirklichen Leben', wo es in erster Linie auf tun ankommt; nämlich wo alles mit rechten Dingen zugeht. Es ist das Prinzip Schule, das Jungens von vornherein biologisch benachteiligt. Nicht nur darf man nur dann reden, wenn man gefragt wird, sondern man muss es auch. Und dabei stillsitzen. Das war immer so und keinEr hat es je beanstandet; keinEr von den PädagogInnen, meine ich.

Wenn nun endlich mal eineR den Kopf hebt und für die Anliegen der Jungen das Wort ergreift, muss er sich sogleich beeilen, die politisch korrekte Mahnung beizugeben, man dürfe aber... die Mädchen nicht kleinhalten. Nehmen wir's gelassen: Besser so als gar nicht.
JE 


Samstag, 2. Juli 2016

Du bist eine Prinzessin!

aus Der Standard, Wien, 24. Juni 2016

Prinzessinnen-Spiel prägt Selbstwahrnehmung und Rollenbilder 
Während Buben im Spiel als Superhelden Abenteuer erleben, bietet der Prinzessinnen-Kult für Mädchen kaum Abwechslung. Eine Studie fragt nach den Auswirkungen 

chrit. Prinzessinnen stehen bei Mädchen hoch im Kurs. Während Buben auf hoher See wilde Abenteuer bestehen oder als Superman für das Gute kämpfen, identifizieren sich viele Mädchen mit Prinzessinnen-Figuren. Das sei ganz normal und harmlos, sagen die einen. Es presse Mädchen wie Buben in Rollenklischees, meinen die anderen. Eine Studie der Brigham-Young-Universität (BYU) in Utah hat sich nun mit den Folgen für geschlechtsspezifische Rollenbilder im späteren Leben der Kinder beschäftigt. Die Sozialwissenschafterin Sarah M. Coyne, Associate Professorin an der BYU, hat sich den Einfluss von Disney-Prinzessinnen auf Mädchen genauer angesehen. Sie beforschte rund 200 Kinder im Vorschulalter, befragte deren Eltern und Lehrer und wertete aus, wie lange sich die Kinder im Schnitt mit Disney-Prinzessinnen beschäftigen – etwa, indem 
sie Filme schauen oder mit den Figuren spielen. Einfluss auf die Selbstwahrnehmung 

Das Ergebnis bestätigt, was in der Erziehungswissenschaft schon länger diskutiert wird: Ja, Vorschulkinder sind empfänglich für geschlechterstereotype Rollenbilder. Und sie beeinflussen deren Selbstwahrnehmung. Fast alle Kinder kennen Disney-Filme: Von den jungen Probandinnen und Probanden haben 96 Prozent der Mädchen und 87 Prozent der Buben Disney-Prinzessinnenfilme gesehen. Während 61 Prozent der Mädchen mindestens einmal pro Woche mit Prinzessinnen-Figuren spielen, sind es bei den Buben nur vier Prozent. Die Studie gibt Hinweise auf spätere Folgen: Das Spiel mit Prinzessinnen-Puppen beeinflusst auch, wie die Mädchen denken und sich selbst wahrnehmen. 

Studienautorin Coyne: "Disney-Prinzessinnen stellen so etwas wie die erste Begegnung mit dem schlanken Schönheitsideal dar – das beginnt im Alter von drei bis vier Jahren." Eingeschränkter Handlungsspielraum Das eigentliche Problem sei Coyne zufolge, dass der Handlungsspielraum der Mädchen eingeschränkt werde: Mädchen bekämen schon früh vermittelt, dass sie gefallen sollen. 

"Wir wissen, dass Mädchen, die sehr stark von geschlechterstereotypen Rollenbildern geprägt sind, weniger selbstbewusst in anderen Dingen sind. Sie wollen sich eher nicht schmutzig machen und probieren deshalb weniger Sachen aus." Werden Mädchen etwa von vertrauten Personen mit Aussagen wie "Schau dir die kleine Prinzessin an!" konfrontiert, würden sie schon früh darauf konditioniert, auf ein prinzessinnenhaftes Aussehen zu achten. Buben profitieren von Prinzessinnen

Bei Buben hingegen bringt das Spiel mit Prinzessin und Co sogar mehr Körperbewusstsein mit sich, so die Forscherin. Sie seien auch hilfsbereiter als andere. Die Studie weist darauf hin, dass die Beschäftigung mit Puppen Buben einen notwendigen Ausgleich zum "hypermaskulinen Superheldentum" schaffe, dem sie häufig medial ausgesetzt seien. Es sei allerdings weder realistisch noch zielführend, Mädchen das Spiel mit Prinzessinnen zu untersagen. Wichtig sei Coyne zufolge, dass Kindern vielfältige Spielmöglichkeiten geboten werden. Und: Eltern sollten sich nicht davor scheuen, mit den Kindern die Vor- und Nachteile von Rollenbildern zu diskutieren, die etwa in Disney-Filmen vorkommen. Das würde das Bewusstsein über die täglich konsumierte Bilderflut fördern – und letztlich auch ein Beitrag zur Medienbildung sein.


Nota. - Gott ja; Prinzessinnen sollen gefallen, doch wer will das nicht? Gott ja - Mädchen werden auf ein Schlankheitsideal gepolt. Und Jungens wird der Waschbrettbauch suggeriert; wieviele von ihnen richten sich als Männer danach?

Den springenden Punkt hat die SozialwissenschaftlerIn natürlich übersehen: Prinzessinnen sind passiv und lassen sich bedienen, Rambos sind aktiv und teilen aus. Das eine macht selbstbewusst, das andre nur eitel.
JE