Sonntag, 30. November 2014

Tobende Jungs sind eine Ressource und nicht krank.

Robert Doisneau

Der Kinderarzt Michael Hauch hat vor längerer Zeit unter der Überschrift "Lasst die Kinder in Ruhe!" in derFrankfurter Allgemeine* aus seiner Praxis berichtet.

"Es vergeht kaum ein Tag bei meiner Arbeit als Kinder- und Jugendarzt, an dem nicht verunsicherte Eltern um Physio-, Ergotherapie- oder Logopädieverordnungen für ihre aus meiner ärztlichen Sicht altersgerecht entwickelten Kinder bitten. Geschickt werden sie vor allem von Grundschullehrern und Grundschullehrer- innen. Am liebsten gleich mit einer fertigen Diagnose: „Ihr Kind hat eine Sprachstörung und eine Lese-Rechtschreib-Störung.“ Andere geäußerte Befunde lauten: „Ihr Kind ist hyperaktiv“ bis hin zu „Vermutlich ist ihr Kind wahrnehmungsgestört“. Gerne wird von Nichtärzten auch diagnostiziert, dass der Sechsjährige unter einer zentralen Hörstörung oder einer Rechenschwäche, der sogenannten „Dyskalkulie“, leidet. 


Meist stehen die Eltern dann vor mir und haben neben diesen Diagnosen auch schon gleich einen fertigen Therapievorschlag im Gepäck: „Mir wurde gesagt, dass mein Kind dringend Ergotherapie braucht.“ In nicht seltenen Fällen hat die Schule den Vätern und Müttern auch noch den „passenden Therapeuten“ empfohlen: „Dieser hat auch schon anderen Kindern gut geholfen“, bekomme ich dann zu hören, verbunden mit dem Zusatz: „Ich habe auch schon einen Termin für meinen Sohn dort ausgemacht.“  ...


Dass ich als Arzt prüfen muss, ob überhaupt eine therapiebedürftige Störung vorliegt und, wenn ja, welche Therapie wann sinnvoll ist, spielt auf diesem ganzen Weg keine Rolle mehr. So kommt es dann, dass die Mutter von Leon oder die von Noah, Ben oder Hendrik - es sind überwiegend Jungen, für die ich als Rezeptautomat funktionieren soll - vor mir steht und sagt: „Sie müssen mir nur noch schnell die Verordnung unterschreiben.“ Inzwischen bekommt in Deutschland je nach statistischer Quelle jedes vierte oder sogar dritte Kind unter 15 Jahren Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie verordnet. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie des Wissenschaftlichen Institutes der Krankenkasse AOK erhielten im Jahr 2012 rund 193 000 Kinder unter 15 Jahren sprachtherapeutische Leistungen."

Er will nicht missverstanden werden: "Wir Kinderärzte verschließen nicht die Augen, wir sehen täglich in den Vorsorgeuntersuchungen, was längst belegt ist: Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzöge- rungen, insbesondere im Bereich der Konzentration, Sprache und Motorik, nehmen zu." Er bestreitet nur, dass es sich typischerweise um sogenannte Defizite bei den Kindern handelt. Die Ursachen für die Zunahme der Auffälligkeiten seien soziogener Art:


Wir Kinder- und Jugendärzte sollen dann die Erfüllungsgehilfen gestresster Pädagogen und Eltern sein, sollen Diagnosen bestätigen und die tatsächlichen und vermeintlichen Entwicklungsrückstände und Störungen durch die Verordnung von Therapien ausgleichen. Doch Therapien sind kein Allheilmittel. Keine noch so gute Therapie kann die durch familiäre Vernachlässigung entstandenen Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern „einfach reparieren“. Keine noch so langwierige Logopädie kann etwa das Sprachdefizit ausgleichen, das entsteht, weil Mutter oder Vater nur schlecht oder gar kein Deutsch sprechen. Oder weil in der Familie überhaupt nicht miteinander gesprochen wird.


Ein Kind zur Ergotherapie zu schicken, weil es mit sieben nicht gelernt hat, sich die Schuhe zuzubinden, oder weil es den Stift falsch hält, mag zum Ziel führen, ist aber dem geduldigen Üben mit den Eltern oder der Lehrerin in keiner Weise überlegen. Es entlastet diese nur von den Mühen des Übens. Ergotherapie ist der bequemere Weg. Bei gesunden, lediglich unkonzentrierten „wilden“ Kerlen sind ausreichend Bewegung und ein geregelter Alltag ohne Fernsehen jeder Therapie und jedem Medikament überlegen.


Und ganz nebenbei: So schwer es ist, das zu akzeptieren, aber nicht aus jedem Kind entwickelt sich ein geistig lebhafter, kreativer und wissbegieriger Mensch mit Nobelpreisträger-Potential. Aber aus fast allen Kindern, die liebevoll begleitet und gefördert werden, werden Menschen, die für sich einen guten Weg durchs Leben finden."


"Therapien geben Eltern und Lehrern eine Scheinsicherheit. Kindern hingegen geben sie früh das Gefühl, ein Defizit zu haben. Der Normalzustand, das Leben ohne Therapien, wird mehr und mehr zur Ausnahme. Jedes noch so kleine Problem, das beim „Kinder-TÜV“ auffällt, wird sogleich als behandlungsbedürftig gesehen. Schließlich gibt es ja eine Therapie, die es „heilen“ kann. Viele Probleme werden erst durch die vermeintliche Heilkraft von Therapien als solche definiert. Alles wird zur Störung, weil Therapien vermeintlich auf alles wirken. Die Folge dieses therapeutischen Aktionismus: Alle Kinder sind mehr oder weniger krank und kommen als „Leistungsempfänger“ des Gesundheitssystems in Frage. Ihre Chance, sich als gesund zu erleben, Stärken und Schwächen zu erkennen und zu akzeptieren oder daran zu arbeiten, Verantwortung für ihr Gesundsein zu lernen, sozial handlungsfähig zu werden, all dies wird mit dieser Medikalisierung verhindert."


"Natürlich gibt es auch diejenigen, die eine Therapie brauchen. Wo andere Wege nicht helfen oder nicht reichen. Aber auch bei diesen Kindern muss man vor der Illusion warnen, eine Therapie könne ein Kind reparieren und optimieren. Eine Therapie kann in einigen Fällen Kindern helfen, einen Entwicklungsrückstand aufzuholen. Dies aber auch nur, wenn die Eltern in das therapeutische Geschehen miteinbezogen werden und wenn sie lernen, eine neue Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und ihm Orientierung zu geben. Ganz alleine schafft es das Kind nicht."


Das aber sei eher die Ausnahme. Der große Teil der sogenannten Störungen rührten vielmehr daher, dass die heutigen Erwachsenen  diese eine elementare Wahrheit vergessen haben: "
Tobende Jungs sind eine Ressource, nicht krank. Sie brauchen gute Beziehungen und keine Arznei.

*)22.02.14



Michael Hauch, Jahrgang 1957, ist seit mehr als  zwanzig Jahren niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Düsseldorf. Zuvor arbeitete er in der Kinderonkologie und Kinderneurologie der Universitätskinderklinik in Düsseldorf. Er betreut als Kinder- und Jugendarzt das städtische „Kinderhilfezentrum Eulerstraße“ in Düsseldorf.

Mittwoch, 26. November 2014

Frauen frösteln.

aus Die Presse, Wien, 22. 11. 2014                                        Alexandra Bucurescu, pixelio.de

Stoffwechsel, aber auch Hormone machen den Unterschied. 
Frieren Frauen tatsächlich mehr als Männer? 
Fröstelnde Frauen und Männer, denen oft erst viel später kalt wird – ein typisches Bild in der kalten Jahreszeit. Aber ist es ein Mythos, dass Frauen schneller frieren als Männer? Oder gibt es hier tatsächlich einen belegbaren Unterschied zwischen den Geschlechtern?



Auch wenn wissenschaftlich wenig Daten vorliegen, ergibt sich die Antwort aus der unterschiedlichen körperlichen Konstitution der Geschlechter. „Frauen haben eine andere Fettverteilung als Männer, und damit ändert sich oft der Isolationswert“, sagt Barbara Obermayer-Pietsch von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Med-Uni Graz. Fett isoliert und schützt so vor Kälte. Das an deutlicheren Rundungen orientierte Schönheitsideal früherer Zeiten dürfte Frauen also durchaus dabei geholfen haben, weniger zu frieren. Außerdem kurbeln Muskeln den Stoffwechsel an: Der Energieumsatz ist höher, die Muskeln funktionieren als körpereigene Wärmekraftwerke. Männer mit guter Muskulatur frieren daher deutlich weniger. Darüber hinaus sind sie buchstäblich „dickhäutiger“: Männerhaut ist um rund 20Prozent dicker als die der Frauen, das schützt auch besser vor Kälte. 

Einen weiteren Unterschied machen auch Erkrankungen der Schilddrüse: Bei einer Unterfunktion des Organs „schläft“ der Organismus. Solche Störungen sind bei Frauen etwa achtmal häufiger als bei Männern. Und schließlich spielen auch die Hormone eine Rolle: „Flüssigkeitsgehalt und Energieproduktion ändern sich im Zyklus“, so Obermayer-Pietsch, die das Phänomen auch in ihrer Forschungsarbeit untersucht. „Je nach Zyklusphase gibt es andere Körperbedürfnisse, die hormonell hinterlegt sind.“ Ein wichtiges Phänomen zeigt auch der Kreislauf: „Je mehr er sich auf den Rumpf konzentriert, desto kälter ist die Peripherie“, so die Forscherin. Da es hier ebenfalls Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, haben Frauen öfter kalte Hände oder Füße. 

Dienstag, 25. November 2014

Jungens sorgen für Geselligkeit.

aus scinexx                                                                                           Goliath (M.) mit Frau und Söhnen.                         

Schimpansenmütter mit Söhnen sind geselliger
Erwachsene zu beobachten hilft Jungen beim Einstieg in das Sozialgefüge der Gruppe
Die Erziehung macht's – auch bei Schimpansen: Die Affenmütter fördern das Sozialleben ihrer Söhne aktiv und mit Risiko für sich selbst, ihren Töchtern leben sie dagegen eher soziale Zurückhaltung vor. Das zeigen Beobachtungen im Gombe-Nationalpark in Tansania. Die Schimpansenmütter bereiten ihren Nachwuchs so vermutlich bereits frühzeitig auf die herrschenden Sozialstrukturen vor, berichten US-Forscher im Magazin "Proceedings of the National Acadamy of Sciences". 

Schimpansenmütter mit Söhnen sind geselliger Erwachsene zu beobachten hilft Jungen beim Einstieg in das Sozialgefüge der Gruppe Die Erziehung macht's – auch bei Schimpansen: Die Affenmütter fördern das Sozialleben ihrer Söhne aktiv und mit Risiko für sich selbst, ihren Töchtern leben sie dagegen eher soziale Zurückhaltung vor. Das zeigen Beobachtungen im Gombe-Nationalpark in Tansania. Die Schimpansenmütter bereiten ihren Nachwuchs so vermutlich bereits frühzeitig auf die herrschenden Sozialstrukturen vor, berichten US-Forscher im Magazin "Proceedings of the National Acadamy of Sciences".

Im komplexen Sozialverhalten der Schimpansen spielt die Rangordnung eine große Rolle. Das ranghöchste Männchen übernimmt die Führungsposition einer Gruppe, die anderen Gruppenmitglieder kämpfen ständig darum, ihren Status zu verbessern. Dabei gehen die Männchen alles andere als zimperlich vor und schrecken mitunter auch nicht davor zurück, den Nachwuchs andere Männchen zu töten, so dass sie sich selbst mit der Mutter paaren können. Besonders rangniedrigeren Weibchen droht diese Gefahr. Es läge also nahe, dass die Mütter junger Schimpansen sich gerade dann von Gruppen fern halten, wenn ein aggressives Männchen in der Nähe ist.

Geselligkeit bringt Risiko

Überraschenderweise gehen Schimpansenmütter dieses Risiko jedoch ein – zumindest, wenn ihr Nachwuchs männlich ist. Carson Murray von der George Washington University und seine Kollegen haben herausgefunden, dass sich das Verhalten der Schimpansenmütter stark unterscheidet, je nachdem ob sie einen Jungen oder ein Mädchen großziehen. Dies zeigen Beobachtungen der Schimpansen im Gombe-Nationalpark in Tansania, die bis in die 1960er Jahren zurück reichen.

Die Wissenschaftler analysierten anhand dieser Aufzeichnungen, wie viel Zeit Schimpansenmütter mit anderen Erwachsenen verbrachten, die keine direkten Verwandten sind. Außerdem bewerteten sie, wie groß die Gruppen waren, in denen die Mütter sich aufhielten, und wie sie zusammengesetzt waren, sowie die Zeit, die sie in gemischt-geschlechtlichen oder rein weiblichen Gruppen verbrachten.

Zwei Stunden mehr Sozialleben am Tag

Dabei zeigte sich: Mütter mit Nachwuchs - egal welchen Geschlechts - verbringen einen großen Teil ihrer Zeit allein oder mit ihren eigenen, bereits ausgewachsenen Töchtern. Dies geschieht wahrscheinlich, um die jungen Schimpansen vor aggressiven Artgenossen zu schützen. Die verbleibende Zeit verbringen die Mütter dennoch in Gesellschaft anderer Schimpansen, und hier zeigen sich Unterschiede in ihrem Verhalten: Weibchen mit Söhnen verbrachten der Studie nach pro Tag rund zwei Stunden mehr mit anderen Schimpansen und gesellten sich häufiger zu ihren Verwandten als Mütter, die eine Tochter großzogen. Auch in gemischt-geschlechtlichen Gruppen hielten sie sich während der ersten sechs Monate im Leben ihrer Kinder deutlich häufiger auf.

Schimpansenmutter (oben rechts) mit zweijährigem Sohn (links) und einem ausgewachsenen Männchen

Durch den langen Beobachtungszeitraum können die Wissenschaftler auch ausschließen, dass es lediglich individuelle Unterschiede im Verhalten einzelner Schimpansinnen sind: Dieselbe Mutter verhielt sich unterschiedlich, je nachdem, ob sie sich um männlichen oder weiblichen Nachwuchs kümmerte.

Die Forscher nehmen an, dass die Mütter ihre Söhne so auf das Gruppenleben vorbereiten: Sie geben den jungen Männchen bereits Gelegenheit, die Sozialstrukturen der Schimpansen zu beobachten. "Mütter mit jungen Töchtern vermeiden nach Möglichkeit stressige und kompetitive Situationen", fasst Murray zusammen, "während Mütter mit Söhnen solche Situationen in Kauf nehmen, um im Gegenzug ihre Söhne in das soziale Gefüge zu integrieren."

Mütter erweitern Sozialkontakte – auch beim Menschen?

Der Erfolg dieser Strategie zeigt sich, wenn die jungen Schimpansen älter werden: Im Alter von 30 bis 36 Monaten gehen Schimpansenkinder selbstständig auf Erkundungstour anstatt von ihrer Mutter getragen zu werden. Dabei entfernen sie sich auch aus dem Einflussbereich der Mutter. Das unterschiedliche Verhalten der Mutter wirkt sich nun aus: Junge Männchen interagieren häufiger mit anderen Erwachsenen außerhalb ihrer eigenen Familie, besonders mit erwachsenen Männchen. Junge Weibchen sind dagegen deutlich zurückhaltendender.

Mit zunehmendem Alter setzt sich dieses Verhalten fort: Die Männchen haben im Lauf des Tages mehr soziale Interaktionen, die Jungen beobachten die Erwachsenen und imitieren oft deren Verhalten. "Die Mütter erweitern offensichtlich die Sozialkontakte ihres männlichen Nachwuchses", sagt Murray. "Diese Erkenntnis weckt die übergeordnete Frage, inwiefern umfangreichere Sozialkontakte geschlechtsspezifisches Verhalten auch beim Menschen formen."
(PNAS, 2014; doi: 10.1073/pnas.1409507111)

(Duke University, Durham, 25.11.2014 - AKR)


Nota I. - Aber wir sind doch keine Schimpansen! - Gottlob nein, aber wir teilen mit den Schimpansen etwas, das sie von den andern großen Affen unterscheidet: die komplexe Sozialorganisation. Bei den andern bestehen mehr oder minder strenge hierarchische Pyramiden. Bei uns und den Schimpansen dagegen herrscht unterhalb der Spitze ein ständiges Gerangel um die zweiten, drittten, vierten Plätze: Alles ist in stetem Fluss. In sozialen Dingen sind wir wie in genetischen den Schimpansen enger verwandt als irgendwem sonst.

Nota II. - Ich neige nicht dazu, die schauderhaften Folgen von vierzig Jahren feministischer Tonangeberei über Gebühr zu dramatisieren. Wenn auch nicht alles lustig ist, liegt mir gemütlicher Spott doch mehr. 

Aber an einer Stelle haben sie doch nachhaltige Wirkung auf unsere gesellschaftlich-kulturellen Zustände erzielt, und daran haben wir ordentlich zu knabbern: In ihrem Eifer, die gesamte nachwachsende Generation von Homo sapiens ihrer exklusiven schwesterlichen Obhut zu unterwerfen, haben sie mit Erfolg die Männer von den Jungen und die Väter von den Söhnen entfremdet; erst so tuend, als kümmerten sich diese ohnehin nicht um jene, dann unterstellend, diese wollten auch von jenen doch sowieso immer nur...

Das war infam und ist ein ernster Schaden.

Nota III. - Und übersehen Sie nicht die kleine Perfidie am Rande: Nicht die Jungens sind es, die es zu den Männern zieht, sondern die Mütter sind es, die ihnen das erlauben! Unter eigenen Risiken, das ist wahr, aber die Initiative geht ja wohl von den Jungen aus. Denn wie mag es so gekommen sein: Ein paar Mütter haben ihre männlichen Jungen zu den Männern begleitet, und deren Junge haben überlebt? Oder: Die Jungen haben überlebt, die zu den Männern gingen und dabei von ihren Müttern begleitet wurden? - Darwin würde nicht lange nachdenken müssen.
JE

Montag, 24. November 2014

Der Name des Vaters und die Rechte der Kinder.

aus nzz.ch, 24.11.2014, 12:07 Uhr

Kinder können Familiennamen einfacher wechseln 

Will ein Scheidungskind seinen Familiennamen ändern, ist dies einfacher möglich als bis anhin. Das sagt das Bundesgericht und nimmt damit eine Klarstellung zum neuen Namensrecht vor. Seit Anfang 2013 gilt in der Schweiz ein neues Namensrecht, das nicht nur die überfällige Gleichstellung von Frau und Mann beim Familiennamen gebracht hat, sondern auch weitere Neuerungen vorsieht – so etwa beim Namenswechsel von Kindern. 

Das Bundesgericht hat nun erstmals präzisiert, unter welchen Voraussetzungen einem minderjährigen Kind ein Namenswechsel künftig zu bewilligen ist. Anlass bildete die Beschwerde eines geschiedenen Vaters. Dieser sträubte sich dagegen, dass seine 12-jährige Tochter gemäss Entscheid der Thurgauer Justiz seinen Familiennamen ablegen und jenen der Mutter annehmen durfte; die Frau trägt seit der Scheidung wieder ihren Ledigennamen und hat das alleinige Sorgerecht für das Kind. 

Das Mädchen sei erst mit 18 Jahren reif genug, um über den eigenen Namen zu entscheiden, argumentierte der Vater. Das Bundesgericht teilt diese Auffassung nicht. Entscheidend für die Namensänderung sei nicht die Volljährigkeit, sondern die Urteilsfähigkeit. Ein 12-jähriges Kind gelte gemäss Gesetz in dieser Beziehung grundsätzlich als urteilsfähig und könne das Recht auf Namensänderung selbständig ausüben; laut höchstrichterlichem Urteil ergibt sich das in Analogie zu einer anderen Bestimmung des Zivilgesetzbuches, laut der über 12-jährige Kinder unverheirateter Eltern einer Änderung ihres Familiennamens zustimmen müssen. 

Das Bundesgericht macht zudem klar, dass das neue Recht die Hürden für einen Namenswechsel gesenkt hat. So verlangt das Gesetz dafür nicht mehr «wichtige», sondern nur noch «achtenswerte Gründe». Die Lausanner Richter rücken deshalb von ihrer bisherigen zurückhaltenden Praxis ab, wonach der Wunsch des Kindes, so zu heissen wie die Mutter, für einen Namenswechsel nicht genügte. Neu soll bereits das nachgewiesene Bedürfnis des Kindes, den Familiennamen jenes Elternteils zu tragen, der die elterliche Sorge innehat, grundsätzlich als «achtenswerter Grund» gelten. 

Allerdings müssten die Umstände des Einzelfalles sorgfältig abgeklärt werden, da die Namensänderung eine weitere Trennung vom anderen Elternteil bewirken könne, heisst es im Urteil. Im vorliegenden Fall sieht das Bundesgericht die Voraussetzungen als erfüllt. Das Mädchen, dessen Eltern sich kurz nach seiner Geburt getrennt hatten, lebt seit je bei der Mutter und führt im Alltag und in der Schule deren Namen. – Nicht immer dürften die Gesuche um Namenswechsel so klar zu beurteilen sein. Wie sich die Rechtsprechung zum Namensrecht entwickeln wird in jenen Fällen, in denen das Kind nicht bei einem Elternteil allein aufwächst, sondern in denen sich Mutter und Vater Betreuung und Sorgerecht teilen, muss sich erst noch weisen.

Urteil 5A_334/2014 vom 23. 10. 14 – BGE-Publikation.

Nota. -  Das wäre erstens rückhaltlos zu begrüßen, wenn die schweizer Gerichte fortan dieselbe (unsexistische) Sorgsam- keit gegenüber dem Kindeswohl walten ließen, wenn es um die Erteilung der Sorgerechts geht: Bei wem ist das Kind besser aufgehoben? 

Und wäre zweitens rechtlich unproblematisch, wenn auch sonst dem Willen eines zwölfjährigen Kindes die gebührende Achtung geschähe. Dass Kindern im Sexualstrafrecht ein "wirksames Einverständnis" generell bestritten wird, hat rechts- pragmatisch gute Gründe, weil anders die Richter grundsätzlich überfordert wären. Aber der rechtlichen Stellung der Kinder in der Gesellschaft tut es nachhaltigen Abbruch. Demgegenüber wirken Gerichtsentscheidungen wie die hier zitierte wie ein Heftpflaster auf einem gebrochenen Schienbein.
JE

Sonntag, 23. November 2014

Leichenfledderer.

aus Der Standard, Wien,  22./23.11.2014)                                                                                              Frauenprotest trifft Mode-Chichi: Als Karl Lagerfeld seine Models bei der Paris Fashion Week im September mit Pseudoslogans ausstattete, gingen die Wogen hoch.

Wenn Feminismus sexy wird 
Feminismus verkauft sich: Ob als politisches Label, auf dem Buchmarkt oder in sozialen Medien - 2014 ist die gute alte Frauenbewegung ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Doch was bedeutet das für die Gleichberechtigung?

von BEATE HAUSBICHLER

Das Stangenschild, ein treuer Begleiter der Frauenrechtlerin. Ob beim Kampf für dasFrauenwahlrecht um die Jahrhundertwende oder bei den Protesten der zweitenFrauenbewegung ab den 1970er-Jahren. Gegen Gewalt, für das Recht auf Abtreibung oder gegen ein Familienrecht, das den Mann zum "Oberhaupt" erklärt. Nachdem der Schilderwald durch die digitale Konkurrenz durch politische Blogs oder Twitter-Aktivismus etwas aus der Mode gekommen war, ist er 2014 wieder in: Im September gestaltete Karl Lagerfeld eine Modenschau im Stile einer 70er-Jahre-Frauendemo. Mit dem Schild in Modelhand wurde "Feminism not masochism" oder "Women's rights are more than alright" auf einem Pariser Laufsteg skandiert.
Ist das der Ausverkauf einer politischen Bewegung? Schließlich widerspricht dieser medienwirksame Auftrieb so ziemlich allem, wofür die zweite Frauenbewegungkämpfte: von Kapitalismuskritik bis hin zu normierten Körpern. Oder gilt auch für den Feminismus der PR-Spruch "Lieber schlechte Publicity als keine"?

"Feminismus ist chic & sexy", wurde Lagerfelds Show kommentiert, Superstar Beyoncé Knowles performte bei den MTV Video Music Awards im August vor der riesigen Leuchtschrift "Feminist". Und der Buchmarkt schwört sich mit zahlreichen Feminismus-Publikationen schon länger darauf ein, dass sich Feminismus verkauft. In Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene erklärt die deutsche Autorin Julia Korbik in kleinen Häppchen und im Look eines Coffee-Table-Buches die Bewegung. In Schneewittchenfieber sorgt sich die österreichische Journalistin Angelika Hager um die Bereitschaft von jungen Frauen zur unbequemen Emanzipation, und auf der Rückseite des im Herbst erschienenen Buches der deutschen Netzaktivistin Anne Wizorek Weil ein #Aufschrei nicht reicht heißt es schlicht, aber begeistert: "Feminismus? Fuck Yeah!"
Prägnante Botschaft von US-Superstar Beyoncé Knowles während ihres Auftritts bei den MTV Video Music Awards.

Auch in Österreich erwachte der "Feminismus" aus dem Dämmerschlaf und löste tumultartige Debatten aus. Ab dem Frühjahr redeten sich alle zur geschlechterneutralen Sprache - Stichwort Binnen-I - die Köpfe heiß. Wer das Mandat der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer erhält, löste in der SPÖ einen veritablen Streit über die Frauenquote aus. 2014 hat sich außerdem das Wort "Genderwahn" etabliert, das Kandidat für das Wort des Jahres ist. Nicht zu vergessen die sozialen Medien, wo sich Politikerinnen und das gemeine Volk feministisch zeigen.
Auf Twitter etwa mit dem Stichwort #heforshe, damit sich mehr Männer im Feminismus engagieren, mit #bringbackourgirls gegen die Entführung von Schülerinnen durch die Islamisten, und unter #thisiswhatafeministlookslikeposten Männer und Frauen Fotos von sich, um Feminismus ihr Gesicht zu verleihen.
Keine Veränderung in Sicht
Ganz gleich, ob Feminismus als Produkt, Accessoire oder als Angriffsfläche auftaucht - die Aufmerksamkeitskurve geht steil nach oben. Doch was bedeutet das für die Inhalte des neuerdings als "sexy" geltenden Feminismus? Also für jenefrauenpolitischen Themen, die sich - weniger sexy - seit Jahrzenten in nur sehr geringen Variationen wiederholen? Der aktuelle Global Gender Gap Report des World Economic Forum macht folgende Rechnung auf: Bei der ökonomischen Teilhabe schließt sich die Lücke zwischen Mann und Frau - bei gleichbleibendem Fortschrittstempo - erst im Jahr 2095. Auch in Österreich bewegt sich wenig: Die Gehaltsdifferenz liegt konstant um die 22 Prozent, und die gläserne Decke ist stabil: Der Männeranteil in den Aufsichtsräten der 200 umsatzstärksten Unternehmen liegt 2014 bei 86 Prozent. Doch Männer beanspruchen nur fünf Prozent der gesamten Karenzzeiten.
Also doch nur viel Lärm um wenig Fortschritt? Die Erforschung politischer Diskurse hat gezeigt, dass keine dieser Ebenen - egal ob Populärkultur, Politik oder mediale Öffentlichkeit - von den jeweils anderen unbeeindruckt bleibt. "Ein Diskurs kann politische Fakten schaffen, und gesetzgeberische Maßnahmen können wiederum auf öffentliche Debatten wirken", sagt Rudolf de Cillia vom Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.
Andererseits könnten sehr präsente Diskussionen auch verschleiernd wirken; es würde zwar intensiv diskutiert werden, in Wirklichkeit geschehe aber nichts. Auch würden bestimmte Begriffe von politischen Kräften erfunden und gezielt eingesetzt werden, führt der Linguist aus. Bei "Genderwahn" gehe es ganz klar darum, Menschen zu diffamieren, die sich gegen Diskriminierung einsetzen. Daran ließe die negative Konnotation zu "Wahn" keinen Zweifel.
Tussikratie und MenschInnen
Die Sprachwissenschafterin Karin Wetschanow sieht in den Debatten des Jahres 2014 dennoch viel Potenzial, auch wenn sie nicht immer differenziert verlaufen sind - Stichwort geschlechterneutrale Sprache. "Allein dass debattiert wird, heißt, dass Politik passiert", meint die ebenfalls am Institut für Sprachwissenschaft beschäftigte Linguistin. Gerade heuer sei außerdem deutlich geworden, dass es längst nicht mehr bei den genannten frauenpolitischen Klassikern bleibt und feministische Forderungen, wie die nach dem Ende starrer Geschlechterrollen und Zwänge, weite Kreise ziehen. "Auch Conchita Wurst personifiziert das Thema Gender", für Wetschanow ein prominentes Beispiel, wie neue gesellschaftliche Verhältnisse ausgehandelt werden können.
Dieser Debatte nehmen sich auch immer mehr Publikationen an. Lust auf diese Bücher sollen auch jene haben, die sonst mit diesem Schlagwort nichts anfangen können. So gibt man sich den Anstrich, Möglichkeiten einer gleichberechtigten Zukunft auszuloten - ein kleiner Schuss Sexismus inklusive: Laut Tussikratie habenFrauen dank ihrer "Ich-Besessenheit" an echter Gleichberechtigung vorbeigearbeitet, meinen die Autorinnen Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling. Auch Angelika Hager kritisiert in Schneewittchenfieber an jungen Frauen, dass sie auf Gleichberechtigung pfeifen und sich lieber daheim einkuscheln. Megastars wie Lady Gaga würden, so Hager, der Sache auch nicht helfen, wenn sie in "Nuttenfähnchen durch die Gegend staksen". Mit frauenfeindlichem Vokabular fehlendes politisches Rückgrat rügen? Will sich Feminismus verkaufen, muss er einiges einstecken.
cover: verlage heyne, rogner & bernhard, fischer, kremayr & scheriau
Lust auf die vielen "Feminismus"-Bücher sollen auch jene haben, die sich ansonsten mit diesem Schlagwort nicht wohlfühlen.

Birgit Sauer, Politikwissenschafterin an der Universität Wien, sieht im Genderwirbel auch gezielte Kampagnen gegen Gleichberechtigung. Durch bestimmte Debatten wird eine "gefühlte Überrepräsentanz von Frauenthemen gebasht", ist sie überzeugt. Sauer erinnert etwa an das Buch der FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz,MenschInnen (2008), in dem Rosenkranz vor der Durchsetzung "des geschlechtslosen Menschen" in allen gesellschaftlichen Bereichen warnt. Und die heurige Diskussion um geschlechterneutrale Sprache in Österreich sieht Sauer als "strategischen Backlashdiskurs", dessen Ausgangspunkt sie auch in rechtspopulistischen Kreisen verortet.
Ein steigender Feminismus-Trend auf der einen und oftmals aggressiv verlaufende Diskussionen auf der anderen Seite. Für Birgit Sauer liegt ein Grund für diese Kluft darin, dass zwar schnell Einigkeit darüber herrscht, dass Frauen nicht benachteiligt werden sollten. "Trotzdem existieren noch immer tiefsitzende Vorstellungen davon, was Frauen und Männer tun sollten und wie sie sein sollten", sagt sie. An den Unis gäbe es etwa den Konsens, dass Frauen bei der Besetzung einer Professur nicht benachteiligt werden dürfen. "Wenn es aber bei Bewerbungen konkret darum geht, zu berücksichtigen, dass viele Frauen wegen familiärer Betreuungsaufgaben und Lehrbelastung weniger reisen konnten oder eine geringere Menge an Publikationen haben, dann hört es sich auf", erzählt Brigit Sauer.
Frei von Diskriminierung qua Geschlecht und selbstbestimmt - hehre, wenn auch sehr abstrakte Ziele des Feminismus. In dieser Abstraktion hat es Feminismus auf die Agenda geschafft. Auch zum Preis seiner politischen Schlagkraft und marktkonformer Sexyness. Aber immerhin ist die Debatte dort, wo sie hingehört: in der Mitte der Gesellschaft.  
Bücher
  • Anne Wizorek: Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von Heute. Fischer-Verlag 2014, 336 Seiten, 15,15 Euro
  • Angelika Haager: Schneewittchenfieber. Warum der Feminismus auf die Schnauze gefallen ist und uns das Retro-Weibchen beschert hat. Kremayr & Scheriau Verlag 2014, 190 Seiten, 22,90 Euro
  • Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling: Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können. Heyne-Verlag 2014, 317 Seiten, 17,50 Euro
  • Julia Korbick: Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene.Rogner & Bernhard Verlag 2014, 416 Seiten, 22,90 Euro

Nota. - Da heißt die Parole Ausschlachten, bevor der Leichnam zu riechen beginnt. - Mädels, wir haben das Geplärr satt. Selbst kreischen lässt uns inzwischen kalt. Es ist einfach nicht wichtig.
JE

Freitag, 21. November 2014

Was können die von Kindern schon wollen?

aus Die Presse, Wien, 21. 11. 2014

Kindergarten: Förderungen an Männer knüpfen? 
Experte Koch schlägt finanzielle Anreize vor, um den Männeranteil zu erhöhen. Männliche Betreuer seien oft unter Generalverdacht.

Nur ein bis zwei Prozent der Kindergartenbetreuer in Österreich sind männlich. Und das, obwohl Männer im Kindergarten nach Ansicht von Bildungswissenschafter Bernhard Koch von der Universität Innsbruck nur Vorteile bringen. Die Politik müsse hier aktiver sein, fordert er etwa finanzielle Anreize für Kindergärten und Ausbildungseinrichtungen.

Dass Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) entsprechende Kampagnen angekündigt hatte, begrüßt der Experte – er fordert auch, dass sich Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) darum kümmert. Es brauche klare, starke Signale, dass Männer willkommen seien. Eine Möglichkeit wäre nach Kochs Ansicht, mittels finanziellen Förderungen Männer im Kindergartenbereich zu fördern, damit sich die Kindergärten verstärkt bemühen, Männer zu akquirieren. Auch bei der Ausbildung könnte man Förderungen für Männer reservieren, so würden die Kindergartenschulen gezwungen, an ihrem Image zu arbeiten.
Von der Politik fordert Koch außerdem, die Ausbildung auf ein "modernes Niveau" zu heben. Sinnvoll wären generell auch ein höheres Einstiegsalter in die Ausbildung sowie die Angleichung des Gehalts mindestens auf Lehrerniveau, regt der Experte an.
Männliche Betreuer unter Generalverdacht
Gründe für den hierzulande äußerst niedrigen Männeranteil gibt es viele, erklärte Koch, der am Donnerstagnachmittag auch einen Vortrag bei der Veranstaltung "Kinderbetreuung - eine multidisziplinäre Bestandsaufnahme" des Instituts für Familienforschung in Wien hielt. Sehr stark wirke etwa das Image des Berufs, also die Verknüpfung "Mütterlichkeit - oder Frau - und Kind", erläutert der Experte. Beim Vater schwinge dagegen oft ein Gewaltbild mit. Männliche Betreuer stünden von außen oft auch unter Missbrauchsverdacht - eine "Diskriminierung allein aufgrund des Geschlechts".
Die Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (Bakip) seien außerdem aus Schulen für Mädchen entstanden - ein Schwerpunkt Singen sei eben für junge Burschen nicht so attraktiv wie etwa ein Bewegungsschwerpunkt. Ein weiterer Hinderungsgrund für Männer sei, dass in der öffentlichen Darstellung immer auf das geringe Gehalt von Kinderbetreuern Bezug genommen werde, obwohl es auch schlecht bezahlte "Männerberufe" gebe, wo dieses Argument aber nicht verwendet werde.
"Männlicher Anker" im Kindergarten

Dabei hätten mehr Männer im Kindergarten viele Vorteile, meint Koch: Immer mehr Kinder wachsen ohne Männer als Bezugsperson auf. Aber auch Väter hätten so einen "männlichen Anker" im Kindergarten. Positiv wirken sich Männer laut Koch auch auf die Vielfalt von Angeboten aus, gebe es doch Hinweise, dass weibliche Betreuer beispielsweise eher ruhiges Spielen bevorzugen, männliche eher Bewegung. Auch das "Bild des fürsorglichen Mannes" werde so durch eine Person rasch verbreitet. Teams mit Männern berichteten darüber hinaus etwa von besserer Kommunikation, während die Gesellschaft insgesamt im Sinne der Geschlechtergleichstellung profitiere.
Und die Nachteile? "Real sehe ich keine", erklärte Koch. Aus Befragungen weiß er aber über eine gewisse Skepsis zu berichten, dass die Männer dann auch Leitungspositionen einnehmen und "Machtverhältnisse umkehren".


Montag, 17. November 2014

Pappa war ein rolling stone.

aus scinexx


Warum haben Männer oft die bessere Orientierung?
Forscher finden möglichen Grund dafür bei zwei Naturvölkern


Warum haben Männer meist eine bessere räumliche Orientierung als Frauen? Eine Expedition zu zwei Naturvölkern in Namibia liefert eine mögliche Antwort: Die Männer, die die bessere räumliche Vorstellung haben, kommen bei diesen Völkern auch weiter herum – und zeugen daher auch mehr Kinder mit verschiedenen Frauen. Das könnte auch bei unseren Vorfahren so gewesen sein – und den Geschlechtsunterschied bei dieser Fähigkeit erklären, so die Forscher
Ob beim Computerspiel Tetris, dem Packen eines Kofferraums oder der Orientierung im Gelände: Studien zeigen, dass Männer im Durchschnitt ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen besitzen als Frauen – und das über alle Kulturen hinweg. "Unter den Geschlechtsunterschieden, die man immer wieder in psychologischen Studien findet, sind die räumliche Vorstellung und die Orientierung besonders stark ausgeprägt, bei beiden schneiden Männer besser ab", erklärt Studienleiter Layne Vashro von der University of Utah in Salt Lake City. 

Warum hatten Männer mehr Vorteile davon?



Warum das so ist, dazu gibt es schon länger eine Theorie: "Man benötigt einen guten Orientierungssinn, um erfolgreich zu navigieren und das wiederum ist nötig, damit man weite Strecken auch in unbekanntem Gelände zurücklegen kann", erklärt Vashros Kollegin Elizabeth Cashdan. "Die große Frage ist aber, warum das für Männer einen größeren Vorteil haben soll als für Frauen." 

Eine Möglichkeit wäre, dass Männer, die weit herumkommen, mehr Chancen hatten, eine Partnerin zu finden und deshalb auch mehr Nachwuchs zeugten. Oder aber dass Jäger, die auch von fern mit Beute zurückfinden, bei den Frauen besser ankamen. Handfeste Belege gibt es jedoch bisher für diese Kette der möglichen Zusammenhänge kaum, wie die Forscher berichten. Sie haben daher die Chance genutzt, dies bei zwei Naturvölkern in Namibia, den Twe und den Tjimba, zu untersuchen.


Besuch bei den Twe und Tjimba


Beide Naturvölker leben halbnomadisch in einer halbtrockenen, bergigen Umwelt. In der Regenzeit bestellen sie Gärten in den Tälern, in der Trockenzeit leben sie in Camps in den Bergen, wo sie sammeln und jagen. "Sie navigieren dabei zu Fuß durch offenes Gelände, wie es viele unserer Vorfahren taten", sagt Vashro. Ein weiterer günstiger Umstand: Affairen und Kinder von verschiedenen Männern oder Frauen sind in diesen Kulturen völlig normal und akzeptiert.

Für ihre Studie testeten die Forscher zunächst, wie gut das räumliche Vorstellungsvermögen bei den Männern und Frauen der Twe und Tjimba ist. Dafür zeigten sie ihnen am Laptop beispielsweise verschieden gedrehte Bilder einer Hand und die Probanden sollten angeben, ob eine rechte oder linke Hand dargestellt war. In einem weiteren Test sollten die Teilnehmer angeben, welches gekippte Glas dem Wasserstand eines stehenden entsprach. 

Besser im Test - weiter gewandert


In beiden Tests schnitten die Männer besser ab – was dem typischen Ergebnis für solche Tests entspricht, wie die Forscher berichten. Interessant wurde es, als die Forscher nun ihre Probanden danach fragten, wie viele andere Orte sie im vergangenen Jahr besucht hatten und wie weit sie sich dabei maximal von ihrem Lager entfernt hatten. Wie erwartet waren die Männer weiter herumgekommen als die Frauen. 

Aber: Die Männer, die zuvor bei den Rotationstests besonders gut abgeschnitten hatten, waren deutlich weiter herumgekommen als ihre räumlich weniger begabten Geschlechtsgenossen. "Damit haben wir nun den Zusammenhang zwischen dem räumlichen Vorstellungsvermögen und der Größe des Einzugsgebiets hergestellt", sagt Vashro.

Wer weiter herumkommt, hat mehr Kinder


Und auch den nächsten Schritt in der Kette konnten die Forscher nachweisen: Die Männer, die am weitesten gewandert waren, hatten auch mehr Kinder von verschiedenen Frauen – genau das, was man erwarten würde, wenn die Theorie stimmt. "Das ist genau das was an erwarten würde, wenn Sex und Nachkommen die Belohnung für bessere Orientierung und weitere Reisen sind", konstatiert Vashro. "Damit ist dies das erste Mal, dass jemand die Verbindung belegt hat zwischen räumlichem Vorstellungsvermögen, Navigation, Gebietsgröße und dem Fortpflanzungserfolg." Der größere Erfolg guter Navigatoren bei der Partnerwahl und Fortpflanzung könnte demnach tatsächlich eine der Triebkräfte gewesen sein, die im Laufe der Zeit Männern ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen bescherten als Frauen. (Evolution and Human Behavior, 2014)

Nota. - Dass Jäger, die in die Weite streifen, bei der Jagd erfolgreicher sind als Nesthocker, wäre eine naheliegende Idee, und dass sie sich erfolgreicher fortpflanzen, liegt nahe. Eben - zu nahe. Das ist den Gender-verzückten Forschern unserer Tage zu trivial. JE 



Samstag, 15. November 2014

Männlicher Wissenschaftsskandal.

aus Süddeutsche.de, 15. 11. 2014                                                        Matt Taylor auf der Pressekonferenz zur Philae-Mission

...Einige Zuschauer hielten das Hemd, auf dem viele leichtbekleidete, vollbusige Comicfrauen abgebildet waren, für unangebracht oder gar sexistisch. Nun hat der Physiker Taylor sich öffentlich für seine modische Entgleisung entschuldigt. Er habe mit seiner Kleidung niemanden beleidigen wollen, sagte der 41-jährige Brite unter Tränen. Dass er das Hemd getragen habe, sei ein "großer Fehler" gewesen. Dieses Mal trug er eine dunkle Kapuzenjacke (hier die komplette Pressekonferenz).


Die Erklärung Taylors wurde im Netz positiv aufgenommen. Die Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Gibney beurteilte die Entschuldigung auf Twitter als "gute Sache", die Physikerin Clare Nellist zeigte sich beeindruckt von Taylors Schritt an die Öffentlichkeit. 

Allerdings mehren sich in den sozialen Netzwerken auch Stimmen, die die ganze Aufregung um das Hemd nicht nachvollziehen können.

Auf Twitter war unter den Hashtags #shirtgate und #shirtstorm eine Diskussion darüber entbrannt, ob Taylors Hemd frauenfeindlich sei oder nicht. Manche User interpretierten das Oberteil Frauen gegenüber als beleidigend, da sie in der männerdominierten Physik einen schweren Stand hätten und durch solche Darstellungen abgewertet würden.


Nota. - Das Datum der Meldung ist kein Tippfehler; es soll wirklich 15. heißen und nicht 11. 11.
JE




Freitag, 7. November 2014

Frauen riechen besser.

aus scinexx

Warum Frauen besser riechen können
Weiblicher Riechkolben enthält doppelt so viele Hirnzellen wie bei Männern
 
Sensibles Näschen: Frauen nehmen Gerüche sensibler wahr als Männer. Warum das so ist, haben jetzt brasilianische Forscher aufgedeckt. Demnach haben zwar beide Geschlechter fast gleich viele Riechrezeptoren in ihrer Nase, dafür besitzen Frauen fast doppelt so viele Neuronen im Riechkolben ihres Gehirns. Ihre Geruchsverarbeitung ist daher deutlich besser, wie die Forscher im Fachmagazin "PloS ONE" berichten.
 
Beobachtungen und Experimente zeigen es: Frauen reagieren sensibler auf Gerüche als die meisten Männer. Warum das aber so ist, blieb bisher ein Rätsel. Denn Männer und Frauen besitzen ungefähr gleich viele Riechrezeptoren in der Nase, wie Untersuchungen ergaben. An einer besseren Aufnahme der Duftreize kann es daher eigentlich nicht liegen. Zudem ist das Volumen des Riechkolbens bei Männern sogar größer als bei Frauen, wie Hirnscans zeigen – auf den ersten Blick scheint also auch dort nicht die Erklärung für das feinere Näschen zu liegen.

Zellen zählen im Riechkolben

Oder vielleicht doch? Hirnscans können nur grobe Strukturen abbilden, wie Ana Oliveira-Pinto von der Universität von Rio de Janeiro und ihre Kollegen erklären. Die Zahl der Zellen in einem Hirnareal lässt sich damit nicht ermitteln – und dieses gibt meist ein besseres Bild der Komplexität und Leistungsfähigkeit eines Gehirnbereichs.

Um das Rätsel der weiblichen Geruchssensibilität zu lösen, nahmen sich Oliveira-Pinto und ihre Kollegen daher den Reichkolben echter Gehirne vor. Dafür holten sie von Angehörigen von 18 Verstorbenen – sieben Männern und elf Frauen - die Einwilligung ein, die Gehirne der Toten sezieren zu dürfen. Für ihre Studie lösten sie die Riechkolben der Toten heraus und ermittelten zunächst das Volumen dieses Areals. Dann lösten sie das Gewebe auf, so dass die einzelnen Zellen in einer Lösung schwammen und gezählt werden konnten.

Die Reize der Rezeptoren in der Nase gehen an die  Riechkolben im Gehirn.
Die Reize der Rezeptoren in der Nase gehen an die Riechkolben im Gehirn.
Doppelt so viele Hirnzellen

Das Ergebnis fiel überraschend deutlich aus: Obwohl der Riechkolben bei Frauen sogar etwas leichter war als bei den Männern, enthielt wie weibliche Variante erheblich mehr Zellen. 16,2 Millionen Zellen pro Riechkolben ermittelten die Forscher für die Frauen, nur 9,2 Millionen bei den Männern. Und bei den Neuronen, den für die Verarbeitung wichtigen Hirnzellen, war der Unterschied sogar noch deutlicher: Den 6,9 Millionen Neuronen bei den Frauen standen nur 3,5 Millionen Neuronen bei den Männern gegenüber – dies entspricht einer Differenz von 49,3 Prozent, wie die Wissenschaftler berichten.

Auch wenn Größe und Masse des Riechkolbens berücksichtigt wurden, änderte sich dieses Bild nicht: Die Zelldichte war bei den Frauen fast doppelt so hoch. Das aber bedeutet auch, dass Mädchen schon mit diesem olfaktorischen Vorsprung geboren werden. Denn im Laufe des Lebens verändert sich die Zahl der Zellen im Riechkolben kaum, wie die Forscher erklären.

Gleiche Nase, aber differenziertere Verarbeitung

Aber erklärt die höhere Zellzahl auch die feinere Nase der Frauen? Nach Ansicht von Oliveira-Pinto und ihren Kollegen ist das durchaus der Fall. "Im Allgemeinen besitzen Gehirne mit einer größeren Anzahl von Zellen eine höhere funktionelle Komplexität", erklären sie. Und gerade beim Reichkolben sei die Zahl der Hirnzellen sehr eng mit seiner Funktion verknüpft. "Es erscheint daher plausibel, dass eine größere Zahl von Neuronen im Riechkolben den Frauen auch eine größere Sensibilität für Geruchsreize verleihen", sagt Seniorautor Roberto Lent von der Universität von Rio de Janeiro.

Die Aufnahme der der Geruchsreize und ihre Übertragung ans Gehirn ist dabei vermutlich bei beiden Geschlechtern gleich gut. Denn beide besitzen gleich viele Riechrezeptoren. Aber die Verarbeitung dieser Reize sei bei Frauen differenzierter als bei Männern, erklärt der Forscher. (PloS ONE, 2014;
doi: 10.1371/journal.pone.0111733)
 
(Publicase Comunicação Científica, 07.11.2014 - NPO)


Nota. - Warum denn dieses? Weil Frauen in der Zeit der Jäger und Sammler mit der Nase am Boden nach Trüffeln schnupperten, während die Männer auf der Jagd als Neulinge den Hyänen und Geparden in der Hinsicht sowieso hoffnungslos unterlegen waren?

Na, aber vielleicht, weil es der weibliche Teil ist, dem die Zuchtwahl zufällt, und die Pheromone der Männer mehr über sie verraten, als sie zugeben würden.
JE