Sonntag, 22. Mai 2016

Ein lila Pudel hat die Faxen dicke.

aus NZZ am Sonntag, 21.5.2016, 11:34 Uhr


49 Prozent
Liebe Lesende, das klingt doch scheusslich
Unser Autor hat entdeckt, dass er offensichtlich sexistisch veranlagt ist: Ausdrücke wie «Schmetterlingsforscherinnen und Schmetterlingsforscher» bringen seinen Schreibfluss zum versiegen. Auch wenn es ihm nicht schmeichelt, kann er damit leben.

von Patrick Imhasly

Ich bin ein Sexist. Allerdings ist mir das erst vor ein paar Wochen bewusst geworden. Eine sehr gute Freundin machte mir an einem vorerst entspannten Jassabend klar, dass sie sich von meinen Texten für diese Zeitung nicht angesprochen fühle. Der Grund: Ich verwendete in meinen Artikeln die weibliche Form meistens nicht explizit – selbst wenn Frauen mitgemeint seien. Sie monierte weiter, dass ich nicht einmal konsequent geschlechtsneutral formulierte.

Ich muss gestehen: Die Doppelnennung der beiden Geschlechter – «Schmetterlingsforscherinnen und Schmetterlingsforscher» – bringt meinen Schreibfluss zum Versiegen, verklemmte Konstrukte im Stile von «die Zuhörenden waren begeistert von den Singenden» malträtieren mein Sprachgefühl. Und von Verrenkungen wie dem Gender-Gap in «Verkäufer_innen» oder dem Gender-Sternchen in «d** Lese**» bin ich intellektuell überfordert.

Stattdessen halte ich mich an den gesunden Menschenverstand und rede zum Beispiel von «Frauenärztinnen», weil auf dem medizinischen Fachgebiet der Gynäkologie tatsächlich mehrheitlich Frauen tätig sind. Die Erkenntnis, dass ich in meiner sprachlichen Ausdrucksweise offensichtlich sexistisch veranlagt bin, schmeichelt mir nicht, aber damit kann ich leben.

In erster Linie bin ich aber erstaunt darüber, dass solche Themen überhaupt noch durch die Geschlechterdebatte geistern. Ich dachte, über die normierende Kraft der Grammatik habe man in den siebziger Jahren zum letzten Mal gestritten. Das war ein gewaltiger Irrtum: Jüngst ist es an der Universität Bern zum Eklat gekommen, weil die Hochschule schweizweit mit Plakaten für ihre Master-Informationstage warb, auf denen der Slogan «Werden auch Sie Meister Ihres Fachs» zu lesen war. Genderforscherinnen waren empört über die Verwendung der männlichen Formulierung, die darüber hinaus mit einem japanischen Bogenschützen illustriert war. Unglücklicherweise verstiessen die Marketingverantwortlichen der Universität damit gegen den eigenen «Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache», der in derselben Woche publiziert worden war.

Ich war auch naiv genug zu glauben, die Zeiten seien längst vorbei, wo Unterschiede zwischen den Geschlechtern bloss soziale Konstrukte waren, Männer als defizitäre Kategorie galten oder Väter nur einen indirekten Wert als finanzielle Absicherung der Familie hatten. Doch noch im letzten Oktober forderten in Deutschland während einer Aktionswoche Dutzende von Studentinnen- und Studentenvertretungen und sogar ein Uni-Institut in Berlin «All gender welcome Toiletten». Mit dieser Massnahme soll die «strukturelle Gewalt durch binäre zwangsgegenderte öffentliche Klos» gebrochen werden, wie die «Süddeutsche Zeitung» schrieb.

Und in England wollen Forscherinnen der University of East Anglia allen Ernstes Gender-Stereotypen im Sport überwinden, indem sie junge Männer in Glitzerkleidchen stecken und gemischte Cheerleading-Teams bilden. Die ersten Erfahrungen seien positiv, so die Fachfrauen: Dem Team zuliebe freundeten sich die Männer auch mit Tanzbewegungen an, die gemeinhin eher als weiblich gälten.

Warum diese Gefechte auf Nebenschauplätzen? Frauen und Männer sind nun einmal verschieden, und das ist gut so. Tatsache ist: Die Frauen wurden jahrhundertelang unterdrückt, dann waren sie jahrzehntelang in der Opposition, wo frau sich mit radikalen Positionen Gehör verschaffen musste. Heute aber sind die Frauen in unterschiedlichsten Rollen in der Gesellschaft erfolgreich, und Eigenschaften wie Flexibilität und soziale Intelligenz sind auf dem Arbeitsmarkt gefragter denn je. Der Geschlechterkampf mittels Sprachdoktrin und Gleichmacherei hat sich überholt. Im dritten Jahrtausend geht es nach den Worten endlich um Taten: um gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder um faire Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit. Davon werden auch die Schmetterlingsforscherinnen profitieren.

Patrick Imhasly ist Redaktor im Ressort Wissen der «NZZ am Sonntag».


Nota. - Haben sich deutsche Männer je darüber beschwert, dass sie im Plural alle die hißen und sogvar auf dem Standesamt, wo sie (!) es besser wissen müssten, mit Sie angeredet werden? Mir verursacht es täglich Seelenpein, aber mann darf ja als Mann nix sagen.

Was ist mit den EngländerN? Ein englischer man muss erst einen he-man abgeben, wenn er ident-autentisch sein will, sonst könnte er zum erzwungenen Transgender werden. Das ist doch nicht gerecht, wo bleibt da der Schutz der Minderheiten (49%)?

Ganz schlimm sind die ArabeR dran. In ihrer Sprache gibt es kein grammatisches Geschlecht, nichtmal grammatischeS Gender. Die strukturelle Gewalt einer geschlechtsneutralen Sprache erweist sich in der sprichwörtlichen Gleichstellung von Mann und und Frau (ich versuche mich zu emanpizieren; früher hätte ich Frau und Mann geschrieben) in all den Ländern, wo Allah weder männlich noch weiblich ist.
JE

Samstag, 14. Mai 2016

Der Mann im Kind.

 aus NZZ am Sonntag, 14.5.2016,



Bagger-Liebe
Der Mann im Kinde
Sehen Buben einen Bagger, drehen sie durch. Auch Gender-Pädagogik scheint nichts daran zu ändern. Warum? Wir haben tief gegraben  und interessante Theorien ans Licht gebracht.

von Barbara Höfler 

In englischsprachigen Ländern ist «Moon River» von Audrey Hepburn das meistgesungene Lied zum Einschlafen. In deutschsprachigen Kinderzimmern ist es «Schlaf Kindlein, schlaf». Bei uns zu Hause hauche ich jeden Abend im Tempo des Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie folgende Zeilen ins Ohr meines Sohnes: «Mir fliegt der Draht aus der Mütze, und mein Bruch tritt raus. So ’n Krach hält doch kein Mensch mehr aus. Ich schau aus’m Fenster und glaub, ich schiel, weil mein Gartenzaun grad in sich zusammenfiel.»



Das ist «Bodo mit dem Bagger» von Mike Krüger, 1983. Mein Sohn wird nächstens vier. Seit über drei Jahren singe ich jeden Abend Bodo. Würde ich Bodo nicht singen, würde das Kind nicht einschlafen. Eines der schlechtesten Lieder der achtziger Jahre ist mein persönlicher Tinnitus. Bodo taucht in den unpassendsten Situationen in meinem Kopf auf. Und Baumaschinen sind seine RAL-1007-gelben optischen Brüder. Seit das Kind da ist, schaufeln an jeder Strassenecke Bagger, parkieren in jeder Senke welche, lugen welche hinter jeder Garage hervor. Enthusiastisch informiert mich der Sohn auch über jeden Radlader, Kran, Muldenkipper und Betonmischer. Baumaschinen überall! Eines Tages werde ich wahnsinnig. Aber ich bin nicht allein. Ich teile das Massenschicksal aller Eltern, deren Kind ein Bub ist.

Mähdrescher und Traktoren

Im gesamten Bekanntenkreis gibt es keinen einzigen Buben, der nicht auf Baustellen steht. Allenfalls unterscheidet sich die Ausprägung graduell. Allenfalls stehen manche zusätzlich auf Mähdrescher und Traktoren. Im Kern ist das aber dasselbe: die ultimative Fetischisierung grosser, mächtiger Maschinen, die alles unter sich zermalmen könnten. Und ein damit einhergehendes, fast mystisches Verlangen nach immer noch mehr Ikono­grafie: Baggerbettwäsche, Schubraupen-Strumpfhosen, elektrische Zahnbürsten von Bob dem Baumeister und LKW-Ladungen voll Baustellenfahrzeugen.

These 1: Weite Teile des Nachwuchses werden mit Baustellen in der Schwangerschaft angefixt.
Mythos Bagger: Baggerfahrer stehen für Buben über Jesus, Vater und Mutter, Bagger­gruben sind ihre Transzendenz.
Praktisch vom Tag null an scheinen Buben zu ahnen, dass Baustellen der sinnstiftende Faktor ihres Lebens sein werden. Wie Schwämme saugen sie unnützes Wissen über Raupenketten, Stemmmeissel oder das Mischungsverhältnis von Verfüllbeton auf. Viele können gerade erst Mama sagen, bringen logopädisch einwandfrei aber schon Caterpillar Cat-Rad-Dozer 854K über die Lippen. Es ist eines der grössten Rätsel der modernen Pädagogik – zumindest meiner –, wie es dazu kommt.

Grossprojekt «Neue Frau»

Am Vater liegt es bei uns nicht. Wir leben getrennt, und er ist Germanist. Die Manie unseres Sohnes haben wir weder angezettelt noch gefördert. Verhindert aber auch nicht. Denn am Unterfangen, den Spielzeuggeschmack umzugendern, haben sich schon andere abgearbeitet, etwa die Autorin des Buches «Typisch Mädchen . . .». Die Richterin Marianne Grabrucker führte darin ab den achtziger Jahren Tagebuch über das Grossprojekt, ihre Tochter geschlechtsneutral zur «neuen Frau» zu erziehen. Ihr grösster Erfolg war es, die Zweijährige eines Tages zaubern zu hören: «Hokuspokus Fidibus, dreimal schwarze Katerin». Ungebremst verfiel das Mädchen dennoch Prinzessinnen, Röcken und langen Haaren. Grabrucker 1996 ernüchtert: Man kann es nicht schaffen. Zu gross ist die Stereotypenprägung durch die Umwelt, die Spielzeugindustrie, die Medien und andere Kinder.

Grabruckers Sozialisations-These hat nur einen Haken: Für baustellenbesessene Buben kommt sie an die sechzig Jahre zu spät. Denn die letzte Epoche, in der Bauarbeiter etwas galten, erlebte die westeuropäische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft von heute schaut man zu Feuerwehrmännern, Gehirnchirurgen und Justizvollzugsbeamten auf. Bagger- und Kranführer, Maurer und LKW-Fahrer tauchen in entsprechenden Rankings zum Berufsansehen nicht einmal auf. Dennoch stehen sie für Kinder weit über Jesus, Mohammed, Vater und Mutter zusammen. Sie verehren sie wie Heilige. Baugruben sind ihre Transzendenz. Das hat nun aber beim besten Willen nichts mehr mit Sozialisation zu tun. Doch womit dann?

Zunächst die Ergebnisse meiner eigenen vierjährigen Feldforschung. These 1: Weite Teile des hiesigen Nachwuchses werden mit Baustellen bereits in der Schwangerschaft, spätestens aber in den ersten Lebensmonaten angefixt. Kommt ein Kind ins Haus, ist es hierzulande Tradition, auch die Wohnsituation drastisch zu verändern. Mindestens erfolgt ein Umbau, wenn nicht ein Hausbau. Bei uns war es die Grundsanierung eines verkommenen Häuschens, in dem mangels Heizung zuvor stets das Nutella gefroren ist.

These 2: Eine Baustelle ist die perfekte Metapher für die Lebens­situation kleiner Kinder.

Auch im Leben meines Sohnes waren bis dahin nur Hebammen, Grosseltern und Freunde aufgetreten. Nun rollten Presslufthammer und der erste Mini-Bagger an. Der Baggerführer hockte sich den Halbjährigen routiniert auf den Schoss – das Kind brüllte vor Angst. Angst, die sich in pure Devotion verwandelte, planmässig nach Freud.
Ich bin klein, er ist mächtig und furchteinflössend. Auch Freud hat ein paar Ideen zum Baggerwahnsinn von Buben.
Das Lieblingsbuch meines Kindes ist heute das 250-seitige Standardwerk «Spezialfahrzeuge. Giganten und Sonderkonstruktionen». Die Lieblingsabbildung: der Liebherr-Mining-Muldenkipper T282. 15 Meter lang, 8 Meter hoch. Ladefläche 364 Tonnen. Furchteinflössender geht’s nicht. Toller auch nicht.

Perfekte Metapher

Frühkindliche Prägung ist das eine. Das andere ist mitwachsende Leidenschaft. Die Baustelle bietet noch auf Jahre Identifikationspotenzial. These 2: Die Baustelle ist die perfekte Metapher der Lebenssituation kleiner Kinder. Sämtliche ihrer Bereiche und ­Aufgaben werden von Absperrbändern begrenzt verhandelt. Begeben wir uns auf Augenhöhe des Kindes, ist das Universum Haushalt der wohl erste Erlebnisraum. Die strukturelle Ähnlichkeit zur Baustelle ist überoffensichtlich. Hier wie dort wursteln Personen schwer beschäftigt ohne erkennbares Ziel herum. Überall droht Gefahr. Im Haushalt herrscht auch eine ähnliche Hierarchie wie auf dem Bau: In Bilderbüchern neuerer Zeit ist der Architekt genderkonform immer eine Frau. Auch im Familiengefüge hat die Mutter den Masterplan. Und ihr zur Seite stets: der Bauleiter. Tut nichts, steht prüfend herum, wie das Über-Ich, das irgendwann einmal eine Rolle spielt. Doch jetzt nicht.

Jetzt ist die Hauptperson nämlich der Baggerfahrer. Der ist das Kind selbst. Meines hebelt vor dem Spiel aus jedem neuen Bagger den Fahrer raus. Es hält sich selbst für den legitimen Insassen. Darin unterscheidet sich das Baustellenspiel auch grundlegend vom Spiel mit einem Puppenhaus. Im Puppenhaus ist man der allwissende Erzähler, schlüpft in Rollen, übt Empathie. Der Baggerführer aber ist die eigene Actionfigur. Alle anderen sind Deko. Die One-Man-Show des totalen Ichs. Sein Leitthema: etwas Neues schaffen. Das Kinderthema per se. Kindheit ist der absolute Aufbaumodus. Ein Status quo, der in kein Bild besser passt als in das von Stein auf Stein, male fein, das Häuschen wird bald fertig sein.

Es gibt weitere Mikrothemen der Kinderwelt, die sich kaum zufällig in der Baustelle spiegeln. In Bilderbüchern machen permanent Bauarbeiter Pause. Pause – das trinkflaschen- und sandwichbewehrte Highlight des Kindergartenalltags. Überhaupt bedarf es beim Megathema Essen keinerlei Abstraktionsleistung, wenn Baggerschaufeln im Fachjargon Tieflöffel heissen. Es geht ums Hineinschaufeln und Reinbaggern. Am besten mit den Zweischalengreifern. Die hängen an einem Terminator-Arm, der allmächtig ist, nicht wie das eigene Ärmchen dünn und schwach. Mit Hebeln hantieren, links, rechts, vor – der finale Traum eines jeden Menschen, dessen Gehirnhälften noch nicht ganz verschaltet sind, der aber schon ahnt, dass die Reise dahin geht. Auf der Spielzeugbaustelle gelingt das alles bereits mit links.

Die Baustelle, kurzum, ist Abbildung und Vorwegnahme der ganzen Kinderexistenz. Das Kinderleben ist eine Baustelle. Und wie immer verschafft Satisfaktion auch, dass sie in echt das Spiel der Grossen ist. Hier stösst meine Theorie allerdings auch schon an ihre Grenzen. Denn nach den Kindern sind die grössten Fans der Bagger erwachsene Männer. Essen sollten die bereits gelernt haben, Entwicklung ist oftmals auch nicht mehr ihr Ding. Das Gipfeltreffen der Männer findet dennoch alle drei Jahre in München statt. Auf der Bauma, der grössten Baumaschinenmesse der Welt.

Messe-Dienstag. 11 Uhr. Ich und der Sohn in einem Strom von einhunderttausend Mann und ein paar Zerquetschten (Frauen). Als zähe Masse wälzt man über ein Freigelände von 85 Fussballfeldern. Alle paar Meter ein anderer Radlader, Kran oder Abrissbagger. Der Liebherr-Muldenkipper T828 ist auch mit von der Partie. Fünfzigjährige rennen auf ihn zu wie Kinder nach drei Wochen Regen auf einen Sandkasten. Jubilierend. Immer wieder mogeln sich welche in umstehende Bagger, in denen sie sitzen wie auf einem Massagestuhl. Ganz still. Hebel und Armaturen betrachtend. Völlig dem Hier und Jetzt entrückt. Als mein Sohn in eine überdimensionale Frontlader-Schaufel stürmt und herauswinkt wie ein japanischer Tourist, sehe ich auf den Fotos später zwei Männer, die hinter der Schaufel mit feuchten Augen Victory-Zeichen in die Kamera werfen.

Zusammen mit Kindern bilden diese Erwachsenen die Klientel der abertausend Youtube-Baustellen­Videos und mehrteiligen Webcams des Gotthard-Basistunnels, die seit 2004 Filme ohne Handlung zeigen, dafür aber höhere Klickzahlen bekommen als der «Tatort» Zuschauer. 2012 brachte ein Journalist den superlativen Exzess ans Licht. Er zerrte den Kanadier Joe Murray aus seinem Keller, der dort seit mehr als elf Jahren nach Feierabend Erde aushebt. Mit ferngesteuerten Spielzeugbaggern, zwei bis drei Kubikmeter pro Tag. In seinem Youtube-Channel «Lil’ Giants Constructions Co» zeigt der kinderlose Viehzüchter den Baufortschritt, der auch Statiker interessieren dürfte: Es ist ein zweiter Gotthard-Tunnel!


Etwas Mysteriöses geht in erwachsenen Männern vor, das sie mit männlichen Kleinkindern teilen. In einer der verbreitetsten Theorien darüber hat die gemeinsame Schnittstelle einen Durchmesser von lediglich zwei Nanometern. Laut dem Hirnforscher Gerald Hüther handelt es sich um das Y-Chromosom. Allen Gender-Diskursen über Sozialisation zum Trotz ist der Professor der Uni Göttingen davon überzeugt, dass die Leidenschaft für grosse Baumaschinen ihren Ursprung in den Genen hat. Weil Buben ein Y-Chromosom besitzen, wachsen ihnen Hoden. Diese produzieren Testosteron. Dadurch, so Hüther, verlaufe die männliche Gehirnentwicklung unter ganz anderen Rahmenbedingungen als die der Mädchen.

Pauken und Trompeten

Hüther beschreibt das frühe Gehirn als Orchester, dessen Besetzung bei Buben und Mädchen zunächst gleich ist. Doch durch das Testosteron rückten im Gehirnorchester kleiner Knaben die Pauken und Trompeten in den Vordergrund, während die harmonischen Instrumente dahinter zurücktreten. Pauken und Trompeten, das ist alles, was Krach macht, gross ist, stark und mächtig. Wie kommt es zu dieser Verschiebung? Hier bemüht Hüther einen Fahrzeugvergleich. Ein verkrüppeltes Y-Chromosom zu haben, sagt er, sei, als fahre man ein «Auto ohne Ersatzrad». Schon bei der Geburt haben Buben im Fall von Komplikationen eine 24 Prozent höhere Sterblichkeit als Mädchen. Diese Anfälligkeit in der Konstitution würden Männer zeitlebens nicht los. Sie begeben sich deshalb auf die Suche nach Halt. Halt, den sie laut Hüther im Aussen finden. Im frühen Stadium bei muskulösen Traktoren, der Polizei, Dinosauriern – und eben bei Baggern. Gross, mächtig, viel Krach.

In dieser Theorie hätten all die Männer auf der Bauma einfach nur den Entwicklungsschritt verpasst, die haltgebenden Statusobjekte beizeiten zu wechseln. In Richtung Porsche, Pool und heisse Blondine. Aber Baggerliebe – wegen Hoden? Das klingt, als hätte Alice Schwarzer es sich zum Weltfrauentag ausgedacht.

Hier halte ich ein Recherchegespräch mit meinem Sohn für aufschlussreich. In einer Spielpause fragte ich ihn, ob im Kindergarten wirklich nur Buben oder auch einmal Mädchen mit den drei Sitzbaggern im Sandkasten spielten. Antwort: Immer wieder würden Mädchen es versuchen. «Aber dann schimpfen wir sie, und dann gehen die weg.» Existieren also doch auch XX-Chromosomensätze, die sich zu Baustellen hingezogen fühlen? Verhindert nur das Testosteron der anderen die Entfaltung ähnlicher Exzesse bei Mädchen?

Unisexuelle Antworten findet man auf einer derart verminten Baustelle nicht im Mainstream. Entsprechende Referenten haben eher Kleinstforen, so wie ein Baufachmann namens Eric Mozanowski, der laut Google vor einiger Zeit irgendwo im deutschen Osten einen bahnbrechenden Vortrag hielt. Mozanowski dozierte dort über das Bauen «als Grundbedürfnis und sozialen Akt». Wo Menschen lebten, so der Fachmann, gebe es Häuser, Hütten, Zelte. Weil Bauen den Wunsch nach Sicherheit erfülle, aber darüber hinaus noch eine ganze Reihe «seelischer und geistiger Bedürfnisse». Von jeher hätten die eigenen vier Wände die Menschen von der sie umgebenden Umwelt getrennt. Erst mit dem Bauen schafften wir uns überhaupt «eigene, menschliche Dimensionen».

Bauen, das ist für Mozanowski auch eine spirituelle Angelegenheit. Nicht umsonst habe die Geschichte der modernen Architektur mit Sakralbauten begonnen, mit Wohnstätten für Gottheiten. Parallel entstanden dann Gebäude für Menschen. Bauen – eine Mischung aus Demut und Grössenwahn also, ein ureigenes Streben nach Manifestation in der Welt, ein Impuls, den jeder in sich trägt. Aber dem kaum noch einer stattgibt.

Sklaven und Maschinen

Ein Haus zu bauen, das ist schliesslich auch ein Knochenjob. Schwere körperliche Arbeit. In der weiteren Geschichte wurden Bauarbeiten deshalb immer weiter an andere delegiert: Erst an Sklaven, dann an Maschinen, heute kommen ganze Häuser fertig aus Fabriken. Die letzten öffentlich sichtbaren Bildgeber des Bauens sind in solchen Fällen Baggerfahrer. Für die meisten beschränkt sich der eigene Beitrag jedoch aufs Unterschreiben von Krediten. Das nennen wir Privileg. So einer hat es geschafft. Er muss sich die Hände nicht schmutzig machen, sondern einfach nur eine Million weitere E-Mails im Sitzen schreiben.

Selbst so ein Mensch zu sein, der ein Haus baut, per Bagger auch noch auf relativ komfortablem Weg, das scheint dabei trotzdem ein nicht tot zu kriegender Traum. Eine Wunde, die die Zivilisation vor langer Zeit gerissen hat und in der ein dumpfer Schmerz noch immer pocht. Es sind vielleicht nicht die Bauma-Gäste oder mein Sohn, die spinnen. Wir spinnen, die wir sie für Spinner halten. Für neurotisch erklären, was vielleicht das letzte Gesunde ist: der Wunsch nach Handlungsautonomie in einer Welt, in der einem jedes Handeln abgenommen wird. In der man zum Graben in den Keller gehen muss. In der «Bauarbeiter» keine ernstzunehmende Berufsperspektive mehr ist, für Frauen überhaupt nie war und nur für Kinder noch okay ist. 

Im Kindergarten beglückwünschte mich eine Mutter neulich: «Dein Sohn wird bestimmt mal Architekt!» Mag sein. Aber nach jetzigem Wissensstand sage ich: Das Unglück muss durchbrochen werden. Mein Sohn bleibt Baggerfahrer!

Bagger als Wurm

Ihre Erscheinung ist wenig attraktiv, und sie können bei ihrem Einsatz auch kaum beobachtet werden. Doch auch Tunnelbohrmaschinen haben das Zeug, Buben allen Alters mit ihren technischen Daten die Freudentränen in die Augen zu treiben. Beim Gotthardbasistunnel, der nächsten Monat eröffnet wird, kam die Bohrmaschine Grip­per zum Einsatz. Die Grip­per ist 440 Meter lang und so schwer wie fünf vollgetankte A-380, das grösste Flugzeug der Welt. Pro Tag frass sich das Tunnel­monster 40 Meter durch das Bergmassiv. Klima­freundlich wird aber auch ein Eisenbahntunnel nicht fertig. Die Gripper verbrauchte pro Tag Strom für 10'000 Franken, was dem Bedarf von 4200 Einfamilienhäusern entspricht.



An Markus Meier: Die Kommentarfunktion hat mal wieder eine Macke, darum m uss ich meiner Antwort auf diese Weise posten:

Ich habe den Tonfall nicht spöttisch gefunden, daher habe ich den Text unkommentiert wiedergegeben.

Jungens sind anders als Mädchen, da hat sie doch Recht, und dass sie damit einen Minderwertigkeitskomplex kompensieren, da ist auch was dran: Das ist der... na ja, ein Motor des Fortschritts in der Menschheitsgeschichte, das vertrete ich seit einer halben Ewigkeit.

Nur manchmal ist es eben auch ein bisschen ulkig. Ich habe mein' Lebtag noch keinen Moment mit meiner Männlichkeit gehadert, doch die Technik-Vernarrtheit meiner Kumpels hat mich schon als Kind amüsiert. Hätten sie aber mit Puppen gespielt, hätte ich das nicht lustig gefunden.

JE


Donnerstag, 12. Mai 2016

Alles nur gesellschaftliches Vorurteil - wer hätte das gedacht!


 
aus Süddeutsche.de,  11. Mai 2016, 09:30 Ur


Warum Jungen schlechter lesen als Mädchen
In vielen Ländern gibt es eine "Leselücke" zwischen Mädchen und Jungen: Mädchen schneiden bei der Lesekompetenz häufig besser ab.


Mädchen lesen gern, Jungs können mit Büchern weniger anfangen. Ein Stereotyp, das eine statistische Grundlage hat. In fast allen Ländern, die an der jüngsten Pisa-Studie teilnahmen, lasen 15-jährige Mädchen besser und verstanden Sprache schneller als gleichaltrige Jungs. Um ein ganzes Schuljahr waren die Mädchen im Schnitt voraus. "Der Unterschied ist ziemlich kräftig und erstaunlicherweise über viele Länder hinweg stabil", sagt der Bildungsforscher Manfred Prenzel von der TU München. Nun zeigt sich: Teil des Problems ist wohl, dass sich das Stereotyp in den Köpfen der Kinder festgesetzt hat.


Forscher der Universität Grenoble haben Hinweise dafür gefunden, dass der Vorsprung womöglich mehr auf selbstgemachten Vorurteilen beruht als auf biologischen Unterschieden. Französischen Drittklässlern gaben sie die Aufgabe, auf einer Liste mit Wörtern in wenigen Minuten möglichst viele Tiernamen zu unterstreichen. Während sie manchen Klassen mitteilten, es handle sich um eine echte Prüfung der Leseleistung, sagten sie anderen Schülern, sie dürften das "Tier-Angeln"-Spiel einer Zeitschrift zum Spaß ausprobieren. Das Ergebnis des kleinen Experiments war eindeutig: Während die Jungen in der ernsten Situation deutlich weniger Tiernamen fanden, gelang ihnen die gleiche Aufgabe als Spiel genauso gut wie den Mädchen, schreiben die Forscher um Pascal Pansu im Journal of Experimental Social Psychology. Die männlichen Schüler, die zuvor angegeben hatten, Lesen sei ihnen besonders wichtig, zeigten die größten Unterschiede je nach Prüfungsstress. Sie überflügelten in der Spielsituation sogar die Mädchen.


Die Psychologen nennen dies "Bedrohung durch Stereotype": Jungen sind womöglich von der unbewussten Erwartung belastet, schlechter als die Mitschülerinnen lesen zu können, was dann ihre reale Leistung einschränkt - ähnlich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dafür spricht, dass gerade die dem Lesen zugewandten Jungen deutlich besser abschnitten, wenn ihnen die Angst vor dem Scheitern genommen war. Umgekehrt erzielten die lesefreudigen Mädchen im echten Test höhere Punktzahlen als in der Spielvariante. Sie seien wohl nicht mit dem Stereotyp belastet, mutmaßen die Forscher. 


Die Mädchen könnte das vorherrschende Vorurteil sogar noch in ihrer Leistung steigern. Weitere Studien müssten das jedoch vertiefen. Ähnliches kennen Bildungsforscher bereits aus der Mathematik: Beim Rechnen liegen in den meisten Ländern - im Schnitt - die Jungs vorne. Psychologen vermuten auch dort, dass dies stark mit der Selbstwahrnehmung zusammenhängt. Wenn sie Teilnehmerinnen von Mathetests wissen lassen, dass Frauen generell schlechter abschneiden, verstärkt das die Leistungsunterschiede. Bislang sei die weltweite - in Deutschland besonders ausgeprägte - "Leselücke" kaum untersucht, sagen die französischen Psychologen, obwohl der Abstand zwischen den Geschlechtern noch größer sei als beim Rechnen. "Lesen ist stark weiblich konnotiert, dieses Bild prägt sich schon sehr früh bei Kindern ein", sagt die Bildungsforscherin Cordula Artelt von der Universität Bamberg. Aus diesem Tief herauszukommen, sei nicht einfach für Jungs.



Nota. -  Die Vorurteile gehen noch weiter und reichen bis zu... den Wissenschaftlern; denn selbstverständlich wird unter lesen nur das Lesen von gedruckten Büchern verstanden. Dass Jungen im Internet eine Unmenge mehr lesen als Mädchen wird gar nicht erst erfasst! (Und wie steht es mit Comics? Nicht schulisch genug?!)
JE 






Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 11. Mai 2016

Die Evolution ist nicht politisch korrekt und kennt kein Gender.

Leichte Beute. Die Existenz des Pfaus widerspricht auf den ersten Blick den Gesetzen der Evolution.aus Tagesspiegel.de, 11. 5. 2016


Balzen oder Brüten  
Wie die Evolution Männer und Frauen dirigiert  
Charles Darwin erkannte, worauf die Geschlechterunterschiede beruhen. Seine Theorie hat sich bestätigt, trotz Kritik aus der Genderforschung. Ein Kommentar. 



Warum unterscheiden sich Mann und Frau? Wer dieser Frage nachgeht und sie nicht gleich als „falsch“ einstuft, weil die Geschlechter angeblich nur sozial erwünschte Rollen spielen und alle Unterschiede (bis auf die biologischen) gesellschaftlich bedingt sind, der stößt auf die Theorie der sexuellen Auslese. Sie geht auf Charles Darwin zurück, den Begründer der Evolutionstheorie. Darwin bereitete der prächtige Pfauenschwanz Kopfzerbrechen. Der konnte eigentlich unmöglich die Überlebenschancen vergrößern. Er verbrauchte Ressourcen, machte die Tiere unbeweglich und auffällig und so zu einer leichten Beute. Der Pfauenschwanz verstieß gegen elementare Regeln der von Darwin formulierten Theorie der natürlichen Auslese – die Natur müsste den Blender längst ausgemustert haben.

Darwins geniale Lösung: Der Pfau vermehrte sich nicht trotz, sondern wegen seines Federschmucks. Die Theorie der sexuellen Auslese (Selektion) war geboren. Je makelloser der Radschlag, umso größer die Erfolgschancen bei den Pfauenweibchen. Im Zentrum des Gedankengebäudes steht die fundamentale Ungleichheit der Keimdrüsen. Sie produzieren bei weiblichen Tieren die großen, wenigen Eizellen und bei männlichen die kleinen, vielen Spermien. Ein Unterschied mit Folgen. „Billige“ Spermien werben um „kostbare“ Eizellen. Männchen investieren in die Balz und konkurrieren untereinander, Weibchen kümmern sich um die Brutpflege. Männchen mit mehr Partnerinnen haben mehr Nachkommen, bei Weibchen gilt das nicht.

Traditionelle Rollen im Tierreich - oder?

Klingt nach einer ziemlich traditionellen Rollenverteilung im Tierreich! Das ist einer der Gründe, warum die über die Jahre verfeinerte Theorie dennoch immer wieder Kontroversen hervorruft. Eine prominente Kritikerin ist die Biologin und Genderforscherin Joan Roughgarden von der Universität Stanford. Sie hält die Idee von der sexuellen Selektion für falsch und wirbt dafür, sie durch ein Konzept namens soziale Selektion zu ersetzen. An die Stelle von Auslese und Kampf setzt sie Zusammenarbeit. Umwelt und soziale Einflüsse prägen die Rollen im Zusammenleben, nicht die Größe von Spermium und Ei. Wirbeltiere leben in „Familienfirmen“ zusammen, denen Kooperation – und lustvoller Sex – den größten Ertrag bringt.

Beim Sex kommt es nicht darauf an, ob er hetero- oder homosexuell ist. Dieser Nicht-Unterschied ist für Roughgarden entscheidend. Bei einer „Gay Pride“-Parade 1997 hatte sie einen Geistesblitz. Darwins Theorie betrachte Homosexualität als Anomalie. „Aber wenn der Zweck von Sex nur Reproduktion ist, wie Darwin glaubte, warum gibt es dann diese Lesben und Schwulen?“ Für die Wissenschaftlerin der Anlass, eine bessere Alternative zu finden. Roughgarden, die 1998 eine Geschlechtsumwandlung vornehmen ließ und vom Mann zur Frau wurde, schrieb ein populärwissenschaftliches Buch, in dem sie viele Beispiele homosexuellen Verhaltens im Tierreich belegte. „Evolution’s Rainbow“ („Der Regenbogen der Evolution“) bekam eine Menge positiver Kritiken. Evolutionsforscher lehnten ihre Thesen dagegen überwiegend ab.


Kooperation statt Konkurrenz - eine Wunschvorstellung

Kämpft hier ein wissenschaftlich revolutionärer David gegen einen geistig erstarrten Goliath, ein Underdog gegen ein Establishment aus Darwin-Dogmahütern? Das Klischee liegt nahe, trifft aber nicht zu. Wer außergewöhnliche Behauptungen aufstellt, braucht außergewöhnliche Beweise. Und die hat Roughgarden nicht. Im Gegenteil. Eine vor Kurzem im Fachblatt „Science Advances“ veröffentlichte umfassende vergleichende Studie an 66 Arten hat die klassischen Geschlechterrollen im Tierreich bestätigt. Auch die Ausnahmen – von denen es etliche gibt – lassen sich mit der herkömmlichen Evolutionstheorie vereinbaren. „Roughgardens Idee von der Gruppe, die sich gemeinsam Ziele setzt, ist ein schönes Ideal“, sagt der Biologe Nils Anthes von der Universität Tübingen. „Doch solche Absprachen funktionieren unter Tieren nur selten.“

Das Prinzip der sexuellen Auslese gilt auch für den Menschen. Allerdings ist es in den modernen westlichen Gesellschaften schwierig geworden, es wissenschaftlich zu studieren. Im Vordergrund steht der Einfluss von Kultur und Umwelt, zumindest auf den ersten Blick. Aber im Hintergrund, verborgen wie hinter einer Milchglasscheibe, zieht noch immer die Natur die Strippen.

Sonntag, 8. Mai 2016

Reuige Mütter.

aus Der Standard, Wien, 8. 5. 2016


Müttermythos, Mütterterror, Mutterglücklüge.

Gleich vier Bücher widmen sich dem Phänomen der bereuten Mutterschaft. Nicht alle sind geglückt. Trotzdem ist die Debatte zu #regrettingmotherhood wichtig

von Tanja Paar

Die Entscheidung für Kinder bereuen – ja darf man das? Frauen dürfen es nicht. Und wenn sie es doch tun, sollen sie gefälligst darüber schweigen. Das zeigt die Debatte um #regretting motherhood. Die deutsche Journalistin Esther Göbel hat in der Osterausgabe der Süddeutschen Zeitung 2015 über eine israelische Studie berichtet, die sich mit diesem Phänomen befasst. Innerhalb kürzester Zeit hatte der Artikel hunderttausende Klicks, andere Medien folgten, die Diskussion erhitzte die Gemüter.
 
Jetzt hat Göbel ein Buch dazu vorgelegt, in dem sie ihre Überlegungen vertieft: Die falsche Wahl. Wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen. Ihre Definition, was #regretting motherhood überhaupt ist, deckt sich dabei genau mit jener von Orna Donath, der israelischen Soziologin, die die Debatte losgetreten hat. Es geht ihr dabei "nicht nur um Ambivalenz, sondern um anhaltende Reue". Nicht gemeint sind also einzelne Momente der Wut, Trauer oder Überforderung, wie sie wahrscheinlich alle Eltern kennen, sondern um jahrelange Reue, die – wahrscheinlich – für immer anhält.

Schwächen der Studie

Damit wir wären auch schon bei einer der Schwächen der Originalstudie: Donath hat nur 23 israelische Frauen im Alter zwischen 26 und 73 Jahren interviewt, die die Nationalität gemeinsam haben. Bezüglich Bildung, Gesellschaftsschicht, Religion, Erwerbstätigkeit, Anzahl der Kinder und Familienstand unterscheiden sie sich stark, auf die persönliche Lebensgeschichte wird nicht eingegangen. Donath selbst weiß, dass das sehr wenig ist, und unterstreicht, dass es sich eben um eine qualitative und nicht um eine quantitative Methode handle. Sehr viel mehr als eine Momentaufnahme sind diese Interviews also nicht.

In der Folge beteuert auch Göbel, dass ihr Buch "keinen universellen Wahrheitsanspruch" erhebe, es ginge ihr "um ein persönliches Gefühl in einem gesellschaftlichen Kontext". Es habe dazu bisher in Deutschland wie in Israel keine "Redenskultur gegeben". Damit hören sich die Gemeinsamkeiten in dieser Sache aber auch schon fast wieder auf. Auch wenn in Deutschland – und sicher auch in Österreich – nach wie vor das Leitbild "Frauen sollen Kinder gebären" gilt, ist die Situation in Israel eine andere als bei uns: Israelische Frauen bekommen im Schnitt 3,0 Kinder, damit befinden sie sich deutlich über der Geburtenrate der restlichen OECD-Länder, die bei 2,0 Kindern liegt (Österreich 1,4, Stand 2014).

Müttermythos

Das weiß auch Göbel, die sich für ihr Buch zwar auf Recherchereise nach Israel begab, sich aber dann ausführlich dem "deutschen Müttermythos" widmet – und das zu Recht: Denn hier liegt der Hund begraben. Göbel holt sehr weit aus in ihrer "Geschichte der Verirrung": bis zu Rousseau, der keinen Unterschied zwischen Frau und Mutter machen will, und Pestalozzi, der das Kindeswohl an die Mütter knüpft. Sehr schön arbeitet sie den Müttermythos als Phänomen des Bürgertums heraus. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts entsteht im Zuge der Industrialisierung "die Idee der modernen Kernfamilie" mit einer Mutter, die sich ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmert, ein Bild, das im Mutterkult der Nazis noch einmal einen perversen Spin bekommt – und mit dem wir bis heute hadern.

Göbel weist auch auf die "naturalistische Offensive" um 1973 hin, als in der Folge der Weltwirtschaftskrise die Frauen an ihre "natürliche" Gebärfreudigkeit und ihren Platz am Herd erinnert wurden, heute stößt ihr das "attachment parenting" auf, das Phänomen, dass Kinder überallhin mitgebracht werden und bei allem mitreden dürfen. Auch die "neuen Väter" vergisst sie nicht. Ihnen mangle es an Vorbildern, sie befänden sich in einem "Findungsprozess". Wir alle seien nach wie vor sehr traditionellen Rollenmodellen verhaftet.

Ihre Folgerungen: Mütter bräuchten mehr Unterstützung, zum Beispiel in Form eines besseren Steuer- und Unterhaltsrechts für Alleinerziehende, sowie eine "konsistente Familienpolitik, die die heutige Vielfalt von Lebensweisen anerkennt und egalitäre Beziehungs- und Erziehungsmodelle fördert. Dazu mehr Teilzeitmodelle, eine Umstrukturierung der patriarchal organisierten Arbeitswelt und bessere Betreuungsmöglichkeiten". Damit fällt sie ein wenig hinter ihre Ankündigung zurück, dass es ihr "nicht nur um eine Vereinbarkeitsdebatte" gehe. Das ist aber auch schon der einzige Vorwurf, den man diesem intelligenten, in den Reportageteilen sehr lebendig und anschaulich geschriebenen Buch machen kann.
Mütterterror

Anders ist das bei Mütterterror. Angst, Neid und Aggressionen unter Müttern von Christina Mundlos. Das bereits 2013 erschienene Buch wurde wohl im Zuge der #regretting motherhood-Debatte in erweiterter Form abermals auf den Markt geworfen. Den geschichtlichen Hintergrund, also die "Erfindung der guten Mutter" rollt Mundlos ähnlich, wenn nicht ganz so ausführlich auf wie Göbel. Sie fokussiert aber auf die Mütter, die sich gegenseitig das Leben schwermachen. Damit reduziert sie das Phänomen einmal mehr auf eines unter Frauen. Dass es ein gesellschaftlich gemachtes ist, bleibt so leider auf der Strecke.

"Mutterschaft unterliegt einer starken Professionalisierung", schreibt sie richtig. "Die Ansprüche an Kindererziehung sind in den letzten 20 bis 30 Jahren enorm gestiegen." Schnullerformen, Weichmacher im Spielzeug schnell erkennen, veganer Babybrei, aus alldem kann man heute eine Wissenschaft machen. Die Schlüsse, die Mundlos daraus zieht: "Wenn Mütter daran nicht kaputtgehen wollen, müssen sie die Ansprüche runterschrauben, die Aufgaben reduzieren und sich diese mit Vätern und Betreuungseinrichtungen teilen." Dass schon wieder die Mütter all das müssen, ist eigentlich nicht einzusehen.

Mutterglücklüge

Dem pflichtet auch Sarah Fischer in Die Mutterglücklüge. Regretting motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre bei. Die 1972 Geborene erzählt darin sehr persönlich über ihre Probleme mit dem Muttersein, ihre Langeweile auf dem Spielplatz, Kindergeburtstage und ihre Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg ins Berufsleben. Das Buch wirkt ein wenig wie ein Schnellschuss, so als wolle die Autorin auf die Debatte aufspringen. Ihre Beschreibungen lesen sich mitunter wie eine Themenverfehlung denn: Ihre ambivalenten Gefühle entsprechen dem, was Donath oder Göbel meinen, eben nicht. "Es gibt Momente, in denen bin ich unglücklich, weil ich ein Kind habe." Solche Momente kennen viele – aber heißt das schon, die Mutterschaft zu bereuen?

Dann doch lieber beim Original bleiben: Orna Donath selbst hat ihre Studie nun auch zu einem Buch verarbeitet, das 2016 bei Knaus in deutscher Übersetzung erschienen ist. In #regretting motherhood. Wenn Mütter bereuen erklärt sie ausführlich, wie es zu der Studie gekommen ist und was sie damit intendiert hat. Sie schreibt: "Die Frage, welche Auswirkungen sich für uns alle daraus ergeben, ist eine Art Gratwanderung ... Denn einerseits kann es durchaus sein, dass die Beschäftigung mit diesen Themen an und für sich qualvolle Folgen hervorruft, weichen wir diesen Themen jedoch aus, werden wir andererseits daran gehindert, bestimmte gesellschaftliche Realitäten so zu verstehen, dass sich etwas ändert."

Conclusio: Heute dürfen Frauen sagen: "Ich bereue es, ein Kind zu haben." Auch wenn prominente Kollegen wie Harald Martenstein das aus persönlichen Gründen anders sehen. Es geht hier eben nicht nur um das Persönliche. Political Correctness ist eine kleine Schwester des Tabus. Das können wir 2016 ruhig besprechen. Deswegen war und ist diese Debatte wichtig. 


Orna Donath
Wenn Mütter bereuen

Knaus- Verlag 2016
272 Seiten, 17,50 Euro

 
Christina Mundlos
Wenn Muttersein nicht glücklich macht

mvg-Verlag 2015
240 Seiten, 14,99 Euro

 
Sarah Fischer
Die Mutterglücklüge

Ludwig 2016
240 Seiten
17,50 Euro

 
Esther Göbel
Die falsche Wahl

Droemer 2016
224 Seiten, 19,99 Euro



Nota. -  Zunächst darf ich ein Aufatmen vermelden (nein, ich übersehe das Positive nicht!): Ich habe erwartet, daran, dass Frauen bereuen, ein Kind bekommen zu haben, seien auch wieder die Väter oder doch irgendwie das noch immer nicht überwundene Patriarchat schuld. Das ist uns diesmal erspart geblieben. Aber sonst ist alles wie gehabt: Es sind die Andern, bei denen 'Handlungsbedarf' bemerkt wird, "die Gesellschaft", wer auch sonst (sie muss mehr Mittel zur Verfügung stellen), und nicht etwa die Frauen, die Kinder bekommen haben, obwohl sie nicht dafür geeignet sind.

Es ist nämlich so, vielleicht ist Euch das schon viel zu selbstverswtändlich geworden: Wer heute keine Kinder will, die (!) braucht auch keine zu bekommen. Früher war das anders, da war's der Lauf der Natur, gegen den nur mit Enthaltsamkeit anzukommen war. Heute kann - und muss sogar - frau sich fragen, ob sie überhaupt Kinder gebrauchen kann.

Nein nein, Sie irren sich, jetzt kommt nicht: "Sie hätten sich's eben besser überlegen sollen." Da liegt vielmehr der Hund begraben, dass heute viel zu sehr überlegt wird in diesen Dingen! Die Folge ist: Den eben erst gezeugten und noch lange nicht geborenen Kindern werden Aufgaben und Erwartungen zugedacht, die mit ihnen selbst kaum etwas zu tun haben; aber wohl mit dem Selbstbild von Mama (und Papa, geb ich ja zu). Dann wird es immer häufiger vorkommen, dass die Kinder dem Selbstbild von Mama (und Papa, dto.) - das zudem in dem Bild verpackt ist, das man ihnen von sich selber überzuhelfen sucht - nicht gerecht werden. Woraus dann unschwer hervorscheint, dass Mama (und Papa) ihrem Selbstbild nicht gerecht werden!

Es ist also wahr: "Die Gesellschaft" ist schuld, aber die besteht nicht aus "Andern", sondern aus lauter Leuten, die seit vier Jahrzehnten den Floh im Ohr haben, sie seien auf der Welt, um sich selbst zu verwirklichen. Wer diese Einstellung bei sich findet, darf sich nicht wundern, wenn er mit seinem Leben unzufrieden ist; denn was dabei herauskommt, gibt zu Zufriedenheit oft keinen Anlass, und sie hätten besser daran getan, das eine oder andere von sich unverwirklicht zu lassen.
JE