Dienstag, 23. Februar 2016

Wer will denn "neue Väter"?

aus nzz.ch, 5.2.2016, 05:30 Uhr

Die Mühen der «neuen Väter»
Gängige Idealvorstellungen von Vaterschaft sind im Alltag wenig brauchbar. Dies sagt eine neue Studie. Während daheim die Ansprüche an die Männer steigen, sind sie noch immer meist die Haupternährer.

von Seraina Kobler

Über 88 Stunden pro Woche sind Väter direkt oder indirekt für Frau, Kind und Beruf im Einsatz. Dies haben Forscher der Universität Freiburg errechnet. Das Projekt Tarzan ist aus der 2015 durchgeführten Franz-Studie hervorgegangen. Für diese wurden 300 Familien befragt. Ein genaues Zeitprofil zu ermitteln, war eines der Kernanliegen der Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm. Die Untersuchung zeigt: Väter übernehmen einen steigenden Betreuungsanteil und sind für den Grossteil des Familieneinkommens verantwortlich (siehe Grafik).

Standen in den letzten Jahren mehrheitlich Mutter und Kind im öffentlichen und wissenschaftlichen Interesse, fristeten die Väter ein Schattendasein. Zu Unrecht. Die Gesellschaft habe sich «in eine Sackgasse manövriert», heisst es in der Studie. In vielerlei Hinsicht gälten Väter heute als ungenügend. Mit dem Aufkommen der Frauenbewegung in den 1970er und 1980er Jahren sei die Rolle des Mannes unter Druck geraten. Der Bedarf nach weiblichen Arbeitskräften und die gesellschaftliche Liberalisierung forderten neue Männer, neue Väter. Darüber, was dies konkret bedeute, herrsche kein Konsens – noch nicht.

Um der Antwort ein Stück näherzukommen, brauche es neue Konzepte von Vaterschaft und die wissenschaftliche Entzauberung einiger Mythen, sagt Stamm. Als eines der Hauptprobleme in der gegenwärtigen Diskussion ortet die Studie den Umstand, dass engagierte Vaterschaft am traditionellen Bild der allzeit verfügbaren Mutter gemessen wird. So würden andere Leistungen wie die Bereitstellung der ökonomischen Ressourcen und die Versorgung materieller Bedürfnisse ausgeblendet.

Wie die moderne Mutter soll auch der heutige Vater alles können: Karriere machen, Kinder betreuen und das Klo putzen. Mit der realen Arbeitswelt seien diese Idealbilder wenig kompatibel, zu diesem Schluss kommt die Studie. Ja, sie wirkten gar verunsichernd bei der Suche nach einer zeitgemässen Definition der Vaterrolle. Mehr Präsenz sei zum Beispiel nicht immer besser für die Entwicklung der Kinder. Dies zeigen neue Forschungsergebnisse. Vaterschaft umfasse auch andere wichtige, nicht direkt sichtbare Aktivitäten. In puncto Präsenz sei die Qualität der Fürsorge bei Anwesenheit wichtiger als die Menge an gemeinsam verbrachter Zeit.

Auch ist die Mutter nicht von Natur aus die bessere Erzieherin. Dennoch wird ein glorifiziertes Bild der Mutterschaft gepflegt, gerade von Männern. Wissenschaftlich sei dieses aber längst widerlegt. Kinder könnten zu mehreren Personen stabile Bindungen aufbauen.

Wenn es um Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, dann sind diese mehrheitlich weiblich konnotiert. Dies sei falsch. Väter hätten zusehends ähnliche Konflikte und befänden sich in einem Dilemma. Die Partnerinnen fordern ein höheres Engagement zu Hause, dennoch sind die Männer meist die Brotverdiener und sollen Karriere machen. Deshalb sei es wichtig, dass sie ihre Bedürfnisse klarer formulierten, bei den Vorgesetzten, aber auch politisch.

Mehr als eine Kopie der Mutter


Möchte ein Elternpaar die Lasten in Haus und Büro besser untereinander verteilen, muss die Mutter ihr «Revierverhalten» aufgeben. Zwar wünschten sich viele Frauen präsente Männer, aber eben nur so, wie sie sich dies vorstellten. Sie müssten aufhören, ihre Qualitätsansprüche auf den Vater zu übertragen, wird in der Studie empfohlen. Gelinge es der Gesellschaft, von der starken Mutter-Kind-Fixierung Abstand zu nehmen, sei dies die Ausgangslage für eine gute Vaterschaft. Denn nur so ist es den Männern möglich, ihr heimisches Engagement selbstbestimmt zu entwickeln – jenseits von mütterlicher Konkurrenz.

____________________________________________________________________________

Eine kurze Typologie der Väter

Der traditionell Ambitionierte
Er lehnt eine egalitäre Aufteilung zwischen Familien- und Erwerbsarbeit ab. Spielt und liest aber am häufigsten mit den Kindern. Schulnoten sind ihm wichtig, trotzdem kuschelt er gerne. Er pflegt ein traditionelles Rollenbild und ist der Meinung, dass seine Frau die Berufstätigkeit einschränken soll. Ambitionierte Väter sind eher in Leitungspositionen tätig.

Der egalitär Begeisterte
Er ist davon überzeugt, dass seine Frau beruflich nicht zurückstecken soll und unterstützt sie auch im Haushalt. Sein Vatersein ist von besonderer Freude und Nähe geprägt. Dennoch spielt und liest er weniger als der traditionelle Vater.

Der orientierungslos Distanzierte
Sein Engagement für die Kinder ist auf allen Ebenen bescheiden. Er lehnt zwar die traditionelle Rolle des Ernährers ab, hat aber keine alternative Vorstellung. Die Mutter überlässt ihm keine Verantwortung für die Kinder. Väter dieses Typs sind jünger und in allen Berufen vertreten
_______________________________________________________________________

Doppeltes Risiko

Keine Generation vor ihnen hat sich so intensiv um den Nachwuchs gekümmert wie die heutigen Väter. Viele nehmen eine grössere Rolle im Familienalltag wahr und betreuen die Kinder mit. Es zeigt sich, dass auch Männer bei der Vereinbarkeit mit dem Beruf zunehmend in der Zwickmühle stecken. Die Wirtschaft fordert weibliche Arbeitskräfte – und hat für diese in den letzten Jahren vieles verbessert.

Bei den Vätern gelten andere Massstäbe. Meist sind sie es, die ein volles bezahltes Pensum leisten. Noch nimmt der Arbeitgeber bei ihnen wenig Rücksicht auf familiäre Verpflichtungen. Wollen Väter diesen trotzdem nachgehen und arbeiten Teilzeit, müssen sie Abstriche bei der Karriere machen. Viele Paare resignieren angesichts dieses Dilemmas und entscheiden sich für ein «klares Modell», bei dem die Frau in einem kleineren Pensum und der Mann voll berufstätig ist. Rund 50 000 Akademikerinnen verzichten in der Schweiz auf ihre Berufstätigkeit.

Statt staatlicher Gleichstellungsprogramme, die auf Frauen ausgerichtet sind, wäre männliche Unterstützung vonnöten. Denn nur, wenn der Vater seiner berufstätigen Partnerin auch einmal den Rücken freihält, kann ein gleichgestelltes Familienmodell gelingen. Der Einsatz der Männer ist hoch. Einerseits verzögert sich ihr berufliches Weiterkommen wegen des häuslichen Engagements, andererseits hört die familiäre Gleichberechtigung in der Regel bei einem Scheitern der elterlichen Liebesbeziehung auf. Auch Vätern mit hohen Anteilen an der Kinderbetreuung wird im Streitfall meist die Obhut entzogen und der Mutter zugeteilt.

An dieser richterlichen Praxis hat sich trotz neuen gesetzlichen Grundlagen, die eine gemeinsame Obhut auch gegen den Willen des anderen Elternteils erlauben würden, nicht viel geändert. Nicht selten werden Männer zu Zahlvätern mit minimalem Besuchsrecht degradiert. Das neue Unterhaltsrecht dürfte diesen Widerspruch noch verstärken. Die gesellschaftliche Realität und die Auslegung der Gesetze klaffen immer weiter auseinander.

Dies muss behoben werden. Nicht mit Frauenförderung in Form neuer komplexer Umverteilungsmechanismen – sondern damit, dass man die Emanzipation beim Wort nimmt. Frauen sind im Beruf und Männern in der Familie gleiche Rechte und Pflichten einzuräumen.


Nota. - Hätten sich Männer nicht jahrzehntelang vom Feminismus umnebeln lassen, wäre Vaterschaft heute kein größeres Problem, als sie schon immer war.
JE

Montag, 22. Februar 2016

Frauenfeindlich?


Wouters, Crazy violence

Mann, wie kommen Sie denn darauf! Auf diesen Seiten polemisiere ich gegen den Feminismus, und dem hängen unter den Frauen nur ganz wenige an. Lila Pudel, die auf diesem Flämmchen ihre eigenen Süppchen köcheln, gibt es viel mehr. Ich verwende ja mit Bedacht das große BinnenI: FeministInnen; so können auch die sich angesprochen fühlen.

Schwierig wird es bloß, wenn ich schreiben will: frau will, frau kann nicht... Dazu habe ich keine gegenderte Version gefunden, nichtmal bei Google; manIn jeht doch nich.






Sonntag, 21. Februar 2016

Die bösere Hälfte.


aus Süddeutsche.de, 21. 2. 2016                                              Bonobo-Weibchen

Biologie
Die weibliche Seite der Gewalt
Dominanzgebaren, aggressive Revieransprüche und tödliche Kämpfe unter Rivalinnen: Im Tierreich zeigt sich die weibliche Seite der Aggression.

Von Katrin Blawat

Ein liebliches Lied? Von wegen. Kaum hörte das Vogelweibchen den Gesang seiner Artgenossin aus dem Lautsprecher, konterte es mit enormer Aggressivität und schmetterte der Konkurrentin ein Kriegslied entgegen. Die Hauszaunkönigin wollte klarstellen, wer hier die Chefin ist. Ob sie Erfolg hatte?

Mit ihrem Verhalten erschütterte sie auf jeden Fall vermeintliche Gewissheiten - die über friedfertige Weibchen. So stehen weibliche Singvögel im Ruf, all ihre Energie in die Aufzucht der Jungen zu stecken. Singen höre man sie nur im Liebesduett mit ihrem Partner, keinesfalls aber wie die Männchen in kämpferischer Absicht. Für Zank und Prahlerei bleibe Weibchen weder Zeit noch Energie. So sieht es die Rollenverteilung vor, die der Mensch in der Vogel- und übrigen Tierwelt ausgemacht haben will. Doch die Weibchen des Hauszaunkönigs halten sich nicht daran, spielt man ihnen Lieder einer Geschlechtsgenossin vor, reagieren sie mit aggressivem Gegengesang (Animal Behaviour, Bd. 113, S. 39, 2016).

Berichte von angriffslustigen, rivalisierenden, zuweilen gar tötungswilligen Weibchen gibt es auch von vielen anderen Arten. Sie alle entlarven die Geschichte vom "friedlichen Geschlecht" als Mythos: Kampf und Rivalitäten sind kein reines Männerding. Auch Weibchen verhalten sich aggressiv gegenüber ihresgleichen, stechen sich im Wettbewerb um Reviere, Futter, Partner und den sozialen Status aus. "Männliche und weibliche Aggressivität unterscheidet sich quantitativ, aber nicht qualitativ", sagt der Zoologe Tim Clutton-Brock von der University of Cambridge. Mit Kollegen hat er in einer Schwerpunktausgabe der Philosophical Transactions of the Royal Society B gezeigt, wie wenig die Zweiteilung in kompetitive, aggressive Männchen auf der einen und wählerische, friedfertige Weibchen auf der anderen Seite der Realität entspricht.

Höhere Angriffslust als bei den Männchen

Angesichts der in der Fachzeitschrift zusammengetragenen Beispiele überrascht es eher, wie es überhaupt zu der Mär vom friedlichen Geschlecht kommen konnte. Zahlreiche Spezies fallen durch Weibchen auf, deren Angriffslust die der Männchen überragt. Weibliche Goldhamster, Tüpfelhyänen und Kattas (eine Lemuren-Art) zum Beispiel kennen wenig Erbarmen mit ihresgleichen. Den Weibchen der Springspinne Phidippus clarus haben Biologen der University of California gar eine "Desperado-Kampftaktik" bescheinigt: Geraten zwei Rivalinnen aneinander, ist am Ende meistens eine tot. Ihre männlichen Pendants kämpfen ritualisierter und mit weniger Verletzungsfolgen.

Auch wenn es nicht gleich um den direkten, potenziell tödlichen Kampf geht, zeigen Weibchen oft ausgeprägtes Dominanz- und Konkurrenzgebaren. "In vielen solitär oder monogam lebenden Spezies können Weibchen in Territorialstreitereien ebenso aggressiv sein wie Männchen", schreiben Clutton-Brock und seine französische Kollegin Elise Huchard. Doch wer denkt bei dem Ausdruck "sein Revier markieren" schon an Weibchen? Zu Unrecht wird dieses Verhalten häufig nur Männchen zugeschrieben.

Dabei zeigt nicht nur das Beispiel der aggressiv singenden Hauszaunköniginnen, wie viel Energie auch Weibchen in die Verteidigung ihres Territoriums investieren. Weibliche Wiesenwühlmäuse und Zebramangusten etwa setzen zahlreiche Duftmarken, um ihre Revieransprüche durchzusetzen. Selbst die akrobatischen Verrenkungen, die einige Männchen für besonders effektive Geruchsmarkierungen in Kauf nehmen, finden sich zuweilen beim anderen Geschlecht. Die Weibchen des südamerikanischen Waldhundes schwingen sich fast bis zum Handstand auf, um möglichst weit oben am Baum markieren zu können. Je höher ein Waldhund seinen Duft verbreitet, desto angesehener ist er - oder sie.

Das weibliche Dilemma: Kampf oder Kinder?

All diese Beispiele werfen eine Frage auf: Wenn Wettbewerb und Rivalitäten auch im Leben der Weibchen eine wichtige Rolle spielen - warum sind sie dann nicht besser bewaffnet und üppiger mit Statussymbolen ausgestattet? Ein Pfauenrad, ein Geweih oder imposante Muskelpakete würden doch auch ihnen zu mehr Ansehen und Schlagkraft verhelfen. Trotzdem bleibt diese offensichtliche Protzerei im Wesentlichen den Männchen vorbehalten.

Dahinter steckt keine Ungerechtigkeit der Evolution, sondern kühles Abwägen: Ist die Prahlerei ihren Preis wert? Alles, was auffallend bunt, laut und groß ist, kostet viel Energie. Auch dann, wenn die an anderer Stelle dringender benötigt wird, zum Überleben etwa. Doch ein Hirschbulle, dessen Geweih wächst, kann nicht das Programm wechseln und auf Energiesparen schalten. Womöglich stirbt der Bulle also, weil seine Ressourcen schlecht verteilt waren. Aus evolutionärer Sicht ist das nicht schlimm, denn in der Kalkulation der Natur zählt nur das Überleben des Nachwuchses. Das hängt bei den meisten Arten viel mehr von der Mutter ab als vom Vater. Also sollte vor allem das Weibchen klug mit seiner Energie haushalten, damit immer genug für den Nachwuchs bleibt.

Damit jedoch steckt das Weibchen in einem Dilemma. Um den Jungen beste Chancen zu bieten, hilft hin und wieder auch eine Prise Kampfgeist. Schließlich gibt es den besten Partner, das nahrhafteste Futter und den geeignetsten Nistplatz meist nicht geschenkt. Das Weibchen muss sich also entscheiden: Kampf oder Kinder?

Eher psychische statt physische Gewalt

Die Antwort der Evolution besteht in einem salomonischen "je nachdem". Die besten Chancen haben Mutter und Nachwuchs, wenn das Weibchen flexibel reagieren kann. Wie das funktioniert, zeigen Mäuse. Die Nager scheiden mit ihrem Urin Proteine aus, über die sie Artgenossen Stimmung und Status mitteilen. Obwohl beide Geschlechter diese Proteine herstellen, sind sie im Urin der Weibchen niedriger konzentriert. Gibt es aber einen Grund zum Wetteifern, etwa um einen Partner, fahren sie die Produktion der Proteine für kurze Zeit massiv hoch. Haben die Moleküle ihren Zweck erfüllt, investiert das Weibchen seine Energie wieder anderswo, etwa in die Aufzucht der Jungen.

Auch die Weibchen anderer Arten produzieren chemische Statussymbole nur bei Bedarf. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum Forscher die Duftmarken von Weibchen lange missachtet haben: Sie sind ihnen schlicht nicht aufgefallen. Die Strategien der Weibchen zu verstehen erfordert Geduld und einen langen Atem.

Weitere Eigenarten weiblicher Aggressivität lassen sich ebenfalls damit erklären, dass die Evolution stets das Wohl der Nachkommen im Blick hat. So liegt etwas Wahres in dem Klischee, wonach Weibchen eher auf psychische als auf physische Gewalt setzen. Den geschilderten Beispielen kampfeslustiger Weibchen zum Trotz schreiben Huchard und Clutton-Brock in den Philosophical Transactions: "Obwohl es verfehlt wäre, Weibchen als pazifistisch zu charakterisieren, sind bei den meisten Arten Kämpfe mit ernsthaften Verletzungen zwischen Weibchen seltener." Körperliche Angriffe bergen selbst für das überlegene Weibchen das Risiko, schwere Schäden davonzutragen und nicht mehr für den Nachwuchs sorgen zu können. Einigermaßen gebannt ist diese Gefahr nur in Konstellationen, die höchst unfair erscheinen: viele gegen eine.

Von derartigen Allianzen aggressiver Weibchen berichten die Schimpansenforscherinnen Anne Pusey und Kara Schroepfer-Walker von der Duke University in North Carolina. Normalerweise haben die Schimpansinnen einer Gruppe wenig miteinander zu tun, sodass Konflikte gar nicht aufkommen. Versucht aber ein fremdes Weibchen, sich der Gruppe anzuschließen, rotten sich deren weibliche Mitglieder zusammen und gehen auf die Neue los. Im Gombe-Nationalpark in Tansania sei ein vagabundierendes Weibchen einmal neun Stunden lang von einer Koalition wütender Schimpansinnen attackiert worden, ehe sich die Einzelgängerin schwer verwundet zurückziehen konnte, berichten die Biologinnen.

Strenge Hierarchien sorgen für sozialen Druck

Fehlen Verbündete, setzen die Weibchen vieler gemeinschaftlich lebender Arten auf Einschüchterung und sozialen Druck. Das muss nicht so grausam sein, wie es klingt - sofern alle Beteiligten die Spielregeln befolgen. Die sehen häufig eine strenge Hierarchie unter den Weibchen vor. Hat jedes seinen Platz zwischen Alpha und Omega gefunden, erübrigen sich viele Konflikte, ehe sie ausbrechen. Unter den Schimpansinnen des Gombe-Nationalparks etwa sehen die Spielregeln vor, dass nur die dominanten Weibchen oben in den Baumkronen fressen dürfen, wo die saftigsten Früchte wachsen. Ihre rangniederen Geschlechtsgenossinnen bleiben in den kargeren unteren Etagen - vielleicht mit leise knurrendem Magen, dafür unversehrt. Oft halten Hierarchien unter Weibchen länger als unter Männchen, wodurch Kämpfe zur Klärung der Rangordnung seltener nötig sind.

Jedoch zahlen die rangniederen Weibchen mancher Spezies einen hohen Preis dafür, dass sie die Rangordnung akzeptieren: Sie verzichten ihr Leben lang auf Nachwuchs; manchmal werden sie nicht einmal geschlechtsreif. Fruchtbarkeit und Fortpflanzung unterlegener Weibchen zu unterdrücken ist im Tierreich ein Mittel zur Ausübung weiblicher Macht. In Extremform praktizieren dies Nacktmulle. Sie leben in einem Tunnelsystem in Kolonien von bis zu 300Tieren. Das Recht auf Nachwuchs liegt exklusiv bei dem Weibchen an der Spitze der Hierarchie. Die anderen werden so eingeschüchtert, dass ihnen Wille und Fähigkeit zur Fortpflanzung vergehen. Aus Sicht der Anführerin ist das perfekt: keine Jungtiere, die dem eigenen Nachwuchs die Ressourcen streitig machen könnten - das alles ohne Risiko, selbst auch nur einen Kratzer abzubekommen. Und falls ein unterlegenes Weibchen doch nicht pariert, wird es mit Kopfstößen tief in einen Tunnel geschubst.

"Maximale Schädigung der Konkurrentin"

Auch Steppenpavian-Weibchen am unteren Ende der Hierarchie müssen während ihrer fruchtbaren Tage Aggressionen dominanter Weibchen ertragen. Selbst wenn die bedrängten Weibchen ein paar Minuten für ungestörten Sex finden, reduzieren die Attacken die Chance, dass sich der Embryo einnistet und normal entwickelt. Geburtenkontrolle per Psychostress ist keine Seltenheit im Tierreich. Blutig wird es, wenn eine Unterlegene doch zum Zug kommt. Dessen Nachkommen haben meist nicht lange zu leben: Infantizid durch Weibchen ist verbreitet, so bei Erdmännchen, Erdhörnchen, Krallenaffen, manchen Singvögeln und Schimpansen.

Auf ihrer Expedition durch das Tierreich haben die Forscher auch Menschen nicht ausgelassen - und Parallelen gefunden. "Frauen zeigen deutlich weniger physische Aggression als Männer", schreiben Clutton-Brock und Huchard. "Das soll nicht heißen, dass Frauen keine Kontrolle ausüben wollen über das Verhalten anderer. Aber normalerweise lernen Mädchen dies auf subtilem Wege zu tun, der ohne direkte Konfrontation auskommt."

Demnach fliegen im Streit zwischen Frauen seltener Fäuste als verletzende Worte - und auch die oft nur Dritten gegenüber. Wer in großer Runde über eine Abwesende lästert, kann ziemlich sicher sein, dass die Betroffene irgendwann von der Schmähung erfährt. Von wem sie stammt, lässt sich oft nicht mehr rekonstruieren. In den Worten des finnischen Psychologen Kaj Björkqvist bietet diese Strategie "maximale Schädigung der Konkurrentin bei minimalem Risiko für die eigene Person". Worte als Waffen wirken unter Frauen auch deshalb so mächtig, weil sie oft enge Bindungen untereinander pflegen. Erst diese emotionale Abhängigkeit lässt die geringschätzige Bemerkung, den abwertenden Blick der anderen so schmerzen. Und sie macht die - oft nicht einmal explizit geäußerte - Androhung, bei Aufbegehren aus der Gemeinschaft gestoßen zu werden, zur schlimmsten Form der indirekten Aggressivität.


Nota. - Der Mythos von der weiblichen Friedfertigkeit ist von männlichen Biologen... nein, nicht erfunden, sondern von ebenso männlichen Theologen, Philosophen, Dichtern und anderen Ideologen übernommen und von den Männern der ganzen Welt geglaubt worden - nicht von den Frauen, die haben ihn zwar noch eifrig kolportiert, aber geglaubt haben sie ihn am wenigsten; jedenfalls nicht, soweit er eine jede selbst betroffen hat.
JE 

Freitag, 12. Februar 2016

Was Männer wirklich wollen.



Männer wollen nur das eine? Der wahre Mann will seine Ruhe haben, Fußball gucken und Bier trinken. Vielleicht will er in seinem Hobbykeller noch den Staubsauger reparieren oder mit seinen Jungens eine elektrische Eisenbahn unterhalten. Ganz sicher will er sich nicht jedesmal abrackern müssen, sobald die launische Ampel grad wieder auf grün springt.




Donnerstag, 11. Februar 2016

Das Reden fällt Frauen leichter.


computerbild

Die Sprache – Laute mit Sinn und Bedeutung zum Zwecke verständigen Verkehrs – ist zweifellos eine männliche Erfindung. Das hindert Frauen heute nicht, viel reichlicheren Gebrauch davon zu machen als jene. Wie geht das? Sie lassen Sinn und Bedeutung als unnötigen Ballast im muntern Plätschern einfach untergehen.

für kardamom





Mittwoch, 10. Februar 2016

Karge Zeiten für FeministInnen.


institution logo
Psychologie: Männer wollen kluge Frauen

Dr. Christian Flatz 
Büro für Öffentlichkeitarbeit und Kulturservice
Intelligenz über Schönheit? Bisher galt die Vermutung, dass Männer biologisch darauf programmiert sind, bei der Partnersuche vor allem auf schöne Gesichter und Rundun-gen anzusprechen. Eine neue Studie zeigt, dass sich die Gesetze der Partnerwahl mit der zunehmenden Gleichstellung von Männern und Frauen verändern.

Trotz Hindernissen auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter zeigen neuere Studien, dass Männer heute bei der Partnerwahl tatsächlich Intelligenz zunehmend vor Schönheit stellen. Zu diesem Schluss kommen Marcel Zentner, Professor am Institut für Psychologie der Uni Innsbruck, und seine Kollegin Alice Eagly, Professorin für Psychologie an der Northwestern University (USA), nach einer extensiven Analyse von Studien, die sich mit gesellschaftlichen Einflüssen auf die Partnerwahl befasst haben. „Wir sichteten und analysierten hunderte von Studien aus verschiedenen Disziplinen. Sie zeigen, dass die Partnerpräferenzen von Frauen und Männern mit unvermuteter Schnelligkeit auf Fortschritte in der Gleichstellung reagieren“, sagt Marcel Zentner. 

Dieses Ergebnis rührt an den Grundfesten einer verbreiteten Theorie, wonach unsere Partnerpräferenzen evolutionsbiolo-gisch festgeschrieben sind. Frauen brauchen Männer mit Ressourcen zum Großziehen ihrer Kinder, Männer hingegen möglichst viele fruchtbare Frauen. So können beide die größtmögliche Zahl von Nachkommen hinterlassen. 

Doch einige Evolutionsbiologinnen und -biologen argumentieren heute anders: Unsere Vorfahren hätten sich ständig wechselnden Umwelten mit neuen Anpassungsproblemen stellen müssen. Den Überlebensvorteil hatten also diejenigen, die flexibel auf Veränderungen in der Umwelt reagieren konnten. Das evolutionsgeschichtliche Ergebnis sei die dem Menschen eigene Flexibilität. 

„Dieselbe Flexibilität erlaubt es dem Menschen auch, seine Partnerpräferenzen den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen“, sagt Alice Eagly von der Northwestern University. „Wie Vertreterinnen und Vertreter soziokultureller Ansätze schon lange vermutet haben, werden Partnerinnen und Partner vor allem danach ausgewählt, wie sehr sie in einen bestimmten Lebensentwurf hineinpassen. Und Lebensentwürfe werden durch die zunehmende Gleichstellung der Geschlechter maßgeblich geprägt“, so die Psychologin. Dass Partnerpräferenzen und Gleichstellung eng zusammenhängen, wiesen Zentner und Eagly auf drei sich gegenseitig ergänzende Arten nach.

Vorstellungen ändern sich


Zunächst untersuchten Zentner und Eagly kulturübergreifende Studien. „Diese zeigen, dass das geschlechtstypische Präferenzmuster, etwa, dass Frauen von Einfluss und Reichtum angezogen sind und Männer von Jugend und Schönheit, mit zunehmender Geschlechtergleichstellung der Länder dahinschmilzt“, erklärt der Wissenschaftler. So ist die Präferenz von Frauen für solvente Männer in Ländern mit relativ niedriger Gleichstellung wie Korea oder der Türkei doppelt so stark ausgeprägt wie in Ländern mit relativ hoher Gleichstellung wie Finnland oder den Vereinigten Staaten. 

In Finnland sind Bildung und Intelligenz der Partnerin oder des Partners für Männer bereits wichtiger als für Frauen. Danach befassten sich Zentner und Eagly mit Studien zu Geschlechtsrollenbildern von Individuen. Hier zeigte sich, dass die traditionellen geschlechtstypischen Partnerpräferenzen vor allem bei Personengruppen anzutreffen sind, die ein konventionelles Geschlechtsrollenbild haben. Je progressiver dieses Bild ist, desto geringfügiger ist auch der Geschlechtsunterschied in den Partnerpräferenzen der untersuchten Personengruppen.

Schließlich weisen die Autorin und der Autor in der Analyse historischer Trends nach, dass Änderungen in Geschlechterrollenbildern parallel zu Änderungen in Partnerpräferenzen verlaufen. In vielen Nationen ist die klassische Arbeitsteilung, bei der Männer erwerbstätig sind und Frauen den Haushalt bestreiten, schon lange überholt. Einkommen und Bildung der Frau spielten vor 75 Jahren bei der Partnerwahl kaum eine Rolle, während heute immer mehr Männer diese Eigenschaften als sehr bedeutsam einschätzen. 

„Die Gleichstellung wirkt wie eine Art Hebel“, beschreibt Marcel Zentner die Ergebnisse im Fazit. „Wird er nach oben gedrückt, verkleinern sich die Unterschiede in den Partnerpräferenzen zwischen Männern und Frauen, egal ob der Hebel bei der Kultur, der Person, oder dem Tempo gesellschaftlicher Entwicklungen angesetzt wird. Dies bedeutet nicht, dass diese Unterschiede ganz verschwinden würden oder dass biologische Faktoren keine Rolle spielten. Feststellen lässt sich jedoch, dass gesellschaftliche und psychologische Faktoren Partnerpräferenzen weit mehr prägen, als wir bisher vermutet haben.“ 

In früheren Zeiten war es für Frauen sinnvoll, Männer zu bevorzugen, die für sie und die Kinder aufkommen konnten und umgekehrt für Männer, Frauen auszuwählen, die vor allem gebären und kochen konnten. „Doch in der heutigen Umwelt, in der oft beide Eltern für ein befriedigendes Auskommen arbeiten müssen, suchen Männer gebildete Frauen mit guten Gehaltsaussichten“, zeigt sich Alice Eagly überzeugt. „Umgekehrt müssen Männer sich nicht zwingend der Vermögensvermehrung widmen. Ihre Erfolgschancen steigen bei Frauen, wenn sie ihr Aussehen pflegen und auch im Haushalt eine gute Figur abgeben.“

Die Originalarbeit “A sociocultural framework for understanding partner preferences of women and men: integration of concepts and evidence” wurde im Januar in der European Review of Social Psychology veröffentlicht.


Nota. - Solange Männer bei den Frauen nach Schönheit gingen, hatten es Feministinnen schon nicht leicht, von ihnen einen abzubekommen, und so sagten sie, die Trauben wären sauer. Aber mit Kosmetik und eisernem Fitnessprogramm war frau doch nicht ganz ohne Hoffnung.

Wenn jetzt aber die Männer bei den Frauen auf Klugheit sehen, sind Feministinnen ganz schlecht dran. Klugheit kann frau nicht erjoggen und auch nicht erschminken.
JE

Freitag, 5. Februar 2016

Testosteron macht Männer froh.


aus Die Presse, 06.02.2016  

Macht zu wenig Testosteron traurig?
Geschlechtshormone wirken sich nicht nur auf die Fortpflanzung und unser Lustgefühl aus, sondern auch auf unsere Stimmung und die Netzwerke im Gehirn.

von Petra Paumkirchner 

Welche Frau kennt den Satz nicht: „Ist die heute wieder zickig, wahrscheinlich hat sie ihre Tage.“ In diesem leicht gehässigen, der Küchenpsychologie entsprungenen Vorurteil steckt jedoch ein wahrer Kern. Geschlechtshormone beeinflussen unsere Stimmung, sie sind verantwortlich dafür, wie wir aufgelegt sind, denken, handeln und fühlen. Wissenschaftler der Medi-Uni Wien haben ein Rädchen in diesem hochkomplexen biologischen Zusammenhang aufgeklärt und in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“ veröffentlicht.

Eines ihrer Ergebnisse: Zu wenig Testosteron bei Männern und zu wenig Östrogen bei Frauen fördert die Ausbildung einer Depression. Um die Geschlechtshormone und die psychische Erkrankung in einen Zusammenhang zu bringen, untersuchten die Wiener Forscher den Überträgerstoff Serotonin. Serotonin ist als Glückshormon bekannt, es hebt die Stimmung. Depressive Menschen haben weniger Serotonin im Körper. Wenn die Hypothese der Wissenschaftler nun stimmt, dass Sexualhormone einen Einfluss auf depressive Verstimmungen haben, dann müsste sich das durch die Serotoninmenge im Körper widerspiegeln. Genau das wurde in dieser Studie rund um den Psychiater Rupert Lanzenberger untersucht.

Serotonin in die Zellen bringen
„Wir haben uns die Anzahl der Serotonintransporter im menschlichen Gehirn angesehen“, so Georg Kranz, Erstautor der Studie. Diese sind dafür zuständig, dass das Serotonin in die Zellen aufgenommen wird. Genau dort setzen Antidepressiva an. Sie blockieren die Transportermoleküle. „Wir wollten deshalb wissen, ob die Geschlechtshormone die Anzahl der Serotonintransporter verändern.“

Dazu wählten die Forscher die geschlechtsangleichende Hormontherapie von Transsexuellen als Forschungsmodell aus. Transsexuelle sind Menschen, die sich im falschen Körper fühlen. Obwohl sie beispielsweise genetisch gesehen Männer sind, fühlen sie sich als Frauen und umgekehrt. Damit sich ihr Körper dem geschlechtlichen Empfinden anpasst, nehmen diese Menschen Sexualhormone, um ihr Äußeres dem gefühlten Geschlecht anzupassen, sie machen eine gegengeschlechtliche Hormontherapie. Genetische Frauen nehmen Testosteron, genetische Männer Östradiol und Antiandrogene.

Die Patienten wurden sowohl vor der Hormontherapie als auch vier Wochen und vier Monate nach Beginn der Behandlung untersucht. Die Ergebnisse waren eindeutig. Mithilfe bildgebender Verfahren konnte nachgewiesen werden, dass bei Transmännern, also genetischen Frauen mit männlicher Geschlechtsidentität, die Anzahl der Transportermoleküle gestiegen ist.

Dafür dürfte Testosteron verantwortlich sein. Bei Transfrauen, also genetischen Männern mit weiblicher Geschlechtsidentität, zeigte sich genau das Gegenteil. Die Östradiol- und Antiandrogentherapie reduzierte die Transporter, wodurch ein erhöhtes Risiko besteht, an einer Depression zu erkranken. Rupert Lanzenberger und seinem Team gelang es erstmals weltweit, den Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und den Serotonintransportern im menschlichen Gehirn aufzuzeigen. Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein, depressiven Männern Testosteron zu verabreichen.

Die Forscher machten jedoch noch eine zweite wichtige Entdeckung. Testosteron wirkt sich auch auf die Größe einzelner Hirnregionen aus. Bereits nach einer vierwöchigen Testosteroneinnahme zeigten die beiden für die Sprachverarbeitung zentralen Hirnregionen, das Wernicke- und das Broca-Areal, eine interessante Entwicklung: Ihr Volumen nahm ab.

Zwischen Mann und Frau

In einer dritten Studie konnten die Forscher zudem zeigen, dass bereits vor Beginn der geschlechtsangleichenden Hormontherapie signifikante Unterschiede zwischen Transsexuellen und Kontrollpersonen beiderlei Geschlechts bestehen. „Wir konnten nachweisen, dass es Unterschiede in der regionalen Verschaltung von Hirnregionen zwischen Männern und Frauen gibt“, so Georg Kranz. „Transsexuelle liegen genau dazwischen.“

Das deutet auf eine strukturelle Basis der Geschlechtsidentität hin. Aufgrund der neuronalen Verschaltungen liegt es nahe, dass sich die Sexualhormone auch auf Impulsivität, Risikoverhalten, Empathieempfinden und das räumliche Vorstellungsvermögen auswirken.


Nota.- Achtung, das ist eine Tatarenmeldung! Es werden seit Jahr und Tag viel zu viele Forschungsergebnisse viel zu rasch und viel zu weit in der Öffentlichkeit verbreitet - die enge Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Fördermittel macht es wohl nötig. Und manches davon muss dann später kleinlaut und möglichst ohne Aufheben wieder zurückgezogen werden. Das liegt nachweislich nicht an den Wissenschaftsjournalisten in den Redaktionen, sondern an den marktschreierischen Instituten selbst.

In diesem Fall: Depressionen sind nicht durch einen absoluten Mangel an Serotonin im Gehirn (nicht im Körper!) ge-kennzeichnet, sondern durch eine zu geringe Aufnahme von Serotonin seitens der Empfängerzellen. Das ist ganz was andres; es kann an zu geringer Produktion in den Senderzellen liegen oder an gestörten Transportwegen oder an unkoope-rativen Empfängerzellen. Wenn der Bericht der Autorin sachlich richtig ist, wirken sich die Geschlechtshormone ledig-lich auf den Transport von Serotonin von der Sender- zur Empfängerzelle aus. Das betrifft nur einen kleinen Teil der depressiven Erkrankungen.

Wobei wohlbemerkt über 'Ursachen' und 'Wirkungen' noch überhaupt nichts gesagt ist.
JE

Montag, 1. Februar 2016

Oder sind doch Mädchen die schlechteren Schüler?

aus Der Standard, Wien, 1. 2. 2016

In Österreich findet in diesem Jahr ("heuer") die erste landesweit zentrale Abiturprüfung statt. Dazu schreibt Lisa Nimmervoll unter der Überschrift Mädchen bei Zentralmatura in Englisch unerwartet schlecht im Wiener Standard unter anderm:

Geschlechterunterschiede: Besonders überraschend sind die erheblichen und österreichweit durchgehenden Unterschiede in den negativen Ergebnissen zuungunsten der Mädchen beim ersten schriftlichen Maturahaupttermin: 60 Prozent mehr Fünfer für Mädchen (6,9 Prozent) als für Buben (4,3 Prozent). Das ist insofern sehr ungewöhnlich, als "in jeder Studie der westlichen Welt über Englischtests der Schülerinnen und Schüler die Mädchen durchweg besser abschneiden", sagt Haider, bei den Bildungsstandards 2013 in der achten Klasse sogar deutlich besser. 

In Vorarlberg, wo übrigens der Gendereffekt im Ländervergleich immer am größten ist, scheiterten gleich dreimal so viele Mädchen wie Buben schriftlich in Englisch. Und bei der schriftlichen Matura ist plötzlich alles anders? Wie das? Haider nennt zwei Erklärungen: "Entweder es liegt am Instrument Matura, also an der Methode und den Inhalten der Fragestellungen, oder aber es resultiert aus dem Schulsystem oder der Didaktik. Das muss man sich anschauen." Da dieser Effekt in allen Bundesländern und Schulformen auftritt, sei aber sehr wahrscheinlich, "dass Merkmale der Prüfung selbst diesen Geschlechtereffekt mit hervorrufen", sagt Haider. 

Riesiger Gender-Effekt 

In Mathematik wiederum, dem Fach mit den bei weitem schlechtesten Ergebnissen, zeigt sich das, was auch sonstige Studien zeigen: Die Mädchen (12,6 Prozent) schneiden schlechter ab als die Buben (7,6 Prozent) und erzielten um zwei Drittel mehr negative Abschlüsse beim schriftlichen Termin


Muster bekannt, macht es aber nicht besser, kritisiert der Bildungsforscher: "In Mathematik nimmt man den riesigen Gendereffekt offensichtlich quasi als naturgegeben hin. Das ist er natürlich nicht, sondern eher ein Produkt des Schulsystems und seines Unterrichts." Hier sei eine inhaltliche Analyse der Aufgaben im Hinblick auf den Geschlechter-Bias nötig, zumal das Ausmaß der Differenz bei der Zentralmatura überrasche – insbesondere, wenn man den Notenvergleich in den letzten Klassen ins Treffen führe. "Gute Noten im Zeugnis und dann bei der schriftlichen Matura schlecht abschneiden?", fragt Haider. 

Ein ähnliches Phänomen gab es beim Aufnahmetest an den Medizin-Unis, bei dem Mädchen auch schlechter abschnitten, obwohl sie bessere Schulnoten hatten als die Buben. 


Nota. - Mädchen sind schlechter? 'Das kann nur am System liegen, sicher nicht an den Mädchen.' Das stimmt wahr-scheinlich. Doch ist die österreichische Zentralmatura erst ein paar Tage alt. Als weiland die Meldung die Runde machte, Jungen seien schlechtere Schüler als Mädchen, dauerte es viele Jahre, bis die entsprechende Erkenntnis die Runde machte; und mancherorts ist sie bis heute nicht angekommen.
JE