Freitag, 13. Oktober 2017

Frauen können das auch.

aus Süddeutsche.de,

Kindesmissbrauch  
"Ich habe mir gewünscht, ich wäre tot"
Pädophile müssen nicht männlich sein. Immer wieder stehen Mütter und Frauen vor Gericht, die Kinder missbraucht haben. Ihre Opfer leiden ein Leben lang.
 
Von Britta Schultejans

"Je mehr ich weinte, desto schlimmer wurde es. Wir hatten eine Rosen-Tapete und ich habe immer nur auf die Rosen gestarrt und mir gewünscht, ich wäre tot. Wie kann eine Mutter, die dich auf die Welt gebracht hat, dir nur solche Dinge antun?" - Susannah Faithfull war noch ganz klein, als ihre eigene Mutter begann, sie sexuell zu missbrauchen. Der Vater hatte die Familie gerade verlassen.

Bis sie mit 16 von Zuhause auszog, wurde sie von ihrer Mutter gezwungen, mit ihr das Schlafzimmer und das Bett zu teilen. In einem Radiointerview mit dem britischen Sender BBC erinnert sich die heute 54-Jährige an ihr unfassbares Schicksal, mit dem sie nicht allein ist. "Ich habe mich immer in einem Schrank unter der Treppe versteckt", sagt sie. "Wenn Mama von der Arbeit nach Hause kam, rief sie sofort nach mir." Als sie ihrem Vater von den Übergriffen erzählte, glaubte er ihr nicht.

Ein Gerichtsverfahren gegen zwei pädophile Frauen, die Kinder über lange Zeiträume missbraucht haben, hat in Großbritannien eine Diskussion um weibliche Kinderschänder ausgelöst. Schätzungen der britischen Kinderschutzorganisation Lucy Faithful Foundation (LFF) gehen von bis zu 64.000 weiblichen Pädophilen im Vereinten Königreich aus - jeder fünfte Kinderschänder wäre damit eine Frau. Auch in einschlägigen Chatrooms sind nach LFF-Angaben immer mehr Frauen zu finden.

"Einige der bösesten Handlungen"

Der Fall der 39-jährigen Vanessa George, einer pädophilen Kindergärtnerin aus dem südenglischen Plymouth, hat in ganz Großbritannien Abscheu und Entsetzen ausgelöst. In "Little Ted's Day Care Centre" missbrauchte die verheiratete Mutter von zwei Töchtern im Teenager-Alter mindestens sieben der 60 Kinder, die ihr anvertraut waren. Einige von ihnen waren gerade ein Jahr alt. Davon machte sie Fotos, die sie an einen Geschäftsmann aus Manchester schickte - und an Angela Allen, eine alleinerziehende Mutter aus Nottingham.

Die drei hatten sich über die Internetplattform Facebook kennengelernt und Tausende Nachrichten über ihre perversen Phantasien und Bilder, die alle drei beim Sex mit Kindern zeigten, ausgetauscht. Die Polizei sprach von "einigen der bösesten Handlungen, die man sich vorstellen kann". Unter anderem sollen sie auch geplant haben, gemeinsam ein Kind zu entführen. Jetzt stehen sie gemeinsam in Bristol vor Gericht, alle drei haben den Missbrauch gestanden. Das Urteil soll im November fallen

Während Meldungen über den Missbrauch von Männern an Kindern - selbst wenn es die eigenen sind - zum traurigen Alltag gehören, löst der Fall dieser pädophilien Frauen Abscheu und Entsetzen aus.

Dabei gibt es viel mehr Frauen, die Kinder missbrauchen, als gemeinhin angenommen - auch in Deutschland. 2007 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 277 Frauen wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt, 39 wurden deswegen verurteilt. Wie aus der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes (BKA) hervorgeht, waren 7,1 Prozent der Täter, die Schutzbefohlene missbrauchten, Frauen. Bei sexuellem Missbrauch von Kindern lag die "Frauenquote" bei 3,9 Prozent, beim Besitz von Kinderpornos bei 6,8 Prozent. Die Dunkelziffer, da sind Experten sich einig, liegt weitaus höher.

"Es gibt mit Sicherheit ein großes Dunkelfeld", sagt der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. "Es ist ein Tabuthema und keine Kriminalität, die häufig angezeigt wird." Außerdem werde Sexualität zwischen Frauen und Kindern in der Gesellschaft anders gesehen. "Es ist kein Problem, wenn eine Mutter mit ihrem 13-jährigen Sohn das Schlafzimmer teilt. Würde ein Vater das mit seiner Tochter tun, wäre das schon mehr als nur ein Anfangsverdacht." ...



Mittwoch, 11. Oktober 2017

Hilfsbereitschaft ist Männersache.



aus derStandard.at, 11. Oktober 2017, 11:28

Kooperation ist vor allem unter Männern ausgeprägt.
Forscher testeten Hilfsbereitschaft in verschiedenen Geschlechter-Konstellationen

Wien – Wenn Zank und Hader das Nachrichtengeschehen prägen, liest man so etwas doch gerne: Insgesamt betrachtet ist die Spezies Homo sapiens als ausgesprochen kooperativ und hilfsbereit zu betrachten. Selbst in einem von Konkurrenz geprägten Umfeld sei die Bereitschaft zur Zusammenarbeit hoch, berichten Wiener Forscher mit internationalen Kollegen im Fachmagazin "Scientific Reports". Deutlich über dem Schnitt liegt laut der Studie die Kooperationsbereitschaft unter Männern.

Die Studie

"Es gab schon viele Experimente, bei denen Menschen sich sehr prosozial und kooperativ zeigten, aber bis jetzt wurde dies immer unter artifiziellen Konditionen getestet", sagt Jorg Massen vom Department für Kognitionsbiologie der Uni Wien – nämlich in gestellten Situationen meist mit Psychologiestudenten. Er habe deshalb eine aus dem Leben gegriffene Aufgabe in einem sehr kompetitiven Milieu ausgesucht: der Wissenschaft.

Wenn die Menschen hier Bereitschaft zur Zusammenarbeit zeigten, wären sie tatsächlich eine kooperative Spezies, meint Massen. Ob diese Grundannahme berechtigt ist, bleibt freilich dahingestellt – in anderen gesellschaftlichen Bereichen könnte der Wille zur Kooperation durchaus weniger ausgeprägt sein als in der Wissenschaft.

Die Forscher haben jedenfalls rund 300 Fachkollegen aus der ganzen Welt frech um ihre wissenschaftlichen Rohdaten gebeten, unter dem Vorwand, dass sie diese für eine Metastudie brauchen würden, also um die Daten verschiedener Forscher kollektiv auszuwerten. Sie boten ihnen dafür nichts an – weder eine Mit-Autorenschaft an damit entstehenden Publikationen noch anderes. Im Schnitt war mehr als die Hälfte der Wissenschafter (59 Prozent) dazu bereit.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Es war aber alles andere als irrelevant, von welchem Geschlecht der Bittsteller und der Gönner waren. Männer kooperierten mit Männern weitaus häufiger (72 Prozent) als bei allen anderen Konstellationen, also Frauen untereinander (56 Prozent), wenn ein Mann bei einer Frau angefragt hat (53 Prozent) oder eine Frau einen Mann um seine Daten bat (54 Prozent), erklärte Massen.

"Solche Unterschiede bei den Geschlechtern reflektieren vielleicht den höheren Wettbewerbsdruck, den Frauen wahrnehmen, traditionell männliche Netzwerke in den akademischen Kreisen sowie unsere evolutionäre Vergangenheit, in der vor allem Allianzen zwischen Männern vorteilhaft waren", meint der Forscher. Er selbst hätte übrigens nicht auf das Geschlecht der anfragenden Person geachtet, sondern nachgefragt, was denn genau mit seinen Daten passieren soll. (APA, red,)


Link
Scientific Reports: "Sharing of science is most likely among male scientists"



Nota. - Nur sozial konstruiert? Uns reicht das.
JE 



institution logoIn der Wissenschaft teilen vor allem Männer ihr Wissen untereinander
 
Stephan Brodicky
Öffentlichkeitsarbeit 
Universität Wien

10.10.2017 14:50  

Auch wenn sich internationale Forschung immer mehr zu einem stark kompetitiven Feld entwickelt, sind WissenschafterInnen meist sehr gewillt ihr Wissen und ihre Arbeit mit anderen zu teilen. Dies gilt vor allem für den Austausch unter männlichen Kollegen, weniger allerdings für Frauen untereinander, deren Kooperation mit ihren männlichen Kollegen sowie für Männer, die ihr Arbeit mit Frauen teilen sollten. Ein internationales Forschungsteam um den Kognitionsbiologen Jorg Massen hat diese Verhaltensmuster unter ForscherInnen aufgedeckt und in der Fachzeitschrift "Scientific Reports" veröffentlicht.

Der Austausch von Wissen gilt in der Scientific Community als essentiell zur Gewinnung neuer Forschungserkenntnisse. Dabei spielt die, oftmals auch uneigennützige, Kooperation unter WissenschafterInnen eine beträchtliche Rolle. Eine Reihe an Experimenten hat die weitläufige Annahme bestätigt, dass Menschen – im Vergleich zu Tieren – sehr prosozial handeln. Viele dieser Experimente wurden jedoch unter realitätsfernen Rahmenbedingungen, meist an PsychologiestudentInnen, durchgeführt. Um dies in einem realistischen Umfeld zu testen, hat ein Team um den Kognitionsbiologen Jorg Massen von der Universität Wien den Versuch gestartet, die Bereitschaft zu teilen im höchst kompetitiven Rahmen der Wissenschaft zu erforschen.

Dazu haben die ForscherInnen 300 internationale, fachverwandte WissenschafterInnen aufgefordert, ihre wissenschaftlichen Publikationen sowie gewonnenen Daten mit Massen und seinem Team ohne jegliche Gegenleistung zu teilen. Die KognitionsbiologInnen der Universität Wien und der niederländischen Universität Leiden waren dabei aber nicht an den Arbeiten der ExpertInnen per se interessiert, sondern allein an der Tatsache, ob sie eine positive, negative oder gar keine Antwort auf die Anfrage erhalten würden.

Die Mehrheit der WissenschafterInnen reagierte positiv und signalisierte somit Bereitschaft entsprechende Daten zu teilen. Nichtdestowenigeer zeigten Männer, die von einem Mann kontaktiert wurden, eine 15 Prozent höhere Antwortrate als Männer, die von Frauen gebeten wurden, ihre Arbeiten mit ihnen zu teilen. Ein ähnliches Verhalten zeigten auch Frauen, die wiederum von Frauen oder Männern kontaktiert wurden – hier war die Rücklaufquote um etwa 15 Prozent geringer als bei Männern, die untereinander ihre Arbeiten austauschten.

"Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern repräsentieren möglicherweise den immer stärker ausgeprägten Konkurrenzkampf unter weiblichen Wissenschafterinnen, die traditionellen Männergesellschaften in wissenschaftlichen Kreisen und/oder resultieren aus evolutionären Gegebenheiten, in denen Mann-Mann-Bündnisse von Vorteil waren", so Jorg Massen, der Erstautor der Studie und ergänzt: "Es werden weitere Studien notwendig sein, um zu untersuchen, ob dieses Verhalten exklusiv unter WissenschafterInnen auftritt oder ein allgemeines, gesellschaftliches Muster zu erkennen ist."


Publikation in "Scientific Reports"
Massen, J.J.M., Bauer, L., Spurny, B., Bugnyar, T. & Kret. M. E. (2017). Sharing of science is most likely among male scientists. Scientific Reports.
DOI: 10.1038/s41598-017-13491-0

Wissenschaftlicher Kontakt
Jorg J.M. Massen, PhD
Department für Kognitionsbiologie
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-699-1131 01 82
jorg.massen@univie.ac.at

Rückfragehinweis
Stephan Brodicky
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 41
stephan.brodicky@univie.ac.at




Nota. - Vermutlich ist es gar nicht nötig, aber man kann in Zeiten Gerechter Sprache nicht pingelig genug sein: Meine Überschrift ist natürlich ein Scherz. Es geht nicht um den liebenswerten Charakterzug der Hilfsbereit- schaft, sondern um die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, Ko-Operation. Die ursprünglichen menschlichen Gemeinschaften dürften rund zwei Dutzend Köpfe umfasst haben, Kinder und Alte inbegriffen. Innerhalb der Gruppe waren die Aufgaben wohl ziemlich fest, nämlich "naturwüchsig" verteilt. Die Bildung neuer, spontaner Arbeitsgruppen wurde regelmäßig und typischerweise außerhalb des Gruppenrahmens notwendig: bei der Jagd. Es geht nicht um Gemütsbewegung, sondern um den gemeinsamen Vorteil. Dass die Leute sich außerdem gut leiden können, ist nützlich, aber nicht notwendig; und ergibt sich womöglich auf die Dauer von selbst.
JE 


 

Dienstag, 10. Oktober 2017

Alles nur sozial konstruiert.



 institution logo
Frauengehirn reagiert stärker auf Großzügigkeit als Männergehirn


Nathalie Huber
Kommunikation
Universität Zürich

09.10.2017 17:00  

Verhaltensexperimente offenbaren: Frauen sind grosszügiger als Männer. Nun belegen UZH-Neuroökonomen, dass die Gehirne von Frauen und Männern soziales und egoistisches Verhalten unterschiedlich verarbeiten. Bei Frauen löst Grosszügigkeit ein stärkeres Belohnungssignal aus, während Männer bei egoistischem Verhalten mehr Belohnungsaktivität zeigen.

Wenn Frauen einen Geldbetrag verteilen können, verhalten sie sich grosszügiger als Männer. Das belegen Verhaltensexperimente. Um dieses Verhalten besser zu verstehen, untersuchten UZH-Neuroökonomen die dabei aktiven Gehirnareale. Nun belegen die am Institut für Volkswirtschaftslehre durchgeführten Experimente erstmals, dass Männer- und Frauengehirne egoistisches und soziales Verhalten unterschiedlich verarbeiten.

Egoistisches Verhalten bei Männern stärker aktiviert

Das Striatum, ein Bereich in der Hirnmitte, ist für die Bewertungs- und Belohnungsverarbeitung zuständig und in jeder Entscheidung aktiv. Die Ergebnisse der UZH-Forschenden zeigen: Bei den Frauen wurde das Striatum stärker aktiviert, wenn sie sich prosozial verhielten, als wenn sie egoistische Entscheidungen trafen. Bei Männern aktivierte egoistisches Verhalten das Striatum stärker. «Das Belohnungssystem von Frauen reagiert also stärker auf grosszügige Entscheidungen als jenes von Männern», folgert Studienerstautor Alexander Soutschek.

Egoistischere Frauen bei unterdrückter Belohnung

In einem weiteren Experiment wurde das Belohnungssystem der Probanden durch die Einnahme von Medikamenten gestört. Unter diesen Bedingungen verhielten sich die Frauen egoistischer und Männer sozialer. Dies überraschte die Forscher. «Dieser Befund zeigt, dass das Belohnungssystem von Frauen und Männern auch pharmakologisch unterschiedlich auf Grosszügigkeit reagiert», erklärt Alexander Soutschek. Die Ergebnisse haben für die Hirnforschung Konsequenzen: «Zukünftige Studien müssen so gestaltet werden, dass auch auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen geprüft wird», fordert Alexander Soutschek.

Kulturell bedingte Verhaltensmuster ausschlaggebend

Auch wenn sich diese geschlechtsspezifischen Unterschiede auf der biologischen Ebene äussern, warnt Soutschek vor der Folgerung, dass sie angeboren oder evolutionär bedingt sind. Laut dem Neuroökonomen arbeiten die Belohnungs- und Lernsysteme im Gehirn eng zusammen. Zudem belegen empirische Studien, dass prosoziales Verhalten bei Mädchen eher mit Lob belohnt wird als bei Buben: «Sie lernen, eher eine Belohnung für prosoziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten. Der Geschlechterunterschied, den wir in unseren Studien beobachtet haben, lässt sich in diesem Sinne am besten durch die unterschiedlichen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen erklären», so Soutschek. Dieser Erklärungsansatz wird etwa durch Befunde gestützt, die in Bezug auf die Belohnung von prosozialem und egoistischem Verhalten grosse kulturelle Unterschiede zeigen.


Literatur:

Alexander Soutschek, Christopher J. Burke, Anjali Raja Beharelle, Robert Schreiber, Susanna C. Weber, Iliana I. Karipidis, Jolien ten Velden, Bernd Weber, Helene Haker, Tobias Kalenscher and Philippe N. Tobler. The dopaminergic reward system underpins gender differences in social preferences. Nature Human Behaviour. DOI: 10.1038/s41562-017-0226-y


Nota. - Man muss sich nur fragen: Wer hat über die Jahrhunderttausende die Hauptrolle bei der Aufzucht von Kíndern - Mädchen und Jungen - gespielt: Mütter oder Väter? Wer hat also das Belohnungssystem konditio- niert? "Alles sozial konstruiert", sagt die feministische Strömung der Gender Studies. Entweder stimmt es gar nicht, oder auch und gerade hier.
JE 

 

Montag, 9. Oktober 2017

Ist die Frau freigiebiger als der Mann?

Großzügig oder Egoistisch? Das Striatum, eine Struktur in der Mitte des Gehirns, bewertet unsere Entscheidungen. 
aus Tagesspiegel.de, 9. 10. 2017                                                                                   Striatum

Die Frau, die gibt
Frauen sind großzügiger als Männer. Aber sie werden nicht so geboren

von Florian Schumann

Das Gehirn von Frauen reagiert stärker auf Großzügigkeit als das von Männern. Das schreibt eine Forschergruppe um Alexander Soutschek von der Universität Zürich im Fachblatt "Nature Human Behaviour". 

Aus Verhaltensexperimenten war bereits bekannt, dass Frauen in der Regel großzügiger sind als Männer. Wenn etwa ein Geldbetrag mit anderen geteilt werden soll, geben Frauen im Durchschnitt mehr ab als Männer. Um diesem Verhalten auf den Grund zu gehen, beobachteten die Forscher die Teile des Gehirns, die bei solchen Entscheidungen aktiv sind.


Verantwortlich für die Bewertung und Belohnung solcher Entscheidungsprozesse ist das Striatum, eine Struktur in der Mitte des Gehirns. Die Forscher untersuchten, wie aktiv diese Hirnregion bei Probanden war, die sich zwischen sozialem und egoistischem Verhalten entscheiden mussten. Die Testpersonen sollten wählen, ob sie einen bestimmten Geldbetrag lieber selbst behalten oder ihn mit jemandem teilen wollten. Bei Frauen war das Striatum deutlich aktiver, wenn sie soziale Entscheidungen trafen, als wenn sie sich egoistisch verhielten. Bei Männern hingegen wurde es stärker aktiviert, wenn sie das Geld selbst behielten.

Von Männern wird Egoismus erwartet

Das Striatum wird vor allem durch Dopamin aktiviert, den wichtigsten Botenstoff des Belohnungssystems. In einem zweiten Experiment blockierten die Forscher dieses System mit Medikamenten und untersuchten, wie sich das auf die Entscheidungen auswirkte. Unter diesen Bedingungen verhielten sich Frauen egoistischer, Männer teilten ihr Geld hingegen öfter mit anderen. Durch Dopamin wird Verhalten belohnt, das subjektiv wertvoll erscheint. Das heißt: Für Frauen ist Teilen wohl wertvoller, als egoistisch zu handeln. Für Männer gilt das Gegenteil.

Soutschek warnt jedoch vor falschen Schlüssen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern müssten keinesfalls angeboren oder evolutionär bedingt sein. Stattdessen könnte kulturelles Lernen der entscheidende Faktor sein, denn auch das Lernen ist eng mit dem Dopaminsystem verknüpft. Während Mädchen oft von klein auf für soziales Verhalten stärker gelobt werden als für egoistisches, ist bei Jungen häufig das Gegenteil der Fall. Bis zum Erwachsenenalter verfestigen sich diese kulturellen Normen dann weiter. „Der Geschlechterunterschied, den wir in unseren Studien beobachtet haben, lässt sich am besten durch die unterschiedlichen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen erklären“, fasst Soutschek zusammen.






Donnerstag, 28. September 2017

Weg mit den Jammer-Müttern!


ägyptisch
aus FAZ, 26.09.2017
 
Weg mit den Jammer-Müttern!
Die Forderung nach einer Zwangspause für Väter belegt: Ein Teil der Frauen glaubt immer noch daran, dass es für wahre Gleichberechtigung nur genügend staatliche Steigbügel braucht.

Von

Auch zehn Jahre nach Einführung der Elternzeit pausieren drei Viertel der Männer bloß zwei Monate für ihr Kind. Das sind die beiden Monate, für die die Familie sonst die schöne staatliche Förderung durch das Elterngeld verlieren würde, die abhängig vom Einkommen vor der Geburt zwischen 300 und 1800 Euro im Monat liegt. Doch nur, wenn die Elternzeit mindestens zwei Monate auch vom anderen Elternteil genutzt wird, gibt es die volle Leistung für 14 Monate. Schon das ist eine befremdliche Bevormundung und Einmischung durch die Politik -  mit dem erklärten Ziel, die Akzeptanz für eine berufliche Väter-Pause in den Unternehmen und bei den Vätern mit dem sanften Druck des Geldes zu erhöhen. Der Befund ist aber eindeutig: Mütter bleiben wie gehabt nach der Geburt in der Regel wesentlich länger zu Hause als die Väter.   

Aus diesem Befund kann man – wie meine Kollegin Tatjana Heid an dieser Stelle in ihrem Beitrag „Weg mit den Zwei-Monats-Vätern!“ – schlussfolgern, dass es mit der Gleichberechtigung in den Familien nicht allzu weit her ist. Zwingend ist der Schluss aber nicht, schließlich ist die Aufteilung der 14 Monate (bis auf die zwei Partnermonate) freiwillig gewählt. Dass die Frau überwiegend zu Hause bleibt, könnte also einfach daran liegen, dass die Eltern diese Aufteilung der Betreuung im ersten Lebensjahr als sinnvoll und dieser Familienphase angemessen empfinden.  

Nimmt man an, dass die Frauen dennoch mit der Aufteilung unzufrieden sind, stellt sich die Frage, wer den Zustand zu ändern hätte: Immer noch die Politik, der Staat, der seit Jahren ein Gesetz nach dem anderen macht und Frauen darüber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hierzulande dramatisch erleichtert hat? Tatjana Heid sagt ja und will den Vätern nun eine 14-wöchige Zwangspause zu Hause verordnen, ein Arbeitsverbot für junge Väter, genannt  „Vaterschutz“. Die Dauer wäre analog zum Beschäftigungsverbot im Mutterschutz sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt. Der Mutterschutz beruht allerdings nachvollziehbar vor allem auf biologischen Gründen, während Vaterschutz bloß soziologisch motiviert wäre. 

Die fröhliche Aufforderung zu einer derart weitreichenden Einmischung des Staates in die Familien kommt meiner Ansicht nach einer Bankrotterklärung der Frauen und Mütter gleich. Niemand hindert sie daran, sich hier und heute mit ihren Männern auf eine andere Aufteilung der Babypause zu einigen. Warum beharren sie nicht auf der Halbierung der Elternzeit, wenn es ihnen so wichtig ist, warum nicht gar darauf, dass der Vater den Löwenanteil der Fürsorge übernimmt? Sie müssen es nur tun, statt zu jammern und immer neue, teure Hilfestellungen zu verlangen. Mir scheint das, als warteten sie darauf, dass der Staat die Mühe des Aushandelns der Arbeitsaufteilung in der Familie endlich für sie erledigt. Wollen Mütter den Staat aber allen Ernst einladen, ihnen in der Familie verbindlich vorzuschreiben, wie Gleichberechtigung auszusehen hat? Ist solche Bevormundung ihre Vorstellung von Gleichberechtigung?

Die Forderung nach Väter-Zwangspause belegt einmal mehr, dass ein Teil der Frauen immer noch daran glaubt, für die wahre Gleichberechtigung brauche es bloß genügend staatliche Steigbügel. Doch gibt es längst eine solche Flut von Teilzeitansprüchen (auch die Elternzeit ist übrigens in Teilzeitportionen verfügbar), dass nun die „Teilzeit-Falle“ der Frauen beklagt wird und ein Rückkehrrecht in Vollzeit ebenfalls Gesetz werden soll. Geliebäugelt wird auch noch mit dem von der SPD schon länger propagierten Gesetz für die Familienarbeitszeit: Es zielt darauf, Väter und Mütter zu belohnen, wenn sie beide gleichermaßen 32 Stunden in der Woche arbeiten, getreu einem irrwitzigen Ideal, das nur die exakt hälftige Aufteilung von Arbeit und Familienzeit als „gleichberechtigt“ anerkennen  will.

Auch damit ist es aber absehbar nicht genug. Schon wünschen sich Frauen einen Staatskommissar, der ihren Arbeitslohn auf Spuren von Diskriminierung überprüft. Außerdem natürlich den gebührenfreien Betreuungsplatz für das Kind bis zum 18. Geburtstag, fußläufig zum Wohnort, aber mit garantiert qualitativ hochwertigem Betreuungspersonal, das deswegen bitteschön auch künftig viel besser verdienen möge.

Geht’s noch? „Wir wollen doch Gleichberechtigung“, schreibt Tatjana Heid. Da seien die Kosten egal, schließlich gebe Deutschland „für wesentlich unsinnigere Dinge Geld aus“, da könne sich das Land auch leisten, wenn die Väter nach der Geburt ebenfalls 14 Wochen bezahlt zu Hause bleiben, übrigens gerne zusätzlich zu einem reformierten Elterngeldgesetz, das dann gleich vier verpflichtende Partnermonate vorsieht.

Keine Antwort auf die Frage, wo das Geld herkommt. Doch Ausgaben, die der eine „unsinnig“ findet, verteidigen andere meist beinhart. Auch ist es riskant, in einem Land, in dem Arbeitskräfte knapp werden, während die Babyboomer in die Rente drängen, immer neue bezahlte Auszeiten zu verlangen. Die Kosten deckt nicht der Himmel. Das Geld fließt nur, wenn es Unternehmen gelingt, sich im Wettbewerb weiterhin zu behaupten. Man hört schon, wie sich Mütter und Väter dann fragen, warum ihnen eigentlich von ihrem Einkommen kaum was bleibt, das sie mit staatlicher Hilfe nun so wunderbar gleichberechtigt erwirtschaften. Die Antwort lautet: Das Einkommen fressen die hohen Steuern und Abgaben, die ein Land nun einmal hat, wenn seine Bürger glauben, alles lasse sich an den Staat delegieren.

Mehr Zwang, weniger Geld – das kann doch nicht die Gleichberechtigung sein, die Mütter meinen.


Nota. - Liebe Frau Göbel, das wissen Sie doch selber - und ich möchte wetten: besser als manchEr andere -, dass 'For- derungen' dieser Art nicht von "Frauen", schon gar nicht von "Müttern" in die Öffentlichkeit getragen werden, sondern von Professionellen, die mit Frauenthemen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das müssen Sie aussprechen - dann können Sie sich den ganzen Rest sparen. Aber da ist gewiss die Frauenbeauftragte Ihrer Redaktion davor.
JE

Mittwoch, 20. September 2017

Das weibliche Sicherheitsbedürfnis.

Egon Schiele
aus dieStandard.at, 20. September 2017, 10:00

Wenn Exzellenz zur Ausrede wird
Je höher die Karrierestufe im Wissenschaftsbetrieb, desto weniger Frauen sind dort zu finden. Ein Projekt untersuchte, wie es die Universitäten mit Gleichstellung halten und welche Auswirkungen die enorme Konkurrenz hat

von Beate Hausbichler

Wien – Frauen sind an den Universitäten eine junge Erscheinung. In Österreich konnten sie erst im Laufe des letzten Jahrhunderts Einzug in die Unis halten. Inzwischen haben sie eine beachtliche Aufholjagd hingelegt. Mit 54 Prozent sind heute Frauen als Studierende in der Mehrheit, sie werden aber ab der Postdoc-Ebene immer weniger: Der Professorinnenanteil in Österreich liegt bei 23 Prozent, europaweit werden nur 20 Prozent der Universitätsinstitute von Frauen geleitet.

Während Unis oft als Ort des streng regulierten geschlechterpolitischen Fortschritts gelten, sieht die Realität anders aus. Trotzdem werden Maßnahmen zur Frauenförderung nicht von allen Universitäten mit gleicher Intensität vorangetrieben, was auch mit dem 2002 installierten Universitätsgesetz zu tun hat. Mit ihm mussten die Unis einen großen Schritt in Richtung Selbstmanagement gehen, womit auch gleichstellungspolitische Maßnahmen den Unis übertragen wurden. Die Soziologinnen Angelika Striedinger und Johanna Hofbauer haben untersucht, wie sich die neuen unternehmerischen Anforderungen an den Universitäten auf gleichstellungspolitische Maßnahmen in Österreich auswirken und warum Frauen in den höheren Karriereebenen eine Minderheit sind.

Wettbewerb um "Exzellenz"

Hofbauer und Striedinger forschten mit Unterstützung des FWF im Rahmen des länderübergreifenden Projekts "Entrepreneurial University and Gender Change: Arbeit – Organisation – Wissen". In den nun vorliegenden Ergebnissen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den vier untersuchten anonymisierten österreichischen Unis. Ein Problemfeld zog sich allerdings wie ein roter Faden durch große Teile der untersuchten Daten: der enorme Wettbewerb um "Exzellenz".

"Die Universitäten raufen sich um die besten Ranking-Positionen, auch zwischen den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern findet ein Kampf um die vordersten Plätze statt", sagt Hofbauer. Dabei werde unter den Tisch gekehrt, dass das Leistungsprinzip, nach dem nur die Besten durchkommen würden, so nicht stimme. "Es sind nicht einfach die Besten, sondern vor allem die mit den besten Ressourcen im Hintergrund und die mit dem höchsten Grad an Mobilität."

Die Konsequenz ist ein harter Konkurrenzkampf, zwischen den Unis und zwischen den Menschen im Wissenschaftsbetrieb. Striedinger und Hofbauer haben sowohl mit jungen Wissenschafterinnen als auch mit Wissenschaftern gesprochen, um herauszufinden, wo die Probleme für den gesamten Nachwuchs liegen und wo es Genderkomponenten gibt. Konkurrenzdruck und undurchsichtige Kriterien für die sogenannte Exzellenz waren Generalthemen. "Nachhaltige Karriereperspektiven oder längerfristige Verträge – darum kämpfen alle", sagt Hofbauer.

Immer wieder Sorgearbeit

Doch für Frauen sei die Ungewissheit noch einmal weitreichender. "Frauen tragen mit ihrer Geschlechterrolle eine Perspektive von Verantwortung für Familie und Sorgearbeit mit sich – selbst wenn sie noch keine Familie haben", sagt Hofbauer gegenüber dem STANDARD. Insofern sei diese Unsicherheit für Frauen existenzieller als für Männer, die noch immer damit rechnen könnten, dass sie eine Frau maßgeblich bei der Sorgearbeit entlastet.

Über die individuelle Wahl gegen oder für den Beruf Wissenschafterin hinaus spielen auch Zuschreibungen von jenen eine Rolle, die Männer und Frauen potenziell fördern könnten. "Familiengründung wird in vielen Fällen bei einer jungen Wissenschafterin als größeres Hindernis als bei ihrem Kollegen wahrgenommen", meint Striedinger.

Dass Frauen noch immer die Frage der Vereinbarkeit weit mehr als Männer umtreibt, zeigt der Braindrain in den Naturwissenschaften. Frauen wechseln oft in die Industrie, weil sie dort für sich bessere Bedingungen vorfinden. "In der Industrie findet man Möglichkeiten zur Vereinbarkeit, während man in der Wissenschaft als Hängemattenkandidatin gilt, wenn man etwa Arbeitszeitenregulierungen fordert", sagt Hofbauer. Neben den Interviews mit Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb lieferten den Soziologinnen verschiedenste Dokumente wichtige Daten.

Keine Zeit für Gleichstellung

In Entwicklungsplänen, Leistungsvereinbarungen oder Wissensbilanzen offenbarten die Unis ihr Verhältnis zu Gleichstellungsmaßnahmen. Die Begründungen, warum diese gesetzt werden, reichten von einem nötigen größtmöglichen Nutzen der personellen Ressourcen darüber, der Anordnung eines Ministeriums Folge leisten zu wollen, bis hin zu dem Anspruch, dass Diversität schließlich zu den Grundsäulen der Academia zähle. Es zeigte sich, dass an jenen Unis, an denen diese verschiedenen Zugänge gleichzeitig sichtbar waren, mehr Gleichstellungsaktivitäten stattfanden.

Hofbauer und Striedinger fanden auch heraus, dass sich Universitäten mit einer starken Orientierung am internationalen Exzellenzwettbewerb mit Gleichstellungsarbeit zurückhalten. "Sie rechtfertigen ihre Versäumnisse damit, dass dafür einfach keine Ressourcen mehr da sind – dabei ist es ein großes Missverständnis, dass das eine das andere ausschließen würde", ist Hofbauer überzeugt. Würden Frauen unsichtbar gemacht, würden auch die Qualität ihrer Forschung und ihre Ideen unsichtbar. Für manche Unis sei Gleichstellung daher eine notwendige Voraussetzung für Exzellenz. Andere verwendeten die Förderung von Frauen hingegen wettbewerbsbedingt als Aufputz nach außen hin, ergänzt Striedinger. Während tatsächlich relativ wenig passiere. 


Link
Entrepreneurial University und GenderChange: Arbeit – Organisation – Wissen


Nota. - Dass das vordringliche weibliche Sicherheitsbedürfnis eine erbliche Charakterschwäche wäre, sagt ja keiner. Es ist eine kluge Anpassungs- oder richtiger: Vorbeugungsmaßnahme der Evolution. Dass es den Män- nern abgeht, ist nicht deren Verdienst, aber dass es den Frauen unter veränderten historischen Bedingungen Nachteile bringt, ist auch nicht ihre Schuld. 
JE



Dienstag, 12. September 2017

Die Walküre von Birka.

aus scinexx                                                                      Mögliche Darstellung einer Wikingerkriegerin auf einem Stein aus Gotland.

Wikingerkrieger war eine Frau
DNA-Analysen enthüllen erstmals hochrangigen Wikinger-Offizier weiblichen Geschlechts 

Wehrhafte Walküre: Bei den Wikingern waren Krieg und Kampf nicht nur Männersache – es gab auch weibliche Kriegerinnen, wie ein Wikingergrab im Südosten Schwedens belegt. In ihm zeugen zahlreiche Waffen, zwei Pferde und ein Strategiespiel davon, dass hier ein höherrangiger Offizier begraben wurde. DNA-Analysen enthüllen nun, dass dieser Kriegeroffizier in Wirklichkeit eine Frau war. Frauen konnnte demnach bei den Wikingern durchaus hochrangige, "typisch männliche" Positionen bekleiden. 

Vor rund tausend Jahren dominierten die Wikinger weite Teile Nordeuropas und besiedelten als erste Europäer sogar das ferne Grönland. Obwohl die Nordmänner auch ein ausgedehntes Handelsnetz unterhielten, waren vor allem die Raubzüge ihrer Krieger gefürchtet. Gängiger Lehrmeinung nach galt dabei die klassische Arbeitsteilung: Männer waren Herrscher und Krieger, die Frauen kümmerten sich um Haus und Kinder.

Waren Walküren nur ein Mythos?

Aber stimmt das auch? "Schon im Mittelalter gab es Erzählungen über weibliche Wikingerkrieger, die Seite an Seite mit den Männern kämpften", berichten Charlotte Hedenstierna-Jonson von der Universität Stockholm und ihre Kollegen. "Obwohl diese Geschichten immer wieder in den Überlieferungen auftauchten, wurde sie aber meist als bloße Legenden abgetan."

Dass mehr dahintersteckt, belegt nun ein Grab aus der alten Wikingersiedlung Birka im Südosten Schwedens. Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert lebten hier bis zu tausend Menschen, geschützt von einer Festung. Im Umfeld der Siedlung haben Archäologen einen ausgedehnten Friedhof mit rund 3.000 Gräbern entdeckt. "Dies ist eine der größten bekannte Ansammlungen von Gräbern in der Wikingerwelt", erklären die Forscher.


Diese Zeichnung zeigt den Inhalt des Grabes Bj581 im schwedischen Birka

Krieger-Offizier in voller Montur

Eines der Wikingergräber von Birka, Bj581, ist besonders reich ausgestattet und gut erhalten. Prominent auf einer Terrasse zwischen Festung und Ort gelegen, enthält dieses Grab einen Toten, der die volle Ausstattung eines Kriegers mit ins Grab bekommen hatte: ein Schwert, eine Streitaxt, einen Speer, Pfeile, ein Kriegermesser, zwei Schilde und zwei Pferde. "Basierend auf diesen Grabbeigaben wurde der Tote im Grab Bj581, für einen männlichen Krieger gehalten", so die Wissenschaftler.

Neben den Waffen fanden die Archäologen auch ein Spielbrett mit Spielfiguren im Grab. "Dies deutet auf eine Beschäftigung des Toten mit Taktik und Strategie hin und spricht dafür, dass es sich hier um einen höherrangigen Offizier handelte", erklären Hedenstierna-Jonson und ihre Kollegen. Auch das sprach eher für einen Mann. "Zwar kennt man einige Wikingerfrauen, die mit Waffen begraben wurde, aber ein weiblicher Krieger dieses Rangs war bisher unbekannt."

Kriegerin statt Krieger

Dennoch wollten die Archäologen sichergehen und haben daher das Geschlecht des Wikingerkriegers anhand einer DNA-Probe aus einem seiner Knochen bestimmt. Gleichzeitig untersuchten sie über Genvergleiche und Isotopenanalysen der Zähne, aus welcher Population dieser Tote stammte.

Das überraschende Ergebnis: Der vermeintliche Krieger war in Wirklichkeit eine Kriegerin. Das Skelett im Grab Bj581 gehörte eindeutig einer Frau. Wie die Genvergleiche ergaben, war sie zudem eine Wikingerin, stammte aber offenbar nicht aus der unmittelbaren Umgebung. Sie muss als Jugendliche nach Birka gekommen sein, wie die Forscher berichten.

Mächtige Frau in einer männerdominierten Welt

Die Tatsache, dass diese Wikingerin mit voller Kriegerausstattung begraben wurde, spricht dafür, dass sie zu Lebzeiten eine hohe Stellung in der Wikingergesellschaft5 von Birka besaß. "Die exklusiven Grabbeigaben und die beiden Pferde gehörten einem Menschen, der Verantwortung für Strategie und Kriegstaktik besaß", so Hedenstierna-Jonson. "Das war keine Walküre aus der Sagenwelt, sondern eine militärische Führungspersönlichkeit, die zufällig eine Frau war."

Nach Ansicht der Archäologen belegt dieser Fund, dass es auch in der männerdominierten Welt der Wikingerkrieger durchaus Frauen gab, die damals höhere Ränge bekleideten und Männer anführten. "Frauen konnten demnach durchaus vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft sein", so die Forscher. "Dies zeigt, wie die Kombination von Archäologie und Genanalysen unser Verständnis der sozialen Organisation vergangener Kulturen verändern kann." (American Journal of Physical Anthropology, 2017; doi: 10.1002/ajpa.23308)

(Stockholm University, 11.09.2017 - NPO) 


Nota. - Ich muss mich wohl mal wieder für gerechte Sprache einsetzen: Was soll denn die Rede von einer "männerdominierten Welt" bedeuten? Das mag einen Sinn haben, wenn man sich unter der 'Welt der Wikinger' ausschließlich Endeckungsfahrten und Raubzüge vorstellt. Aber das war nur die Außenseite. Im Innern waren die Wikinger eine Gesellschaft von Bauern, und die beruht ökonomisch hauptsächlich auf den Hauswirtschaf- ten. Waren die auch "männerdominiert"? Was soll man sich darunter vorstellen? Und woher will man es wissen?!

Zu allem Überfluss erfahren wir nun auch noch, dass sogar in der Militärorganisation Frauen (mindestens diese eine) bis an die Spitze gelangen konnten. Was könnte man sich bei der Rede von der 'jahrtausendealten Unter- drückung der Frau' also denken?
JE