Mittwoch, 20. September 2017

Das weibliche Sicherheitsbedürfnis.

Egon Schiele
aus dieStandard.at, 20. September 2017, 10:00

Wenn Exzellenz zur Ausrede wird
Je höher die Karrierestufe im Wissenschaftsbetrieb, desto weniger Frauen sind dort zu finden. Ein Projekt untersuchte, wie es die Universitäten mit Gleichstellung halten und welche Auswirkungen die enorme Konkurrenz hat

von Beate Hausbichler

Wien – Frauen sind an den Universitäten eine junge Erscheinung. In Österreich konnten sie erst im Laufe des letzten Jahrhunderts Einzug in die Unis halten. Inzwischen haben sie eine beachtliche Aufholjagd hingelegt. Mit 54 Prozent sind heute Frauen als Studierende in der Mehrheit, sie werden aber ab der Postdoc-Ebene immer weniger: Der Professorinnenanteil in Österreich liegt bei 23 Prozent, europaweit werden nur 20 Prozent der Universitätsinstitute von Frauen geleitet.

Während Unis oft als Ort des streng regulierten geschlechterpolitischen Fortschritts gelten, sieht die Realität anders aus. Trotzdem werden Maßnahmen zur Frauenförderung nicht von allen Universitäten mit gleicher Intensität vorangetrieben, was auch mit dem 2002 installierten Universitätsgesetz zu tun hat. Mit ihm mussten die Unis einen großen Schritt in Richtung Selbstmanagement gehen, womit auch gleichstellungspolitische Maßnahmen den Unis übertragen wurden. Die Soziologinnen Angelika Striedinger und Johanna Hofbauer haben untersucht, wie sich die neuen unternehmerischen Anforderungen an den Universitäten auf gleichstellungspolitische Maßnahmen in Österreich auswirken und warum Frauen in den höheren Karriereebenen eine Minderheit sind.

Wettbewerb um "Exzellenz"

Hofbauer und Striedinger forschten mit Unterstützung des FWF im Rahmen des länderübergreifenden Projekts "Entrepreneurial University and Gender Change: Arbeit – Organisation – Wissen". In den nun vorliegenden Ergebnissen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den vier untersuchten anonymisierten österreichischen Unis. Ein Problemfeld zog sich allerdings wie ein roter Faden durch große Teile der untersuchten Daten: der enorme Wettbewerb um "Exzellenz".

"Die Universitäten raufen sich um die besten Ranking-Positionen, auch zwischen den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern findet ein Kampf um die vordersten Plätze statt", sagt Hofbauer. Dabei werde unter den Tisch gekehrt, dass das Leistungsprinzip, nach dem nur die Besten durchkommen würden, so nicht stimme. "Es sind nicht einfach die Besten, sondern vor allem die mit den besten Ressourcen im Hintergrund und die mit dem höchsten Grad an Mobilität."

Die Konsequenz ist ein harter Konkurrenzkampf, zwischen den Unis und zwischen den Menschen im Wissenschaftsbetrieb. Striedinger und Hofbauer haben sowohl mit jungen Wissenschafterinnen als auch mit Wissenschaftern gesprochen, um herauszufinden, wo die Probleme für den gesamten Nachwuchs liegen und wo es Genderkomponenten gibt. Konkurrenzdruck und undurchsichtige Kriterien für die sogenannte Exzellenz waren Generalthemen. "Nachhaltige Karriereperspektiven oder längerfristige Verträge – darum kämpfen alle", sagt Hofbauer.

Immer wieder Sorgearbeit

Doch für Frauen sei die Ungewissheit noch einmal weitreichender. "Frauen tragen mit ihrer Geschlechterrolle eine Perspektive von Verantwortung für Familie und Sorgearbeit mit sich – selbst wenn sie noch keine Familie haben", sagt Hofbauer gegenüber dem STANDARD. Insofern sei diese Unsicherheit für Frauen existenzieller als für Männer, die noch immer damit rechnen könnten, dass sie eine Frau maßgeblich bei der Sorgearbeit entlastet.

Über die individuelle Wahl gegen oder für den Beruf Wissenschafterin hinaus spielen auch Zuschreibungen von jenen eine Rolle, die Männer und Frauen potenziell fördern könnten. "Familiengründung wird in vielen Fällen bei einer jungen Wissenschafterin als größeres Hindernis als bei ihrem Kollegen wahrgenommen", meint Striedinger.

Dass Frauen noch immer die Frage der Vereinbarkeit weit mehr als Männer umtreibt, zeigt der Braindrain in den Naturwissenschaften. Frauen wechseln oft in die Industrie, weil sie dort für sich bessere Bedingungen vorfinden. "In der Industrie findet man Möglichkeiten zur Vereinbarkeit, während man in der Wissenschaft als Hängemattenkandidatin gilt, wenn man etwa Arbeitszeitenregulierungen fordert", sagt Hofbauer. Neben den Interviews mit Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb lieferten den Soziologinnen verschiedenste Dokumente wichtige Daten.

Keine Zeit für Gleichstellung

In Entwicklungsplänen, Leistungsvereinbarungen oder Wissensbilanzen offenbarten die Unis ihr Verhältnis zu Gleichstellungsmaßnahmen. Die Begründungen, warum diese gesetzt werden, reichten von einem nötigen größtmöglichen Nutzen der personellen Ressourcen darüber, der Anordnung eines Ministeriums Folge leisten zu wollen, bis hin zu dem Anspruch, dass Diversität schließlich zu den Grundsäulen der Academia zähle. Es zeigte sich, dass an jenen Unis, an denen diese verschiedenen Zugänge gleichzeitig sichtbar waren, mehr Gleichstellungsaktivitäten stattfanden.

Hofbauer und Striedinger fanden auch heraus, dass sich Universitäten mit einer starken Orientierung am internationalen Exzellenzwettbewerb mit Gleichstellungsarbeit zurückhalten. "Sie rechtfertigen ihre Versäumnisse damit, dass dafür einfach keine Ressourcen mehr da sind – dabei ist es ein großes Missverständnis, dass das eine das andere ausschließen würde", ist Hofbauer überzeugt. Würden Frauen unsichtbar gemacht, würden auch die Qualität ihrer Forschung und ihre Ideen unsichtbar. Für manche Unis sei Gleichstellung daher eine notwendige Voraussetzung für Exzellenz. Andere verwendeten die Förderung von Frauen hingegen wettbewerbsbedingt als Aufputz nach außen hin, ergänzt Striedinger. Während tatsächlich relativ wenig passiere. 


Link
Entrepreneurial University und GenderChange: Arbeit – Organisation – Wissen


Nota. - Dass das vordringliche weibliche Sicherheitsbedürfnis eine erbliche Charakterschwäche wäre, sagt ja keiner. Es ist eine kluge Anpassungs- oder richtiger: Vorbeugungsmaßnahme der Evolution. Dass es den Män- nern abgeht, ist nicht deren Verdienst, aber dass es den Frauen unter veränderten historischen Bedingungen Nachteile bringt, ist auch nicht ihre Schuld. 
JE



Dienstag, 12. September 2017

Die Walküre von Birka.

aus scinexx                                                                      Mögliche Darstellung einer Wikingerkriegerin auf einem Stein aus Gotland.

Wikingerkrieger war eine Frau
DNA-Analysen enthüllen erstmals hochrangigen Wikinger-Offizier weiblichen Geschlechts 

Wehrhafte Walküre: Bei den Wikingern waren Krieg und Kampf nicht nur Männersache – es gab auch weibliche Kriegerinnen, wie ein Wikingergrab im Südosten Schwedens belegt. In ihm zeugen zahlreiche Waffen, zwei Pferde und ein Strategiespiel davon, dass hier ein höherrangiger Offizier begraben wurde. DNA-Analysen enthüllen nun, dass dieser Kriegeroffizier in Wirklichkeit eine Frau war. Frauen konnnte demnach bei den Wikingern durchaus hochrangige, "typisch männliche" Positionen bekleiden. 

Vor rund tausend Jahren dominierten die Wikinger weite Teile Nordeuropas und besiedelten als erste Europäer sogar das ferne Grönland. Obwohl die Nordmänner auch ein ausgedehntes Handelsnetz unterhielten, waren vor allem die Raubzüge ihrer Krieger gefürchtet. Gängiger Lehrmeinung nach galt dabei die klassische Arbeitsteilung: Männer waren Herrscher und Krieger, die Frauen kümmerten sich um Haus und Kinder.

Waren Walküren nur ein Mythos?

Aber stimmt das auch? "Schon im Mittelalter gab es Erzählungen über weibliche Wikingerkrieger, die Seite an Seite mit den Männern kämpften", berichten Charlotte Hedenstierna-Jonson von der Universität Stockholm und ihre Kollegen. "Obwohl diese Geschichten immer wieder in den Überlieferungen auftauchten, wurde sie aber meist als bloße Legenden abgetan."

Dass mehr dahintersteckt, belegt nun ein Grab aus der alten Wikingersiedlung Birka im Südosten Schwedens. Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert lebten hier bis zu tausend Menschen, geschützt von einer Festung. Im Umfeld der Siedlung haben Archäologen einen ausgedehnten Friedhof mit rund 3.000 Gräbern entdeckt. "Dies ist eine der größten bekannte Ansammlungen von Gräbern in der Wikingerwelt", erklären die Forscher.


Diese Zeichnung zeigt den Inhalt des Grabes Bj581 im schwedischen Birka

Krieger-Offizier in voller Montur

Eines der Wikingergräber von Birka, Bj581, ist besonders reich ausgestattet und gut erhalten. Prominent auf einer Terrasse zwischen Festung und Ort gelegen, enthält dieses Grab einen Toten, der die volle Ausstattung eines Kriegers mit ins Grab bekommen hatte: ein Schwert, eine Streitaxt, einen Speer, Pfeile, ein Kriegermesser, zwei Schilde und zwei Pferde. "Basierend auf diesen Grabbeigaben wurde der Tote im Grab Bj581, für einen männlichen Krieger gehalten", so die Wissenschaftler.

Neben den Waffen fanden die Archäologen auch ein Spielbrett mit Spielfiguren im Grab. "Dies deutet auf eine Beschäftigung des Toten mit Taktik und Strategie hin und spricht dafür, dass es sich hier um einen höherrangigen Offizier handelte", erklären Hedenstierna-Jonson und ihre Kollegen. Auch das sprach eher für einen Mann. "Zwar kennt man einige Wikingerfrauen, die mit Waffen begraben wurde, aber ein weiblicher Krieger dieses Rangs war bisher unbekannt."

Kriegerin statt Krieger

Dennoch wollten die Archäologen sichergehen und haben daher das Geschlecht des Wikingerkriegers anhand einer DNA-Probe aus einem seiner Knochen bestimmt. Gleichzeitig untersuchten sie über Genvergleiche und Isotopenanalysen der Zähne, aus welcher Population dieser Tote stammte.

Das überraschende Ergebnis: Der vermeintliche Krieger war in Wirklichkeit eine Kriegerin. Das Skelett im Grab Bj581 gehörte eindeutig einer Frau. Wie die Genvergleiche ergaben, war sie zudem eine Wikingerin, stammte aber offenbar nicht aus der unmittelbaren Umgebung. Sie muss als Jugendliche nach Birka gekommen sein, wie die Forscher berichten.

Mächtige Frau in einer männerdominierten Welt

Die Tatsache, dass diese Wikingerin mit voller Kriegerausstattung begraben wurde, spricht dafür, dass sie zu Lebzeiten eine hohe Stellung in der Wikingergesellschaft5 von Birka besaß. "Die exklusiven Grabbeigaben und die beiden Pferde gehörten einem Menschen, der Verantwortung für Strategie und Kriegstaktik besaß", so Hedenstierna-Jonson. "Das war keine Walküre aus der Sagenwelt, sondern eine militärische Führungspersönlichkeit, die zufällig eine Frau war."

Nach Ansicht der Archäologen belegt dieser Fund, dass es auch in der männerdominierten Welt der Wikingerkrieger durchaus Frauen gab, die damals höhere Ränge bekleideten und Männer anführten. "Frauen konnten demnach durchaus vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft sein", so die Forscher. "Dies zeigt, wie die Kombination von Archäologie und Genanalysen unser Verständnis der sozialen Organisation vergangener Kulturen verändern kann." (American Journal of Physical Anthropology, 2017; doi: 10.1002/ajpa.23308)

(Stockholm University, 11.09.2017 - NPO) 


Nota. - Ich muss mich wohl mal wieder für gerechte Sprache einsetzen: Was soll denn die Rede von einer "männerdominierten Welt" bedeuten? Das mag einen Sinn haben, wenn man sich unter der 'Welt der Wikinger' ausschließlich Endeckungsfahrten und Raubzüge vorstellt. Aber das war nur die Außenseite. Im Innern waren die Wikinger eine Gesellschaft von Bauern, und die beruht ökonomisch hauptsächlich auf den Hauswirtschaf- ten. Waren die auch "männerdominiert"? Was soll man sich darunter vorstellen? Und woher will man es wissen?!

Zu allem Überfluss erfahren wir nun auch noch, dass sogar in der Militärorganisation Frauen (mindestens diese eine) bis an die Spitze gelangen konnten. Was könnte man sich bei der Rede von der 'jahrtausendealten Unter- drückung der Frau' also denken?
JE


Samstag, 9. September 2017

Wozu Gender-Studies?

 
aus Forschung & Lehre 11. November 2014

Wozu Gender Studies?
Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft

von Stefan Hirschauer

Der Begriff ‚Gender ­Studies‘ wird derzeit auf mindestens drei Weisen verwendet: als Bezeichnung ­eines transdisziplinä- ren kulturwissenschaftlichen Forschungsgebietes, als beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechter- forschung und als rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen. ­Eine kritische Bestandsaufnahme aus soziologischer Sicht.

Der Sinn von ,Gender Studies’

In einem engen und präzisen Sinn bezeichnet Gender Studies die kulturwissenschaftliche Forschung zur Geschlechterdif- ferenzierung. Das wissenschaftliche Wissen über die Geschlechterdifferenz ist heute durch eine zweifache Paradigmen- differenzierung geteilt. Neben die ontologische Unterschei-dung von sex und gender, die Natur- und Kulturwissenschaf- ten trennt, ist eine epistemologische Differenz getreten: Die Geschlechterforschung verwendet Geschlecht als analytische Kategorie und empirische Variable, sie beobachtet Phänomene also mithilfe der Geschlechterunterscheidung und stellt so biologische Geschlechtsunterschiede oder soziale und sprachliche Ungleichheiten fest. Die Gender Studies dagegen beobachten diese Unterscheidung selbst als Phänomen, d.h. sie untersuchen, ob und wie eine Gesellschaft ‚Geschlechter‘ unterscheidet (wie sie es auch mit ‚Rassen’ tun oder lassen kann) – etwa in Geburtssituationen, sprachlichen Formen, Tätigkeiten, sozialen Beziehungen usw. Ihre Kernfächer sind die Geschichts- und Literaturwissenschaften, die Ethnologie und Soziolo- gie, Erziehungswissenschaft, Linguistik und Wissenschaftsforschung. Diese Fächer haben gezeigt, dass Gender historisch und kulturell unabhängig von der biologischen Ausstattung menschlicher Männchen und Weibchen variiert – einschließlich der Zahl und des Zuschnitts von Geschlechtskategorien, die Gesellschaften vorsehen. Und sie haben eine neue grundlagentheoretische Vorstellung vom Geschlecht etabliert: Geschlecht besteht aus einer sozialen Praxis, die stattfindet oder nicht.

In der Gesellschaft stößt diese Einsicht auf tradierte alltagsweltliche Überzeugungen von der Natürlichkeit und Universa- lität des Geschlechtsunterschieds, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Biologie geprägt wurden. Die Gender Studies haben deren alte Frage nach der Geschlechterdifferenzierung in eine kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung überführt. Sie sind eine Wissenschaft von der Geschlechterunterscheidung, die mit den Naturwissenschaften um die Beantwortung der Frage konkurriert, was das Geschlecht überhaupt ist: eine natürliche Tatsache unserer Organ- und Zellstrukturen oder eine sinnhafte und historische Praxis, in die unsere Körper eingelassen sind. Was beide Unterneh- mungen teilen, ist die Suche nach den Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit – ob man sie nun in genetischen oder in kulturellen Codes sucht.

‚Geschlechter‘ bestehen in kulturwissenschaftlicher Sicht nicht bloß aus ein paar durch körperliche Tatsachen begrenzten Sozialisationseinflüssen, sondern aus einer historisch trägen Gemengelage aus Klassifikationspraktiken, kognitiven Schemata, sprachlichen Kategorien, Verhaltensgewohnheiten, Stereotypen, institutioneller Trägheit, Machtinteressen und diversen sich verstärkenden oder abschwächenden Bedingungskonstellationen. Wegen dieser Vielschichtigkeit ist diese soziale Konstruktion eine recht stabile Realität. Biologen können dem nur die Behauptung hinzufügen, dass dies auch notwendig und ewig so sein müsse. Dies ist für die Gender Studies nicht mehr als ein Datum, denn sie rekonstruieren auch biologische Forschungsergebnisse und Konzepte – nicht im Sinne von politisierender Wissenschaftskritik, sondern von empirischer Wissenschaftsforschung, die den Wandel biologischen Wissens begleitet und die Reflexivität dieser Fächer beträchtlich steigern kann.

Gender als rhetorischer Lack

Neben diesem präzisen Sinn von Gender Studies wird das Etikett aber auch noch anders verwendet: Zum einen ist ‚Gender‘ ein dünner rhetorischer Lack auf einer traditionellen Frauenforschung, die sich als feministische Gegenwis- senschaft versteht. Sie ist im Wesentlichen Geschlechterforschung geblieben, die in der Feststellung sozialer Ungleichheit ihr Zentralthema hat. Zum anderen verschleift sich das Label ‚Gender‘ in einem politischen Etikettenschwindel: Auf der einen Seite tarnen sich mit ihm verzweifelte hochschulpolitische Versuche, hartnäckige Männerdomänen in bestimmten Fächern mit ‚Frauenprofessuren‘ aufzubrechen; auf der anderen Seite macht das sog. ‚Gender Mainstreaming‘ von Bü- rokratien die analytischen Gewinne des Konzeptes zunichte, indem es Personen unausgesetzt mit der Geschlechterunter- scheidung beobachtet und ‚gendert’, ohne zu reflektieren, dass dies das Geschlecht beständig reproduziert, obwohl es doch einmal erklärtes Ziel dieser Politik war, dessen soziale Relevanz abzubauen. In dieser traurigen Gestalt ist der Feminismus zu einer Staatsmacht geworden, die sich gebärdet wie eine Guerilla im Kampf gegen einen übermächtigen Klassenfeind.

Das Konzept ‚Gender‘ ist in der öffentlichen Wahrnehmung auf diese Weise heillos mit feministischer Politik und bü- rokratischer Frauenförderung verquickt worden. Für eine Naturwissenschaftlerin ist diese Politisierung schwer verständ- lich. Aber alle Sozial- und Kulturwissenschaften haben es schwerer, sich von gesellschaftlich aufgedrängten Problemen und politisch verlangten ‚Lösungen‘ zu distanzieren. Ihnen stellen sich Herausforderungen der Professionalisierung, von denen Wissenschaf-ten hinter Labormauern keine Vorstellung haben.

So war auch die Politisierung der Geschlechterfrage lange die wichtigste Triebkraft zur Institutionalisierung der femini- stischen Geschlechterforschung. Inzwischen ist sie das größte Hemmnis ihrer intellektuellen Entfaltung. Trotz aller Aka- demisierung ist sie immer noch politisch gerahmt: in der Positionierung als kritische Gegenwissenschaft, in der Verein- nahmung durch Ministerien und soziale Bewegungen, in der Handlungsorientierung des Wissens und in der Rekrutierung ihres Personals. Sie folgt noch immer der Logik einer sozialen Bewegung: Sie fasst das Forschungspersonal in Termini politischer Repräsentation auf und fraktioniert Frauen, Männer und Queers. Und sie lässt sich als Vehikel der Frauenför- derung verzwecken, um auf diese verquere Weise einen Teil der Karrierehemmnisse für Frauen an Universitäten aus dem Weg zu räumen.

Die feministische Geschlechterforschung ist so zu einer gendered science geworden. Sie sieht genauso aus wie die Wissenschaft, die sie so vehement als androzentrisch kritisiert hat. Einen solch hohen Grad homosozialer Verdichtung und Schließung gibt es in keinem anderen Forschungsgebiet. Und die Geschlechterforschung steckt eben deshalb so tief in den Unterscheidungsroutinen der Gesellschaft, die sie kritisiert, weil sie sich durch ein besseres, kritisches Bewusstsein von diesen Routinen ausgenommen sieht. Es ist eine einzige Peinlichkeit, dass der Feminismus, der das Gendering von Wissensprozessen mit guten Gründen kritisierte, selbst nicht in der Lage war, Wissensprozesse unter Absehung von Geschlecht zu organisieren.

Dies hat intellektuelle Folgen: Leicht erkennbar ist eine politisch selektive Themenwahl der Forschung. Maximale Sensibilität gibt es – verständlicherweise – für Aufstiegshemmnisse von Frauen und persistente soziale Ungleichheiten; völlig unterforscht bleiben dagegen kulturelle Aspekte des Geschlechterverhältnisses (etwa politisch inkorrekte Attrak- tivitätsnormen oder lebensweltliche Biologismen) sowie die vorhandenen Benachteiligungen von Jungen und Männern. Sie wurden den – verständlichen – Ressentiments von Männerrechtlern überlassen.

Ein weiterer, viel schwerer zu überwindender Bias der Geschlechterforschung liegt in der systematischen Überschätzung der Relevanz, die die Geschlechterunterscheidung für moderne Gesellschaften hat. Wir leben nicht mehr in einer Genus- gesellschaft, die alle Tätigkeiten und Positionen mit geschlechtlichem Sinn versieht, sondern in einer Gesellschaft, die zwar in bestimmten Feldern noch hartnäckig nach Geschlecht unterscheidet, es in vielen Feldern aber erfolgreich ver- meidet. Es gibt eine längst realisierte Geschlechtsblindheit der modernen Gesellschaft, deren Bedeutung eine ‚Geschlech- terforschung‘ auch deshalb unterschätzt, weil sie fast nur von Frauen betrieben wird. Denn wir strukturieren unsere Welt- wahrnehmung nach unserer Selbstwahrnehmung. Die von Frauen wird aber kulturell ungleich stärker als die von Män- nern darauf verpflichtet, die Geschlechtszugehörigkeit überhaupt für einen hochrangigen Umstand ihres Lebens zu halten. Die Geschlechterforschung wird daher von Personal durchgeführt, auf das die Gesellschaft das Geschlecht projizierte. Vor allem dieser Bias bestimmt ihre Wissensproduktion. Und auch die Überzeugung, das Geschlecht sei eine weibliche Eigenschaft, ist ein wissensgeschichtliches Erbe des 19. Jahrhunderts. Die Frauenforschung hält in ihrer Sozialorganisa- tion emphatisch an diesem Erbe fest: Das Geschlecht sind die Frauen. Es ist ihre Zuständigkeit und sie sind die kulturel- len Stammhalter dieses Erbes.

Der Feminismus wird in der Geschlechterforschung von vielen immer noch als Name einer Art politischer Partei aufge- fasst – eine geschlossene Wagenburg – anstatt als das viele (auch den Autor dieser Zeilen) prägende Generationenprojekt, das er war. Der Kern des feministischen Bekenntnisses liegt in einer großen, stillen Hoffnung: das Böse in der Welt in einem Geschlecht verorten zu können und insofern selbst ‚das andere‘ zu bleiben. Der Feminismus bleibt damit der Geschlechterunterscheidung so verpflichtet wie der Atheismus der Religion. Er kann sie nur gebrauchen, repräsentieren und wütend kritisieren, aber nicht beobachten wie die Gender Studies das tun, um einen Fall von Humankategorisierung zu verstehen. Dafür braucht es (1) ein anderes Rollenverständnis und (2) eine andere Organisation der Forschung.

Ein anderes Rollenverständnis

1. Die Forschung über Frauen, Männer und Queers muss ihren tradierten politischen Separatismus endlich überwinden und auf dem Weg einer professionellen Distanzierung ihre angestammten Loyalitäten gegenüber sozialen Bewegungen in den Griff kriegen. Gefragt sind nüchterne Bestandsaufnahmen ungleicher Chancen in der Konkurrenz der ‚Geschlechter‘, Explorationen der Vielfalt neuer, posttraditionaler Lebensstile, luzide Analysen der Paradoxien im Geschlechterverhält- nis, und kaltblütige Bilanzierungen der historischen Gleichzeitigkeit des politisch Ungleichzeitigen – von archaischen Gewaltakten gegen Frauen über die Irrelevanz von Geschlecht bis zur Benachteiligung von Männern. Wer diesen Nerv nicht hat, sollte nicht über Geschlechter forschen. Wer ihn hat, könnte das Motto variieren, das Hans-Joachim Friedrichs einmal für die Rollendifferenzierung des Journalisten vom politisch denkenden Bürger prägte: „Eine gute Gender For- scherin erkennt man daran, dass sie sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.”

Eine ebenfalls quasi-journalistische Aufgabe liegt in einer anderen Darstellung der Geschlechterforschung in der Öffent- lichkeit. Sie fällt auch hier eher durch politischen Lärm auf. Da treten Professorinnen, die sich in ihrem besseren politi- schen Bewusstsein eingebunkert haben, zum Vergnügen der Massenmedien in eine traurige Gesellschaft von revanchi- stischen Männern und Comedians, die ausrangierte Sexismen pflegen – ein unerquickliches Schlammcatchen ewig Gest- riger gegen ewig Vorgestrige. Anstelle eines subkulturellen Jargons voller Kampfvokabeln, der auf exklusive Gruppen- bildung zielt, braucht es eine Kommunikationsstrategie, die Verantwortung für den Denkstil des je eigenen Faches übernimmt und auf diese Weise öffentlich verstehbar den nostalgischen Biologismen unserer Gesellschaft entgegentritt. Eine ‚Gegenwissenschaft‘ kann das nicht, sondern nur ein Fach, das seine Zuständigkeit gegenüber der Gesellschaft wahrnimmt. 

Eine andere Forschungs­organisation

2. Neben einem veränderten Rollenverständnis braucht es eine Öffnung des disziplinären Horizonts. Vor allem die Gender Studies (im engeren Sinne) stehen hier vor zwei Erweiterungen: a) eine Überführung der Lektionen und Gegenstände der Geschlechtsdifferenzierungsforschung in den Kanon ihrer jeweiligen Fächer, also etwa der Allgemeinen Geschichte, All- gemeinen Soziologie usw. Dieser Prozess hat längst begonnen (vor allem in der Geschichts- und Literaturwissenschaft) und macht dem thematischen Separatismus ein Ende. b) Eine Überführung der Gender Studies in eine erweiterte trans- disziplinäre Differenzierungsforschung, die die Unterscheidung der Menschen nach Geschlecht nur mehr als einen inter- essanten Fall unter anderen untersucht. So braucht es auch einen Ausstieg aus den Gender Studies, um die Fragen der Kreuzung von Gender mit ähnlich politisierten Unterscheidungen – etwa Rasse, Ethnizität und Religion – nicht in eine fruchtlose ‚oppression olympics‘ münden zu lassen, sondern ohne gender bias zu analysieren.

Die Gender Studies sind jenes kulturwissenschaftliche Unternehmen, das den praktischen Vollzug der Geschlechter- differenz in der Gesellschaft beobachtet: ihren historischen Auf- und Abbau, ihre hartnäckigen Rekonstruktionen, ihre Wandlungs- und Verfallsprozesse, paradoxen Wendungen und ihre widersprüchliche Selbstabwicklung. Vor unseren Augen werden alte soziale Kategorien dekomponiert: die ‚Homosexualität‘ löst sich in geschlechtsgleiche Intimbezie- hungen auf, die ‚Mutter‘ wird durch die Reproduktionsmedizin in verschiedene Figuren aufgespalten, der ‚Mann‘ verliert sich in Rollen (wie Ernährer, Beschützer, Kämpfer usw.), die allesamt auch Frauen einnehmen können. Die Männer werden dabei weiter Macht abgeben müssen. Aber auch den Frauen wird das passieren: bei der Mutterschaft etwa, deren millimeterweise Abtretung auch ihnen Ersetzbarkeitskränkungen beschert; und bei der Moralität: Erfolgreiche Frauen werden die einst unbescholtene ‚Weiblichkeit‘ weiter desavouieren und die alte Hoffnung des Feminismus zersetzen. 

Und das ist gut so.

Postscriptum

P.S.: Ein Text wie dieser wird zwangsläufig hineingesogen in die Stimmungen und Strömungen, in denen er sich artiku- liert: der eingeübten Indifferenz der meisten, bei einem immergleichen Thema auf taub zu stellen, dem verdrucksten Schweigen der politisch Gutwilligen, die schon lange ahnen, dass etwas schief läuft, dem revanchistischen Lauern von Maskulisten auf schlagkräftige Argumente und der misstrauischen Hermeneutik der Insassinnen der Wagenburg, die den Autor schon an seiner vermeintlichen Geschlechtszugehörigkeit als potenziellen Frauenfeind verbuchten. Ach Schwestern! Es gibt ein postnormatives Denken nach dem Feminismus: klar, heiter, kritisch, theoretisch innovativ und empirisch lernfähig. Sein einziger Nachteil: Es weiß nicht immer sofort, wer der Täter war.

 

Professor Stefan Hirschauer lehrt soziologische Theorie und Gender Studies an der Universität Mainz und ist Sprecher der DFG-Forschergruppe ,Un/doing differences’

Donnerstag, 7. September 2017

Frauenquote auch im Lotto!

(Au Backe, das könnte ins Auge gehen: Ich kann mir nämlich vorstellen, dass Frauen mehr Lotto spielen als Männer, da würde die Quote nicht ihnen, sondern uns zugute kommen. Na, mir soll's recht sein.)


Mittwoch, 6. September 2017

Agent*in wacht (noch immer).

Alice Salomon Hochschule Berlinaus Süddeutsche.de,Nach Studenten-Protesten gegen ein Gedicht von Eugen Gomringer wird die Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf eine Fassade neu gestalten.

Berliner Provinz trifft oberfränkische Avantgarde  

von Olaf Przybilla  

"Sexistisch" - so finden Berliner Studierende ein berühmtes Gedicht von Eugen Gomringer, dem Begründer der Konkreten Poesie. Der in Oberfranken lebende Weltbürger kann da nur lächeln. Berlin ist Weltstadt, Oberfranken ist Provinz - so weit ist es klar. Es gibt da aber dieser Tage eine Debatte in der Hauptstadt, die einen doch zweifeln lässt. Entzündet hat sich der Diskurs um ein Gedicht eines 92 Jahre alten Weltbürgers. Eines Mannes mit bolivianischen und schweizerischen Wurzeln, der seit Jahrzehnten in Oberfranken eine Heimat gefunden hat.

 
Es geht um Eugen Gomringer, den Vater der Konkreten Poesie. "Avenidas" heißt sein Gedicht, das er 1953 auf Spanisch geschrieben hat. Visualisierung ist ein Grundpfeiler in der Poesie des Eugen Gomringer, man muss seine Texte also immer auch als "Konstellation" vor Augen haben:

Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen /
Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen / und ein Bewunderer 

Germanisten gilt das Gedicht als Kerntext der Konkreten Poesie. Es beschreibt - wie gesagt 1953 - eine Straßenszene auf den Ramblas in Barcelona. Zu den Ehrungen, die Gomringer zuteil wurden, gehört auch der Poetik-Preis der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Weshalb sein Text auf die Fassade der Hochschule geschrieben wurde, in großen Lettern.


Dort stand er schon ein paar Jahre, bis eigenen Angaben zufolge "Studierende die vorlesungsfreie Zeit genutzt" haben, um exklusiv festzustellen, dieses Gedicht reproduziere "eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind". Mit einem Wort: Sexismus. Geht es nach den Vorlesungsfreie-Zeit-Nutzern, so soll der Text so nicht stehen bleiben.


Die Reaktionen aus Oberfranken sind wunderbar. Die Tochter des Lyrikers, die Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer, tritt im Netz als "Gedichte Polizei Gom Ringer" auf, ein anarchischer Beitrag gegen allgemeine Verblödung, der jetzt schon als Klassiker gelten darf. Und wer mit ihrem Vater spricht, hört zuerst das leise Lachen eines 92-Jährigen. Bis er sagt: "Dass man mit so wenigen Worten so eine Wirkung erzielt, das war immer mein Ziel." Provinz? Ist woanders.


Nota. - HERR Przybilla! Ihre Sorte von makroaggressivem Humor verbitte ich mir mit aller Entschiedenheit. Ich bin selber ein*e Berliner*in und lasse mich nicht von rassistoiden Verallgemeinerungen mit Studierend*innen der Alice-Salomon-Hochschule in eine*n Töpf*in werfen. Wenn ich eine vorlesungsfreie Zeit hätte, würde ich ganz was andres damit anfangen. Nämlich würde ich beten, dass solche - vermutlich aus Wessiland zugereiste - Wutbürger*innen es nicht so weit treiben,  bis eines Tages ein*e Donald*in Trump*in nötig wird, um uns von ihnen zu befreien.
JE


Dienstag, 22. August 2017

Fluch der Mutter.

K. Kollwitz 
aus Die Presse, Wien,

Die „Töchter des Königs“ brachten den „Fluch der Mutter“
Die Vermutung, dass die nur von den Müttern vererbte mt-DNA für Söhne schlecht sein kann, wurde an Menschen bestätigt.


Hillary Clinton und Madonna und unzählige weniger Prominente in Nordamerika haben ihre Existenz dem Sonnenkönig zu danken, Ludwig XIV. In dessen Reich ging die Sonne deshalb nie unter, weil auch Neufrankreich dazugehörte, ein Teil des heutigen Kanada. Das war weithin Wildnis, durch die Trapper und Glücksritter streiften, allesamt Männer. Aber der König wollte eine stabile Population aufbauen, und Landwirtschaft dazu. Deshalb wurden im Frankreich des 17. Jahr- hunderts „Töchter des Königs“ rekrutiert, Frauen in gebärfähigem Alter, die meisten aus armen Verhältnissen, oft Waisen.

Die wurden mit Geld ausgestattet, und mit einer Truhe, die Lebenswichtiges enthielt, von einem Wintermantel bis zu Nähnadeln und Garn. Um die 800 dieser Fuhren gingen nach Neufrankreich, zuvor wurden die Frauen – es gab bald Gerüchte, es seien auch Huren darunter –, medizinisch untersucht. Das Befürchtete hatten sie nicht, aber eine brachte etwas mit, was die damalige Medizin nicht diagnostizieren konnte, eine böse Mutation in der mitochondrialen DNA (mt-DNA), das ist die kleine Gengruppe der Zellkraftwerke, die nur von Müttern vererbt wird. Diese Mutation bringt den Kindern ein Augenleiden – Lebersche Optikusatrophie –, das in mittleren Jahren zu Erblindung führt.

mt-DNA hat kein Interesse an Männer

Das ist unter den Nachkommen der Töchter des Königs bis zum heutigen Tag verbreitet, Hillary und Madonna haben es nicht, es trifft vor allem Männer, acht Mal so häufig wie Frauen. Deshalb ist es ein idealer Kandidat dafür, die alte Hypothese vom „Fluch der Mutter“, die bisher nur an Labortieren getestet wurde, auch an Menschen zu prüfen: Ihr zufolge kommt der Fluch mit mt-DNA. Weil die nur von Müttern weitergegeben wird, werden in ihr auch nur Mutationen und andere Gendefekte korrigiert oder weggeschafft, die sich auf Frauen auswirken. Was sie Männern Übles tun, ist für mt-DNA uninteressant, das bleibt, und das hat schon vermuten lassen, die schwer erklärbare kürzere Lebensdauer der Männer rühre von mt-DNA.

Das ist Spekulation, bisher gab es ja keinen einzigen Beleg für die Hypothese, aber nun ist ein historischer Glücksfall zu Hilfe gekommen: In Kanada sind die Genealogien seit 1608 wohl dokumentiert, die Sterbedaten auch, man hat früher schon aus den alten Akten herausgelesen, welche Tochter des Königs die Mutation mitgebracht hat – bzw. eine ihrer drei Varianten: T14484, sie ist heute die am weitesten verbreitete –, sie wurde 1669 geboren und hatte selbst zehn Kinder, davon sechs Töchter.

Und nun hat Emmanuel Milo (Quebec) das Ergehen ihrer Erben dokumentiert, anhand der „Fitness“, für Biologen bemisst sich diese am Reproduktionserfolg: Der war (und ist) bei den männlichen Kindern und Kindeskindern etc. sehr viel geringer, das bestätigt den „Fluch der Mutter“. Allerdings steht etwas Unerwartetes und noch nicht Erklärtes dahinter: Die Fitness dieser Männer war gering, weil sie schon als Kleinkinder starben, wenn das Agenleiden sich überhaupt noch nicht bemerkbar macht. Umgekehrt ist die Fitness von Töchtern mit der Mutation etwas höher als bei denen ohne: Das Gen muss noch für anderes zuständig sein als für die Augen, vielleicht wurde gar auf es selektioniert (Nature Ecology & Evolution 21. 8.).

Es gibt ihn also, den „Fluch der Mutter“, die Frage ist, wie weit er reicht: Lange hat man mt-DNA nur für zuständig für die Zellkraftwerke gehalten, aber in den letzten Jahren haben sich so viele von ihr verursachte Leiden gezeigt, dass man in der Reproduktionsmedizin schon an „Kinder mit drei Eltern“ gegangen ist. Bei denen wird kranke mt-DNA in der Eizelle der Mutter durch gesunde einer Spenderin ersetzt. Ein derartiges Kind ist bekannt, es kam letztes Jahr zur Welt, ist gesund und, Zufall oder nicht, ein Bub.

Donnerstag, 17. August 2017

Sozial konstruiert?



Zweifel am wissenschaftlichen Charakter der Gender Studies gründen darin, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstand, bei der Auffassung, die unterschiedlichen Rollen, die Männer und Frauen in den verschiedenen Kulturen spielten und spielen, seien "ledig- lich sozial konstruiert", handle es sich um ihre erkenntnisleitende Prämisse, und Untersuchungen, die nicht davon ausgingen, hätten innerhalb dieses Fachs keinen Platz. 

Wenn es nämlich so wäre, hätten die Gender Studies ihren Platz nicht unter den Wissenschaften. Wäre der Forschungsgegenstand dagegen die Frage, ob und in welchem Maße das hier oder dort der Fall ist oder war, hätte die Forschungsdisziplin ihren natürlichen Platz unter den anderen Sozial- und Kulturwissenschaften.

Das Fach ist noch jung. An einigen Stellen wird es so, an anderen anders sein. Aber ganz neu ist es auch nicht mehr. Die Zeit ist reif, dass man an die beteiligten Institute endlich die Frage stellen darf, ob es bei ihnen so oder so ist, und die weitere Finanzierung davon abhängig macht.

Dass man sie füglich nicht alle über einen Kamm scheren kann, zeigt eine Untersuchung, von der Christiane Heil in der FAZ vom 16. 8. 2017 berichtet. ie amerikanische Psychologin Rachel Farr hat untersucht, ob Kinder, die von einem homosexuellen Paar adoptiert wurden, sich in der Entwciklung ihrer eigenen geschlechtlichen Identität von Kindern unterscheiden, die von einem heterosexuellen Paar adoptiert wurden.

Die FAZ schreibt: 

Farr, die an der Universität von Kentucky forscht, hatte für die Untersuchung insgesamt 106 amerikanische Adoptivfami- lien mit homosexuellen und heterosexuellen Eltern begleitet. Dabei beobachtete sie mehr als fünf Jahre lang, wie sich das geschlechtstypische Verhalten der Kinder während ihrer Entwicklung änderte. Ein Schwerpunkt der Untersuchung lag auf der Beobachtung, welches Spielzeug der Nachwuchs wählte und wie temperamentvoll er damit umging.

Wie Farr feststellte, verhielten sich die meisten Kinder ihrem Geschlecht entsprechend. Einige Jungen und Mädchen, die im Kindergartenalter Spielzeuge wählten, die üblicherweise nicht von Kindern ihres Geschlechts gewählt wurden, zeigten auch im Schulalter häufiger Interesse an für ihr Geschlecht untypischen Hobbys oder Aktivitäten.

Laut Farrs Studie spielte die Familienform keine Rolle dabei, ob sich die Kinder genderkonform oder nicht genderkon- form verhielten. Die Psychologin registrierte lediglich nach der Einschulung eine Hinwendung zu genderkonformerem Verhalten. „Es scheint, dass ein männliches oder weibliches Rollenvorbild zuhause nicht notwendig ist, um bei Adoptiv- kindern eine typische Genderentwicklung zu unterstützen oder sie von Gender-Nonkonformität abzuhalten“, sagte Farr.