Mittwoch, 15. Januar 2020

Frauen in der Naturwissenschaft.

aus derStandard, 28. Dezember 2019                                                              Ptah wurde in der ägyptischen Mythologie als Schöpfungsgottheit und Schutzherr der Handwerker verehrt. Der Mythos um seine "Geliebte" Merit-Ptah hingegen ist noch keine 100 Jahre alt
 
Antike Pionierin der Medizin ist nur ein moderner Mythos
Forscher rekonstruiert, wie ein Irrtum, Wunschvorstellungen und Echokammereffekte die altägyptische Merit-Ptah zur Identifikationsfigur hochstilisierten

Auf der Venus gibt es einen 17 Kilometer großen Einschlagskrater mit Namen Merit-Ptah. Gemäß der Vorgabe der Internationalen Astronomischen Union, mit Venuskratern berühmte Frauen aus der Geschichte zu ehren, verweist dieser auf "die vom Gott Ptah Geliebte" (so die Bedeutung ihres Namens), die seit Jahrzehnten unter Bezeichnungen wie "Chefärztin des Pharao" oder "erste namentlich bekannte Naturwissenschafterin der Geschichte" durch die Medien geistert.

Das Problem: Anders als etwa die US-amerikanische Gorilla-Forscherin Dian Fossey oder die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner, nach denen ebenfalls Venuskrater benannt wurden, hat es diese Merit-Ptah nie gegeben. Es handelt sich um ein Konstrukt, das aus einem Irrtum heraus entstanden ist, dann aber mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit am Leben erhalten wurde. Der Medizinhistoriker Jakub Kwiecinski von der University of Colorado hat den Fall nun rekonstruiert.
 
Die Geburt der Merit-Ptah

Es begann mit dem 1938 veröffentlichten Buch "A History of Women in Medicine" der kanadischen Medizinerin und Feministin Kate Campbell Hurd-Mead. Darin berichtet sie von einer Merit-Ptah, die während der Fünften Dynastie des Alten Reiches – also etwa zweieinhalbtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung – gelebt haben soll. Eine Inschrift am Grabmal ihres Sohnes im Tal der Könige weise sie als "leitende Ärztin" aus.

Von Historikern wird diese Angabe schon lange bezweifelt – alleine schon deshalb, weil die Nekropole im Tal der Könige erst etwa 1.000 Jahre später im Neuen Reich als Bestattungsort von Würdenträgern fungierte. Tatsächlich gebe es nirgendwo eine Inschrift, die die Existenz einer Ärztin namens Merit-Ptah dokumentiert, sagt Kwiecinski. Sie sei weder in Namenslisten von Heilern noch Beamten zu finden – nicht einmal in solchen, die als eher zweifelhaft gelten.
 
Aus zwei wird eins

Den Frauennamen an sich könnte es im Alten Reich schon gegeben haben, so der Forscher. Gesichert ist er auf jeden Fall aus der Zeit des Neuen Reichs – so trug unter anderem die Ehefrau des Gouverneurs Ramose diesen Namen. Kwiecinski vermutet, dass Hurd-Mead zwei archäologische Entdeckungen durcheinandergebracht hat: einen Namen jüngeren Datums und einen Fund aus älterer Zeit.

In der 500 Kilometer vom Tal der Könige entfernten Nekropole Sakkara wurde nämlich 1930 das Grab eines Würdenträgers aus dem Alten Reich entdeckt, in dem an einer Scheintür ein Vermerk zu einer Frau namens Peseschet steht. Diese trug unter anderem den Titel "Vorsteherin der Heilerinnen" (oder auch "der Heiler"), der in seiner Bedeutung allerdings etwas unklar ist. Da sich ein Buch, in dem die Entdeckung beschrieben wird, in Hurd-Meads Bibliothek befand, geht Kwiecinski davon aus, dass sie die beiden unterschiedlichen Frauen versehentlich zu einer verschmolzen hat – und die ist seitdem nicht totzukriegen. 

Von der Grab- in die Echokammer

Viel mehr als der an sich banale Fall schlampiger Recherche interessierte Kwiecinski daher die Frage, wie sich dieser zu einem modernen Mythos auswachsen konnte. Denn Merit-Ptah, die vermeintliche Pionierin, ist inzwischen überall, wie der Historiker berichtet. Man findet sie in populärwissenschaftlichen Büchern ebenso wie in feministischen Blogs, wenn es um das Thema Frauen in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) geht – aber auch in Computerspielen oder als inspirierendes T-Shirt-Motiv.

An Merit-Ptah werde der Wunsch nach einem Vorbild beziehungsweise einer Identifikationsfigur erkennbar, so Kwiecinskis Resümee – mitunter sogar in mehrfacher Weise: So sei Merit-Ptah auch schon als "schwarze" Frau bezeichnet worden, ohne dass es für ihre Hautfarbe irgendeinen Anhaltspunkt gebe. Wunschvorstellungen würden zu vorgefassten Meinungen führen und diese abseits vom wissenschaftlichen Fachdiskurs in den "Echokammern" von Amateurhistorikern weitergegeben. Die inzwischen über 80-jährige Geschichte von Merit-Ptah ähnele somit stark einem höchst gegenwärtigen Phänomen, nämlich der Produktion von Fake News.
 
Was bleibt

Und da Fake News hartnäckig sind, wird Merit-Ptah nicht so schnell wieder verschwinden. Den Venuskrater könnte man in Peseschet umbenennen – wäre da nicht die offene Frage, was "Vorsteherin der Heilerinnen" in der Praxis nun wirklich bedeutet hat. Ob "die wahre Merit-Ptah" selbst eine Heilerin respektive Ärztin war, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten.

Immerhin liefert die Inschrift zu Peseschet starke Indizien dafür, dass es im Alten Ägypten – wie wohl in den meisten Kulturen der Welt – Heilerinnen gab, auch wenn deren Namen nicht überliefert sind. Aber auch das ist ein Phänomen, das die Zeitalter verbinden dürfte: Während diejenigen, die die tatsächliche Arbeit leisten, anonym bleiben, streift jemand anderes den Ruhm ein. Im Extremfall sogar jemand, den es nie gegeben hat. (jdo.) 


Abstract

Dienstag, 24. Dezember 2019

Konditionierung durch Zuchtwahl.


aus scinexx                                                                                                                                 Makushi-Männer

Frauenmangel macht Männer zahm
Bei Männerüberschuss ändert sich das stereotype Rollenverhalten

Dem Klischee nach wollen Männer flüchtigen Sex, Frauen dagegen den Mann fürs Leben. Doch wie sich jetzt zeigt, kann sich das drastisch ändern – wenn akuter Frauenmangel herrscht, wie in einigen Gebieten Guyanas der Fall. Denn dann werden auch die sonst so treulosen "Macho-Männer" des Makushi-Volks plötzlich ganz zahm und wollen nur noch das eine: die Frau fürs Leben.

Dieses Rollenklischee geht schon auf Charles Darwin zurück: Männer wollen flüchtigen Sex mit so vielen Frauen wie möglich, Frauen dagegen suchen eher die langfristige Bindung. Biologisch gesehen lässt sich dies begründen: Oft investiert das Weibchen deutlich mehr Energie und Zeit in die Aufzucht ihrer Jungen. Damit sich dieser Aufwand lohnt und die Jungen überleben, versucht sie daher, ihren Kindern einen möglichst fitten Vater zu verschaffen und damit eine genetisch günstige Ausstattung.

Biologisches Erbe auch beim Menschen?

Viele Biologen sehen aufgrund dieser biologischen Basis auch beim Menschen eine Tendenz zu geschlechtsspezifischem Rollenverhalten, quasi ein Relikt dieses tierischen Erbes. Allerdings gibt es auch zahlreiche Gegenbeispiele – sowohl im Tierreich wie auch bei menschlichen Kulturen. Welchen Einfluss die Auswahl für das Geschlechterverhalten spielt, haben Ryan Schacht von der University of Utah und seine Kollegen nun in einem ländlichen Gebiet Guyanas untersucht.

Sie befragten Männer und Frauen vom Volk der Makushi nach ihrer Beziehung und ihrer Einstellung zum Thema Partnerschaft. In dieser Region an der Grenze zu Brasilien herrscht auf den Dörfern oft Männerüberschuss, viele Frauen sind in die Städte gezogen. Für ihre Studie befragten die Forscher 300 Männer und Frauen aus acht Dörfern mit und ohne Männerüberschuss.

Monogam bei Frauenmangel

Das Ergebnis überraschte: "Allgemein zeigen die Makushi-Männer durchaus eine größere Neigung zu unverbindlichem Sex – wie es die Stereotype besagt", so Schacht. Aber in den Dörfern mit Männerüberschuss war dies anders: Dort wünschten sich auch die Makushi-Männer monogame, langfristige Beziehungen, von Polygamie keine Spur. "Wenn Frauen schwer zu finden sind, dann werden sie zu einer wertvollen Ressource", erklärt Schacht diesen Verhaltenswechsel. "Die Männer versuchen dann eher, einen Partner zu finden und zu behalten, denn wenn sie ihn verlieren, könnten sie keinen neuen mehr abbekommen."

Entgegen landläufiger Annahme gab es auch weniger Aggression und Kämpfe der Männer um die Frauen, wie die Forscher beobachteten. Bei den Frauen machte es dagegen keinen Unterschied, ob sie nun viele oder weniger Partner zur Auswahl hatten: Sie bevorzugten immer die monogame, langfristige Partnerschaft – zumindest in diesem Punkt entsprachen sie dem Klischee.

Angebot und Nachfrage 

Nach Ansicht der Forscher demonstriert dies, dass das Beziehungsverhalten des Menschen weitaus komplexer ist als es das einfache Klischee wahrhaben will. "Es wird Zeit, dass wir uns von solchen stereotypen Annahmen über das Verhalten von Männern und Frauen verabschieden", sagt Schacht. "Sex ist nur ein Faktor, der hier eine Rolle spielt: Die Verfügbarkeit von Partner spielt eine Rolle, der sozioökonomische Status und auch die Qualität der Kandidaten."

Im Prinzip sei das Beziehungsverhalten ähnlich wie die Wirtschaft von Angebot und Nachfrage bestimmt. Und wenn Frauen knapp sind, dann fährt derjenige besser, der sich ihre Wünsche zu Eigen macht. (Royal Society Open Science, 2014; doi: 10.1098/rsos.140402)


Nota. - Durch ihre Zuchtwahl bestimmen über die Generationen hin Frauen, wie Männer sein zu müssen glauben. Und tatsächlich ist der verhausschweinte Mann in neun von zehn Fälle monogam eingerichtet. Und warum wird der übrig- bleibende zehnte Mann dann sprichwörtlich zum Popanz gemacht? Als Anregung für die andern, was denn sonst!

Arbeiten Sie mal in einem Beruf, wo sich Frauen unter sich glauben! Was meinen Sie, was Ihnen da als häusliche Klage häufiger zu Ohren kommt: "Der will immer nur das eine"? Oder vielmehr: "Der will ja immer nur seine Ruhe!" -?  

Da sehn Sie, was herauskommt, wenn die Natur die Zuchtwahl kurzsichtig nur der einen Seite überlässt.
JE

Sonntag, 22. Dezember 2019

Sexistischer Skandal in der Raumforschung.

Sissi umkreist Franz - nicht andersrum.

Die Österreicher*innen durften über den Namen des Sterns HAT-P-14 und seiner Planetin abstimmen. Sie nannten sie Franz und Sissi.

Samstag, 14. Dezember 2019

"Frauenfeindliche Gender-Studies".

 aus nzz.ch,

Warum Gender-Theoretikerinnen oftmals frauenfeindlich agieren 
"Wir westlichen Frauen tragen kein Kopftuch, aber die anderen – die wollen oder müssen eben." Der Kulturrelativismus, den viele Gender-Anhängerinnen vertreten, gibt sich progressiv, ist aber reaktionär. Und er verrät eine misogyne Haltung.

von Vojin Saša Vukadinović

Manche Kritiker der Gender-Studies glauben, dass das strittige Studienfach eine wissenschaftspolitische Verlängerung des Feminismus an den Hochschulen sei. Da dort mehrheitlich Akademikerinnen tätig sind, wird daraus irrigerweise geschlossen, dass die Gender-Studies eine Frauen zugeneigte Agenda verfolgten. Tatsächlich florieren jedoch unter vielen der Gemeinten misogyne Theoreme, reaktionäre Weltbilder und eine Faszination für weibliche Unterwürfigkeit, solange sich diese auf Angehörige «anderer Kulturen» beschränkt.

Das Islamische Zentrum München erlangte diesen Sommer durch einen Vermerk auf seiner Website, wonach Ehemänner unter gewissen Umständen ihre Gattinnen «symbolisch» schlagen dürften, mediale Aufmerksamkeit. Dass diese Passage jahrelang unbeanstandet geblieben war, ist gesellschaftspolitisch ebenso bezeichnend wie das ausgeprägte Schweigen jener, die sonst von «Heteronormativität», «toxischer Männlichkeit» oder «Femonationalismus» jargonisieren. 

Reaktionäre Gender-Denkart

Wer jemals diese Stille durchbrochen hat, um Kritik an islamischen sowie an anderen nichtwestlichen Sittenkomplexen und Traditionen zu üben, kennt moralische Konter wie die folgenden: «Warum ist das Arrangieren einer haltbaren Ehe frauenfeindlich und die Wegwerfscheidungen prominenter Männer, die periodisch ein älteres gegen ein jüngeres Modell austauschen, nicht?» – «Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass erfüllte Sexualität nicht zwingend mit Orgasmusfähigkeit in Zusammenhang gebracht wird. Die [genitalverstümmelten] Frauen in Eritrea fühlen sich dann geschätzt und geliebt von ihren Ehemännern, wenn sie als Ehefrau geachtet und respektiert werden.» – «Das einzige Kulturgebiet, das vom westlichen Sextourismus nicht erobert wurde, ist der islamische Raum. Alle anderen Kontinente gehören schon längst zum Netzwerk der Sexindustrien.»

Diese Zitate stammen weder von muslimischen Theologen bzw. von Repräsentanten konservativer Verbände, die zur Kritikabwehr mit Mankos der «Mehrheitsgesellschaft» abzulenken wissen, noch von Vordenkern der Neuen Rechten, denen der Ethnopluralismus – also die Koexistenz mehrerer ihr jeweiliges Brauchtum pflegender «Kulturen» unter Voraussetzung ihrer Nichtvermischung – als politisches Ideal gilt. Vielmehr handelt es sich um exemplarische Bemerkungen deutscher Gender-Studies-Vertreterinnen – Gabriele Dietze, Daniela Hrzán, Christina von Braun / Bettina Mathes –, die sich selbst als links oder linksliberal verstehen dürften.

Dass sich ihr Tonfall, der überaus schlichte Gedankengang und die identitären Implikationen des Gesagten nicht sonderlich von jenen im rechtsreaktionären oder im religiösen Lager unterscheiden, zeigt, wie es um den insinuierten Feminismus des Studienfachs tatsächlich bestellt ist.


Ausblenden der Gegenwart
 
Die angebliche methodische, thematische wie personelle Heterogenität der Gender-Studies, die diesem Befund oftmals entgegengehalten wird, ist keine Widerlegung: Im deutschsprachigen Raum hat es bisher keine Kollegin für notwendig erachtet, dem eklatanten Kulturrelativismus, den diese Zitate musterhaft darlegen, entgegenzutreten. Solange kein resoluter Einspruch zu vernehmen ist, ist im Forschungsfeld nicht von einer Tendenz, sondern von Konsens auszugehen. Angesichts der Fülle des inzwischen einschlägig bekannten Materials eignet sich die Angelegenheit längst selbst zum Forschungsobjekt.

Der Umstand, dass Gender-Studies-Vertreterinnen auf die gesellschaftliche Relevanz ihres Fachs verweisen, aber keinerlei gewichtige Studien zu den mitunter virulentesten Konflikten der letzten Jahre vorzuweisen haben, spricht für sich. An ihnen sind sämtliche geschlechter- und sexualpolitischen Entwicklungen vorbeigezogen, die dringend der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme bedürfen, weil sie qualitativ neue Phänomene sind: Jihadismus, Kinderehen, in aller Öffentlichkeit und oftmals, wie die laufenden Verfahren zeigen, bar jeden Rechtsempfindens verübte Gruppenvergewaltigungen und Morde an jungen Frauen.

Die diesbezügliche akademische Ignoranz gründet nicht auf einem Desinteresse am Zeitgeschehen; die Gender-Forschung befasst sich schliesslich besonders mit diesem. Vielmehr müssten sich die eigenen theoretischen Postulate unweigerlich am Gegenstand – konkret: an der Wirklichkeit – messen, wo die Rede von «Intersektionalität», «Macht», «Performativität» und «Ungleichheitsverhältnissen» katastrophal abschneiden würde. Das ahnt man – und zieht es deshalb vor, über die genannten Phänomene vornehm zu schweigen.

Nun sind vermeintliche Frauenfragen, wofür die Gender Studies oftmals irrigerweise gehalten werden, keineswegs blosse Frauenthemen, sondern Gradmesser des sozialen Fortschritts, wie es Charles Fourier einst fasste. Der evidente universitäre Unwille, sich mit den mitunter unbequemsten Sujets der Gegenwart zu befassen, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustands, in dem die «anderen» zunehmend ihrem Anderssein überlassen werden, das wiederum in glänzende Farben getaucht wird.

Gender-Rassismus
 
Blamables Resultat dieser Projektionsleistungen ist die seit etwa fünfzehn Jahren in den Gender-Studies zu beobachtende Obsession mit islamkritischen weiblichen Stimmen muslimischer Herkunft, an denen deutsche Akademikerinnen ihre misogyn-rassistische Häme ausagieren. Während manche der Getadelten aufgrund konstanter Bedrohung unter Polizeischutz leben müssen, trifft diejenigen, von denen ebenjene Gefahr ausgeht, noch nicht einmal ein Hauch von Kritik: Die gendertheoretisch geschulte Abneigung gilt nicht etwa gewaltbereiten Patriarchen, sondern Frauen, die aus der Reihe tanzen.

So hat sich zum historischen Antifeminismus, der traditionell rechts stand, im 21. Jahrhundert einer von links gesellt. Auch dessen wichtigste Abhandlungen werden vom Zeitgeist getragen – namentlich von der moralischen Emphase, es gut zu meinen und noch besser zu wissen. Eine Kritik der Gender-Studies, die dies nicht begreift, ist keine.

Die Konsequenzen der vorgeblich um Diversität und Sensibilität bedachten Weltanschauung tragen derweil jene, die im Wortsinn zum anderen Geschlecht gemacht werden: Mädchen, die Gefahr laufen, in den Sommerferien beim Besuch in der elterlichen Heimat an den Genitalien verstümmelt zu werden, weil die zuständige Pädagogin, die ahnt, was droht, lieber nichts tut, als für eine Rassistin gehalten zu werden. Grundschülerinnen, die körper- und entwicklungsfeindlichen Bekleidungsvorschriften unterworfen werden, während langfristig bereits eine «haltbare Ehe» für sie vorgesehen ist, «symbolische» Schläge mitunter inklusive. In Frauenhäuser Geflohene, die in der Bundesrepublik mittlerweile zur Hälfte nichtdeutscher Herkunft sind.

«Jede Gesellschaftskritik muss Verantwortung übernehmen», schreibt der Historiker Marco Ebert in der kürzlich erschienenen Anthologie «SexLit»: «Sie wird sich an ihrem Umgang mit den gesellschaftlichen Aussenseitern bewahrheiten müssen.» Dass es also primär weibliche, migrantische Individuen sind, deren von Abschottung, Sexualmoral, Unfreiheit und Gewalt bestimmte Lebenssituation den Gender-Studies weder Grund zur Analyse noch Anlass zu Solidarität ist, ist deshalb hervorzuheben. Oder, in der verräterischen Wortwahl von Christina von Braun und Bettina Mathes: «Auch wir möchten kein Kopftuch tragen. Aber» – aber die anderen, die müssen es eben.

Nicht nur der impertinente akademische Dünkel lässt hier aufhorchen, sondern insbesondere das Tätscheln des patriarchalen Gewahrsams, der anderen als adäquates Habitat zugewiesen und mit dem bezaubernden Namen «Kultur» versehen wird. An solch misogyner Herablassung zeigt sich denn auch, inwiefern die Gender-Studies nicht nur der Geschichte des Antifeminismus, sondern auch der des Rassismus zufallen – konträr zum eigenen Selbstverständnis jedoch nicht als Episode, die wesentlich über beide Phänomene aufgeklärt hätte, sondern als instinktiver Beitrag zu deren Modernisierung.

Vojin Saša Vukadinović ist promovierter Historiker und Geschlechterforscher. Er hat zu den Sammelbänden «Beissreflexe» (2017, Hg. Patsy l’Amour laLove) und «SexLit» (2019, Hg. Benedikt Wolf) beigetragen sowie die Anthologie «Freiheit ist keine Metapher» (2018) herausgegeben.


Nota. - Der vor einem knappen halben Jahrhundert ausgebrochene Neo-Feminismus hatte den Zweck, die Stellung der Frau in der Öffentlichkeit zu verstärken - insbesonderee nämlich in den öffentlichen Erwerbs- zweigen. "Die Quote" war gedacht und hat ihren Dienst getan in den Medien und im Staatsdienst. Und eigentlich hat damit der Feminismus ausgedient. Doch kaum hatte er sein Ziel erreicht, wurden die Stellen knapp... gerade in den Medien und im Staatsdienst. Da waren Gender Studies just die rechte Antwort. Zugleich wurden sie zu einem akademischen Fach aufgeplustert, zu dem naturgemäß nicht eine jede gleichberechtigt Zutritt hat - ein paar feigenblättrige Männeer musste man eben in Kauf nehmen. Die aktivistischen, aber ungebildeten Femini- stinnen galt es sich vom Hals zu halten.

Doch wie das Leben so spielt - irgendwann gab es so viele Professuren, dass die Öffentlichkeit zu murren be- gann, Nun ist es Zeit, den Spieß umzudrehen. Jetzt, wo das Patriarchat ausgedroschen und MeToo Schnee von gestern ist, kann frau sich die... Gender-Studies zum GegneR erkiesen. Ein bisschen was trägt auch das ein, die Zeiten sind eben mal nicht so üppig. 

Dass er in der Sache nichts als schimpfen kann, liegt ganz in feministischer Tradition. Er tut nichtmal so, als wär's akademisch, das immerhin muss man ihm zugute halten.
JE

 

Freitag, 29. November 2019

Frauen gehen ganz anders miteinander um, III.

aus süddeutsche, 25. 11. 2019 

Bieder in der Frauengruppe
Frauen tragen Konkurrenz eher durch indirekte Aggressionen aus. Welche Rolle die Kleidung dabei spielt.

Treffen Menschen aufeinander, dann bildet sich mehr oder weniger automatisch eine Hackordnung. Im Büro zum Beispiel, da geben die einen den Ton an, die anderen maulen, und wer eigentlich die Arbeit macht, ist eine ganz andere Frage, auf die jeder eine andere Antwort hat. Gewiss ist hingegen, dass Männer und Frauen anders mit Konkurrenten aus dem Lager des eigenen Geschlechts umgehen. Männer tragen diese sogenannte intrasexuelle Konkurrenz durch direkte, Frauen hingegen eher durch indirekte Aggression aus, etwa mithilfe von Exklusion oder Rufschädigung. Während der Partnersuche gelten diese Beobachtungen erst recht: Denn wenn um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts konkurriert wird, warten besonders schmerzhafte Kränkungen.

Hatten sie es mit anderen Frauen zu tun, wählten sie ein zurückhaltendes Outfit

Gerade haben Psychologen um Jaimie Krems und Ashley Rankin von der Oklahoma State University eine Studie veröffentlicht, in der sie sich mit weiblichen Abwehrstrategien gegen das aggressive Verhalten anderer Frauen beschäftigen. Wie sie im Fachjournal Social Psychological and Personality Science berichten, kleiden sich Frauen insbesondere dann bewusst weniger aufreizend, wenn sie es mit anderen Frauen zu tun haben - vor allem, wenn sie neu in einer sozialen Situation sind und ihren Platz in der Gruppe sowie der Hierarchie noch nicht gefunden haben. 



Insbesondere gut aussehende Frauen machten von dieser Deeskalationsstrategie gebraucht, so die Psychologen. Denn es seien vor allem jene Frauen, die von den anderen als attraktiv oder sexuell freizügig wahrgenommen werden, die von ihren Geschlechtsgenossinnen angegangen werden. "Viele Studien haben gezeigt, dass sich weibliche Intoleranz besonders gegen attraktive Frauen richtet, zumindest bekommen diese mehr indirekte Aggression zu spüren als weniger attraktive", schreibt auch die kanadische Psychologin Tracy Vaillancourt in einer Studie, die vor einiger Zeit im Fachjournal Aggressive Behavior erschienen ist.

Die Wissenschaftler um Krems und Rankin untersuchten für ihre Arbeit, wie sich Frauen für verschiedene Szenarien kleiden würden und wie sie den Stil anderer bewerteten. Bisher habe sich die Forschung fast ausschließlich darauf fokussiert, wie weiblicher Kleidungsstil auf männliches Publikum wirkt. Aber die textilen Signale zielen natürlich auch auf die Augen anderer Frauen und signalisieren etwa Status, was für die Hierarchie in einer Gruppe natürlich eine wesentliche Rolle spielt.

Konfrontierten die Psychologen um Krems und Rankin ihre Probandinnen damit, einen Kleidungsstil für einen Termin mit einer Gruppe zu wählen, war dieser gewagter, wenn diese aus Frauen und Männern zusammengesetzt war: Unter diesen Umständen würden viele mehr Haut zeigen, als wenn sie es nur mit Frauen zu tun hätten. Gerade die besonders attraktiven Teilnehmerinnen wählten biedere Outfits, bevor sie auf ausschließlich Frauen trafen. Wer aus der Reihe tanzt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, muss mit Gegenwind rechnen. Allzu aufreizende Kleidung provoziere den Eindruck, eine Frau sei eine sexuelle Rivalin, argumentiert auch Vaillancourt - und verweist auf eine umfangreiche Arbeit der Psychologin Jean Twenge und ihrem Kollegen Roy Baumeister. Demnach seien es seit jeher vor allem Frauen, die die Sexualität anderer Frauen unterdrücken.


Nota. - Dass Frauen hinterhältige Aggression für friedvoller halten als offenen Angriff, ist selber ein Beispiel für ge- schlechtspezifische Mentalität. Sie ist es nämlich nicht, denn bei offenem Kampf erkennt man deutlich, wann er anfängt und wann er vorbei ist. Vor schleichender Aggression ist man/frau dagegen niemals sicher, und das vergiftet das Zusammensein.
JE



Donnerstag, 28. November 2019

Das toxische Männerbild

artstation
aus die Presse, Wien, 27.11.2019

Problembehaftet: Das „Mörder-Gen“in den Männern? 
Über das toxische Männerbild der „kritischen“ Männerforschung.

von

Im Zusammenhang mit den jüngsten Berichten über Beziehungsmorde in Österreich 2018 werden wir mancherorts dahingehend belehrt, dass Männer im Patriarchat wegen der Gewalt gegen Frauen und Mädchen allesamt „problembe- haftet“ sind – so beispielsweise ein „kritischer Männerforscher“ der Uni Innsbruck kürzlich im „Standard“. Männer im Patriarchat hätten – ob sie wollen oder nicht – „die Grundstrukturen toxischer Männlichkeit in sich“, halt nur in unter- schiedlicher Ausprägung, so der Soziologe. Die Bandbreite reicht von der „extremsten“ Ausprägung, nämlich dem „Mord“, bis zu denjenigen, die „etwa ein Verständnis für Gewalt“ hätten, etwa „weil das Opfer den Täter angeblich betrogen habe“.

Na, da bin ich aber dankbar, dass mir eine so breite Palette männlicher Selbstverortung zur Verfügung gestellt wird!

Im Ernst: Dies ist wieder ein Beispiel dafür, wie eine einseitige, soziologisierende Gendertheorie Pauschalaussagen trifft, die mehr verdecken als aufklären. Diese „strukturalistische“ Sichtweise behauptet, dass es aus bestimmten Gesellschafts- strukturen quasi kein Entrinnen gibt, sodass „man/n“ sich als potenzieller Täter (Mörder?) oder fragwürdiger Männerver- steher wiederfindet. Diese Sichtweise nützt niemandem, weder prophylaktisch noch bei der Täterarbeit, und auch nicht Studierenden, die einmal mit solchen Fällen zu tun haben werden.

Donnerstag, 21. November 2019

Männer sehen sogar anders als Frauen.

David, Michelangelo
aus scinexx

Männer und Frauen sehen Farben und Kontraste unterschiedlich 
Geschlechtshormon Testosteron sorgt möglicherweise für geschlechtsspezifische Wahrnehmung
 
Auch beim Sehen gibt es den kleinen Unterschied: Männer können schwache Kontraste und schnelle Bewegungen besser erkennen als Frauen. Außerdem nehmen sie dieselben Farbtöne etwas bläulicher wahr als ihre weiblichen Gegenparts. Das haben US-amerikanische Forscher in Experimenten herausgefunden. Die Ergebnisse zeigten erstmals, dass es auch beim Sehsinn deutliche Geschlechtsunterschiede gebe – wie man es auch schon von anderen Sinneswahrnehmungen kenne, berichten die Forscher im Fachmagazin „Biology of Sex Differences“.

Noch ist nicht geklärt, was diese Unterschiede verursacht. Die Wissenschaftler vermuten aber, dass das Geschlechtshormon Testosteron dafür verantwortlich sein könnte. Dieses kommt bei Männern in höherer Konzentration vor. Von diesem Hormon sei bekannt, dass es beim Ungeborenen die Bildung von Gehirnzellen im Sehzentrum und von Nervenverbindungen fördere, sagen die Forscher. Dies könnte den Männern ihr besseres Kontrast- und Bewegungssehen verleihen.

„Bei fast allen anderen Sinnen waren Geschlechtsunterschiede schon länger bekannt“, erklären Israel Abramov von der City University of New York und seine Kollegen. So wisse man, dass Frauen besser hören können als Männer und auch auf Düfte, Berührungen und Geschmacksreize sensibler reagieren. Obwohl aber der Sehsinn für den Menschen besonders wichtig sei, habe man ihn zuvor nicht auf solche Differenzen hin getestet. „Das ist überraschend, denn gerade das primäre Sehzentrum hat vermutlich die höchste Dichte von Andockstellen für das männliche Geschlechtshormon Testosteron im gesamten Gehirn“, schreiben die Forscher. Das lege nahe, dass dieses Hormon und damit die Geschlechtszugehörigkeit auch das Sehen beeinflusse. Dass das tatsächlich der Fall ist, habe man jetzt gezeigt.

Test mit waagerechten oder senkrechten Streifenmustern

Um die Unterschiede beim Sehen zu testen, führten die Forscher verschiedene Experimente mit jeweils 50 normalsichtigen Freiwilligen zwischen 16 und 38 Jahren durch. In allen Gruppen waren etwas mehr Frauen als Männer vertreten. Im ersten Test wurde auf einem Bildschirm verschiedene Muster aus eng stehenden parallelen Streifen gezeigt. Die Studienteilnehmer mussten jeweils angeben, ob die Streifen senkrecht oder waagerecht angeordnet waren. Im Laufe des Versuchs wurden die Streifen dabei immer dünner und dichter, so dass sie im Extremfall nur noch als einheitlich graue Fläche erschienen. In einem weiteren Test erhöhte sich auch das Tempo, mit dem ihre Anordnung wechselte.

„Bei geringer Streifendichte schnitten Männer und Frauen noch gleich gut ab“, berichten die Forscher. Aber je enger die Streifen wurden, desto deutlicher habe sich gezeigt, dass die Männer feine Kontraste besser erkennen konnten. Auch bei schnellen Wechseln hätten die Männer die Ausrichtung der Streifen besser identifizieren können als die weiblichen Teilnehmer.

Im Farbtest zeigten die Forscher den Probanden jeweils einen Lichtpunkt in einer bestimmten Farbe. Diese sollten anschließend diesen Farbton beschreiben, indem sie angaben, wie viel Prozent Rot, Grün, Blau oder Gelb das Licht enthielt. In einem weiteren Versuch sollten sie eine Farbfläche so einstellen, dass sie genau dem Farbton einer Vergleichsfläche entsprach. „Die Sensibilität für Farbtöne war bei beiden Geschlechtern ähnlich gut, aber nicht deckungsgleich“, erklären die Forscher. Über fast das gesamte Farbspektrum hinweg hätten die Männer die Farbtöne leicht bläulicher wahrgenommen als die Frauen. Ihre Wahrnehmung sei demnach leicht in Richtung kürzerer Wellenlängen verschoben. (Biology of Sex Differences, 04.09.2012 – NPO)