Samstag, 14. Dezember 2019

"Frauenfeindliche Gender-Studies".

 aus nzz.ch,

Warum Gender-Theoretikerinnen oftmals frauenfeindlich agieren 
"Wir westlichen Frauen tragen kein Kopftuch, aber die anderen – die wollen oder müssen eben." Der Kulturrelativismus, den viele Gender-Anhängerinnen vertreten, gibt sich progressiv, ist aber reaktionär. Und er verrät eine misogyne Haltung.

von Vojin Saša Vukadinović

Manche Kritiker der Gender-Studies glauben, dass das strittige Studienfach eine wissenschaftspolitische Verlängerung des Feminismus an den Hochschulen sei. Da dort mehrheitlich Akademikerinnen tätig sind, wird daraus irrigerweise geschlossen, dass die Gender-Studies eine Frauen zugeneigte Agenda verfolgten. Tatsächlich florieren jedoch unter vielen der Gemeinten misogyne Theoreme, reaktionäre Weltbilder und eine Faszination für weibliche Unterwürfigkeit, solange sich diese auf Angehörige «anderer Kulturen» beschränkt.

Das Islamische Zentrum München erlangte diesen Sommer durch einen Vermerk auf seiner Website, wonach Ehemänner unter gewissen Umständen ihre Gattinnen «symbolisch» schlagen dürften, mediale Aufmerksamkeit. Dass diese Passage jahrelang unbeanstandet geblieben war, ist gesellschaftspolitisch ebenso bezeichnend wie das ausgeprägte Schweigen jener, die sonst von «Heteronormativität», «toxischer Männlichkeit» oder «Femonationalismus» jargonisieren. 

Reaktionäre Gender-Denkart

Wer jemals diese Stille durchbrochen hat, um Kritik an islamischen sowie an anderen nichtwestlichen Sittenkomplexen und Traditionen zu üben, kennt moralische Konter wie die folgenden: «Warum ist das Arrangieren einer haltbaren Ehe frauenfeindlich und die Wegwerfscheidungen prominenter Männer, die periodisch ein älteres gegen ein jüngeres Modell austauschen, nicht?» – «Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass erfüllte Sexualität nicht zwingend mit Orgasmusfähigkeit in Zusammenhang gebracht wird. Die [genitalverstümmelten] Frauen in Eritrea fühlen sich dann geschätzt und geliebt von ihren Ehemännern, wenn sie als Ehefrau geachtet und respektiert werden.» – «Das einzige Kulturgebiet, das vom westlichen Sextourismus nicht erobert wurde, ist der islamische Raum. Alle anderen Kontinente gehören schon längst zum Netzwerk der Sexindustrien.»

Diese Zitate stammen weder von muslimischen Theologen bzw. von Repräsentanten konservativer Verbände, die zur Kritikabwehr mit Mankos der «Mehrheitsgesellschaft» abzulenken wissen, noch von Vordenkern der Neuen Rechten, denen der Ethnopluralismus – also die Koexistenz mehrerer ihr jeweiliges Brauchtum pflegender «Kulturen» unter Voraussetzung ihrer Nichtvermischung – als politisches Ideal gilt. Vielmehr handelt es sich um exemplarische Bemerkungen deutscher Gender-Studies-Vertreterinnen – Gabriele Dietze, Daniela Hrzán, Christina von Braun / Bettina Mathes –, die sich selbst als links oder linksliberal verstehen dürften.

Dass sich ihr Tonfall, der überaus schlichte Gedankengang und die identitären Implikationen des Gesagten nicht sonderlich von jenen im rechtsreaktionären oder im religiösen Lager unterscheiden, zeigt, wie es um den insinuierten Feminismus des Studienfachs tatsächlich bestellt ist.


Ausblenden der Gegenwart
 
Die angebliche methodische, thematische wie personelle Heterogenität der Gender-Studies, die diesem Befund oftmals entgegengehalten wird, ist keine Widerlegung: Im deutschsprachigen Raum hat es bisher keine Kollegin für notwendig erachtet, dem eklatanten Kulturrelativismus, den diese Zitate musterhaft darlegen, entgegenzutreten. Solange kein resoluter Einspruch zu vernehmen ist, ist im Forschungsfeld nicht von einer Tendenz, sondern von Konsens auszugehen. Angesichts der Fülle des inzwischen einschlägig bekannten Materials eignet sich die Angelegenheit längst selbst zum Forschungsobjekt.

Der Umstand, dass Gender-Studies-Vertreterinnen auf die gesellschaftliche Relevanz ihres Fachs verweisen, aber keinerlei gewichtige Studien zu den mitunter virulentesten Konflikten der letzten Jahre vorzuweisen haben, spricht für sich. An ihnen sind sämtliche geschlechter- und sexualpolitischen Entwicklungen vorbeigezogen, die dringend der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme bedürfen, weil sie qualitativ neue Phänomene sind: Jihadismus, Kinderehen, in aller Öffentlichkeit und oftmals, wie die laufenden Verfahren zeigen, bar jeden Rechtsempfindens verübte Gruppenvergewaltigungen und Morde an jungen Frauen.

Die diesbezügliche akademische Ignoranz gründet nicht auf einem Desinteresse am Zeitgeschehen; die Gender-Forschung befasst sich schliesslich besonders mit diesem. Vielmehr müssten sich die eigenen theoretischen Postulate unweigerlich am Gegenstand – konkret: an der Wirklichkeit – messen, wo die Rede von «Intersektionalität», «Macht», «Performativität» und «Ungleichheitsverhältnissen» katastrophal abschneiden würde. Das ahnt man – und zieht es deshalb vor, über die genannten Phänomene vornehm zu schweigen.

Nun sind vermeintliche Frauenfragen, wofür die Gender Studies oftmals irrigerweise gehalten werden, keineswegs blosse Frauenthemen, sondern Gradmesser des sozialen Fortschritts, wie es Charles Fourier einst fasste. Der evidente universitäre Unwille, sich mit den mitunter unbequemsten Sujets der Gegenwart zu befassen, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustands, in dem die «anderen» zunehmend ihrem Anderssein überlassen werden, das wiederum in glänzende Farben getaucht wird.

Gender-Rassismus
 
Blamables Resultat dieser Projektionsleistungen ist die seit etwa fünfzehn Jahren in den Gender-Studies zu beobachtende Obsession mit islamkritischen weiblichen Stimmen muslimischer Herkunft, an denen deutsche Akademikerinnen ihre misogyn-rassistische Häme ausagieren. Während manche der Getadelten aufgrund konstanter Bedrohung unter Polizeischutz leben müssen, trifft diejenigen, von denen ebenjene Gefahr ausgeht, noch nicht einmal ein Hauch von Kritik: Die gendertheoretisch geschulte Abneigung gilt nicht etwa gewaltbereiten Patriarchen, sondern Frauen, die aus der Reihe tanzen.

So hat sich zum historischen Antifeminismus, der traditionell rechts stand, im 21. Jahrhundert einer von links gesellt. Auch dessen wichtigste Abhandlungen werden vom Zeitgeist getragen – namentlich von der moralischen Emphase, es gut zu meinen und noch besser zu wissen. Eine Kritik der Gender-Studies, die dies nicht begreift, ist keine.

Die Konsequenzen der vorgeblich um Diversität und Sensibilität bedachten Weltanschauung tragen derweil jene, die im Wortsinn zum anderen Geschlecht gemacht werden: Mädchen, die Gefahr laufen, in den Sommerferien beim Besuch in der elterlichen Heimat an den Genitalien verstümmelt zu werden, weil die zuständige Pädagogin, die ahnt, was droht, lieber nichts tut, als für eine Rassistin gehalten zu werden. Grundschülerinnen, die körper- und entwicklungsfeindlichen Bekleidungsvorschriften unterworfen werden, während langfristig bereits eine «haltbare Ehe» für sie vorgesehen ist, «symbolische» Schläge mitunter inklusive. In Frauenhäuser Geflohene, die in der Bundesrepublik mittlerweile zur Hälfte nichtdeutscher Herkunft sind.

«Jede Gesellschaftskritik muss Verantwortung übernehmen», schreibt der Historiker Marco Ebert in der kürzlich erschienenen Anthologie «SexLit»: «Sie wird sich an ihrem Umgang mit den gesellschaftlichen Aussenseitern bewahrheiten müssen.» Dass es also primär weibliche, migrantische Individuen sind, deren von Abschottung, Sexualmoral, Unfreiheit und Gewalt bestimmte Lebenssituation den Gender-Studies weder Grund zur Analyse noch Anlass zu Solidarität ist, ist deshalb hervorzuheben. Oder, in der verräterischen Wortwahl von Christina von Braun und Bettina Mathes: «Auch wir möchten kein Kopftuch tragen. Aber» – aber die anderen, die müssen es eben.

Nicht nur der impertinente akademische Dünkel lässt hier aufhorchen, sondern insbesondere das Tätscheln des patriarchalen Gewahrsams, der anderen als adäquates Habitat zugewiesen und mit dem bezaubernden Namen «Kultur» versehen wird. An solch misogyner Herablassung zeigt sich denn auch, inwiefern die Gender-Studies nicht nur der Geschichte des Antifeminismus, sondern auch der des Rassismus zufallen – konträr zum eigenen Selbstverständnis jedoch nicht als Episode, die wesentlich über beide Phänomene aufgeklärt hätte, sondern als instinktiver Beitrag zu deren Modernisierung.

Vojin Saša Vukadinović ist promovierter Historiker und Geschlechterforscher. Er hat zu den Sammelbänden «Beissreflexe» (2017, Hg. Patsy l’Amour laLove) und «SexLit» (2019, Hg. Benedikt Wolf) beigetragen sowie die Anthologie «Freiheit ist keine Metapher» (2018) herausgegeben.


Nota. - Der vor einem knappen halben Jahrhundert ausgebrochene Neo-Feminismus hatte den Zweck, die Stellung der Frau in der Öffentlichkeit zu verstärken - insbesonderee nämlich in den öffentlichen Erwerbs- zweigen. "Die Quote" war gedacht und hat ihren Dienst getan in den Medien und im Staatsdienst. Und eigentlich hat damit der Feminismus ausgedient. Doch kaum hatte er sein Ziel erreicht, wurden die Stellen knapp... gerade in den Medien und im Staatsdienst. Da waren Gender Studies just die rechte Antwort. Zugleich wurden sie zu einem akademischen Fach aufgeplustert, zu dem naturgemäß nicht eine jede gleichberechtigt Zutritt hat - ein paar feigenblättrige Männeer musste man eben in Kauf nehmen. Die aktivistischen, aber ungebildeten Femini- stinnen galt es sich vom Hals zu halten.

Doch wie das Leben so spielt - irgendwann gab es so viele Professuren, dass die Öffentlichkeit zu murren be- gann, Nun ist es Zeit, den Spieß umzudrehen. Jetzt, wo das Patriarchat ausgedroschen und MeToo Schnee von gestern ist, kann frau sich die... Gender-Studies zum GegneR erkiesen. Ein bisschen was trägt auch das ein, die Zeiten sind eben mal nicht so üppig. 

Dass er in der Sache nichts als schimpfen kann, liegt ganz in feministischer Tradition. Er tut nichtmal so, als wär's akademisch, das immerhin muss man ihm zugute halten.
JE

 

Freitag, 29. November 2019

Frauen gehen ganz anders miteinander um, III.

aus süddeutsche, 25. 11. 2019 

Bieder in der Frauengruppe
Frauen tragen Konkurrenz eher durch indirekte Aggressionen aus. Welche Rolle die Kleidung dabei spielt.

Treffen Menschen aufeinander, dann bildet sich mehr oder weniger automatisch eine Hackordnung. Im Büro zum Beispiel, da geben die einen den Ton an, die anderen maulen, und wer eigentlich die Arbeit macht, ist eine ganz andere Frage, auf die jeder eine andere Antwort hat. Gewiss ist hingegen, dass Männer und Frauen anders mit Konkurrenten aus dem Lager des eigenen Geschlechts umgehen. Männer tragen diese sogenannte intrasexuelle Konkurrenz durch direkte, Frauen hingegen eher durch indirekte Aggression aus, etwa mithilfe von Exklusion oder Rufschädigung. Während der Partnersuche gelten diese Beobachtungen erst recht: Denn wenn um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts konkurriert wird, warten besonders schmerzhafte Kränkungen.

Hatten sie es mit anderen Frauen zu tun, wählten sie ein zurückhaltendes Outfit

Gerade haben Psychologen um Jaimie Krems und Ashley Rankin von der Oklahoma State University eine Studie veröffentlicht, in der sie sich mit weiblichen Abwehrstrategien gegen das aggressive Verhalten anderer Frauen beschäftigen. Wie sie im Fachjournal Social Psychological and Personality Science berichten, kleiden sich Frauen insbesondere dann bewusst weniger aufreizend, wenn sie es mit anderen Frauen zu tun haben - vor allem, wenn sie neu in einer sozialen Situation sind und ihren Platz in der Gruppe sowie der Hierarchie noch nicht gefunden haben. 



Insbesondere gut aussehende Frauen machten von dieser Deeskalationsstrategie gebraucht, so die Psychologen. Denn es seien vor allem jene Frauen, die von den anderen als attraktiv oder sexuell freizügig wahrgenommen werden, die von ihren Geschlechtsgenossinnen angegangen werden. "Viele Studien haben gezeigt, dass sich weibliche Intoleranz besonders gegen attraktive Frauen richtet, zumindest bekommen diese mehr indirekte Aggression zu spüren als weniger attraktive", schreibt auch die kanadische Psychologin Tracy Vaillancourt in einer Studie, die vor einiger Zeit im Fachjournal Aggressive Behavior erschienen ist.

Die Wissenschaftler um Krems und Rankin untersuchten für ihre Arbeit, wie sich Frauen für verschiedene Szenarien kleiden würden und wie sie den Stil anderer bewerteten. Bisher habe sich die Forschung fast ausschließlich darauf fokussiert, wie weiblicher Kleidungsstil auf männliches Publikum wirkt. Aber die textilen Signale zielen natürlich auch auf die Augen anderer Frauen und signalisieren etwa Status, was für die Hierarchie in einer Gruppe natürlich eine wesentliche Rolle spielt.

Konfrontierten die Psychologen um Krems und Rankin ihre Probandinnen damit, einen Kleidungsstil für einen Termin mit einer Gruppe zu wählen, war dieser gewagter, wenn diese aus Frauen und Männern zusammengesetzt war: Unter diesen Umständen würden viele mehr Haut zeigen, als wenn sie es nur mit Frauen zu tun hätten. Gerade die besonders attraktiven Teilnehmerinnen wählten biedere Outfits, bevor sie auf ausschließlich Frauen trafen. Wer aus der Reihe tanzt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, muss mit Gegenwind rechnen. Allzu aufreizende Kleidung provoziere den Eindruck, eine Frau sei eine sexuelle Rivalin, argumentiert auch Vaillancourt - und verweist auf eine umfangreiche Arbeit der Psychologin Jean Twenge und ihrem Kollegen Roy Baumeister. Demnach seien es seit jeher vor allem Frauen, die die Sexualität anderer Frauen unterdrücken.


Nota. - Dass Frauen hinterhältige Aggression für friedvoller halten als offenen Angriff, ist selber ein Beispiel für ge- schlechtspezifische Mentalität. Sie ist es nämlich nicht, denn bei offenem Kampf erkennt man deutlich, wann er anfängt und wann er vorbei ist. Vor schleichender Aggression ist man/frau dagegen niemals sicher, und das vergiftet das Zusammensein.
JE



Donnerstag, 28. November 2019

Das toxische Männerbild

artstation
aus die Presse, Wien, 27.11.2019

Problembehaftet: Das „Mörder-Gen“in den Männern? 
Über das toxische Männerbild der „kritischen“ Männerforschung.

von

Im Zusammenhang mit den jüngsten Berichten über Beziehungsmorde in Österreich 2018 werden wir mancherorts dahingehend belehrt, dass Männer im Patriarchat wegen der Gewalt gegen Frauen und Mädchen allesamt „problembe- haftet“ sind – so beispielsweise ein „kritischer Männerforscher“ der Uni Innsbruck kürzlich im „Standard“. Männer im Patriarchat hätten – ob sie wollen oder nicht – „die Grundstrukturen toxischer Männlichkeit in sich“, halt nur in unter- schiedlicher Ausprägung, so der Soziologe. Die Bandbreite reicht von der „extremsten“ Ausprägung, nämlich dem „Mord“, bis zu denjenigen, die „etwa ein Verständnis für Gewalt“ hätten, etwa „weil das Opfer den Täter angeblich betrogen habe“.

Na, da bin ich aber dankbar, dass mir eine so breite Palette männlicher Selbstverortung zur Verfügung gestellt wird!

Im Ernst: Dies ist wieder ein Beispiel dafür, wie eine einseitige, soziologisierende Gendertheorie Pauschalaussagen trifft, die mehr verdecken als aufklären. Diese „strukturalistische“ Sichtweise behauptet, dass es aus bestimmten Gesellschafts- strukturen quasi kein Entrinnen gibt, sodass „man/n“ sich als potenzieller Täter (Mörder?) oder fragwürdiger Männerver- steher wiederfindet. Diese Sichtweise nützt niemandem, weder prophylaktisch noch bei der Täterarbeit, und auch nicht Studierenden, die einmal mit solchen Fällen zu tun haben werden.

Donnerstag, 21. November 2019

Männer sehen sogar anders als Frauen.

David, Michelangelo
aus scinexx

Männer und Frauen sehen Farben und Kontraste unterschiedlich 
Geschlechtshormon Testosteron sorgt möglicherweise für geschlechtsspezifische Wahrnehmung
 
Auch beim Sehen gibt es den kleinen Unterschied: Männer können schwache Kontraste und schnelle Bewegungen besser erkennen als Frauen. Außerdem nehmen sie dieselben Farbtöne etwas bläulicher wahr als ihre weiblichen Gegenparts. Das haben US-amerikanische Forscher in Experimenten herausgefunden. Die Ergebnisse zeigten erstmals, dass es auch beim Sehsinn deutliche Geschlechtsunterschiede gebe – wie man es auch schon von anderen Sinneswahrnehmungen kenne, berichten die Forscher im Fachmagazin „Biology of Sex Differences“.

Noch ist nicht geklärt, was diese Unterschiede verursacht. Die Wissenschaftler vermuten aber, dass das Geschlechtshormon Testosteron dafür verantwortlich sein könnte. Dieses kommt bei Männern in höherer Konzentration vor. Von diesem Hormon sei bekannt, dass es beim Ungeborenen die Bildung von Gehirnzellen im Sehzentrum und von Nervenverbindungen fördere, sagen die Forscher. Dies könnte den Männern ihr besseres Kontrast- und Bewegungssehen verleihen.

„Bei fast allen anderen Sinnen waren Geschlechtsunterschiede schon länger bekannt“, erklären Israel Abramov von der City University of New York und seine Kollegen. So wisse man, dass Frauen besser hören können als Männer und auch auf Düfte, Berührungen und Geschmacksreize sensibler reagieren. Obwohl aber der Sehsinn für den Menschen besonders wichtig sei, habe man ihn zuvor nicht auf solche Differenzen hin getestet. „Das ist überraschend, denn gerade das primäre Sehzentrum hat vermutlich die höchste Dichte von Andockstellen für das männliche Geschlechtshormon Testosteron im gesamten Gehirn“, schreiben die Forscher. Das lege nahe, dass dieses Hormon und damit die Geschlechtszugehörigkeit auch das Sehen beeinflusse. Dass das tatsächlich der Fall ist, habe man jetzt gezeigt.

Test mit waagerechten oder senkrechten Streifenmustern

Um die Unterschiede beim Sehen zu testen, führten die Forscher verschiedene Experimente mit jeweils 50 normalsichtigen Freiwilligen zwischen 16 und 38 Jahren durch. In allen Gruppen waren etwas mehr Frauen als Männer vertreten. Im ersten Test wurde auf einem Bildschirm verschiedene Muster aus eng stehenden parallelen Streifen gezeigt. Die Studienteilnehmer mussten jeweils angeben, ob die Streifen senkrecht oder waagerecht angeordnet waren. Im Laufe des Versuchs wurden die Streifen dabei immer dünner und dichter, so dass sie im Extremfall nur noch als einheitlich graue Fläche erschienen. In einem weiteren Test erhöhte sich auch das Tempo, mit dem ihre Anordnung wechselte.

„Bei geringer Streifendichte schnitten Männer und Frauen noch gleich gut ab“, berichten die Forscher. Aber je enger die Streifen wurden, desto deutlicher habe sich gezeigt, dass die Männer feine Kontraste besser erkennen konnten. Auch bei schnellen Wechseln hätten die Männer die Ausrichtung der Streifen besser identifizieren können als die weiblichen Teilnehmer.

Im Farbtest zeigten die Forscher den Probanden jeweils einen Lichtpunkt in einer bestimmten Farbe. Diese sollten anschließend diesen Farbton beschreiben, indem sie angaben, wie viel Prozent Rot, Grün, Blau oder Gelb das Licht enthielt. In einem weiteren Versuch sollten sie eine Farbfläche so einstellen, dass sie genau dem Farbton einer Vergleichsfläche entsprach. „Die Sensibilität für Farbtöne war bei beiden Geschlechtern ähnlich gut, aber nicht deckungsgleich“, erklären die Forscher. Über fast das gesamte Farbspektrum hinweg hätten die Männer die Farbtöne leicht bläulicher wahrgenommen als die Frauen. Ihre Wahrnehmung sei demnach leicht in Richtung kürzerer Wellenlängen verschoben. (Biology of Sex Differences, 04.09.2012 – NPO)

Freitag, 15. November 2019

Phallische Frau, oder: Das Transmensch?

aus derStandard.at, 1. November 2019                                                        Die 15.000 Jahre alte Frauenfigur vom Typ           Gönnersdorf aus Waldstetten zeigt von der Seite eine Frauenfigur, von vorne einen Phallus.
Doppeldeutiger Fund
15.000 Jahre alte Figur stellt üppige Frau und Phallus zugleich dar
Frauenfigur vom sogenannten Typ Gönnersdorf ist charakteristisch für die europäische Eiszeitkunst

Auf den ersten Blick mag das Objekt unscheinbar und wenig spektakulär erscheinen. Für jene, die sich mit der Materie auskennen, erweist sich der längliche, abgerundete Stein in Wahrheit jedoch als geradezu sensationelles Fundstück: Das von dem Amateurarchäologen Adolf Regen auf dem Gemeindegebiet von Waldstetten im Osten von Baden-Württemberg entdeckte Artefakt wurde nun von Wissenschaftern als als 15.000 Jahre altes Kunstwerk aus der Eiszeit identifiziert.

Die Figur zeigt gleichzeitig einen stark vereinfachten Frauenkörper und, aus einem anderen Blickwinkel, einen Phallus. Objekte dieser Art sind bereits aus zahlreichen anderen Fundstätten in Europa bekannt, erstmals wurde nun ein solches Exemplar im Ostalbkreis im Süden Deutschlands gefunden.

Stark stilisierter Frauenkörper und mehr...

Die Figur ist knapp sechs Zentimeter groß und besteht aus einem Quarzitgeröll, das so auf der Fundstelle nicht vorkommt. Der Form nach entspricht sie den so genannten Frauenfiguren vom Typ Gönnersdorf, die nach einer Fundstelle am Mittelrhein benannt wurden und stark stilisiert sind: Von der natürlichen Form des Gerölls inspiriert, machen hier nur wenige eingravierte Linien aus einem typisch geformten Stein ein Kunstwerk. Die Darstellung reicht von anatomisch annähernd vollständigen Darstellungen bis hin zu Figuren, die nur aus Rumpf und Gesäß bestehen.

So zeigt der Fund aus Waldstetten nur einen Oberkörper ohne Kopf, einen dominanten Mittelteil mit Gesäß und einen verkürzten Unterkörper im Profil. Mit einer umlaufenden Gravierung im oberen Bereich folgt er zudem einer Tradition der zweigeschlechtlichen Darstellung, die aus der europäischen Eiszeitkunst bekannt ist ‒ die Figur kann damit gleichzeitig als männliches Geschlechtsteil interpretiert werden.

Typisch für das Ende der Eiszeit

"Diese Art der Abstrahierung zeichnet die Kunst am Ende der Eiszeit aus. Unser Typ Frauenfigur hat wenig mit den üppigen so genannten Venusfiguren aus der früheren Epoche des Gravettien gemein", sagte der Archäologe Harald Floss von der Universität Tübingen. Frauenfiguren des Typs Gönnersdorf folgen in ihrer geografischen Verbreitung der des Magdalénien und finden sich von den Pyrenäen bis nach Osteuropa.

In Süddeutschland kenne man sie zum Beispiel vom Petersfels bei Engen im Hegau. "Die Figur von Waldstetten ist als ein solches Kunstwerk einzuordnen. Dafür sprechen die absolut typische Form, die Lage in einer Konzentration von magdalénienzeitlichen Funden und mehrere umlaufende Gravierungen, die von Menschen angebracht wurden", so Floss. (red, 1.11.2019) 

Links



Mittwoch, 6. November 2019

Wir fordern: Jungensquote beim Christkind!


Christlich getauft muss das Christkind nicht sein, aber blond. Es stammt nämlich nicht aus christlicher Überlieferung, sondern aus germanisch-heidnischer; dort feierte man die Lichtkönigin zur Sonnenwende am 21. Dezember.



Sonntag, 3. November 2019

Der Weg zur Gendergerechtigkeit ist noch ein weiter.

aus FAZ.NET,

Geht’s auch weniger männlich?
Überall diese Unwucht, nicht einmal in den großen Hallen der Evolution sind die Geschlechter gerecht verteilt. Überhaupt die Forschung: männlich geht vor. Geht es auch anders? Eine Glosse.

Von Joachim Müller-Jung

Die finale Gleichberechtigung der Geschlechter darf man wie die Klimagerechtigkeit getrost zu jenen großen Menschheitsaufgaben zählen, deren Verwirklichung im Hier und Jetzt von interessierter politischer Warte aus als kaum zu stemmen gilt. Dazu sind alle Heutigen einfach noch zu verstrickt in die Ungleichbehandlung.

Dass etwa bei der Entwicklung kugelsicherer Westen wie selbstverständlich erst mal nur an Männer gedacht, und bei Autounfalltests immer wieder mit männlichen Dummypuppen getestet worden sein soll, spricht schon Bände. Aber das sind ja keineswegs bloß Ausreißer der Moderne. In den naturkundlichen Sammlungen der Welt, die mit stolzgeschwellter Brust das gesamte Spektrum organismischer Pracht unseres Heimatplaneten ausstellen, sind es wiederum die Männchen, die seit jeher von den Sammlern bevorzugt wurden.

Bei den Vögeln überwiegen die männlichen Ausstellungsexemplare mit sechzig Prozent die weiblichen deutlich, wie eine Auswertung des Londoner Natural History Museum von zwei Millionen Belegexemplaren in fünf großen Naturkundemuseen ergeben hat. Die Geschlechterbilanz, so das Fazit der Studie, habe sich in den vergangenen 130 Jahren nicht wesentlich verändert. Gesammelt und ausgestellt wird am liebsten, was dick aufträgt – in Farbe, Gestalt, Größe oder eben im Verhalten. Denn die Auffälligen sind in freier Wildbahn nicht nur leichter zu entdecken und zu fangen, sondern auch als Schauobjekt attraktiver. Bei den Typusexemplaren, die meistens die Erstfunde und damit taxonomische Referenz für die jeweilige Art sind, ist die Schieflage besonders krass: Nur 25 Prozent der Vogel-Typen und 39 Prozent der Säugetier-Typen sind als weiblich identifiziert worden.

Die Geschlechterunwucht ließe sich beliebig von den Museen zu den Laboren und den Kliniken fortsetzen: Seit Jahrzehnten sind männliche Versuchstiere (der hormonellen Besonderheiten der Weibchen wegen) bevorzugt, und auch in vielen klinischen Studien gibt es traditionell die Tendenz, die komplexere weibliche Physiologie als Störfaktor wann immer möglich auszuschalten. Wertvolle Einsichten gehen so leider verloren. An der University of Richmond beispielsweise haben Psychologen neben elf männlichen Ratten sechs Weibchen (wieso eigentlich nicht genauso viele?) das Autofahren beigebracht.

Mit dem gläsernen Mini-E-Vehikel („Rattenauto“) wollte man herausfinden, wie die Tiere die Herausforderung annehmen, an drei Hebeln ihr Gefährt selbständig zum nächsten Leckerbissen zu steuern. Resultat: Die Nager hatten erstaunlich schnell den Dreh raus und großen Spaß offenbar obendrein. Geschlechterunterschiede: null. Und jetzt kommen Sie nicht mit der Frage, ob man auch das Einparken geübt hat.