Mittwoch, 19. April 2017

Das traditionelle Frauenbild.


aus Die Presse, Wien, 19. 4. 2017

Kreatives Auftreten macht attraktiver - aber nur Männer. 
Frauen beurteilten bei einer Studie die Bilder von Männern mit witzigen und originellen Aussagen besser. Bei der Bewertung von Frauen ist das Aussehen wichtiger. 

Viele dürften es vermutet haben, nun haben Forscher den wissenschaftlichen Beweis erbracht: Männer mit weniger attraktivem Aussehen können durch Witz und kreatives Auftreten ihre Chancen bei der Partnersuche deutlich steigern. Dies ergab eine am Mittwoch veröffentlichte Studie.


"Kreative Typen mit weniger attraktiven Gesichtern werden als fast genauso attraktiv gesehen wie wirklich gut aussehende Typen, die aber weniger kreativ sind", fasste Studien-Autor Christopher Watkins von der schottischen Universität Abertay zusammen. Am allerbesten kommen beim weiblichen Geschlecht demnach jene Männer an, die sowohl attraktiv aussehen als auch kreativ auftreten. Die Studienautoren fanden in ihren Experimenten keinen Beleg dafür, dass dies auch in umgekehrter Richtung gilt - dass also eher unattraktiv aussehende Frauen ihre Chancen bei den Männern durch besonders originelles Auftreten erhöhen.

Die Wirkung von Bildern und Worten

Der Psychologe Watkins legte seine Studie in zwei Stufen an. Zunächst bat er eine Gruppe Freiwilliger, Fotos von Männern und Frauen anzuschauen und diese nach ihrer äußerlichen Attraktivität zu bewerten. Damit konnte der Psychologe ein Attraktivitäts-Ranking erstellen.

In der zweiten Runde legte Watkins diese Fotos einer anderen Gruppe von Studienteilnehmern vor; die Porträtbilder wurden allerdings ergänzt durch Aussagen, die die Abgebildeten zu bestimmten Themen gemacht haben sollen. Die eine Hälfte der Aussagen war rein faktisch und eher langweilig, die andere Hälfte war kreativ und witzig.

Kennzeichen von Intelligenz?

Auch die zweite Gruppe wurde dann gebeten, die auf den Fotos abgebildeten Menschen nach ihrer Attraktivität zu bewerten - wobei den Frauen dann plötzlich auch jene Männer attraktiv vorkamen, die nicht besonders blendend aussahen, die aber mit originellen Aussagen in Verbindung gebracht wurden. Bei Männern, die Frauen zu bewerten hatten, war dieser Effekt weniger ausgeprägt.

Studienautor Watkins vermutet evolutionsbiologische Gründe hinter dem Verhalten. Frauen seien "das wählerischere Geschlecht", wenn es um die Partnerwahl geht. Die Evolution begünstige die Auswahl solcher Partner, die für gesunden Nachwuchs und Sicherheit sorgen könnten.

Kreativität und Witz könnten als Kennzeichen von Intelligenz verstanden werden - "was signalisiert, dass ein Mensch Zeit und Mühe in eine bestimmte Aufgabe investieren kann oder Dinge auf eine neue Weise betrachten kann, die das Überleben sichert", sagte Watkins. Bei der Partnerwahl sei dies ein Vorteil. Offenbar sehen das aber nicht beide Geschlechter so. (APA/AFP)


Nota. - Bei der Zuchtwahl sitzen Frauen am längeren Hebel. Welcher Männertyp über die Jahrhunderttausende der vorherrschende war, hab en sie entschieden, indem sie die auswählten, die ihr Erbgut fortpflanzen durften. Da haben die Frauen die Männer nach Klugheit und Witz sortiert. So sind wir denn geworden, wie wir sind. Dass wir selber dem tradionellen Männerbild von Muskeln und Bierbauch anhingen, ist eine feministische üble Nach- rede. 

Die Männer haben ihre Frauen nach dem Aussehen bewertet - seit sie sich vom Matriarchat emanzipiert hatten und die Frauen im Harem beschützten, spielte ihre Zuchtwahl auch eine gewisse Rolle. Soll ich sagen: Danach sind die Frauen auch geworden - hübsch und ein bisschen dämlich? Ich werde mich hüten, ich bin ein Gentleman.

Oder soll ich es mit Plato sagen? Der Hauptgedanke in seinem Gastmahl ist: Eros strebt nach Schönheit - weil er selbst sie nicht hat.  

Dies nur zu Eros. Wie ist es mit Eva?
JE 

 

Sonntag, 16. April 2017

Warum wurden Mädchen früher ins Kloster geschickt?

aus Badensche Zeitung, 15. 4. 2017                                                                                Die Abteikirche in Ottmarsheim

Warum wurden Mädchen früher ins Kloster geschickt? 
"Wer seine Tochter in eine religiöse Frauengemeinschaft gab, schloss eine Art Versicherung fürs Jenseits ab," sagt die Freiburger Historikerin Kleinjung. Kürzlich gab es dazu eine Tagung in Waldkirch. 

von Mechthild Blum 

BZ: Frau Kleinjung, bis jetzt dachte ich, dass gerade im Spätmittelalter Stifte und Klöster vor allem dazu da waren, um unverheiratete Frauen zu versorgen. Frauen, die den Familien sonst zur Last gefallen wären . . .
 

Christiane Kleinjung: Nein, überhaupt nicht. Das hat die Forschung längst widerlegt. Ganz im Gegenteil: So ein Eintritt in ein Kloster oder ein Stift kostete die Familien unter Umständen erheblich mehr als eine Verheiratung der Töchter.
 
BZ: Warum wurde es dann gemacht?
 

Kleinjung: Oh, das hatte viele Gründe. Religiöse zum Beispiel. Auf diese Art hoffte man, nach dem Tod vom göttlichen Gericht nicht bestraft zu werden. Davor hatten die Menschen damals nämlich echt "höllische" Angst. Nicht selten wurden aus diesem Grunde eigens Frauengemeinschaften erst gegründet. Die Töchter sollten für die Familie beten.
 
BZ: Wie muss man sich das vorstellen?
 

Kleinjung: Die Frauen waren mehrere Stunden am Tag mit Fürbitten für ihre Angehörigen beschäftigt. Diese Gebete waren in den Regularien der Gemeinschaften festgelegt. Es gab Listen, die sozusagen abgearbeitet werden mussten. Auch für schon Verstorbene. Außerdem musste bestimmter Jahrestage gedacht werden. Die Gebete wurden für außerordentlich wirkmächtig gehalten. Manche Vermögen, die in die Gemeinschaft eingebracht wurden, waren so groß, dass man sich damit Fürbitten bis zum Jüngsten Tag ausbedingen konnte. Und die Grabpflege obendrein.
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BZ: Meinen Sie, die Frauen hielten das für eine sinnvolle Tätigkeit?
 

Kleinjung: Aber ja! Nicht nur für sinnvoll, sondern auch für Sinn gebend, identitätsstiftend.
BZ: Wurden sie auch in der Öffentlichkeit so wahrgenommen?
 

Kleinjung: Diese Frauen genossen ein hohes Ansehen. Und teilweise hatten sie auch sehr viel Macht.



BZ:
Macht?
 

Kleinjung: Ja, eine Äbtissin befehligte nicht nur die Frauen der jeweiligen Gemeinschaft, sie hatte auch die Macht über die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Sie verwaltete die Pacht aus Ländereien oder die Einnahmen aus Immobilien. In ihrer Position war sie zugleich Lehnsherrin und Gerichtsherrin. Den Wonnetaler Frauen etwa gehörte einmal fast ganz Kenzingen!
 
BZ: Wem gehörte dann das Vermögen?
 

Kleinjung: Das war unterschiedlich geregelt, wie auch die einzelnen Gemeinschaften als Stifte oder Klöster sehr unterschiedliche Strukturen hatten. Manche der Frauen lebten abgeschlossen hinter Mauern und in Klausur. Sie bewegten sich nicht in der Öffentlichkeit. Da war das Vermögen sozusagen vergesellschaftet. In bestimmten Stiften andererseits – beim Hochadel zumal – wurde zwar mit dem Vermögen der einzelnen Frauen gemeinsam gewirtschaftet. Er blieb aber Privatbesitz, die eigene Geschäftseinlage, könnte man sagen. Auf diese Weise konnten die Frauen auch damit für ihre Familien sorgen. Durch Kredite zum Beispiel. Oder sie waren am städtischen Finanzmarkt tätig. Das erforderte neben den Kosten für den reproduktiven Teil des Lebens auch einen bestimmten Aufwand für repräsentative Zwecke – wie angemessene Kleidung zum Beispiel. Wir wissen aus einem Schreiben an den Papst, dass um die Erlaubnis für den Kauf von Fellhandschuhen für den Winter gebeten wurde. Im Gegensatz zu männlichen Klerikalen verfügten die Frauen nicht über Pfründe durch Abgaben von Gläubigen. Sie mussten schon selbst für sich sorgen. Und es waren ja manchmal auch nicht einmal zehn Frauen, die das stemmen mussten.
BZ:
Diese Frauen durften nicht an Universitäten studieren . . .
 

Kleinjung: Nein. Aber sie mussten meistens Latein beherrschen und schreiben lernen. Denn ihnen oblag ja auch die Verwaltungsführung.
 
BZ: Hatten die Frauen auch eigene Motive in eine solche Frauengemeinschaft zu gehen, eigene Anliegen?
 

Kleinjung: Salopp gesagt: Das können Sie vergessen. Sie waren mit Sicherheit nicht Subjekte im modernen Sinn. Sie sind nur im Zusammenhang mit ihren Familien zu denken. Manche wurden ja schon als Kleinkinder in eine solche Gemeinschaft gegeben. Eine moderne Individualität, so wie wir sie verstehen, gab es im Mittelalter nicht. Aber man kann sich vorstellen, dass manche das Leben in einer Frauengemeinschaft dem Leben mit einem Ehemann, den sie sich ja auch nicht aussuchen konnten, vorgezogen hat.
 
BZ: Unterhielten die Frauengemeinschaften untereinander Kontakte?
 

Kleinjung: In jedem Fall wirtschaftliche Beziehungen. Und es gab natürlich auch Konkurrenz untereinander: Wer hat die vornehmsten Mitglieder etwa. Manchmal konnte eine der Frauen auch in eine andere Gemeinschaft wechseln.
 
BZ: Abgesehen von religiösen Gründen: Welche anderen Gründe gab es, Töchter in eine solche Frauengemeinschaft zu entsenden?
 

Kleinjung: Man muss sich das vorstellen wie die Mitgliedschaft in einem elitären Club. Wer seine Töchter dorthin schickte, gehörte zur besseren Gesellschaft einer Stadt. Das musste man sich leisten können. Dafür war man aber auch Teil eines politischen oder wirtschaftlichen Netzwerkes von Amtsinhabern und mächtigen Leuten mit Vermögen. Das nutzte man selbstverständlich nach Kräften zum eigenen Vorteil. Es handelt sich im Großen und Ganzen um untrennbar miteinander verwobene Aspekte.
 
BZ: Mittellose Frauen hatten keine Chance, in eine solche Gemeinschaft aufgenommen zu werden?
 

Kleinjung: Im Prinzip nicht. Höchstens gelang es mal einfacheren Bauerntöchtern im Auftrag von Gönnern, die sich damit ebenfalls fürs Jenseits absichern wollten.
 
BZ: Und warum mussten ausgerechnet Frauen in der Familie dafür herhalten?
 

Kleinjung: Wieder so ein Missverständnis. Das gleiche galt auch für Männer. Es war Teil der Familienstrategie zu bestimmen, ob Töchter oder Söhne eine weltliche oder geistliche Karriere anzustreben hatten. Und zwar gleichermaßen.
 
BZ: Wie haben die sich dabei gefühlt?
 

Kleinjung: Von den Frauen, über die ich forsche, gibt es nur sehr, sehr wenig Selbstaussagen. Man weiß aber aus einzelnen Briefen, dass die Schicksale wohl sehr unterschiedlich waren. Die einen beklagten sich darüber, dass ihre Familien sie zu selten besuchten, dass sie ihre Angehörigen vermissten. Andere dagegen wollten zum Beispiel nach der Reformationszeit gar nicht wieder zurück, sondern gründeten neue kleine Frauengruppen, um sich weiterhin einem nur religiösen Leben zu widmen. Die Gründe dafür kennen wir aber nicht.
 
BZ: Diesen Frauengemeinschaften waren häufig auch männliche Klerikale angeschlossen . . .
 

Kleinjung: Ohne Männer ging es selbstverständlich nicht. Die Frauen selbst durften ja keine sakralen Handlungen ausführen. Keine Beichte abnehmen, keine Messe halten, Sakramente spenden. Die gesamte seelsorgerische Betreuung oblag den Männern. Also wurden sie von Klerikalen begleitet, die sich später zum Teil auch fest mit den Frauengemeinschaften verbanden. In getrennten Häusern, versteht sich. In Stiften bildeten sie später einen Konvent aus Frauen und Männern, der Entscheidungen treffen konnte, ein Gegengewicht zur Macht der Äbtissinnen.
 
BZ: Private Beziehungen zu Männern waren aber verboten?
 

Kleinjung: Nun ja, die Ordensfrauen hatten – im Unterschied zu Beginen – das Gelübde nach der benediktinischen Regel abgelegt. Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt.
 

BZ: Warum "nun ja"?
 

Kleinjung: Wir wissen von einer Äbtissin in Säckingen, die ein uneheliches Kind mit einem Adligen hatte. Das integrierte sie als Klerikalen in ihre Frauengemeinschaft. Für so etwas brauchte man eine päpstliche Dispens. An diesem Beispiel kann man sehen, wie einflussreich manche Familien im Hintergrund waren, die die Frauen unterstützten. Sonst hätte das nicht auf diese Weise geregelt werden können.
 
BZ: Weiß man überhaupt etwas über die geschlechtliche Orientierung der Frauen?
 

Kleinjung: Da kann man nur spekulieren. Die Quellenlage ist dazu außerordentlich dürftig.


Christiane Alexandra Kleinjung ist Privatdozentin an der Abteilung Landesgeschichte des Historischen Seminars der Universität Freiburg.

Mittwoch, 12. April 2017

Im Gehirn ist der Unterschied wirklich nicht groß.

 
aus Die Presse, Wien,

Wie klein ist der Unterschied?
Ein breiter Blick in die Gehirne von Männern und Frauen hat zwar einige Differenzen gefunden, aber keinen Sexualdimorphismus.

Männer haben größere Gehirne. Das steht fest, bietet allerdings keinen Grund zu Schlussfolgerungen: Männer sind generell größer, das ist ein biologischer Sexualdimorphismus, die Geschlechter haben auch sonst unstrittig unterschiedliche Körperformen. Nur wie es drinnen so ist, im Kopf, das ist durchaus strittig und wird bisweilen mit Glaubenseifer ausgefochten. Fest steht wieder, dass Männer eine bessere Orientierung im Raum haben, mit einer Ausnahme: Auf Märkten erinnern Frauen sich perfekt daran, wo sie das letzte Mal gut eingekauft haben. Das ist ein Erbe der Jäger und Sammler – Männer mussten von der Jagd nach Hause finden, Frauen mussten wissen, wann es wo was zu ernten gibt –, es ist also kulturell erklärbar. Anderes und Härteres ist es nicht: Männer leiden viel häufiger an Autismus, Frauen werden öfter von Alzheimer geschlagen (in vergleichbarem Alter): Es kann nur an biologischen Unterschieden liegen.

Aber wo die in den Gehirnen sitzen, ist rätselhaft, und die generelle Erkundung dieser biologischen Phänomene ist eben überlagert mit den sozialen Zuschreibungen von „Gender“. Zudem kann man Gehirne im Inneren nicht so leicht vermessen, es gibt zwar Studien, aber sie haben meist ein kleines Sample, weniger als hundert. Deshalb hat Stuart Ritchie (Edinburgh) sich bei der UK Biobank bedient, in der sind Langzeitdaten von 500.000 Menschen, von 5000 auch Magnetresonanzbilder der Gehirne: Männergehirne sind wieder größer, und wenn man um die Körpergröße korrigiert, bleiben manche es auch, etwa der Hippocampus, zuständig für Erinnerung und Orientierung, oder die Amygdala, zuständig für Erinnerung und Entscheidungen. Insgesamt 14 Areale sind bei Männern größer, 10 bei Frauen, die Differenzen sind jedoch so klein, dass Ritchie „keinen Sexualdimorphismus“ sieht (bioRxiv 4. 4.).

Den Männern fehlt etwas
 
Etwas anderes hat er gesehen: In männlichen Gehirnen ist die Bandbreite der Größe der Areale viel weiter, das passt zu dem älteren Befund, dass die Intelligenz innerhalb der Männer unterschiedlicher verteilt ist: Es liegt vermutlich am X-Chromosom: Hat ein dortiges Gen Probleme, kann bei Frauen das vom anderen X einspringen. Aber Männer haben nur ein X. (jl)


Freitag, 7. April 2017

Männlich stürmt voran.

Das weibliche und männliche Erbgut konkurrieren anfangs. 
aus Die Presse, Wien, 1. 4. 2017

Weibchen lässt Männchen gewinnen 
Einzell-Embryos sind faszinierend: In ihnen muss das weibliche und männliche Erbgut eins werden. Einen ersten Wettkampf entscheidet dabei das männliche Genom für sich. 

 

Aus zwei mach eins: Das passiert, wenn ein Spermium eine Eizelle befruchtet. Es ist der einzige Zeitpunkt, an dem zeitgleich zwei Zellkerne in einer Zelle sind. „Das Genom in Spermien ist völlig anders strukturiert als in anderen Körperzellen“, erklärt Kikue Tachibana-Konwalski vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Damit die männliche DNA in den winzigen Spermienkopf passt, ist sie um spezielle Proteine gewickelt: nämlich um Protamine. Alle restlichen Körperzellen, inklusive der Eizellen, nutzen Histone, um die lange DNA-Schnur kompakt zu verpacken.

Diese Proteine sind wichtig für die Epigenetik: also für jede Steuerung, was aus einer Zelle wird, die nicht von der DNA-Sequenz bestimmt wird. Epigenetisch sorgen also Schutzproteine und andere Moleküle dafür, welche Teile der DNA aktiviert und in Proteine umgesetzt werden und welche stumm geschaltet bleiben. Nur so ist es möglich, dass alle Zellen eines Menschen dieselbe DNA haben, aber ganz unterschiedliche Dinge bilden wie Wimpern, Haut, Leberzellen oder den Herzmuskel.

Keimzellen müssen vergessen

„Die große Frage ist, wie werden kurz nach der Befruchtung das männliche und das weibliche Genom neu organisiert, damit daraus ein neues Lebewesen entstehen kann“, sagt Tachibana-Konwalski.

Denn Spermien- und Eizelle müssen vergessen, was sie vorher waren, also ihre epigenetische Programmierung löschen, sonst könnte daraus nichts Neues wachsen. „Dass hier epigenetisch viel passiert, war schon klar. Wir haben nun eine Methode entwickelt, die so genau wie nie zuvor abbildet, wie sich die 3-D-Strukturen der männlichen und weiblichen Genome kurz nach der Befruchtung entwickeln“, erklärt Tachibana-Konwalski. Die Methode, die nun im Fachjournal „Nature“ publiziert wurde, entwickelte ihr Masterstudent Ilya Flyamer mit Eizellen, die Dissertantin Johanna Gassler wendete sie bei Einzell-Embryos an. Unterstützung bei den Simulationsmodellen kam aus den USA, vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Herkömmliche Methoden, um die 3-D-Struktur von DNA zu messen, verwenden zugleich Millionen von Zellen und erhalten Durchschnittswerte. „Das wäre, als ob man fünf Millionen Profilfotos übereinander legt und dadurch erfährt, dass ein Mensch zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase und einen Mund hat“, sagt Tachibana-Konwalski. „Unsere Methode kann das ,Gesicht‘ der einzelnen Eizellen abbilden. Wir können in jeder individuell sehen, welche Charakteristika sie hat.“ So erkennt man, welche DNA-Stränge und DNA-Schleifen nahe beinander liegen – und vielleicht gemeinsam reguliert werden – und welche nicht.

Die Auswertung zeigte Überraschendes: Obwohl das Genom des Spermiums sich völlig umstrukturieren muss – seine Protamin-Aufwickelung auflösen und sich neu um Histone arrangieren –, gewinnt es das Wettrennen und erreicht alle drei Levels der Genomorganisation schneller als das Erbgut der ehemaligen Eizelle.

Männchen erreicht Level drei

Level eins ist, dass der lange DNA-Strang in Schleifen gelegt wird, damit Stellen, die auf dem Strang weit entfernt sind, in der Schleife nahe zusammenkommen. Level zwei sind Schleifen in diesen Schleifen. Und Level drei ist bis heute noch nicht ganz verstanden: Durch mysteriöse Mechanismen nähern sich DNA-Abschnitte, die aktiv umgesetzt werden, an und rotten sich zusammen. Das tun auch Abschnitte, die zur Zeit stumm geschaltet sind. „Das weibliche Genom ist kurz nach der Befruchtung nur in Schleifen organisiert. Das männliche Genom hingegen erlangt schon in wenigen Stunden alle drei Levels“, sagt Tachibana-Konwalski. Erst wenn beide Genome vereint in diesem dritten Level ankommen, kann wahrscheinlich die Bildung eines neuen Organismus beginnen – mit all seinen unterschiedlichen Zelltypen.

„Dass das männliche Genom das Wettrennen gewinnt, war sehr überraschend. Immerhin dirigieren die Eiweißkörper der Eizellen die Neuorganisation des männlichen Genoms“, so Tachibana-Konwalski. Die Annahme ist nun, dass das weibliche Genom dem männlichen den Vortritt lässt.

Erst wenn die 3-D-Strukturierung des männlichen Genoms abgeschlossen ist, vervollständigt das weibliche Erbgut seine Strukturierung. Und gemeinsam starten beide die Bildung eines mehrzelligen Embryos. Ob die Tatsache, dass das männliche Genom schneller organisiert ist und schneller umgesetzt wird als das weibliche, auch Einfluss darauf hat, dass männliche Merkmale stärker im Embryo angelegt werden, kann diese Studie aber nicht beantworten.

LEXIKON


Einzell-Embryo nennt man die befruchtete Eizelle, in der sich das weibliche Erbgut und das männliche aus dem Spermium befinden. Zu keinem anderen Zeitpunkt sind zugleich zwei unterschiedliche Zellkerne in einer Zelle.

Das Einzell-Stadium wird auch als Zygote bezeichnet: Direkt nach der Befruchtung wird die Außenhülle verstärkt, damit keine weiteren Spermien eindringen. Beim Menschen dauert das Einzell-Stadium etwa 30 Stunden, nach der Zellteilung kommt es zum Zweizell-, dann zum Vierzell-Stadium usw., bis nach circa drei Tagen ein 16-zelliges Blastomer vorliegt. Die vorliegende Studie wurde an Mäusen durchgeführt.


Nota. - Prosaisches Faktum: Das männliche Erbgut schafft seine Umstrukturierung schneller als das weibliche. Ideologische Verpackung: Das überrascht den Biologen; er ist nämlich gewöhnt, dass auf der Mikroebene das Männliche gegenüber dem Weiblichen zunächst im Nachteil ist (den es auf der Normalebene mehr oder minder kompensieren muss). Doch hier ist es mal anders. 

Ein  biologischer Grund, weshalb das Männliche schneller ist, lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Nahe läge: nach einem biologischen Grund zu suchen, weshalb das Weibliche langsamer ist. Aber nein, das wäre politisch nicht korrekt! Ein biologischer Rückstand des Männliuchen, na schön, das ist üblich; aber ein biologischer Rückstand des Weiblichen? Unerhört, das kann nicht sein! Zuerst vermutet die Wissenschaft also, dass das Weibliche dem Männlichen 'den Vortritt lässt', großzügig, wie wir es nun einmal kennen. 

Und das machen sie alle, die weiblichen Keimzellen, als hätten sie sich's überlegt und miteinander abgespro- chen. Das ist zwar nicht wissenschaftlich gedacht, aber korrekt; es ist eine ergiebige Forschungshypotheses, denn sie bringt Drittmittel ans Institut.
JE 


 

Donnerstag, 6. April 2017

Frauen schauen auf innere Werte...

R. Valentino
aus Der Standard, Wien, 

Frauen wollen einen gut aussehenden Partner 
Angeblich kommt es bei der Suche nach dem "Richtigen" nicht so sehr aufs Aussehen an. Doch männliche Attraktivität ist wichtiger als Persönlichkeit.

von  

Für Frauen sind bei der Partnerwahl vor allem die „inneren Werte“ entscheidend. Zumindest in Befragungen stellen sie Eigenschaften wie nett, verständnisvoll, kooperativ, humorvoll, familienfreundlich, interessant, intelligent und gebildet in den Vordergrund. Die äußerliche Attraktivität des Partners landet regelmäßig auf den hinteren Plätzen, erscheint als weniger wichtig. Aber das ist wohl nur ein Teil der Wahrheit, wie eine neue Studie aus den USA zeigt. 
 
Sobald Frauen zwischen den Porträts attraktiver und weniger attraktiver Männer wählen können, entscheiden sie sich für die besser aussehenden, auch wenn diese weniger positive Charakterzüge haben. Die „äußeren“ triumphieren über die „inneren Werte“. 
 
Madeleine Fugère von der Eastern Connecticut State University und ihr Team befragten 80 Frauen zwischen 15 und 29 nach ihren Vorlieben in Bezug auf einen männlichen Partner. Zusätzlich wurden auch 61 Mütter interviewt, welchen Typ von Mann sie für ihre Töchter bevorzugten.

Wer kommt für ein Rendezvous in Frage?


Jede Frau bekam drei Fotos verschiedener Männer vorgelegt, das jeweils von einem Persönlichkeitsprofil mit drei Eigenschaften ergänzt wurde. Das „freundliche“ Profil etwa setzte sich aus „freundlich, zuverlässig, reif“ zusammen, das „gefällige“ aus „ansprechende und angenehme Veranlagung, ehrgeizig, intelligent“. Die Frauen mussten entscheiden, für wie attraktiv sie den jeweiligen Mann hielten, wie sie seine Persönlichkeit bewerteten und ob er für ein Rendezvous in Frage kam.

Am wichtigsten war den Frauen die körperliche Attraktivität, wie die im Fachblatt „Evolutionary Psychological Science“ veröffentlichte Studie ergab. Besonders gut aussehende Männer landeten ebenso auf den vorderen Plätzen wie durchschnittlich aussehende Männer. Nur wenn sie über eine ausgesprochen schmeichelhafte Persönlichkeit verfügten, war es Durchschnittstypen möglich, genauso begehrt zu werden wie ausgesprochen ansehnliche Männer. Die Mütter waren kompromissbereiter, in ihrem Urteil war das Äußere nicht gar so wichtig.

Wer nicht attraktiv ist, hat wenig Chancen


In jedem Fall arm dran waren von der Natur nicht so begünstigte Herren. Ihr Charakter konnte noch so verheißungsvoll sein, der äußere Makel verhinderte, dass sie als möglicher Partner in Frage kamen. „Ein minimales Maß an männlicher körperlicher Attraktivität ist für Frauen wie für ihre Mütter zwingend“, lautet die Schlussfolgerung der Autorin Fugère.

Ernüchternd, aber aus psychologischer Sicht nachvollziehbar. Denn das angenehme Äußere eines möglichen Partners ist kein purer Selbstzweck. Es wird unbewusst offenbar mit anderen positiven Eigenschaften verknüpft, etwa mit einem ebenso angenehmen Charakter, mit Gesundheit und Fruchtbarkeit. Dagegen ist ein gutes Persönlichkeitsprofil, das nur auf dem Papier steht, aber von einem wenig einnehmenden Äußeren begleitet wird, schlicht nicht überzeugend.

„Äußere Werte“ wie ebenmäßige und symmetrische Gesichtszüge sind also durchaus ein Anzeichen für verborgene „innere“ Qualitäten einer Person. Das mag ein Grund dafür sein, dass Schönheit – männliche wie weibliche – uns blenden kann und des kritischen Urteils beraubt.


Nota. - Das mit den inneren Werten hat sowieso nie einerR geglaubt. Bemerkenswert ist diese Studie trotzdem, aber sie ist tendenziös und einseitig. Neben die Fotos hätten auch die Kontoauszüge gelegt werden sollen.
JE