Samstag, 20. August 2016

Gefühlte Benachteiligung? I wo: eingebildete Benachteiligung!

Wouters
aus Der Standard, Wien, 4. 3. 2016

...So fragte Market: "Geht es in unserem Land alles in allem gerecht zu, also werden die Menschen alles in allem gerecht behandelt, oder ist das eher nicht der Fall?" Darauf antworteten 30 Prozent, dass es gerecht zuginge, 65 Prozent meinen, dass die Menschen ungerecht behandelt würden – wobei Männer etwas mehr Ungerechtigkeit wahrnehmen als Frauen. 

Geht man nun von dieser allgemeinen Betrachtung ins Spezielle, so dreht sich die Wahrnehmung um. Auf die Frage: "Und wie ist das bei Ihnen persönlich, ich meine: in Ihrem eigenen Leben? Werden Sie alles in allem gerecht behandelt oder ist das eher nicht der Fall?" sagen 71 Prozent, dass sie persönlich sehr wohl gerecht behandelt würden. Und Frauen sagen das mit 81 Prozent deutlich überzeugter, als das Männer tun. 

Vorurteil Benachteiligung 

Dennoch stimmen dieselben Befragten in hohem Maße der Aussage zu, dass Frauen in unserer Gesellschaft noch immer benachteiligt seien. Dieser Ansicht sind 31 Prozent der befragten Frauen völlig, weitere 35 Prozent teilen die Ansicht überwiegend – obwohl das ihrem eigenen Erleben nicht wirklich entspricht. Männer sind viel weniger geneigt, eine Benachteiligung der Frauen einzuräumen. 

Ähnlich ist das bei der Frage, ob Männer und Frauen in gleicher Weise gerecht behandelt würden. Hier sagen 44 Prozent, dass Männer mehr Gerechtigkeit erfahren – allerdings ist hier die weibliche Wahrnehmung mit 58 Prozent viel stärker ausgeprägt als die männliche. Umgekehrt sagen 23 Prozent der Männer, dass Frauen gerechter behandelt würden als Männer. Frauen sehen das nicht so. ...



Samstag, 13. August 2016

Männer sind doch friedfertiger als Frauen.

aus Die Presse, Wien, 5. 8. 2016  

Männerberührungen nach dem Sport
Männer greifen einander nach Wettkämpfen häufiger friedlich an als Frauen. Sie seien mehr an der Stabilität von Gruppen interessiert, sagen US-Forscher.

Von Thomas Kramar

Wer Lust hat, sich in bequemer Lage, am besten vor dem Fernsehapparat, als Verhaltensforscher zu versuchen, kann dies nun bei den Olympischen Spielen tun. Und eine in Current Biology (4. 8.) publizierte Arbeit der Harvard-Evolutionsbiologen Joyce Benenson und Richard Wrangham stichprobenartig überprüfen, die Erstaunliches ergeben hat: Nach sportlichen Wettkämpfen berühren Männer ihren Gegner öfter in friedlicher Absicht als Frauen ihre Gegnerin. Offenbar ist es ihnen wichtiger, den – wenn auch nur sportlichen – Kampf durch versöhnliche Berührungen zu beenden, sagen die Forscher.


Sie analysierten Tennis-, Tischtennis- und Badminton-Matches sowie Boxkämpfe, mit Teilnehmern aus 44Ländern, sie registrierten, wie der/die Sieger(in) den/die Verlierer(in) mit einem Arm berührte und umgekehrt, wie Sieger(in) und Verlierer(in) einander umarmten und/oder küssten. Das ritualisierte Händeschütteln wurde nicht ausgewertet. Beim Umarmen und Küssen waren keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern festzustellen, bei den leichteren Kontakten erwiesen sich die Männer als deutlich aktiver. Am größten war der Unterschied bei der offenkundig aggressivsten Sportart: beim Boxen.

Dieses Ergebnis überrascht besonders, wenn man bedenkt, dass Frauen einander im Allgemeinen mehr berühren als Männer. Dafür passt es zu Studien, laut denen sich Männer etwa seltener mit Zimmerkollegen unversöhnlich zerstreiten als Frauen oder häufiger mit dem neuen Partner ihrer Exfrau gut auskommen als Frauen mit der neuen Partnerin ihres Exmannes.

Ähnlich wie bei Schimpansen

Überhaupt neigen Männer mehr zu größeren, nicht auf Verwandtschaft basierenden Gruppen, das zeigt sich schon in der späten Kindheit: Buben investieren mehr in Gruppen, Mädchen mehr in Zweierbeziehungen mit anderen Mädchen. Dieser Geschlechterunterschied habe eine lange Tradition, sagt Benenson: „Männer bilden große kooperative Organisa-tionen, die die Welt verändert haben. Frauen investieren traditionellerweise mehr in ihre Familien.“ Ganz ähnliche Unterschiede habe sie bei Schimpansen festgestellt: Nach aggressiven Konflikten verwenden Männchen mehr Zeit für Beschwichtigung und Beilegung des Konflikts als Weibchen, offenbar, weil sie den inneren Frieden brauchen, um besser geschlossen gegen andere Gruppen auftreten zu können.

Freitag, 12. August 2016

...indem man Jungens stark macht.

aus Süddeutsche.de, 12. August 2016, 09:16 Uhr

Wie Jungen zu Mobbingopfern und dann zu Tätern werden
Seit dem Amoklauf in München wird wieder mehr über Mobbing gesprochen. Vor allem viele Jungen reagieren auf Kränkungen mit totalem Rückzug oder Aggression.

von Wolfgang Schmidbauer

In der Verbindung mit dem Gespenst des Schüler-Amoklaufs hat der Begriff des Mobbing neue Aktualität gewonnen. Viele Täter, so heißt es, seien Mobbingopfer gewesen. Der junge Mann, der in München neun Menschen erschoss, wurde laut Berichten von Mitschülern schikaniert. Sie urinierten auf seine Kleider, misshandelten ihn, nahmen ihm Sachen weg.

In der Verhaltensforschung wird mit Mobbing die feindselige Reaktion von Tieren in Gruppen beschrieben. Krähen "mobben" die Eule oder die Katze, die sich ihrer Kolonie nähert, indem sie krächzen und Drohangriffe fliegen. Hühner "mobben" das hinkende, das räudige Huhn.

Wer die Gefühlsmischungen menschlicher Mobber untersucht, findet die Szene aus der Tierbeobachtung durchaus triftig: Wer mobbt, tut es meist, weil das Opfer seine Erwartungen nicht erfüllt. Es sind primitive Erwartungen, nicht unbedingt niveauvoller als die des Huhns, das den hinkenden Artgenossen hackt: Gemobbte "stören", sie "passen nicht zu uns", sie sollen verschwinden oder müssen passend gemacht werden.

Frühe soziale Beziehungen prägen das Verhalten in der Schule

Aber dieses Modell mit seiner schlichten Zweiteilung von Tätern und Opfern wird der Realität selten gerecht. Ob ein Kind befriedigende soziale Beziehungen aufbauen kann oder nicht, hängt von Regelkreisen ab. In der Begegnung mit einer Gruppe beleben sich frühe Erfahrungen. So ist es wichtig, ob sich das Kind in seinen frühen Beziehungen erwünscht und "interessant" gefühlt hat. Es wird sich dann später auch in der Schulklasse für die anderen Kinder interessieren und auf diese zugehen.

Waren die frühen Beziehungen von Feindseligkeit geprägt, wird ein Kind eher auch die Mitschüler fürchten, sich zurückziehen, Halt in der Anpassung an die Lehrer suchen, andere kritisieren oder verpetzen. Solche Gefühle von Kindern sind nicht zwingend von den Eltern bestimmt. Geschwister und Spielkameraden spielen eine ebenso wichtige Rolle.

Angst und Agression wecken Gegenaggression

Die Gefahr eines negativen Regelkreises wächst, je öfter er durchschritten wurde. Wer anderen ohne Charme, mit einer Mischung aus Angst und Aggression begegnet, wird sich nicht beliebt machen, findet keinen Schutz in der Gruppe und weckt Gegenaggressionen. Zu Beginn unserer seelischen Entwicklung können wir Kränkungen nicht ohne heftige Reaktionen von Angst, Wut und Zerstörungswünschen verarbeiten. Die menschliche Kinderstube sollte ebenso wie die Schule dazu beitragen, solche primitiven Reaktionen zu neutralisieren und angemessenere Umgangsformen zu entwickeln.

Eltern und Erzieher stehen dabei von zwei Seiten unter erheblichem Druck: Sie müssen ihre eigenen Kränkungsreaktionen disziplinieren, können die körperliche Überlegenheit des Erwachsenen nicht mehr ausspielen. Damit geht eine elementare Führungskompetenz verloren, die nur unter günstigen Umständen angemessen ersetzt werden kann.

Gesetze helfen ihnen dabei wenig. Eine menschlich hochstehende Pädagogik per Vorschrift durchzusetzen, offenbart eine typische Schwäche der Moderne. Sie versucht, das Gute durch ein Gesetz zu schaffen, und erkennt zu spät, dass auf diesem Weg neues Übel entsteht. In der Erziehung ist das beispielsweise der Rückzug vom Kind, die vermiedene Auseinandersetzung, das Beharren auf Empathie in unterschiedlichen Positionen.

Eltern, die aufgrund günstiger emotionaler und sozialer Bedingungen Zeit und Geduld haben, um mit den Kämpfen zwischen den Generationen fertig zu werden, haben noch nie Vorschriften gebraucht, um sich angemessen ihren Kindern zuzuwenden. Andere, die sich sonst gehen lassen würden, mag das Gesetz zurückhalten. In viel zu vielen Fällen aber führen die Widersprüche zwischen dem Anspruch an eine "gute" Erziehung und den realen Ressourcen der Eltern dazu, dass sich diese von ihren Kindern zurückziehen, sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen, sie den professionellen Erziehern in Kindergarten und Schule überlassen, die wiederum überlastet werden.

In der Medienwelt können unsichere Jungs den Heldentraum leben

So aber kann sich die Fähigkeit nicht mehr entwickeln, Kränkungen zu verarbeiten, sie als Teil des Lebens zu nehmen, sich nach ihnen wieder zu versöhnen. Die Folgen beklagen die Lehrer. Die Zahl unkonzentrierter, schnell beleidigter, schnell aufgebender, steten Zuspruchs bedürftiger Kinder wächst. Von der Grundschule bis zur Universität schwindet die mittlere Gruppe der einigermaßen angepassten, funktionierenden, weder herausragenden noch unfähigen Zöglinge. Sie schwindet vor allem unter den Jungen. In der Familie, in der Schule, in den Cliquen, in den sozialen Medien wird es immer schwerer, Kränkungen zu verarbeiten. Zu mobben und gemobbt zu werden, einen Shitstorm zu entfachen oder sein Opfer zu werden ist Teil des Alltags von Heranwachsenden.

Kinder und Jugendliche, die unglücklich und voller Neid auf jene blicken, die sich beliebt machen können und in ihren Cliquen schwimmen wie Fische im Wasser, ziehen sich nun in Medienwelten zurück. Diese entlasten die gekränkte Seele, weil eine unsichere Männlichkeit dort doch noch einen Heldentraum träumen kann - und gleichzeitig die Möglichkeit hat, sich an jenen zu rächen, die schuld sind an sozialen Ängsten und dem quälenden Gefühl, keinen Platz zu finden in der Realität.

Jungen haben größere Schwierigkeiten mit Gesetzen und Regeln

Im Münchner Fall hatten die berichteten Quälereien offenbar einen sexuellen Aspekt. Mitschüler sollen David S. als Mädchen geschminkt haben. Das ist wesentlich, denn in seiner großen Studie über den Prozess der Zivilisation hat Norbert Elias minutiös verfolgt, wie die Modernisierung einer Gesellschaft immer auch die Zurücknahme männlich-narzisstischer Dominanz ist. Wo das Faustrecht herrscht, ist der Mann überlegen. Sobald Höflichkeit, Gesetz und Recht regieren, verliert er viel Kraft damit, sich Regeln zu unterwerfen, über die er sich lieber hinwegsetzen würde, während die Frauen sie begrüßen und nutzen.

Wo es in der westlichen Welt eine gute Schulbildung gibt, haben Jungen schlechtere Noten; sehr viel mehr von ihnen verlassen die Schule ganz ohne Abschluss. Auch in den Fächern, die als "unweiblich" gelten, Mathematik und Naturwissenschaften, bringen Mädchen im Durchschnitt bessere Leistungen. Die Analysen dieses Phänomens haben die populäre These entkräftet, dass die Jungen durch die meist weiblichen Lehrkräfte benachteiligt werden.

Mädchen bekommen immer schon bessere Zensuren als Jungen

Alle Lehrer, Männer wie Frauen, benoten Mädchen besser; zudem waren die Zensuren der Jungen auch schon vor hundert Jahren schlechter, als das Bildungssystem noch von Männern dominiert wurde. In neutralen Tests unterscheiden sich die Geschlechter sehr viel weniger als in den Schulnoten. Noten spiegeln vor allem den Eindruck wider, den die Schule von der Fähigkeit der Schüler hat, mitzuarbeiten und sich an vorgegebenen Zielen zu orientieren. Sie bewerten die Konzentration während einer Prüfung, das Durchhaltevermögen in der Vorbereitung, die Lernbereitschaft.

Männer sind Verlierer in einer Arbeitswelt, in der Fleiß und Disziplin bei beiden Geschlechtern gleich gefördert und gefordert werden. Unter diesen Bedingungen zeigt sich, dass sie sich im Durchschnitt schlechter konzentrieren können und schneller aufgeben. Das Problem scheint die Überzeugung zu sein, Jungen müssten sich nicht anstrengen, um Erfolge zu haben.

Das männliche Selbstgefühl ist empfindlicher und labiler als das weibliche. Das kleine Mädchen hat in den meisten Fällen schon früh einen belastbaren Kern, weil es sich mit der Person identifizieren kann, die in aller Regel die erste ist, der ein Kind begegnet: mit der Mutter.

Der kleine Junge identifiziert sich ebenfalls mit der Mutter, doch muss er diese Identifizierung später in sich bekämpfen. Daher ist sein Selbstgefühl weniger belastbar. Frauen sind besser gerüstet, aus einer unterlegenen Position das Beste zu machen. Männer haben größere Mühe, Kränkungen ohne den Rückgriff auf primitive Reaktionen wie totalen Rückzug oder wütenden Angriff zu bewältigen.

Die Angst vor Frauen plagt Männer in unsicheren Situationen

Die Angst vor Frauen, die ihre Rechte wahrnehmen und sich in einer Welt differenzierter Berufe besser zurechtfinden als sie, plagt Männer überall dort, wo sie sich einer unsicheren Zukunft gegenübersehen. Dies ist beispielsweise in vielen Schwellenländern der Fall. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Taliban in Afghanistan, der IS in Syrien und die Anhänger von Boko Haram in Nigeria die Schulbildung für Mädchen wieder abschaffen. Diese Anstrengungen gleichen aber dem Versuch, das Fieber zu heilen, indem man das Thermometer zerbricht.

Es schafft auch eine untergründige Verwandtschaft zwischen Terroristen, Amokläufern und radikalen Ideologen fast ausschließlich männlichen Geschlechts. Allen gemeinsam fehlt die Bereitschaft, durch Neugierde die Kluft zu überbrücken, die Männer und Frauen ebenso trennt wie Menschen unterschiedlicher Kulturen. Das fängt in der Schulklasse an: Der einfühlende Umgang mit der Kränkbarkeit des Mitschülers oder der Mitschülerin kann erlernt und geübt werden - oder eben auch nicht.

Wolfgang Schmidbauer, 75, arbeitet als Autor und Psychoanalytiker in München.2003 veröffentlichte er das Buch "Der Mensch als Bombe. Zur Psychologie des neuen Terrorismus".


Nota. - Ein Löffel Teer kann ein ganzes Honigfass verderben, sagt Lenin. Aber das hier ist kein Honigfass, und an Teer gibt es mehr als nur einen Löffel. Es ist die freudianische Schlaumeierei, die Platitüden wie Paradoxa formuliert. Das fehlte uns gerade noch, dass Jungesein und Mannwerden grundsätzlich als "Opferrolle" ausgeschrien werden! Das sei den Feministinnen überlassen, denn die wollten nie ihr gutes Recht, sondern Schonräume und Vorrechte. Aber bei Schmidbauer nimmt die Opferrrolle noch eine besonders ungute Wendung, die er sich dem Feminismus gegenüber nie erlauben würde - so von der Art: Aber irgendwie sind sie ein bisschen auch selber schuld...Abhilfe würde die 'Zurück-nahme männlich-narzisstischer Dominanz' schaffen! Oder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen... 

Das Problem ist nicht, dass Jungen von Natur aus dazu neigen, Jungens zu bleiben und Männer zu werden, sondern dass in der postindustriellen Angestelltenzivilisation der weiblich-weibische Phänotyp zum vorherrschenden geworden ist. Herr Schmidbauer, hat Ihnen noch keiner gesagt, dass Mobbing eine ganz charakteristische Frauenpraxis ist? Während Männer gelegentlich mit der Faust auf den Tisch hauen oder auch aufs Nasenbein, gehen Frauen "ganz anders miteinan-der um"! Leider finden sie unter biologischen Männern inzwischen ein Menge Nachahmer. 

Doch seit einiger Zeit mehren sich die Männer, die verstehen, dass man nicht nur Kinder vor der Opferrolle am besten bewahrt, indem man sie 'stark macht', sondern besonders die Jungens. "Jungen haben größere Schwierigkeiten mit Gesetzen und Regeln", schreibt der politisch korrekte Gutmensch. Der gesunde Men-schverstand drückt es anders aus: Jungens neigten schon immer zur Rebellion. Und eine innere Stimme fügt hinzu: So soll es sein. 
JE



Mittwoch, 3. August 2016

Der weibliche Orgasmus ist biologisch überflüssig.

Bernini, Verzückung der hl. Theresa
aus Der Standard, Wien, 2. 8. 2016

Die Ursprünge des weiblichen Orgasmus
Viele Wissenschafter befassten sich bereits mit dem Höhepunkt der Frau. Nun nähert sich ein Biologenduo dem einzigartigen Phänomen aus evolutionärer Perspektive 

von Klaus Taschwer 

Wien – Der weibliche Orgasmus hat schon die größten Denker vor Herausforderungen gestellt: Aristoteles hat sich ebenso damit beschäftigt wie Sigmund Freud, dessen Unterscheidung zwischen dem "unreifen" klitoralen und dem "reifen" vaginalen Orgasmus nicht nur von feministischen Forscherinnen abgelehnt wird. 

Man kann sich dem ergiebigen Thema aber auch aus dem Blickwinkel der Biologie annähern, für die außer im Licht der Evolution nichts sinnvoll ist, wie schon Theodosius Dobzhansky wusste. Was also könnte die evolutionäre Bedeutung des weiblichen Orgasmus sein? Für die Befruchtung der Eizelle ist er nicht nötig, das geht auch ganz ohne sexuellen Höhepunkt der Frau. Unbestritten ist, dass er durch Ausschüttung des Hormons Oxytocin die Bindung zwischen den beteiligten Personen erhöht. 

Doch ist das alles? Und wie ist das bei anderen Säugetieren? Glückliche Adaption Die in Wien promovierte Biologin Mihaela Pavlicev (University of Cincinnati) und ihr aus Österreich stammender Kollege Günter Wagner (Yale University) nahmen für ihre neue Studie über die evolutionären Ursprünge des weiblichen Orgasmus das Reproduktionsverhalten etlicher Säugetierspezies unter die Lupe. Das Forscherduo legte dabei besonderes Augenmerk auf die koitale Hormonausschüttung und die jeweiligen Menstruationszyklen. Denn während bei vielen Säugetieren der Eisprung erst durch das Männchen ausgelöst wird, ist der Zyklus der Frau unabhängig davon. Doch was war zuerst? Die Analysen der Evolutionsbiologen im Fachblatt "JEZ-Molecular and Developmental Evolution" führen zu einer klaren Antwort: Die ursprünglichere Form ist jene, bei der das Männchen den Ausstoß jener für die Ovulation nötigen Hormone auslöst, die auch beim Orgasmus freigesetzt werden. Das aber bedeute, dass der Orgasmus der Frau quasi ein "glücklicher nachträglicher Einfall" der Evolution ist, eine Adaption einer zunächst rein reproduktiven Funktion. Pavlicev und Wagner sehen diesen Befund – um wieder mit Freud zu enden – auch durch rezente Studien über die Evolution der Klitoris bestätigt: Diese habe sich ursprünglich im Geburtskanal befunden, ehe sie im Lauf der Evolution nach außen wanderte. ()  

Link
JEZ, part B: Molecular and Developmental Evolution: "The Evolutionary Origin of Female Orgasm"


aus Die Presse, Wien, 2. 8. 2016

Haben Frauen den Orgasmus den Männern zu danken? 
Die beim weiblichen Geschlecht rätselhafte und zur Reproduktion entbehrliche Lust ist ein Nebeneffekt der beim männlichen notwendigen, vermutet Günther Wagner, ein Forscher aus Wien, der in Yale arbeitet.

von Jürgen Langenbach

Nicht alles, was der Sexualforscher Alfred Kinsey erkundete, hat er publiziert, in seinem Nachlass fanden sich etwa Korrespondenzen mit Tierzüchtern. Bei denen hatte er angefragt, ob es bei ihrer Klientel den weiblichen Orgasmus gibt. Viele hatten ihn beobachtet, bei Frettchen, Katzen, Kaninchen. Angetrieben war Kinseys Frage von der, warum viele Frauen bei der Kopulation nicht zum Orgasmus kommen, und umgekehrt: wozu es den weiblichen Orgasmus überhaupt gibt.

Das Problem trieb schon Aristoteles um: Ihm fiel auf, dass Frauen auch ohne Orgasmus Kinder empfangen. Und das Problem treibt bis heute um, Evolutionsbiologen wie Günther Wagner, einen Wiener, der in Yale forscht und zuletzt ein anderes Detail der Reproduktion erhellt hat, das der Plazenta. Sie kam nicht in vielen kleinen Schritten, sondern auf einen Schlag, in dem Mutationen, die nichts miteinander zu tun hatten, miteinander verknüpft wurden, das hat Wagner gezeigt (Nature Genetics 43, S. 1154).

Nun also der Orgasmus, der der Frau. Der des Mannes ist notwendig, weil er die Ejakulation auslöst, aber der der Frauen ist eben zur Zeugung entbehrlich, er wirkt sich nicht auf den reproduktiven Erfolg aus. Oder tut er es doch, indirekt, indem er die Bindung der Partner stärkt? Das ist eine Hypothese, eine zweite setzt darauf, dass der weiblich Orgasmus als „glücklicher Nebeneffekt“ existiert, weil sein Organ, die Klitoris, ihre Entwicklung mit dem Penis teilt.

Drei Auslöser des Eisprungs

In diese Richtung denkt auch Wagner, er hat die Evolution der Reproduktion der Säugetiere rekonstruiert (JEZ-Molecular and Developmental Evolution 1. 8.). Bei der Kopulation müssen Sperma und Eizellen da sein bzw. freigesetzt werden. Bei den Eizellen geht das auf drei Wegen: Bei vielen Tieren löst die unbelebte Umwelt den Eisprung aus – die Weibchen sind etwa nur zu bestimmten Jahreszeiten empfängnisbreit –, bei anderen tun es die Männchen, entweder mit Pheromonen oder dem taktilen Reiz der Kopulation.

Bei wieder anderen kommt der Eisprung zyklisch. Diese Variante kam spät in der Evolution, die ursprüngliche war die taktil induzierte, sie haben auch die Tiere, deren Züchter Kinsey vom Weibchen-Orgasmus berichtet hatten. Der läuft über die Klitoris bzw. über Hormone, die durch ihre Reizung freigesetzt werden, vor allem Oxytocin und Prolaktin. Die werden auch beim weiblichen Orgasmus frei, obgleich sie für die Reproduktion entbehrlich sind, weil die Eizellen zyklisch bereitgestellt werden.

Zudem hat sich parallel zur Umstellung von induzierter zu zyklischer Freisetzung der Eizellen die Klitoris so verschoben, dass sie in der Kopulation nicht mehr direkt vom Penis berührt wird. „Das erklärt auch, weshalb viele Frauen beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus bekommen, sehr wohl aber einen durch Masturbation auslösen können“, erklärt Wagner der „Presse“.

Gemeinsamkeit von Klitoris und Penis

Aber wenn die Klitoris nicht mehr für den Eisprung gebraucht wird, warum ist sie dann im Zuge der Evolution erhalten geblieben? „Das wissen wir nicht wirklich“, konzediert Wagner: „Meine Lieblingshypothese ist, dass der weibliche Orgasmus – oder der physische Apparat, der ihm unterliegt – nicht so leicht wegmutieren kann, weil die biologischen Organe für den weiblichen und den männlichen Orgasmus sehr ähnlich sind und embryologisch aus derselben Anlage entstehen. Damit könnten Mutationen, die den weiblichen Orgasmus betreffen, auch einen negativen Effekt auf den männlichen und damit auf die Reproduktion haben.“


Nota. - Das wusste die Volksweisheit seit Jahrhunderten: Da muss erst ein Mann kommen, um das Fräulein ganz "zur Frau zu machen". Ontogenetisch mag das überholt sein, sie nehmen's selber in die Hand, aber phylogenetisch lässt sich nun nichts mehr dran ändern, Schwestern! Ihr könntet ruhig ein bisschen dankbarer sein.
JE



Dienstag, 2. August 2016

Ist das "traditionelle Männerbild" eine männliche oder eine weibliche Erfindung?

Montbenoît, Franche-Comté, Abbatiale
aus Süddeutsche.de, 1. 8. 2016

Rollenklischee stabilisiert Ehen
Das Scheidungsrisiko ist höher, wenn der Mann dem Klischee vom Ernährer nicht entspricht. Ob die Frau arbeitet, ist für das Trennungsrisiko nicht so wichtig.

Von Werner Bartens

Dass zwei Menschen als Paar zusammenleben, heißt noch lange nicht, dass sie ihre Zeit immer miteinander verbringen. Der Ausdruck "ständig aufeinanderhocken", umschreibt anschaulich, welche Bedrängnis aus permanenter Nähe erwachsen kann - bis auch die glühendste Zuneigung zu erkalten droht.

Zu dieser Wahrnehmung passen die Ergebnisse einer großen Analyse, die im Fachmagazin American Sociological Review erschienen ist. Die Harvard-Soziologin Alexandra Killewald hat mehr als 6300 Paare untersucht und nach Ursachen für eine spätere Scheidung gefahndet. Das Risiko für eine Trennung erhöht sich demnach wesentlich, wenn der Mann keine volle Stelle hat und ständig zu Hause herumlungert. Ob die Frau einer bezahlten Tätigkeit nachgeht oder nicht und die Höhe des Gesamteinkommens des Paares sind hingegen nicht so wichtig für die Prognose der Partnerschaft. "Doch während Frauen nicht die klassische Rolle der Hausfrau übernehmen müssen, um die Partnerschaft zu stabilisieren, steigt das Scheidungsrisiko für Männer, wenn sie nicht dem Stereotyp des Ernährers und Vollzeitarbeiters entsprechen", sagt Killewald.


Die Harvard-Soziologin hat jüngere Paare mit solchen verglichen, die vor 1975 geheiratet haben. Für die jüngeren Partner waren finanzielle Aspekte nicht der ausschlaggebende Grund für eine Scheidung. Vielmehr ging es um die Aufteilung der Hausarbeit und die berufliche Erwartungshaltung - besonders in Hinblick auf den Mann, von dem noch immer erwartet wird, das Geld nach Hause zu bringen. Frauen übernehmen heute noch 70 Prozent der häuslichen Pflichten, sie erwarten aber, dass ihr Mann einen Beitrag leistet. In der älteren Studiengruppe der vor 1975 Vermählten ergab sich ein anderes Bild. Hier stieg das Risiko für eine Scheidung in dem Maße, in dem die Partnerin nicht dem Klischee der Hausfrau entsprach. Je höher der Anteil der Hausarbeit, den die Frau übernahm, desto weniger wahrscheinlich war die Trennung.

Dass die Scheidungsrate in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich angestiegen ist, schreiben viele Menschen der Tatsache zu, dass beginnend mit den 1960er- und 1970er-Jahren immer mehr Frauen einer bezahlten Arbeit nachgingen. Demnach hatten sie es dank eigener finanzieller Reserven nicht mehr nötig, bei ihrem Partner zu bleiben, wenn die Beziehung zerrüttet war. Doch das ist offenbar falsch. "Nach Ansicht vieler Leute hat die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen das Fundament der Ehe erschüttert", sagt Killewald. "Unsere Befunde legen diesen Schluss aber keineswegs nahe." 

Ein weiterer Trugschluss: In der Familienpolitik gehe es fast immer um Frauen, um Teilzeit- und Betreuungsmodelle sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Dabei ist das Leben der Männer genauso von Geschlechts-Vorstellungen betroffen." Die Rolle der Frau als Heimchen am Herd mag erodiert sein, jene vom Mann als Ernährer ist aktueller denn je.


Nota. - Das "traditionelle Männerbild" haben nicht die Männer geprägt, sondern durch natürliche Zuchtwahl die Frauen: Wer ihren Erwartungen entspricht, bekommt Gelegenheit, Nachwuchs zu zeugen (der dann Jahrhunderttausende lang fast nur von Frauen aufgezogen wurde). "Ein Junge weint nicht" haben ihnen die Mütter beigebracht, und als sie Väter wurden, haben sie es nachgebetet, um es den Frauen recht zu machen...
JE

Montag, 1. August 2016

Big Mama und ihre Schwestern.

aus derStandard.at, 30. Juli 2016, 19:28

Bei Bonobos treten "Big Mamas" männlichen Mobbern entgegen
Japanische Forscher beobachteten, wie ältere Weibchen Allianzen mit jüngeren eingingen, um aggressive Männchen in ihre Schranken zu verweisen

Tokio – Junge Männer, die auf dicke Hose machen und ihre Aggressionen an schwächeren Frauen auslassen, das gibt es nicht nur unter Menschen, sondern auch in unserer unmittelbaren Verwandtschaft.

Wie Bonobos mit dieser Art von Mobbing umgehen, berichten Nahoko Tokuyama und Takeshi Furuichi von der Universität Tokio im Fachmagazin "Animal Behaviour". Bei diesen Menschenaffen, die für ihre weitgehend gewaltlosen und häufig zu Sex führenden Konfliktlösungen bekannt sind, treten in einem solchen Fall "Big Mamas" auf den Plan, so die Forscher. Sie beobachteten während eines Zeitraums von vier Jahren in der Wamba-Region der Demokratischen Republik Kongo, dass ältere Bonoboweibchen häufig jüngeren und schwächeren Geschlechtsgenossinnen unter die Arme greifen. 

Sisterhood rules 


Sie formen dabei regelrechte Koalitionen, was durchaus bemerkenswert ist, da diese nicht auf verwandtschaftlichen Beziehungen beruhen: Weibliche Bonobos verlassen nämlich die Gruppe, in die sie geboren wurden, wenn sie die Adoleszenz erreichen. Die Forscher stellten fest, dass solche Koalitionen immer zu dem Zweck geschmiedet werden, gemeinsam gegen aggressive Männchen vorzugehen. Und wenn eine solche Allianz eingegangen worden war, war diese in jedem Fall über den männlichen Aggressor siegreich. 

Tokuyama glaubt damit zumindest einen der Wege identifiziert zu haben, mit denen Bonobos – im Gegensatz zu ihren unmittelbaren Verwandten, den Schimpansen – eine Gesellschaft etablieren konnten, in der die Weibchen einen zumindest gleich hohen Status haben wie die Männchen, teilweise sogar einen höheren. Die durchaus auch bei Bonobos vorhandene Aggression der Männchen, die untereinander nicht so gut vernetzt sind wie die Weibchen, wird so in Schach gehalten. (red.

Abstract
Animal Behaviour: "Do friends help each other? Patterns of female coalition formation in wild bonobos at Wamba"