Freitag, 3. April 2020

Für das generische Maskulinum!


Haben Sie schonmal erlebt, dass sich wer beschwert hat, ein Mensch genannt zu werden?

Dabei heißt es der Mensch!
Das Mensch bedeutet ganz was anderes.

Aber es entspricht voll und ganz der Natur. Meinen Kater stört es ja auch nicht, als generische Katze gezählt zu werden.




Donnerstag, 2. April 2020

Männer vererben Stress.

aus scinexx

Chronischer Stress verändert die Spermien Stressfolgen beeinflussen Keimzellen und die embryonale Entwicklung des Nachwuchses

Vererbte Belastung: Chronischer Stress kann bei Männern die Entwicklung der Spermien beeinflussen – und das hat Folgen, wie Experimente mit Mäusen nahelegen. So werden die Stressfolgen über das Sperma offenbar an den Nachwuchs vererbt. Konkret verändert sich dadurch unter anderem die Gehirnentwicklung des Embryos. Dies könnte sich später womöglich auf die Hirnfunktion und die mentale Gesundheit auswirken, erklären die Forscher.
 
Chronischer Stress kann gravierende Folgen haben – nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. So kann die psychische Belastung unter anderem den Blutdruck in die Höhe treiben, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern oder das Immunsystem schwächen. Doch der Stress hinterlässt nicht nur bei uns selbst Spuren. Er wirkt sich mitunter sogar auf unsere Nachkommen aus.

Studien legen nahe, dass Stress- und Traumafolgen von Eltern an Kinder und Enkel weitergegeben werden können. Vererbt werden sie dabei offenbar über die Spermien. Doch welcher biologische Mechanismus steckt dahinter?


Einfluss auf die Spermienentwicklung?

Jennifer Chan von der University of Pennsylvania in Philadelphia und ihre Kollegen vermuten, dass sogenannte extrazelluläre Vesikel das Stresssignal auf die Spermien übertragen könnten. Solche Membranpartikel transportieren Proteine, Nukleinsäuren und andere Substanzen von Zelle zu Zelle und geben so wichtige Informationen weiter.

Sie werden in großen Mengen auch im Fortpflanzungstrakt produziert und spielen dort eine Rolle für die Entwicklung der Spermien. „Extrazelluläre Vesikel sind eine einzigartige Form der interzellulären Kommunikation und übertragen Signale, die für Zellprozesse und -funktionen von Bedeutung sind – einschließlich der normalen Heranreifung von Keimzellen“, erklären die Forscher.

Stress verändert interzelluläre Botschafter

Um herauszufinden, ob ihre Theorie stimmt, behandelten Chan und ihr Team männliche Mäuse wiederholt mit dem Stresshormon Corticosteron. Würde sich dies auf die extrazellulären Vesikel der Nager auswirken? Tatsächlich offenbarte sich: Nach der Stressbehandlung veränderten sich die Membranpartikel deutlich. Demnach schrumpften sie nicht nur, auch ihr Inhalt war verändert.

Dies zeigte sich an den in ihnen enthaltenen Proteinen und microRNAs besonders deutlich – diese RNA-Moleküle sind kurze Kopien des Erbguts, die in den Zellen vor allem regulierende Aufgaben übernehmen. „Wir stellten nach der Corticosteron-Behandlung signifikante Veränderungen bei den Expressionsmustern der microRNA fest“, berichten die Wissenschaftler.

Nachhaltiger Effekt

Das Frappierende: Diese Veränderungen blieben selbst dann bestehen, als die Tiere schon lange nicht mehr gestresst waren und sich mehrere Wochen hatten erholen können. „Es handelt sich offenbar um eine nachhaltige programmatische Veränderung in Folge von chronischem Stress“, konstatieren Chan und ihre Kollegen.

Wie aber wirkt sich dies nun auf die Spermien und damit auf den Nachwuchs aus? Das enthüllten weitere Experimente: Kamen die Spermien vor der Befruchtung mit den „gestressten“ extrazellulären Vesikeln in Kontakt, veränderten sie sich – und das beeinflusste die Entwicklung des aus solchen Spermien gezeugten Mäuse-Embryos messbar.

Veränderte Gehirnentwicklung

Konkret stellten die Forscher Veränderungen bei der frühen Gehirnentwicklung fest. Dabei zeigten sich unter anderem signifikante Effekte an Genen, die für synaptische Signalwege und den Transport von Neurotransmittern eine Rolle spielen. „Dies spricht für wichtige Veränderungen der neuronalen Entwicklung, die sich auf die Gehirnfunktion im Erwachsenenalter auswirken könnten“, erklärt das Team.

Außerdem zeichneten sich Veränderungen bei Gengruppen ab, die für Immunprozesse zuständig sind. Zusätzlich identifizierten die Wissenschaftler auch Veränderungen im Plazentagewebe, durch die es vermehrt zu Entzündungs- und Immunreaktionen zu kommen schien.

Folgen für den Nachwuchs unklar

„Unsere Studie zeigt, dass sich das Gehirn des Babys im Mutterleib anders entwickelt, wenn der Vater vor der Empfängnis eine chronische Phase von Stress erlebt hat“, fasst Mitautorin Tracey Bale von der University of Maryland in Baltimore zusammen. „Wir wissen jedoch noch nicht, welche Bedeutung diese Unterschiede haben.“

Erhöht sich dadurch zum Beispiel die Anfälligkeit für mentale Probleme beim Nachwuchs oder verändert sich seine Fähigkeit, mit Stress umzugehen? Zumindest für Letzteres haben die Forscher bereits Indizien entdeckt. So zeigte sich, dass betroffene Mäuse im Erwachsenenalter anders auf psychische Belastungen reagierten als Kontrolltiere.

Stresseffekt auch bei menschlichem Sperma

Während die genauen Effekte der vererbten Stressfolgen noch unklar sind, zeichnet sich aber schon ab: Auch beim Menschen könnten sich chronische psychische Belastungen des Vaters auf den Nachwuchs auswirken. Deutliche Hinweise darauf fanden die Wissenschaftler, als sie Spermienproben von Studierenden analysierten.

Die freiwilligen Probanden gaben über einen Zeitraum von einem halben Jahr monatlich Sperma ab. Außerdem beantworteten sie einen Fragebogen, der ihr Stresserleben im vorangegangenen Monat erfasste. Das Ergebnis: Studierende die im vorherigen Monat stärker gestresst gewesen waren, wiesen Veränderungen in ihrem Sperma auf – vor allem in Bezug auf den microRNA-Gehalt.

Entspannen für die nächste Generation

„Diese Arbeit ist ein weiterer wichtiger Schritt, um grundlegende Mechanismen der Epigenetik zu verstehen“, kommentiert Albert Reece von der University of Maryland. „Es gibt viele Gründe, warum wir versuchen sollten, unsere Stressbelastung zu reduzieren – gerade jetzt, wenn wir gestresster sind als sonst und dies wahrscheinlich auch noch einige Monate lang bleiben werden“, ergänzt Bale mit Blick auf die psychologischen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie.

„Vernünftig mit Stress umzugehen, kann nicht nur unsere mentale Gesundheit verbessern und andere stressbedingte Leiden verringern. Es hilft auch dabei, potenzielle Langzeitfolgen auf das Fortpflanzungssystem zu reduzieren, die künftige Generationen beeinflussen könnten“, so ihr Fazit. (Nature Communications, 2020, doi: 10.1038/s41467-020-15305-w)

Quelle: University of Maryland School of Medicine

Mittwoch, 1. April 2020

Die Gefährdung der Männer.

aus nzz.ch, 31. 3. 2020 

Warum das Coronavirus Männer schwerer trifft
Männliche Patienten haben ein höheres Risiko, an Covid-19 zu sterben, und sie erkranken auch häufiger schwer als Patientinnen. Vor allem das Immunsystem scheint dabei eine Rolle zu spielen.  

von Stephanie Kusma, Lena Stallmach

Anfangs konnte man es noch für eine Verzerrung der Daten halten. Doch langsam scheint sich das Bild zu festigen: Männer erkranken häufiger schwer an Covid-19 und sterben auch öfter daran. Darauf weisen die medizinischen Daten aller Länder hin, die das Geschlechterverhältnis abbilden. In der Schweiz sind laut dem Bundesamt für Gesundheit bis am 30. März 295 Menschen an Covid-19 gestorben, 60 Prozent waren Männer. Auch bei der Zahl der Hospitalisierten sind die Männer mit 59 Prozent stärker vertreten. ...

Aber ist es überhaupt speziell, dass an Covid-19 mehr Männer sterben als Frauen? Experten sagen: Nein – das Gegenteil wäre überraschend. «Frauen kommen generell besser mit Virusinfektionen zurecht als Männer», sagt der Immunologe Marcus Altfeld vom Heinrich-Pette-Institut des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie in Hamburg, der geschlechtsspezifische Unterschiede bei viralen Erkrankungen untersucht. Auch auf HIV oder Hepatitis reagierten Männer und Frauen unterschiedlich, erklärt er, und auch bei Sars sei es so gewesen.

Der Grund dafür sei, dass das angeborene Immunsystem von Frauen sensibler auf Virusinfektionen reagiere als jenes von Männern und dadurch schneller und stärker auf eine Infektion antworte. Die frühe Reaktion und Bekämpfung der Viren senkt das Risiko, dass die Krankheit eskaliert, weil die Viren besser kontrolliert werden können. In Bezug auf Covid-19 hiesse das, dass die Infektion bei Frauen schneller eingedämmt wird, dadurch die Schäden an der Lunge geringer bleiben und es seltener zu einem schweren Verlauf mit massiven Schäden am Lungengewebe kommt.


Man erkläre sich dieses Phänomen evolutionär, sagt Altfeld. Das Immunsystem von Frauen habe die Aufgabe, auch ungeborenes und neugeborenes Leben zu schützen. Dabei muss es möglichst verhindern, dass ein Virus Fuss fassen und schwere Schäden beim Fötus verursachen kann. Zudem soll das Neugeborene über die Muttermilch mit einer möglichst breiten Palette an mütterlichen Antikörpern versorgt werden. Dasselbe Phänomen wie bei Virusinfektionen finde man auch bei vielen durch Parasiten ausgelöste Erkrankungen. (Eine bemerkenswerte Ausnahme sind Grippeviren, die laut dem Forscher immer wieder einmal für Schwangere besonders gefährlich sind.)

Männer haben aber nicht nur Nachteile: Sie leiden deutlich seltener an Autoimmunkrankheiten, was die Wissenschafter auf die antientzündliche Wirkung von Testosteron zurückführen. Da viele der Autoimmunkrankheiten erst nach der fruchtbarsten Phase ausbrechen, interessiert sich die Evolution für diese «Nebenwirkung» des weiblichen Immunsystems weniger.

Doch was liegt diesen Unterschieden physiologisch zugrunde? Die Forscher gehen von zwei Einflussfaktoren aus. Einer ist das Hormonsystem, genauer die Geschlechtshormone. In einer Studie mit dem ersten Sars-Virus starben weibliche Mäuse seltener an Sars als männliche. Unterbanden die Forscher die Produktion oder Wirkung von Östrogen, verlor sich dieser Vorteil.

Zudem gibt es dafür laut Altfeld noch eine weitere Erklärungsmöglichkeit: Die Tatsache nämlich, dass Frauen zwei X-Chromosomen (weibliche Geschlechtschromosomen) besitzen, Männer dagegen nur eines. Auf diesem Chromosom liegen eine ganze Reihe wichtiger Gene, die das Immunsystem regulieren. Das ist schon lange bekannt.

Allerdings ging man zunächst davon aus, dass bei Frauen in jeder Zelle nur ein X-Chromosom aktiv und das andere stillgelegt ist und damit das «Gleichgewicht» zwischen Mann und Frau wieder hergestellt. In den letzten Jahren haben Wissenschafter nun aber festgestellt, dass das inaktive X-Chromosom von Frauen diesem Zustand «entkommen» kann und dann aktiv abgelesen wird. Das erhöht die Dosis der Genprodukte dieses Chromosoms in den betroffenen Zellen, die für die Immunantwort wichtig sind. Das könnte die Reaktionsfreudigkeit des weiblichen Immunsystems erhöhen und einen Teil der Geschlechtsunterschiede in der Immunantwort erklären.



Sonntag, 15. März 2020

Zum Denken taugt der Kopf...

...und kein anderes Organ.




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
JE

Freitag, 13. März 2020

Der Mann im Kind. (II)

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Betrachtet man eine Reihe Bilder von sich selbst, von den Zeiten der letzten Kindheit bis zu der der Mannesreife, so findet man mit einer angenehmen Verwunderung, dass der Mann dem Kinde ähnlicher sieht als der Mann dem Jünglinge: dass also wahrscheinlich, diesem Vorgange entsprechend, inzwischen eine zeitweilige Alienation vom Grundcharakter eingetreten ist, über welche die gesammelte, geballte Kraft des Mannes wieder Herr wurde. So erscheint auch das Denken und Empfindungen des Mannes dem seines kindlichen Lebensalter wieder gemäßer...
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Friedrich Nietzsche,  Menschliches Allzumenschliches, Nr. 612




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
JE

Donnerstag, 12. März 2020

Klein? Aber dynamisch!


aus Die Presse, Wien, 29. 2. 2020

Verschiedene Evolution der Geschlechter
Bei Hitze verändern sich Fliegen unterschiedlich.

Die genetischen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Vertretern einer Tierart sind meist minimal, dennoch differieren ihre äußeren und inneren Merkmale oft stark – so auch bei der im Volksmund Fruchtfliege genannten Drosophila melanogaster. Grund dafür ist die Epigenetik, die über die Aktivität des Erbguts wacht – sie erlaubt es, mit minimalen genetischen Abweichungen großen Einfluss auf das Erscheinungsbild des Organismus zu nehmen.

Dass die Epigenetik auch bei der evolutionären Anpassung an neue Umweltbedingungen eine wichtige Rolle spielt und sich dabei zwischen den Geschlechtern große Unterschiede bemerkbar machen können, haben Forscher der Vet-Med-Uni Wien in einer neuen Studie an Fruchtfliegen gezeigt (eLife, 21. 2.).

Unterschiede im Verhalten

Die Forscher hielten ihre Versuchstiere über hundert Generationen bei höheren Temperaturen. Dabei stellten sie fest, dass 60 Prozent aller Gene in Fliegenweibchen eine andere Aktivität aufwiesen als in den Fliegenmännchen. Ein solcher Unterschied der Geschlechter war überraschend, so Studienleiter Christian Schlötterer.

Betroffen waren unter anderem der Fettstoffwechsel der Tiere und die Funktion ihrer Nervenzellen, was auch zu verändertem Verhalten führte – Männchen verbrachten am Ende des Experiments beispielsweise mehr Zeit damit, Weibchen nachzustellen.

Auch beim Menschen seien solche geschlechtsspezifischen Unterschiede relevant, so die Forscher. Insbesondere wo Umweltfaktoren wie klimatische Bedingungen, aber auch Ernährung eine Rolle spielen, sollte man die „gewaltigen Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern“ mehr berücksichtigen. (APA/däu)


Nota. - Soll ich das so verstehen: Je länger es dauert, umso größer wird er? Mir kams, dem Geist der Zeit zum Trotz, schon immer so vor, je älter ich wurde.
JE


Mittwoch, 11. März 2020

Darf man Woody Allen drucken?

Fallengelassen wie eine heiße Kartoffel: Der Autor und Regisseur Woody Allen
aus FAZ.NET, 10.03.2020                                                                        Fallengelassen wie eine heiße Kartoffel 

Moral frisst Geist
In Amerika wird Woody Allens Autobiographie nicht erscheinen. Nun haben sich Autoren des Rowohlt Verlags, der das Buch auf Deutsch herausbringen will, in einem offenen Brief an den Verlag gewandt. Über die toxische Wirkung eines Rückziehers.

Von Edo Reents

Darf man sich noch den „Stadtneurotiker“ ansehen, oder kriegt man davon jetzt schon Corona? Sachlicher gefragt: Was geht diejenigen, die keine Richterrobe tragen, also im Grunde doch Krethi und Plethi, Dylan Farrow an? Nichts, möchte man meinen. Ob sie im Alter von sieben Jahren von ihrem Adoptivvater Woody Allen missbraucht wurde, war nie Gegenstand einer Gerichtsverhandlung. Die Wahrheit kennen, wenn nicht noch ein Augenzeuge auftaucht, nur diese beiden.

Dafür wird umso entschiedener nach dem Hörensagen geurteilt. Deswegen ist es an der Zeit, einem Milieu, das sich mit andauerndem Anzeigen seiner eigenen, moralisch richtigen Richtung wichtig macht, einmal heimzuleuchten, weil es sich etwas anmaßt, was ausschließlich Sache der Justiz ist: über die Schuld und Strafwürdigkeit eines anderen Menschen zu urteilen und dieses Urteil auch noch in der Öffentlichkeit herumzuposten und zupesten. Das hilft niemandem, wahrscheinlich noch nicht einmal den mutmaßlichen Opfern. Und solange man nur mutmaßen kann, sollte man sich schon mit Verdächtigungen zurückhalten, auch keinen Verlegern vorschreiben, welches Buch sie veröffentlichen dürfen und welches nicht, und sich im Übrigen auf sein Schüler-Latein besinnen: in dubio pro reo.

Nicht die Unschuldsvermutung aufgeben

Diese Maxime darf man genauso wenig wie die Unschuldsvermutung aufgeben, und wenn man noch so oft beteuert, wie schlimm das Schlimme doch ist, und sich mit allen vermeintlichen oder tatsächlichen Opfern „solidarisch“ erklärt, was immer das heißen soll. In der MeToo-Debatte ist sie ohne Federlesens, auf empörend ruchlose Art außer Kraft gesetzt worden: Der Prozess gegen den Schauspieler Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe wurde zum Beispiel eingestellt; der Mann hat damit als unschuldig zu gelten, aber sein Ruf ist ruiniert. Ähnlich ist es beim Wettervorhersager Jörg Kachelmann, der auf die bloßen Anschuldigungen einer später als Lügnerin rechtskräftig verurteilten Frau hin eingesperrt wurde.

Woody Allen haben nicht nur Amazon und eine ganze Reihe von Schauspielern fallengelassen wie eine heiße Kartoffel, sondern nun auch der Verlag Hachette, der seine Autobiographie „Apropos Of Nothing“ nicht herausbringen wird – offenbar fürchtet man, mit dem Missbrauchsvirus eines Mannes angesteckt zu werden, dem bisher nichts nachgewiesen wurde. Auch bei Rowohlt greift man jetzt zum Mundschutz: Autoren, darunter Margarete Stokowski, Kathrin Passig, Nis-Momme Stockmann und Sascha Lobo, fordern ihre Verlagsleitung in einem offenen Brief dazu auf, auch die deutsche Fassung „Ganz nebenbei“ nicht zu veröffentlichen.

Inwiefern Autoren einem Verlag derartig reinreden dürfen, wird die Rowohlt-Leitung, die, nachdem Hachette Allen die Rechte zurückgegeben hat, erst einmal die neue Sachlage prüfen will und Allen dann ja wahrscheinlich direkt fragen kann, selbst am besten wissen. Es mag dabei noch angehen, dass die Autoren darauf verweisen, bei Rowohlt sei schließlich auch das Buch von Dylan Farrows Bruder Ronan, der Woody Allen für schuldig hält („Durchbruch – Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“), erschienen, das passe also nicht; sie seien nicht prinzipiell gegen die Veröffentlichung der Autobiographie, nur eben nicht bei Rowohlt. Aber da unterschätzen sie die Wirkung eines solchen Appells: Wenn ein so wichtiger Publikumsverlag wie Rowohlt einknickt, dann wird das Buch auch in Deutschland nicht so schnell erscheinen; die toxische Wirkung eines Rückziehers auf die anderen Verlage wäre einfach zu groß. Aber so ist inzwischen die Logik der Moraltrompeter: Das Buch veröffentlichen hieße schon, Missbrauch kleinreden oder sogar irgendwie gutheißen und das vermeintliche Opfer verhöhnen – dies alles unter nach wie vor ungeklärten (Tat-)Umständen.
 
Gravierender sind aber diese Einlassungen: „Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln.“ Woher nehmen die Autoren diese Gewissheit? Die amerikanische Justiz hat sie bisher nicht aufbringen können. Und woher wollen sie wissen, dass Woody Allen sich „nie überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt“ habe? Die Autoren lassen sich doch sowieso nur von einem Geständnis „überzeugen“, weil das Urteil ja feststeht. Es geht nicht darum, über „Hexenjagden“ zu klagen oder so zu tun, als dürften sich Genies alles erlauben; wer etwas getan hat, sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden, aber nur von der Justiz und nicht von Leuten, die sich auf ihrer moralisch richtigen Seite mit schon fast beneidenswerter Selbstgewissheit geborgen fühlen. Denn langsam wird das alles doch etwas geistfeindlich. Rowohlt sollte da nicht mitmachen.


Nota. - Er hat ja so Recht! Allerdings: Die Unschuldsvermutung ist eine Sache der Strafprozessordnung. Außerhalb des Gerichts darf jeder vermuten, was er will - und ob er es veröffentlicht, ist keine Sache von Gesetzestexten, sondern eine Sache des Anstands; und da es sich eben um eine öffentliche Angelegenheit handelt: des politischen Anstands. 

Hachette und Rowohlt dürfen natürlich so unanständig sein, wie sie wollen. Aber die Buchkäufer sollten es ihnen ver- denken.
JE

Dienstag, 10. März 2020

Vater werden.

Große Schritte, kleine Hüpfer: Vater und Sohn üben den gemeinsamen Spaziergang.
aus FAZ.NET, 5.03.2020

Im Kreißsaal wird mitgezittert
Erziehen kongolesische Jäger anders als Anwälte in Boston? Anna Machin erzählt die komplizierte Geschichte der Vaterschaft quer durch die Kulturen

Von Kerstin Maria Pahl

Anhänger des sozialen Konstruktivismus wie des biologischen Determinismus werden an diesem Buch wenig Freude haben. Gene, so schreibt die Anthropologin Anna Machin, seien für die Entwicklung eines Menschen wesentlich, und doch mache am Ende die Mischung aus Erbgut und Erfahrung das Kind. Eines aber zeigen etliche Studien: Gleich, ob es sich um industrialisierte oder bäuerliche Gesellschaften, um liberale oder traditionelle Familienmodelle, um biologische oder soziale Väter handelt – die Rolle des menschlichen Papas ist einmalig, und bei keiner anderen Spezies ist ihre Wirkung so entscheidend.

Das „Vatersein“, so die in Oxford lehrende Autorin, sei „ein Verhalten, ohne das es unsere Art schlichtweg nicht mehr geben würde“. Während sich das hilflose Neugeborene der Mutter für die Nahrung zuwendet, sorgt der Papa für den Nestbau. Um das zu gewährleisten, greift die Biologie ein: Bei Vätern sinkt der Testosteronspiegel, was ihnen hilft, angemessen auf Emotionen zu reagieren. Das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion, welches Männer nach Belohnung Ausschau halten lässt, nimmt ab; die Hormone synchronisieren sich mit denen der Partnerin. Die Kehrseite: Väter können an einer eigenen Art der Wochenbettdepression erkranken, vor allem wenn ihnen Unterstützung fehlt.

Komplexe Zusammenspiele

Vor etwa fünfhunderttausend Jahren haben Väter in ihre Rolle als Kümmerer gefunden. Damit sich der weibliche Homo Heidelbergensis den verletzlichen, aufgrund ihrer großen Gehirne und Köpfe frühgeborenen Säuglingen widmen konnte, umsorgte der Mann die Kleinkinder. Von dort zieht Machin eine historische Linie zu den Vätern, die heute im Kreißsaal mitzittern. Ein Meilenstein für die vorgeburtliche Vaterliebe war der Ultraschall, der es Männern ermöglichte, die Schwangerschaft auf neue Art mitzuerleben.

Die Vaterrolle ist allerdings recht flexibel. Die Autorin stellt neben klassischen auch homosexuelle, soziale oder kollektive Vaterschaftsmodelle vor, die jeweils ihre eigenen Dynamiken entwickeln, um mit dem Kind das von der Evolution angestrebte Überleben der Gene zu sichern. Das klingt wie eine unabänderliche Bestimmung, doch tatsächlich sollte das Gen die Rechnung nicht ohne das Wirtstier machen. „Denn es bleibt immer ein unbekanntes Element: der individuelle Wille, etwas zu ändern, wenn es nötig ist, und daran zu arbeiten, als Elternteil so zu sein, wie man sein möchte, ungeachtet all dessen, was das Leben oder die Biologie einem mitgegeben haben.“


Anna Machin: „Papa werden“. Die Entstehung des modernen Vaters.
Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann. 
Antje Kunstmann Verlag, München 2020. 
270 S., geb., 25,– €.


Anna Machin: „Papa werden“. Die Entstehung des modernen Vaters. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann. Antje Kunstmann Verlag, München 2020. 270 S., geb., 25,– €. 
Machin zielt darauf, auch Laien an der neuesten Forschung teilhaben zu lassen. Das gelingt über weite Strecken. Komplexe Zusammenspiele der Hirnareale und der neurochemischen Botenstoffe, insbesondere jenes der für die Bindung zuständigen Hormone Dopamin und Oxytocin, sind nachvollziehbar erklärt. Die zitierten Studien zur besonderen Funktion des Vaters beziehen sich auf so verschiedene Gemeinschaften wie hohe indische Kasten, kongolesische Jäger und Sammler und Wirtschaftsanwälte aus Boston. Banal sind dagegen die in den Erzählfluss eingeflochtenen Einlassungen von Vätern, die Machin interviewt hat: Sie wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen und sie bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten, und doch fühlen sie sich manchmal wie das fünfte Rad am Wagen.

Insgesamt hätte dem Buch eine gründlichere Redaktion gutgetan, denn die nuancierten Kernaussagen verstecken sich gerne zwischen wiederkehrenden Binsenweisheiten. In der deutschen Fassung ist zudem das englische Grundrauschen des Texts ermüdend. Zwar geben Sätze wie „Okay, machen wir die Dinge noch ein bisschen komplizierter, einfach so“ den angloamerikanischen Plauderton wieder (im Original: „Okay, let’s complicate matters, just for fun“). Auf Deutsch wird aus diesem Stil jedoch saloppes Schwatzen.

Nicht ohne innere Widersprüche

Es ist Machins erklärte Mission, die „involvierten Väter“ zu stärken und ihren Beitrag zu würdigen, da eine moderne, zugleich aber altmodisch denkende Gesellschaft ihnen Unterstützung verwehre. Die rundum medikalisierte Geburt verbanne den Vater in ein „Niemandsland zwischen Patient sein und Besucher sein“. Sein Leiden, bis zur Traumatisierung durch eine schwierige Geburt, werde kleingeredet. Vaterschutz und Vaterschaftsurlaub blieben global seltene Phänomene. Dabei sind Vater-, Kinds- und Menschheitswohl eng verwoben: Je sicherer die Bindung an den Vater, desto weniger ist der Sprössling gefährdet, kriminell, suchtkrank oder depressiv zu werden: „Die Vater-Kind-Beziehung ist die Quelle der Individualität und Autonomie und letztlich des Erfolges.“ „Vater“ meint dabei nicht notwendigerweise den Erzeuger und noch nicht mal unbedingt einen Mann, sondern jene Person, die bereit ist, die Vaterrolle anzunehmen.

Doch die politische Stoßrichtung bleibt nicht ohne innere Widersprüche. Ihre Gegenspieler verortet Machin ausschließ- lich „weiter oben in der Kette, in Regierungen und Gesellschaften, die sich wegen ihrer eingefleischten kulturellen Überzeugungen den wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem lauter werdenden Ruf nach Wandel versperren“. Sind Väter und Mütter nicht Teil der Gesellschaft und Träger der Kultur? Zudem erweist sich die progressive Haltung als verblüffend traditionell: Am besten für das Kind sind die Eltern. Deren Zeit mit dem Nachwuchs sollte sich idealerweise wenig gestört von der Arbeit (aber nicht ganz ohne deren materielle Vorteile) vollziehen – ein wohl nur in gutsituierten westlichen Oberschichten umsetzbarer Traum, dessen diffuser zivilisations- und kapitalismuskritischer Unterton nicht zu leugnen ist. So zeichnet sich im Hohelied auf den Vater jene Idealisierung ab, die bei Müttern als Ursprung vielen Übels gilt.

Anna Machin: „Papa werden“. Die Entstehung des modernen Vaters. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann. Antje Kunstmann Verlag, München 2020. 270 S., geb., 25,– €.


Nota. - Bei Müttern ist besagte Idealisierung aber landläufig und zwangsmäßig, sie ist eine Belastung. Anders könnte sie nicht "Ursprung vieler Übel" sein. Bei Vätern wäre sie außergewöhnlich und neu, sie könnte Ursprung mancher Erleich- terung werden.
JE

Montag, 9. März 2020

Frauen werden immer noch diskriminiert.

Hat sich eigentlich schonmal jemand* darüber beschwert, dass unter den Müllmännern* gar keine Frauen sind? 






Samstag, 7. März 2020

Man spreading.



Dass Männer in Sitzen die Beine spreizen, hat anatomische Gründe. Nein, nicht was Sie denken. Männer haben ein engeres Becken und eine schmalere Sitzfläche. Beim Sitzen müssen sie die Knie auseinandernehmen, um auf den Muskeln zu sitzen und nicht auf den Knochen, denn das ist wacklig und tut auf die Dauer weh. Zumal in der ruckelnden New Yorker Metro.




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Freitag, 6. März 2020

Ist auch das Gender biologisch bestimmt?


aus nzz.ch, 5.03.2020

Du bist, was dein Gender ist.
Die Sache mit der Geschlechtsidentität ist viel komplizierter als gedacht – oder viel einfacher?
Nicht nur das biologische Geschlecht, auch die Geschlechtsidentität solle neurobiologisch nachweisbar sein, sagen Wissenschafter. Schön, aber die Frage ist doch, was das nun genau bedeutet. 

von Urs Hafner

Gender heisst alles und nichts. Wenn der Direktor signalisieren will, dass er gegen Diskriminierung im Allgemeinen und die der Frauen im Besonderen ist, bringt er das Wort «Gendergleicheit» vor: Andere tun das vielleicht, aber er zieht die Männer sicher nicht den Frauen vor. Fortgeschrittene reden von «Gendermainstreaming», was noch besser klingt.

Der Bischof dagegen warnt vor dem «Genderismus». Und meint damit die Irrlehre, die gegen die Schöpfungsordnung der beiden fundamental differenten Geschlechter verstösst. Die LGBTQ-Aktivistin wiederum glaubt an «Genderidentitäten», die keinen Bezug zur Biologie des Körpers haben. Alle sollen sich ihr individuelles Gender frei wählen. Warum auch nicht? Vielleicht ist es ja tatsächlich dem Einzelnen aufgetragen, sich selber zu schaffen.

Der Genderbegriff ist aus den Wissenschaften in die sozialen Bewegungen und die Alltagssprache diffundiert. In den 1950er Jahren benutzten ihn Endokrinologen und Psychologen im Sinn von Geschlechterrolle. Sie empfahlen, Intersex-Babys – in der älteren, abwertenden Terminologie: «Zwitter» – zu operieren, bevor sie zwei Jahre alt sind, damit diese ihr Gender so problemlos wie möglich annehmen könnten. Gender musste also nicht identisch mit dem «wahren» biologi- schen Geschlecht sein. Entscheidend war die Einteilung der Kinder in männliche oder weibliche, Geschlechtseindeu- tigkeit lautete das Ziel. 

Typisch männlich, typisch weiblich 

1986 publizierte die US-Historikerin Joan W. Scott in der «American Historical Review» ihren bahnbrechenden pro- grammatischen Aufsatz «Gender: Eine nützliche Kategorie der historischen Analyse». Scott hob den Begriff auf eine neue Stufe. Sie unterschied nicht nur zwischen «sex», dem biologischen Geschlecht, und «gender», dem sozialen Ge- schlecht. Noch vor der Philosophin Judith Butler machte sie mithilfe des Genderbegriffs sichtbar, wie Gesellschaften Geschlechter kategorisieren und zuteilen und davon ausgehend Menschen ungleich behandeln.

Wer «Gender» sagte, fragte fortan nach der Macht, also danach, wie etwa das Patriarchat die Unterdrückung der Frau legitimiert, indem es aus der Biologie Rückschlüsse auf ihre Eigenschaften zieht, oder warum und wie welches Verhalten als typisch weiblich oder männlich gilt und was mit «Abweichlern» passiert, mit Homo-, Trans- und Intersexuellen.

So gesehen, stellte der sozialwissenschaftliche Genderbegriff die Praxis infrage, dass Neugeborene, deren Geschlecht medizinisch nicht eindeutig zu bestimmen ist, notfalls durch operative Eingriffe einem Geschlecht zugeordnet werden, damit wieder die «heteronormative» Ordnung herrscht. Auf keinen Fall aber war der Begriff eine Bezeichnung für Frauen und Männer oder für männlich und weiblich – wie heute. Er griff das mit dem Geschlechtlichen verbundene Normale und Diskriminierende einer Gesellschaft an. 

Ich sehe die Welt so, wie sie mir gefällt 

Heute ist Gender so beliebig geworden, dass ihm Bedeutungslosigkeit droht. Wenn ein Wort fast alles heisst, besagt es bald einmal nichts mehr. Doch nun naht Hilfe von unerwarteter Seite, und zwar ausgerechnet von den von manchen Kulturwissenschaftern geschmähten Naturwissenschaften, die angeblich ein biologistisches Menschenbild haben. Das «high-ranking» Journal «Cerebral Cortex» präsentiert eine neue Studie, die sich in noch höheren Tönen anpreist. Ihre Methoden sind kaum nachvollziehbar, dafür umso mehr ihre Resultate. Sie sind eigentlich Weltanschauung: Ich sehe die Welt so, wie sie mir gefällt.

Zehn Forschende, mehrheitlich Psychiaterinnen und Neurobiologen der Hochschulen Aachen und McGill in Montreal, haben knapp hundert Explorandinnen und Exploranden aufgeboten. Die eine Hälfte nennen sie Cisgender. Diese Frauen und Männer wurden bei der Geburt biologisch als solche registriert, und sie sehen sich auch so.

Die andere Hälfte wird als Transgender bezeichnet: Diese Frauen und Männer wurden ebenfalls bei der Geburt biologisch als solche registriert, aber sie wollen, wie die Studie anmerkt, das Geschlecht wechseln. Sie fühlen sich sozusagen im falschen Körper. Gemäss psychiatrischer Diagnose weisen sie eine «Gender-Dysphorie» auf. Die Forschenden sind stolz darauf, diese Population, die sonst kaum berücksichtigt werde, mit einbezogen zu haben. 

So bunt wie die Regenbogenfahne

Die Exploranden, die alle aus Aachen und Umgebung kommen, haben einerseits einen psychologischen Fragebogen ausgefüllt; er misst, wie Menschen sich geschlechtlich sehen, also bis zu welchem Grad sie sich als männlich oder weiblich identifizieren. Zudem sind von ihren Hirnen mittels Magnetresonanztomografie Bilder aufgenommen worden. All dies hat man schliesslich mit maschinellem Lernen gekoppelt.

Das Resultat der Studie: Das Gender ist neurobiologisch nachweisbar! Die datengetriebenen Maschinen, deren Berechnungen nicht durch Hypothesen oder Vorannahmen der Forschenden beeinträchtigt wurden, haben in den Hirnen nicht nur das weibliche und das männliche Gender gefunden, sondern auch zwei Transgender und dazu noch viel mehr, insgesamt neun «Gendervariationen». Jeder Proband kann einer dieser Ausprägungen zugeteilt werden. Jedes Hirn hat seine Genderidentität, auch das von Menschen, die ihr Geschlecht ändern wollen. Die Unterschiede auf den Hirnbildern, die das Paper fast so bunt wie die Regenbogenfahne illustrieren, sind nicht zu übersehen.

Die im Universum frei flottierenden Genderidentitäten, die sich auf «Kultur» berufen und das Joch der «Natur» abgeschüttelt haben, sie sind nun sowohl computerwissenschaftlich als auch hirnphysiologisch bewiesen. Der kulturalistisch-konstruktivistische Genderglaube mit seiner Gendermetaphysik wird nobilitiert von einer Naturwissenschaft, die auf den Genderbegriff der sozialen Bewegungen setzt. Solch ein Paradox schafft nur die göttliche Vorsehung, welche die Menschen vor unlösbare Rätsel stellt – oder intelligente Maschinen, die man in Ruhe rechnen lässt.
«Sex, not gender!»

In der Pressemitteilung der McGill University lässt ein an der Studie beteiligter Computerwissenschafter euphorisch verlauten, dass die Ergebnisse wichtige Konsequenzen für verbesserte Gleichheit, Diversität und Inklusion hätten. Die Forschung trage zum Aufbau einer Gesellschaft bei, in der sich Individuen, die sich zwischen den Positionen von männlich und weiblich identifizierten, nicht länger diskriminiert fühlen müssten, weil nun eben ihre Genderidentität wissenschaftlich im Hirn nachweisbar sei. Jetzt endlich wissen wir es: Transmänner und Transfrauen sind genauso normal wie die normalen Frauen und Männer!

Das war ja eigentlich schon immer klar. Aber wenn der wissenschaftliche Fortschritt die Welt verbessert, kann man ja nichts dagegen haben. Oder verbessert er sie gar nicht? Die britischen Feministinnen, die zurzeit mit der Transgender-Bewegung im Clinch liegen, von der sie auf Twitter als «Haters» bezeichnet werden, rufen: «Sex, not Gender!» Während der Bischof nickt, versteht der gendersensible Direktor nur noch Bahnhof: Was stimmt denn jetzt, woran soll er sich halten? - An sein Gender: Es kennt die Wahrheit. Der Mann braucht dringend einen Hirnscan.


Nota. - Dass Menschen, die nicht sicher sind, ob sie diesem oder jenem Geschlecht angehören, vor einem existenziellen Problem stehen, glaube ich unbesehen. Ich kann aber nicht erkennen, welchen politisch-kulturellen oder erkenntnislo- gischen Vorteil es haben soll, ihr Problem zum Problem der andern umzudeuten. 

Dass es sich nicht gehört, diese oder jene Besonderheit eines Menschen zu verhöhnen oder gar zu diskriminieren, ist in einem zivilisierten Gemeinwesen selbstverständlich und muss hier wir überall nötigenfalls mit Sanktionen durchgesetzt werden. Darüber hinaus wüsste ich nicht, inwieweit mich das Thema etwas angeht. Meine Identität ist meine Privatsache. Als öffentliche Person bin ich Staatsbürger und habe Rechte gegen die andern Staatsbürger, so wie sie Rechte gegen mich haben. Das sollte man nicht vermengen. Das Private ist nicht politisch.
JE



Donnerstag, 5. März 2020

Die Frau als Gründerin.

aus spektrum.de,                                                                                  Adele Spitzeder (1832-1895)

Kleine Geschichte eines Großbetrugs, oder 
Die Ich-AG der Frau Spitzeder
München, um Eine erfolglose Schauspielerin gründet eine Bank – mit der sie tausende Menschen um ihr Geld bringt. Als der Betrug ans Licht kommt, ist einer der größten Bankenskandale Deutschlands perfekt.

Bayern in den 1860er Jahren. Auf dem Thron sitzt der verträumte Ludwig II. Sein Land ist offiziell souverän, untersteht aber – als Folge des Deutschen Kriegs – de facto dem preußischen König. Kulturell und wirtschaftlich geht in Bayern viel voran, erstmals erblüht hier auch das Bankenwesen.

Ein Umstand, den sich die 36-jährige Schauspielerin Adele Spitzeder zu Nutze machen wird. Nachdem die Bayerin einige Jahre zwischen diversen Theaterbühnen hin- und hergetingelt ist, kehrt sie 1868 nach München zurück. Gemäß ihrer Aufzeichnungen beläuft sich ihr gesamtes Hab und Gut zu diesem Zeitpunkt auf einen Regenmantel und eine Kaffeemaschine.

Ihre Versuche, in München eine Anstellung als Schauspielerin zu finden, scheitern allesamt. Schnell steigen die Schulden. Dass sie ein extravagantes Leben inklusive der Haltung von sechs kleinen Hunden führt, hilft nicht wirklich dabei, ihre Situation zu verbessern. Sie beginnt, sich Geld zu leihen – zuerst bei einem befreundeten Friseur, dann bei weiteren Bekannten. Bald jongliert sie mehrere Kredite nebeneinander.

Eine »ausgschamte« Idee

Die Lage scheint aussichtslos zu sein. Doch ein Spaziergang an der Isar sollte alles ändern. Adele Spitzeder kommt dort mit einer alten Dame ins Gespräch, die der Schauspielerin ihr Leid klagt. Das Leben in Armut sei hart, an jeder Straßenecke würden Gauner lauern – wie solle man da am Leben nicht verzweifeln? Ganz sicher lässt es sich nicht sagen, aber dieser Moment ist wohl jener, als Adele Spitzeder die Idee für ihre Privatbank kommt.

Sie erzählt der Frau, dass sie selbst vor ähnlichen Geldproblemen gestanden habe, schließlich aber einen Weg aus der Misere gefunden hätte: Lukrative Investitionen hätten sie vor der Pleite bewahrt. Zu guter Letzt lädt Spitzeder die alte Dame ein, sie doch im »Deutschen Haus«, wo sie residiere, zu besuchen. Tatsächlich kommt die alte Dame in Begleitung ihres Ehemanns vorbei. Sie bitten Spitzeder, auch für sie Geld Gewinn bringend anzulegen. Die arbeitslose Schauspielerin gibt vor, zögerlich zu sein, erklärt sich aber schließlich bereit, auch das Geld des Paars zu investieren. Spitzeder garantiert ihnen Zinsen von zehn Prozent. Und das Beste am Ganzen: Die Zinsen für die ersten zwei Monate bekämen sie sofort. Spitzeder nimmt das Geld des Ehepaars – 100 Gulden –, geht damit auf ihr Zimmer, lässt 80 Gulden dort und kehrt mit den übrigen 20 zurück.

Das Paar kann sein Glück kaum fassen. Spitzeder bittet die beiden, bloß niemandem von dieser Investition zu erzählen – höchstens vielleicht Freunden oder Bekannten. Dem kommt das Ehepaar natürlich nicht nach. Innerhalb kürzester Zeit rennen die Menschen – vor allem aus den ärmeren sozialen Schichten – Adele Spitzeder die Tür ein.

Eine Großbank für die kleinen Leute

Für jeden Neukunden, den man einwerbe, gebe es zusätzliche fünf Prozent. Mit diesem Versprechen sammelt Adele Spitzeder Unmengen von Geld für ihre Neugründung, der Dachauer Bank. Und weil ständig neue Investoren in ihre Bank strömen, kann Spitzeder problemlos die hohen Gewinne ausschütten. Der Fachbegriff für diese Art von betrügerischem »Geschäftsmodell« lautet übrigens Ponzi-System, benannt nach dem Italoamerikaner Charles Ponzi, der allerdings 1920 viele Jahrzehnte nach Spitzeder aktiv war.

Zwischen und 1872 betreibt Adele Spitzeder eine Bank, mit der sie nicht nur zahlreiche Kunden zufrieden stellt, sondern auch in diverse Immobilien in und um München investiert. So kauft sie zum Beispiel ein Grundstück in Oberföhring. Und ihre Bank bringt sie in einem Haus unter, das sie für über 50 000 Gulden erwirbt.

Freilich reichen die Investitionen ihrer Kunden nicht aus, um die versprochene Rendite zu decken. Das System Spitzeder funktioniert aber, weil ständig neue Kunden Geld bei ihr anlegen. Der Zustrom spült Anfang 1872 zirka 80 000 bis 100 000 Gulden in Spitzeders Kasse.

Die Medien wittern Betrug

Zu diesem Zeitpunkt wird es erstmals brenzlig. Nachdem die Medien, denen das Schaffen der Frau Spitzeder nicht entgangen war, misstrauisch werden, kursieren Gerüchte. Die Dachauer Bank sei im Grunde nichts anderes als ein ganz großer Betrug.

Trotzdem besteht die Bank weiter, denn Spitzeder ist beliebt bei ihren Kunden. Sie eröffnet unter anderem Suppenküchen für die Ärmsten der Armen, und sie spendet großzügig und regelmäßig an die Kirche. Viele Menschen halten sie für ihre große Retterin und verehren sie entsprechend.

Und wenn es wirklich gefährlich für sie wird, greift Spitzeder ein. Das Manuskript für ein Enthüllungsbuch über ihre »Bank« kauft sie kurzerhand und verhindert aufzufliegen – zumindest für kurze Zeit.

Totaler Systemausfall

Doch schließlich beginnt das System zusammenzubrechen. Voraus gingen diverse Streitigkeiten mit der Handelskammer, die auf Betreiben der örtlichen Sparkassen aktiv wurde. Denn Spitzeder hatte den Sparkassen immer mehr Kunden abspenstig gemacht.

Gerüchte werden laut, Spitzeders Bank sei zahlungsunfähig. Die Folge: Die Anleger wollen ihr Geld wieder haben. Die Barreserven der Bank leeren sich beinahe über Nacht. Spitzeder kann nicht mehr alle ihre Kunden ausbezahlen.

Und so wird am 12. November 1872 die Dachauer Bank geschlossen – durch eine Gerichtskommission, die mit einem »Gantantrag«, also einem Antrag für ein Insolvenzverfahren anrückt. Im Zuge des Konkursverfahrens melden sich über 33 000 Gläubiger, auch ganze Gemeinden haben viel Geld verloren.

Adele Spitzeder, die zwar ihre Unschuld beteuert, wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Danach schlägt sie sich mit diversen Schauspielauftritten durch – auch der eine oder andere Betrug geht noch auf ihre Kappe. Doch keiner kommt nur annähernd an die Dachauer Bank heran, die auch heute noch als einer der größten Betrugsfälle Deutschlands gilt. Spitzeder verstarb 63-jährig im Jahr 1895 in München.


Nota. - Und nun raten Sie: Was waren das für missgünstige Leute, die die Dachauer Bank zu Fall gebracht haben? En détail weiß ich es selber nicht, aber en gros wette ich mit Ihnen jeden Preis: Das waren MÄNNER!

Doch bitte nicht übersehen: Das waren die Jahre, die unter dem spöttischen Namen Gründerzeit in die Geschichtsbücher eingehen sollten
JE




 

Mittwoch, 4. März 2020

Warum Frauen länger leben.


aus scinexx

Warum Frauen länger leben
Geschlechtschromosomen erklären Unterschiede bei der Lebenserwartung 

Das Geschlecht macht den Unterschied: Forscher haben herausgefunden, warum Frauen im Schnitt länger leben als Männer. Ihren Analysen zufolge könnte das doppelt vorhandene X-Chromosom – das Geschlechtschromosom – eine Rolle dafür spielen. Denn bei über 200 Tierarten gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem genetischen Merkmal und der Lebenserwartung. Immer wird das sogenannte homogametische Geschlecht älter. Dies bestätigt erstmals eine schon länger diskutierte Hypothese. 

Die Lebenserwartung hängt auch vom Geschlecht ab: Nicht nur beim Menschen, auch bei einigen anderen Säugetieren sind die Frauen in diesem Zusammenhang im Vorteil. Sie werden meist älter als ihre männlichen Artgenossen. Bei Vögeln ist dies dagegen anders herum – bei ihnen sind die Männchen langlebiger. Was steckt dahinter?

Doppelt hält besser

Einer gängigen Hypothese nach könnten die Unterschiede in den Geschlechtschromosomen verantwortlich für dieses merkwürdige Phänomen sein. Während männliche Individuen bei Säugetieren ein X- und ein im Vergleich verkümmertes Y-Chromosom besitzen, verfügt das weibliche Geschlecht über zwei X-Chromosomen. Bei Vögeln sind die Männchen homogametisch: Sie verfügen über zwei Z-Chromosomen.

Genau dieses doppelte Vorhandensein des „starken“ Chromosoms könnte der entscheidende Vorteil sein. Denn damit sind wichtige Erbfaktoren in zweifacher Ausführung vorhanden. Befinden sich auf einem Chromosom krankmachende Mutationen, kann dies in vielen Fällen durch die gesunde zweite Variante ausgeglichen werden. Mit nur einem X- oder Z-Chromosom besteht diese Möglichkeit nicht. „Dies führt der Annahme zufolge zu einer verringerten Lebenserwartung beim heterogametischen Geschlecht“, erklären Forscher um Zoe Xirocostas von der University of New South Wales in Sydney.

Höhere Lebenserwartung

Doch was ist dran an dieser Theorie? Um dies herauszufinden, haben Xirocostas und ihre Kollegen nun die Lebenserwartung von insgesamt 229 Tierarten aus 99 Familien, 38 Ordnungen und acht Klassen untersucht. Dafür sammelten sie Daten aus wissenschaftlichen Artikeln, Büchern und Datenbanken. Denn stimmt die Annahme, dürfte sich der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Lebenserwartung nicht nur bei manchen Säugetieren und Vögeln zeigen. Er müsste stattdessen bei allen Lebewesen mit unterschiedlichen Geschlechtern zu beobachten sein.

Tatsächlich enthüllten die Auswertungen: Das homogametische Geschlecht mit zwei gleichen Chromosomen lebt im Schnitt 17,6 Prozent länger. „Unsere Ergebnisse belegen, dass das heterogametische Geschlecht quer durch das Tierreich eine deutlich kürzere Lebenserwartung hat. Das bedeutet: Die Chromosomenmorphologie scheint eine bedeutende Rolle für dieses Schlüsselmerkmal zu spielen“, berichten die Wissenschaftler.

Weibchen haben Glück

Ein weiteres spannendes Ergebnis: Der Vorteil des Geschlechts mit dem doppelten Chromosom ist nicht immer gleich groß, sondern zusätzlich vom Geschlecht abhängig. Sind Männchen heterogametisch, haben sie eine rund 20,9 Prozent geringere Lebenserwartung als ihre weiblichen Artgenossen. Haben dagegen die Damen zwei unterschiedliche Chromosomen, sterben sie nur 7,1 Prozent früher, wie die Analysen ergaben – ihnen schadet der genetische Nachteil offenbar weniger.

Nach Ansicht der Forscher kommen dafür drei mögliche Erklärungen infrage: Zum einen könnte es sein, dass das Y-Chromosom bei den Tierarten mit männlicher Heterogametie stärker verkümmert ist. Zum anderen wirkt sich womöglich das weibliche Geschlechtshormon Östrogen positiv aus. So ist bekannt, dass Östrogen die Expression der Telomerase stimuliert. Dieses Enzym bildet die Chromosomenkappen, die das darunterliegende Erbgut von schädlichen Einflüssen abschirmen.

Sexueller Wettbewerb als Nachteil?

Der dritte Erklärungsansatz für den Nachteil der Männer hängt mit dem sexuellen Wettbewerb zusammen. Wie Xirocostas und ihre Kollegen erklären, gehen Männchen im Vergleich zu Weibchen mehr Risiken ein, um eine Gelegenheit zur Fortpflanzung wahrnehmen zu können – bei vielen Arten kommt es zum Beispiel zu Kämpfen zwischen konkurrierenden Männchen.

„Eine höhere Mortalität aufgrund von Nebeneffekten der sexuellen Selektion könnte in Kombination mit dem Einfluss der Chromosomen erklären, warum der Lebensspanne-Unterschied zwischen heterogametischen Weibchen und homogametischen Männchen geringer ist als zwischen heterogametischen Männchen und homogametischen Weibchen“, erläutert das Team.

„Wichtiger Schritt

Alles in allem enthüllen die Ergebnisse einen spannenden Einflussfaktor auf die Lebenserwartung – und liefern damit wertvolles Wissen. „Es gibt eine Multimilliarden-Dollar-Industrie, die die menschliche Lebensspanne verlängern will. Doch es bestehen noch immer erhebliche Wissenslücken“, konstatieren die Wissenschaftler.

Welche biologischen Prozesse bestimmen die Lebenserwartung? Und welche Faktoren tragen zu einem langen Leben bei unterschiedlichen Geschlechtern und Spezies bei? „Unsere Befunde bedeuten einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Entschlüsselung der Mechanismen, die die Langlebigkeit beeinflussen. Dies könnte auf lange Sicht Möglichkeiten eröffnen, das Leben zu verlängern. Hoffen wir, dass noch zu unserer Lebenszeit weitere Antworten gefunden werden“, schließt das Team. (Biology Letters, 2020; doi: 10.1098/rsbl.2019.0867)

Quelle: Royal Society