aus nzz.ch, 4. 6. 2
Die Zukunft ist weiblich
Vor siebzig Jahren wäre sie überglücklich gewesen. Damals, als Buben noch als Stammhalter galten, weil so der Besitz in der Familie blieb. Das ist in vielen Kulturen noch immer so. Eine Hebamme hat mir erzählt, wie freudlos die muslimischen Eltern waren, deren Tochter sie auf die Welt half. In westlichen Gesellschaften hat sich das geändert. Viele Eltern würden sich heute für ein Mädchen entscheiden, wenn sie das Geschlecht wählen könnten.
Darauf verweist auch die Statistik: Viele Paare belassen es bei einer Tochter und wollen keine weiteren Kinder. Was hat zu diesem Wandel geführt? Ist die Zukunft wirklich weiblich, nimmt man mit Töchtern daran teil. Mädchen sind angepasster. Mädchen schneiden besser ab in der Schule. Sie gehen studieren. Wird eine gute Stelle frei, erhält sie heute die Frau und nicht der Mann; Diversität als Gebot. Auch wird das Mannsein medial gerade nicht besonders bewor-ben.
Führt dies zur Bevorzugung des einen Geschlechts, so ist das kein Grund zur Freude. In Indi-en oder China werden weibliche Föten abgetrieben, weshalb es einen Überschuss an Männern gibt. Wenn chinesische Familien, wie soeben vom Politbüro in Peking verkündet, neu drei Kinder haben dürfen, sind vielleicht auch Mädchen willkommener.
Trend zu Family-Balancing
Die Chinesen lernen nun aber auch eine neue Form von Enttäuschung kennen, wie sie bei uns verbreitet ist. Sind nämlich bereits Kinder da, kann sich der Wunsch nach einem bestimmten Geschlecht noch verstärken. Das gemischte Doppel, Mädchen und Knabe, bleibt ein Ideal, und das gilt auch bei drei und mehr Kindern.
Family-Balancing nennt sich das: Warum zwei, drei oder vier vom Gleichen, wenn es abwechslungsreicher ginge? Man sieht kinderreichen Familien an, wie sehr sie sich um Ausgewogenheit bemühen. Vermutlich bekamen David und Victoria Beckham nach drei Knaben nur deshalb ein viertes Kind. «It’s a girl!», konnten sie dann tatsächlich verkünden.
Gut möglich, dass die Reproduktionsmedizin irgendwann auch die Enttäuschung über ein «falsches» Geschlecht nicht mehr zulässt. Noch ist es bei uns verboten, ein Kind nach Geschlecht auszuwählen. In den USA passiert das bereits. Werdende Eltern sprechen das Thema bei einer In-vitro-Befruchtung vermehrt an und lassen durchblicken, dass sie eine Bestellung aufgeben würden, wenn sie dürften.
Vielleicht nennt man sie dereinst mutig, die Familien mit drei, vier oder fünf Kindern vom gleichen Geschlecht. Sie strahlen aus: Man muss nicht jede Erfahrung gemacht haben. Jedes Kind ist einzigartig. Als Prinz Carl Philip von Schweden und seine Frau Sofia kürzlich Eltern eines dritten Sohnes wurden, sahen manche darin wohl einen Makel eines sonst so perfekten Paars. Sie werteten das Kind aufgrund seines Geschlechts ab.
Überlassen Eltern das Geschlecht nicht mehr dem Zufall, wird ihre Enttäuschung noch viel grösser ausfallen. Was, wenn die Bloggerin eine Tochter bekommen hätte und diese all das nicht gewesen wäre, was sich die Mutter vorstellte? Nicht niedlich, keine Verbündete? Der Ultraschall hat nicht nur das Geschlecht ihres Kindes enthüllt, sondern auch ihren Sexismus.
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