Freitag, 22. April 2022

Das verflixte erstemal.

Canova, Amor und Psyche
aus spektrum.de, 22. 4. 2022

Sex in der Pubertät
Wie Jugendliche ihr erstes Mal erleben
Für die Mehrheit ist der erste Sex eine schöne Erfahrung. Aber nicht für alle. Und viele wollen lieber warten: In Deutschland ebenso wie in den USA haben die meisten jungen Leute mit 16 noch keinen Geschlechtsverkehr.


von Stefanie Uhrig

In der Studie der BZgA gaben etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen an, länger warten zu wollen, um den richtigen Partner oder die richtige Partnerin zu finden. Andere halten sich selbst noch für zu jung oder sind zu schüchtern, um die entsprechenden Schritte zu unternehmen. Das zeigt, dass sich viele durchaus Gedanken um das erste Mal machen und sehr überlegt damit umgehen.

Das muss allerdings nicht so sein. Nora, auch ihr Name ist geändert, war knapp 16 Jahre alt, als ihr damaliger Freund sie überredete. »Es war so unromantisch, wie man es sich nur vorstellen kann«, erinnert sie sich. »Im Nachhinein bereue ich es, ich hätte länger warten sollen. Hinterher habe ich geweint.« Die vielen kleinen Andeutungen ihres erfahreneren Freundes hatten sie glauben lassen, sie wäre bereit – drei Jahre später blickt sie zurück und weiß es besser.

»Manche denken dann: Ich bin schon 16, jetzt muss ich das erste Mal hinter mich bringen«  Sabine Radestock, Psychologin und Familienberaterin

Druck von außen und auch von sich selbst spielt oft eine Rolle, wenn Jugendliche sich zu früh auf den Geschlechtsverkehr einlassen. Besonders die Freundinnen und Freunde beeinflussen die Entscheidung: Haben viele von ihnen schon früh Sex, kann das innerhalb der Gruppe zur Norm werden. So entsteht eine Erwartungshaltung, sagt die promovierte Psychologin und Psychotherapeutin Sabine Radestock, die in ihrer Mannheimer Praxis unter anderem Jugendliche und ihre Familien berät. »Manche denken dann: Ich bin schon 16, jetzt muss ich das erste Mal hinter mich bringen.«

Wie stark sich die Gruppennorm auswirkt, ist individuell verschieden. 2016 untersuchte eine Forschungsgruppe, wie sich Jugendliche in ihren Einstellungen zu Sexualität von Gleichaltrigen beeinflussen lassen. Die 300 Jungen und Mädchen, im Mittel knapp 13 Jahre alt, wurden unter anderem mit fiktiven Szenarien konfrontiert: Wären sie zu riskantem Verhalten bereit, etwa zu Sex mit einem unbekannten Schüler oder einer unbekannten Schülerin? Im Anschluss daran simulierten die Forschenden einen Chat-Raum. Sie ließen die Teilnehmenden glauben, sie würden dort mit Gleichaltrigen sprechen – und diese äußerten sich etwas risikofreudiger als die Befragten selbst.

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Fast 80 Prozent der Jugendlichen machten daraufhin im Chat ebenfalls Aussagen, die auf erhöhte Risikobereitschaft schließen ließen. Im Umkehrschluss war also etwa ein Fünftel immun gegen den Einfluss der Gruppe. Im Übrigen scheint das Geschlecht eine Rolle zu spielen: Jungen ließen sich beim Thema Sex leichter von Gleichaltrigen lenken.

Natürlich ist diese Situation recht theoretisch. Ob die Jugendlichen tatsächlich so handeln würden, wie sie es im Chat schrieben, ist unklar. Andererseits haben Bekannte wahrscheinlich mehr Einfluss als Unbekannte in einem Chat. Die Studie legt jedenfalls nahe, dass sich viele, aber nicht alle Jugendlichen von Gleichaltrigen beeinflussen lassen.

Das bedeutet umgekehrt auch, dass ein verständnisvoller und offener Freundeskreis positiv auf das Verhalten einwirken kann. Diese Erfahrung machte Finn; auch sein Name ist geändert. Der 16-Jährige begann mit etwa zwölf Jahren, sich mit seinen Freunden auszutauschen – anfangs mit viel Gekicher, später in ernsthafteren Gesprächen. Sein erstes Mal hatte Finn mit 14 Jahren. Druck verspürte er nicht, aber so richtig genießen konnte er den Moment trotzdem nicht. »Es hat sich eher komisch angefühlt«, sagt Finn. »Mit meiner späteren Freundin war es dann anders, weil wir auch darüber sprechen konnten, was wir mögen.«

Verhütung: Für die meisten eine Selbstverständlichkeit

Über Verhütung machen sich die meisten Jugendlichen bereits Gedanken, bevor sie sich auf den ersten Geschlechtsverkehr einlassen. Finn, Nora, Laura und Max waren alle vorbereitet. Weniger als zehn Prozent gaben in der jüngsten Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an, beim ersten Mal nicht verhütet zu haben – etwa, weil es spontan dazu kam oder weil sie davon ausgingen, dass schon nichts passieren würde. Unter den Jungen hatte nach eigenen Angaben mehr als jeder Zehnte (11 Prozent) nicht verhütet; unter den Mädchen nur halb so viele (5 Prozent).

Das Mittel der Wahl ist beim ersten Mal das Kondom. Im Lauf einer Partnerschaft bevorzugen viele dann eher die Pille. »Die Mädchen, die zu mir in die Praxis kommen, sind in der Regel sehr gut über Verhütungsmöglichkeiten informiert«, sagt die Frauenärztin Erika Ober. »Natürlich gibt es auch Falschwissen, aber das kann ich ja korrigieren.« Mit Fragen kommen die Mädchen oder jungen Frauen vor allem dann zu der Frauenärztin, wenn es Probleme gibt, wie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Denn selbst mit dem richtigen Partner oder der richtigen Partnerin und entsprechender Vorbereitung läuft nicht immer alles so, wie es sich die Paare vorstellen. Gründe kann es viele geben, beispielsweise eine zu enge Vagina bei Mädchen oder eine Vorhautverengung bei Jungen.

2001 gaben nur etwa drei Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Jungen an, online danach zu suchen. 13 Jahre später waren es bereits 39 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Jungen. Die Informationsquellen sind vielfältig: Websites von klassischen Medien, Gesundheits- und Aufklärungsportale, Ratgeber und Foren, Wikipedia, die sozialen Medien und Apps.

Dazu kommen Pornografie-Portale. Hier können sich Jugendliche mögliche Praktiken detailliert angucken – was vollkommen harmlos sein kann. Doch das Surfen auf solchen Seiten birgt auch Risiken, allen voran den Anblick von Gewalt- und Kinderpornografie. Und nicht nur das: Die teils unrealistischen Darstellungen schüren überzogene Erwartungen, sagt die Verhaltenstherapeutin Sabine Radestock. »Das kann zu einer Art Erregungssucht werden. Die Filme müssen immer verrückter und aufregender sein, und die Realität kann da nicht mithalten.«

Die Eltern: Gespräche anbieten, aber nicht aufzwingen

Eltern haben die Aufgabe, vor möglichen Gefahren zu warnen. Solche Gespräche sind allerdings nicht immer leicht und manchmal schlicht nicht erwünscht. Während Finn mit seinen Eltern gelassen über alles sprechen kann und dafür sehr dankbar ist, wäre Nora eine solche Konversation eher unrecht. Sie glaubt zwar, dass ihre Eltern sich Mühe geben würden, aber sie fühlt sich auch so gut informiert und möchte sich selbst und den Eltern ein unangenehmes Gespräch ersparen.

Auch in einer Frauenarzt-Praxis sei das nicht immer einfach, berichtet Erika Ober: »Mädchen kommen oft mit ihren Müttern. Wenn ich merke, dass sie vor ihnen nicht über das Thema Geschlechtsverkehr sprechen möchten, mache ich das lieber zu einem anderen Zeitpunkt mit den Mädchen allein.«

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Die Psychologin und Familienberaterin Sabine Radestock sieht es positiv, dass viele Eltern immer offener mit dem Thema umgehen. »Und wenn das nicht gut klappt, gibt es sehr gute Angebote, etwa von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.« Was Eltern vermeiden sollten: ihren Kindern Angst zu machen.

Die BZgA schlägt behutsame Gesprächsangebote seitens der Eltern zu Verhütung und sexuell übertragbaren Krankheiten zwar als sinnvolle Maßnahme vor. Aber aufzwingen sollten sie die Gespräche nicht, sondern die Privatsphäre der Jugendlichen respektieren. Lauras Mutter etwa warnte immer wieder eindringlich vor einer ungewollten Schwangerschaft – dabei hatte sich Laura längst um die Verhütung gekümmert. Auf die ständigen Predigten hätte sie gerne verzichtet.

Die Botschaft: Auch sicherer Sex kann toll sein

Ein Aspekt, der sowohl von Eltern als auch in der schulischen Aufklärung oft vergessen wird, ist die Lust am Sex. Dabei ist sie für die Jugendlichen ein wichtiger Teil der Erfahrung. Eine Untersuchung von 2022 legt beispielsweise nahe, bei der Aufklärung über HIV und Geschlechtskrankheiten die schönen Seiten von Safer Sex hervorzuheben, zum Beispiel wie erotisch es sein kann, Kondome zu gebrauchen. Auch sicherer Sex kann toll sein, so lautet die Botschaft.

Das Wichtigste, was Eltern für ihre Kinder tun können, sei eher allgemeiner Natur, sagt Psychologin Sabine Radestock: »Kinder müssen in dem Wissen aufwachsen, dass sie Fragen stellen können.« Auch wenn die Eltern nicht mit allem einverstanden sind, was ihre Kinder tun, sollten sie ihnen Selbstbewusstsein vermitteln. Das funktioniert, indem sie ihnen das Gefühl geben, so akzeptiert zu werden, wie sie sind. Denn damit geben sie ihnen auch die Stärke zu sagen: »Ich bin mir unsicher, also möchte ich noch warten.«


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Nota. - Das finden Sie trivial?  Ich auch. Aber ich gehöre zu der Generation, die sich, als sie noch jung war, nichts Wichtigeres auf dem Erdenrund vorstellen konnte; außer vielleicht der Weltrevolution. Die sexuelle Revolution, so sagte man damals, war eine Art Vorgeschmack auf etwas viel Größeres, das da kommen sollte. Aber dann doch nicht gekommen ist: Rücklickend erscheint sie selber als was viel Kleineres. Und sehen Sie: Darum finden wir das trivial. Von nah besehen wirkt sie viel unbedeutender als von Weitem.
JE


Dienstag, 15. März 2022

Self-fulfilling prophecy?

Degas, Junge Spartaner
aus derStandard.at, 10. 3. 2022

Weniger Mädchen als Buben halten sich für talentiert

Die Ursache wird in einem geschlechterspezifischen Talent-Stereotyp vermutet. Die OECD veröffentlichte die Ergebnisse einer Studie aus 2018

Paris – 15-jährige Mädchen glauben im Schnitt weniger an die eigenen Talente als gleichaltrige Burschen. Das ergab eine spezielle Auswertung der internationalen Pisa-Studie von 2018, für die mehr als 500.000 Schülerinnen und Schüler in 72 Ländern befragt worden waren. Die Unterschiede sind umso größer, je höher der wirtschaftliche Entwicklungsstatus eines Landes ist und je besser die Leistungen der befragten Schüler sind, ergab die Studie.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt üblicherweise im dreijährigen Rhythmus die Pisa-Studien durch. Der internationale Vergleich von Schülern umfasst die 38 OECD-Staaten sowie 34 weitere Länder. Neben den Fähigkeiten in Mathematik, in Naturwissenschaften und beim Lesen werden durch die Zustimmung zu bestimmten Aussagen auch Einstellungen der Schüler erfasst. 2018 lautete eine dieser Aussagen: "Wenn ich versage, habe ich Angst, dass ich vielleicht nicht genug Talent habe." Auf alle Befragten bezogen, stimmten 47 Prozent der Buben und 61 Prozent der Mädchen dieser Aussage zu, wie Clotilde Napp von der Universität Paris-Dauphine und Thomas Breda von der Paris School of Economics anlässlich der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse im Journal "Science Advances" nun mitteilten.

Weniger Selbstvertrauen

"Der Glaube, dass sie weniger talentiert sind als Buben, kann das Selbstvertrauen von Mädchen beeinträchtigen und dazu führen, dass sie sich selbst schützen und daher herausfordernde Situationen und Chancen vermeiden", schreiben Napp und Breda. Sie führen das Ergebnis auf ein geschlechterspezifisches Talente-Stereotyp zurück: Demnach gelten Burschen in vielen Bereichen, vor allem in Mathematik, als talentierter als Mädchen. Frühere Studien ergaben, dass Eltern ihre Söhne für talentierter halten und dass die meisten Mädchen und Buben einen erwachsenen Mann darstellen, wenn sie eine intelligente Person zeichnen sollen. (APA.)

 

Nota. - Wer auf sdich selbst vertraut, wird es weiter bringen, als wer an sich zweifelt - das ist offenkundig. Ebenso die pädagogische Nutzanwendung: Gehemmte Mädchen muss MAN ermutigen und unternehmungslustige Jungen muss man nicht bremsen.

Die Anschauung bei DSDS lehrt aber auch: Mädchen, die sich maßlos überschätzen, gibt es nicht weniger als ebensolche Jungen. Vielleicht spielt sich aber der Mangel an Selbstvertrauen auf ganz anderen Breiten ab als der Mangel an Selbstkritik?
JE

Donnerstag, 3. März 2022

Erkennen Sie den kleinen Unterschied?


 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 17. Februar 2022

Neues zur Geschichte des Y-Chromosoms.


aus scinexx.de

Hat sich das Y-Chromosom anders entwickelt als gedacht?
Ein neues Modell stellt die klassische Theorie zur Entstehung der Geschlechtschromosomen in Frage

Wie ist das kleine, genarme Y-Chromosom entstanden? Dazu haben Forscher nun eine neue Theorie aufgestellt. Während die gängige Lehrbuchmeinung davon ausgeht, dass sexuelle Selektion der treibende Faktor war, betont das neue Modell die Rolle der Genregulation. Sie könnte bestimmte Merkmale in der Entwicklung der Geschlechtschromosomen besser erklären als die klassische Theorie, wie die Forscher in der Fachzeitschrift „Science“ berichten.

Bei vielen zweigeschlechtlichen Arten hängt das biologische Geschlecht davon ab, ob ein bestimmtes Chromosom vorhanden ist oder nicht. Bei Säugetieren etwa haben Männchen ein X- und ein Y-Chromosom, Weibchen dagegen zwei X-Chromosomen. Im Laufe der Evolution ist das männliche Y-Chromosom dabei immer kleiner geworden und hat fast 90 Prozent seiner Erbinformationen verloren. Auch wenn die Ansicht, das Y-Chromosom würde mit der Zeit aussterben, inzwischen als widerlegt gilt, ist nach wie vor unsicher, wie und warum es sich zu einer degenerierten Form entwickelt hat.


Gängige Theorie und neues Modell im Vergleich.

Lehrbuchtheorie mit Schwächen

Thomas Lenormand von der Universität Montpellier und Denis Roze von der Sorbonne Universität in Paris stellen nun die klassische Lehrbuchtheorie zur Entstehung und Entwicklung des Y-Chromosoms in Frage und postulieren eine neue Theorie. „Laut der bisherigen Theorie entstand das Y-Chromosom, nachdem sich darauf das geschlechtsbestimmende Gen gebildet hat, in drei Schritten“, erklären die Forscher.

Als erstes seien in der Nähe des geschlechtsbestimmenden Gens durch zufällige Mutationen weitere Gene entstanden, die für Männer einen Vorteil darstellen, für Frauen dagegen von Nachteil sind – sogenannte sexuell antagonistische Gene. Die Selektion hätte deshalb Varianten gefördert, in denen die Rekombination, also der Genaustausch, zwischen dem urtümlichen Y-Chromosom und dem urtümlichen X-Chromosom unterdrückt wurde.

Wie es laut Lehrbuch zur Degeneration kam

Im zweiten Schritt sollen sich der gängigen Theorioe zufolge im Y-Chromosom schädliche Mutationen angehäuft haben. Während solche Mutationen beim X-Chromosom schnell wieder verschwinden, da es sich bei Frauen mit einer weiteren Kopie austauschen kann, ist dies beim Y-Chromosom, dem ein Gegenstück für die Rekombination fehlt, nicht der Fall. Die Folge ist eine genetische Degeneration, bei der Gene, die durch Mutationen unbrauchbar geworden sind, mit der Zeit verschwinden.

Durch die Degeneration des Y-Chromosoms ist die Genexpression bei Männern geringer als bei Frauen, was als Ausgleich eine sogenannte Dosiskompensation gefördert hat: Durch Mechanismen der Genregulation wird die Balance wiederhergestellt, indem entweder bei Männern das eine X-Chromosom besonders stark abgelesen wird, oder bei Frauen eines der beiden X-Chromosomen deaktiviert wird.

Entwicklung ohne sexuell antagonistischen Selektionsdruck?

Doch die Grundlage dieser Lehrbuchtheorie steht auf wackeligen Beinen: „Trotz jahrzehntelanger Untersuchungen fehlen entscheidende Beweise für eine kausale Rolle von sexuell antagonistischen Genen bei der Unterbrechung der Rekombination“, schreiben Lenormand und Roze. Außerdem hätten neuere Forschungen gezeigt, dass die Dosiskompensation nicht erst im letzten Schritt auftritt, sondern bereits am Anfang der Entwicklung eine Rolle spielt.

Ihr neues Modell kommt hingegen ohne sexuell antagonistische Gene aus und stellt stattdessen die Genregulation in den Mittelpunkt. Demnach könnte der Austausch zwischen den Vorläufern von X- und Y-Chromosom auch durch zufällig vorkommende Varianten unterbunden werden, ohne einen Selektionsdruck durch sexuell antagonistische Gene. Ebenso wie im klassischen Modell können sich daraufhin auf dem Y-Chromosom Mutationen anhäufen, während Mutationen auf dem X-Chromosom durch den Austausch mit dem Gegenstück schnell wieder ausgemerzt werden.

Genregulation als entscheidender Faktor

Doch wenn der Selektionsdruck fehlt – warum sorgen Rückmutationen nicht dafür, dass doch wieder ein Austausch möglich wird? Laut Lenormand und Roze kommt hier die Genregulation ins Spiel: Auf dem Y-Chromosom werden beschädigte Gene herunterreguliert, um negative Auswirkungen zu minimieren. Das geschieht, indem entsprechende Veränderungen an den regulatorischen Regionen, die ebenfalls auf dem Y-Chromosom liegen, begünstigt werden. Durch positive Feedback-Schleifen wird dieser Prozess verstärkt.

Als Ausgleich dafür übernehmen andere, autosomale Chromosomen einen Teil der Kontrolle: Damit die Genaktivität nicht zu gering wird, kurbeln sie das Auslesen bestimmter Gene auf dem Y-Chromosom an. Das jedoch bringt das Y-Chromosom in eine evolutionäre Sackgasse: Wenn nun das Chromosom wieder Genvarianten entwickelt, die einen Austausch mit dem X-Chromosom fördern, dann könnte dies zu einer Überaktivität führen – weil nun sowohl das Y-Chromosom selbst als auch die externen Faktoren ein Ablesen verstärken.

Umgekehrte Kausalität

„Unser Modell kehrt auch die von früheren Theorien vorgeschlagene Kausalität um, indem es zeigt, dass die Dosiskompensation die Unterdrückung der Rekombination verursachen kann, anstatt eine Folge der Degeneration nach einer solchen Unterdrückung zu sein“, fassen die Autoren zusammen.

In einem Kommentar zu der neuen Theorie, der ebenfalls in der Fachzeitschrift Science erschienen ist, schreiben Pavitra Muralidhar und Carl Veller von der University of California in Davis: Die kommenden Jahre werden für die Biologie der Geschlechtschromosomen aufregend sein, da die vollen theoretischen Implikationen des Modells von Lenormand und Roze herausgearbeitet werden.“ An empirischen Modellen, in denen die Entwicklung von Geschlechtschromosomen nachverfolgt werden können, müsse die neue Theorie geprüft werden. (Science, 2022, doi: 10.1126/science.abj1813)

Quelle: American Association for the Advancement of Science (AAAS)

Dienstag, 25. Januar 2022

Mut ist genderspezifisch.

stern

aus derStandard.at, 25. 1. 2022

Warum Frauen vorsichtiger mit Geld umgehen als Männer
Auch bei Geld und Finanzen bestehen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Im Alltag bewährt sich der risikoscheue Zugang von Frauen, Nachteile bringt er in der Veranlagung

Über die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind wohl unzählige Bücher geschrieben worden. Auch wenn es sich um Geld dreht, haben Frauen oft einen anderen Blick auf die Dinge als männliche Zeitgenossen. Das offenbaren auch Umfragen zu dem Thema, etwa die Studie "Frauen und Finanzen" vom Bankenverband und der Bawag, die auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie untersucht hat. Das Ergebnis ist symptomatisch für das unterschiedliche Finanzverhalten. So gehen vor allem Frauen vorsichtiger mit Geld um, sparen also mehr, gehen aber bei der Veranlagung Risiken noch stärker aus dem Weg.

Was aus dieser Studie jedoch nicht hervorgeht, sind die Ursachen für die unterschiedlichen Zugänge von Männern und Frauen. Damit hat sich Bettina Fuhrmann, die an der WU Wien das Institut für Wirtschaftspädagogik leitet, intensiv beschäftigt – und sie sieht vor allem zwei Ursachen, nämlich geringeres Finanzwissen als bei Männern und weniger Selbstbewusstsein.

Weniger Finanzbildung

Fuhrmann berichtet von Untersuchungen, die Frauen weniger Know-how über Geld und Finanzen attestieren. "Meistens sind die Unterschiede im Finanzwissen signifikant, die Ergebnisse sind überfällig. Es gibt tatsächlich einen systematischen Wissensunterschied zwischen den Geschlechtern", sagt sie – und schränkt den Befund insofern ein, als dass es sich bei solchen Befragungen oft um Multiple-Choice-Tests handle, bei denen Männer generell besser abschneiden. Warum? Weil sie sich bei Nichtwissen der richtigen Antwort eher trauen, einfach zu raten.

Denn in diesem Punkt gilt ebenso wie bei der Geldanlage: Frauen sind weniger dazu bereit, etwas zu riskieren – und womöglich auf das falsche Pferd zu setzen. "Es geht darum, das Selbstbewusstsein von Frauen zu stärken und sie zu befähigen, bewusst mit Risiken umzugehen", sagt Fuhrmann. "Natürlich kann man nichts gewinnen, wenn man auf der anderen Seite nicht auch etwas verlieren kann, aber es gibt ein Nehmen von Risiko, das nichts mit Zocken zu tun hat." Denn Sicherheitsvarianten wie das Sparbuch werfen keine Zinsen mehr ab, die Inflation erodiert die Kaufkraft des Ersparten.

Mutigere Berufswahl

Mutiger und selbstbewusster sollten Mädchen Fuhrmann zufolge bereits bei der Berufswahl sein. Sie würden vor allem drei Lehrberufe, nämlich Büro- und Einzelhandelskauffrau sowie Friseurin, wählen, die jedoch kein hohes Einkommen versprechen. "Es ist unwahrscheinlich, dass die Interessen und Begabungen von Mädchen weniger breit gefächert sind als jene von Burschen", sagt die WU-Expertin dazu. Es geht also auch darum, aus bekannten Geschlechterrollen auszubrechen.

Dies ist allerdings ein weiter Weg, denn bei der Studie des Bankenverbands und der Bawag fällt auf, dass junge Frauen zumeist die Mutter als wichtigste Ratgeberin in Finanzfragen angeben, während sich Männer meist an den Vater wenden. Durch diese Feedbackschleife werden jedoch tendenziell geschlechterspezifische Verhaltensmuster an die nächste Generation weitergereicht.

Corona verfestigt Muster

Was abgesehen von der Veranlagung für Frauen durchaus vom Vorteil sein sollte, denn: "Frauen gehen durchschnittlich gesehen sorgfältiger mit Geld um", betont Fuhrmann. Die Folge: Sie tappen seltener in Schuldenfallen als Männer und sind weniger oft überschuldet. Zudem hat die Corona-Krise dieses Verhaltensmuster verfestigt, geht aus der Studie hervor: Deutlich mehr Frauen als Männer gaben an, wegen der Pandemie umsichtiger als zuvor mit Geld umzugehen.

Generell scheint bei jungen Frauen der Umfrage zufolge das Interesse an Finanzwissen zu steigen, wobei junge allerdings pessimistischer sind als ältere. Dazu hat wohl auch die anhaltende Nullzinsphase beigetragen, denn wie früher mit dem Sparbuch einen Kapitalstock aufzubauen, geht nun nicht mehr. Dazu kommen die enorm gestiegenen Immobilienpreise. "Wohneigentum zu schaffen ist für junge Menschen kaum mehr finanziell bewältigbar, ohne dass sie sich bis zur Haarwurzel verschulden. Umso wichtiger ist es, dass sie sich mit finanziellen Fragen auskennen."

Dazu ist für Fuhrmann die Schule der wichtigste Ansatzpunkt, um die Finanzbildung künftiger Generationen zu heben. Denn Know-how über Geld und Finanzen wird bisher zumeist in Familien vererbt – daher kann der Wirtschaftsuniversität-Wien-Expertin zufolge eine verstärkte Integration in den Lehrplan auch die Ungleichheit in Österreich in Zukunft verringern. 

 

Nota. - Männer sind nicht einfach mutiger als Frauen, sondern abenteuerlustiger - weil sie verspielter sind; denn sie stehen den Kindern noch oder wieder näher als jene. Sinds die Gene, sinds die Hormone, isses die Kultur? Stelle anheim.

JE

Montag, 17. Januar 2022

Popanz § 219a.

...und meine Leibesfrucht erst recht.

aus Tagesspiegel.de, 17. 1. 2022

Werbeverbot für Abtreibung wird gestrichen Paragraf 219a Strafgesetzbuch ist nicht der Skandal, zu dem er gemacht wird 
Der Schwangerschaftsabbruch wird aus gutem Grund im Strafgesetz geregelt, das Werbeverbot auch. Das Konzept dahinter hat sich als tauglich erwiesen. Ein Kommentar 

von

Bald soll das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche fallen. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) hat am Montag einen Referentenentwurf mit der Streichung des umstrittenen Paragrafen 219a Strafgesetzbuch auf den Weg gebracht; die Koalition hatte es so verabredet.

Unter den Ampelpartnern gilt die Vorschrift als unzeitgemäß, weil sie sachliche Informationen über Abtreibungsangebote angeblich behindert. Viele Frauenpolitiker beklagen den Zustand schon lange, weil sie das Werbeverbot als fortgesetzte Entmündigung empfinden, in die Schwangere durch den Abtreibungsparagrafen 218 ohnehin hineingezwungen würden. Aus ihrer Sicht ist die gegenwärtige Rechtslage ein unzulässiger Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht, letztlich: ein Skandal, der Anlass zur Empörung gibt ebenso wie das unsägliche Auftreten von Abtreibungsgegnern vor Arztpraxen oder das Bestreben mancher US-Bundesstaaten, Schwangerschaftsabbruch bis zur Unmöglichkeit zu erschweren.

Wer sich informieren will, kann es. Besser denn je

Wer dieses Szenario für plausibel hält, wird die Abschaffung von Paragraf 219a als wichtigen ersten Schritt betrachten. Es sollten aber weitere Perspektiven erlaubt sein. So war es wohl noch nie so einfach wie heute, sich über Möglichkeiten und Methoden eines Schwangerschaftsabbruchs zu informieren und mit Stellen in Kontakt zu kommen, die ihn durchführen. Es ist in der Bundesrepublik keine Schwangere bekannt geworden, die infolge eines Mangels daran oder wegen des Werbeverbots ein Kind austragen musste. Ein ausreichendes medizinisches Angebot vorzuhalten, ist gesetzliche Pflicht. Der auf politischer Ebene ausgefochtene Kampf um das Selbstbestimmungsrecht schrumpft in der Lebenswirklichkeit Betroffener auf die obligatorische Beratung zusammen. Alles in allem kann sich jede Frau in den ersten Schwangerschaftswochen frei entscheiden, diese medizinisch versorgt und rechtlich gesichert zu beenden. Wäre es anders, wäre es in der Tat ein Skandal.

Der ungeliebte und unter der großen Koalition bereits reformierte Paragraf 219a war bisher Teil eines Schutzkonzepts, das aufgrund der Zuschreibung eines Embryos als „Leben“ noch immer im Strafgesetzbuch seinen Platz hat. Für eine solche Straftat, auch wenn sie ausnahmsweise und unter bestimmten Bedingung erlaubt ist, sollte nicht ohne Weiteres geworben werden dürfen, so der Gedanke. Er folgt einer Logik, die das Bundesverfassungsgericht vor Jahrzehnten als verbindlich statuiert hat: Auch ungeborenes Leben steht demnach unter dem Schutz der staatlichen Gemeinschaft.

Im sich anbahnenden Kulturkampf könnten die ungewollt Schwangeren die Verliererinnen sein

Ob es überfällig ist, sich von diesen Kategorien zu lösen, scheint angesichts der Diskussionen in den USA und Europa fraglich. Der geltende, gewiss sowohl juristisch wie moralisch und politisch angreifbare Kompromiss hat es immerhin geschafft, dass der Abbruch einer Schwangerschaft heute gesellschaftlich weithin akzeptiert ist, ohne die an ihm ebenso zulässige Fundamentalkritik aus dem Diskurs auszuschließen. Dass er von Schwangeren Unzumutbares verlangt, ist nicht ersichtlich. Zugleich sind die Zahlen in etwa stabil. Würde es nicht angesichts der menschlichen Nöte der Beteiligten gefühllos klingen, man könnte von einem Erfolgsmodell sprechen.

Natürlich kann man nach neuen Modellen suchen. Aber sind sie so gut wie das alte? Lohnen sich neue Konflikte? Im sich anbahnenden Kulturkampf könnten die ungewollt Schwangeren die Verliererinnen sein. Das darf nicht passieren.

 

Nota. - Vor vierzig, fünfzig Ja hren war ungewollte Schwangerschaft ein soziales und war der § 218 ein Klassenproblem. Nämlich keines für Mädchen aus gebildetem, aufgeklärt liberalem und gut vernetztem Milieu, sondern für die Minderbemittelten. Wer heute ungewollt schwan-ger wird, hat dagegen bloß nicht achtgegeben. Es ist wirklich übertrieben, aus dem Nichtacht-geben ein Menschenrecht zu machen, für das die Solidarität Anderer in Anspruch genommen wird.

JE

Samstag, 15. Januar 2022

Von wegen Samenkrise: Wir erleben den Untergang der Frau.


aus nzz.ch, 15. 1. 2022

«Das Wesen, das menstruiert»
Die Frau verschwindet im politisch korrekten Newspeak
Auch Männer können Frauen werden. Aber sind sie dann wirklich Frauen? Ja, sagen Transgender-Aktivisten. Und was bleibt der Frau, wenn alle Frau sein können, die Frau sein wollen?
 
von Sarah Pines

Bleiben von der Frau nur ein paar Tropfen Blut? In England und den USA wird, unter Druck des Transgender-Aktivismus und befeuert von «progressiven» Männern, die Kategorie «Frau» auf Formularen oder im öffentlichen Diskurs zunehmend durch den Begriff «menstruierende Person» ersetzt. «Breast-feeding» heisst «chest-feeding», auf Geburtenstationen liegt nicht mehr «die Mutter von», sondern «das Elternteil von».

Frausein und Weiblichkeit, so die Logik hinter den neuen Formulierungen, ist nicht biologisch, sondern sozial konstruiert. Die Bezeichnung «Frau» nur für Frauen offenzuhalten, die als solche geboren wurden, sei deshalb potenziell diskriminierend. Befürworter des Begriffs «menstruierende Person» fordern kompromisslose politische und inklusive Korrektheit im Hinblick auf die Trans-Community, zum Schutz der Individualität und der Gefühle des Einzelnen. Weil es aber biologische Gegebenheiten gibt, um die man nicht herumkommt, bleibt der Frau am Ende nur noch die Menstruation als Kennzeichen ihrer Identität.

Es tobt ein Streit zwischen Transaktivisten und Feministinnen. Frauen, die an der weiblichen Biologie von Transfrauen zweifeln, Bezeichnungen wie «menstruierende Person» ablehnen, werden als bigotte Faschisten bezeichnet, abschätzig «Terf» genannt («trans-exclusionary radical feminists»). Auf der anderen Seite heisst es: Die «Frau» sei kein mit inklusiven Parolen bedrucktes Zelt, in dem alle, aber auch wirklich alle willkommen seien, die meinen, «Frau» zu sein – ausser den Frauen selbst.

Frauen, die Männer sind

Frauen seien, genauso wie Männer, komplexe Gewebe aus sozialen und biologischen Gegebenheiten, betonen Feministinnen. Das Gesetz mache keine Aussagen zu biologischen Fakten, es lege also nicht fest, ob eine Transfrau «wirklich» eine Frau sei. Deshalb seien Transfrauen biologisch immer noch Männer. Das alte Patriarchat mit dem Mann an der Spitze habe die Frau unsichtbar gemacht, nun komme das neue Patriarchat in Frauenkleidern. Mit «Frauen», die nie reale weibliche Erfahrungen gemacht haben: die Panik nach dem Vergessen der Pille, die Angst vor Vergewaltigung, Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz und so weiter.

Die Reduktion der biologischen Frau auf die Periode, so der Tenor, sei ein undemokratischer, sexistischer und frauenfeindlicher Eingriff in Persönlichkeitsrechte, das Ende der Geschichte der Befreiung von patriarchalen Strukturen, der Beginn einer modernen Hexenjagd auf als Frau geborene Frauen, die sich exklusiv «Frauen» nennen möchten.

Frausein sei kein Kostüm, schrieb die «Harry Potter»-Autorin J. K. Rowling. Nachdem sie für ihre Kritik am Begriff der «menstruierenden Person» ins Kreuzfeuer des Transgenderaktivismus geraten ist, wird sie gecancelt: «Viele Frauen empfinden die ‹inklusive› Sprache, in der weibliche Personen als ‹Menstruierende› oder ‹Menschen mit Vulva› bezeichnet werden, als entmenschlichend und erniedrigend... Für Frauen ist diese Sprache nicht neutral, sondern feindselig und entfremdend.»

Was Frauen zu Frauen macht

Auch die britische Philosophin Kathleen Stock, die vergangenes Jahr nach Protesten gegen ihre Aussagen zur biologischen Geschlechterdifferenz ihre Professur niederlegen musste, verwies auf die symbolische Enteignung der Frau durch einen letztlich chauvinistisch agierenden Transgenderaktivismus: «Für viele Transaktivisten», schrieb sie, «sind Transfrauen im wörtlichen Sinn Frauen, und wenn sie Kinder haben, können sie auch Mütter sein. Haben sie Partnerinnen, können sie lesbisch sein, sie können auch Opfer von Frauenhass sein und so weiter. Nacheinander fallen die Begriffe, mit denen Frauen sich beschreiben, dahin wie Dominosteine.»

Nicht nur treibt die Bezeichnung der Frau als «menstruierende Person» einen unnötigen Keil zwischen Frauen und die Transgemeinde. Die Reduktion der Frau auf ihre Periode interpretiert die Gedanken Judith Butlers fehl, der Vordenkerin der Geschlechtertheorie, die doch eigentlich zur Legitimation der neuen Begrifflichkeit herbeigezogen wird. Was macht in westlichen Gesellschaften Frauen zu Frauen, Männer zu Männern? Seit dem Erscheinen von Butlers bahnbrechendem Buch «Gender Trouble» (1990) wird darüber debattiert.

«Konservative Biologisten» kritisieren «linke Gendertheoretiker» für die Leugnung biologischer Tatsachen und die Konzeption vom Körper als nacktem Brett, auf das die Gesellschaft Geschlechterregeln einkerbe. Die Vertreter der Gendertheorie entgegnen darauf, biologische Dispositionen und Hormonstrukturen reichten nicht aus, um daraus verschiedene Eigenschaften, Fähigkeiten und Tätigkeitsbereiche von Mann und Frau abzuleiten, im Stil von: Prädestinieren Eierstöcke eine Frau zur Hausfrau und zu Emotionalität, Hoden einen Mann zu harter Arbeit und Rationalität?

Bittere Ironie

Nur, hat Judith Butler immer betont, gehe es gerade nicht um die Leugnung körperlicher Unterschiede von Mann und Frau, sondern um eine viel interessantere Frage: Warum werden bestimmte körperliche Gegebenheiten von Mann und Frau so lange beständig wiederholt, besprochen und dargestellt, bis sie zur Norm werden, während andere Eigenschaften als «abweichend», «unnatürlich» oder «unschön» gelten?

Der Feminismus hat wunderbare Vorkämpferinnen. Suffragetten kämpften für als Frauen geborene Frauen für gleiche Rechte, Berufe, Ausbildungsplätze. Nicht mehr. Und heute soll das körperliche Merkmal, das als Frau geborene Frauen noch zu kennzeichnen vermag, die Menstruation sein – nach der Logik des vulgärfeministischen Newspeak. Eine Reduktion also, und zwar eine, die die patriarchale Ordnung reproduziert – die sie doch eigentlich durchbrechen wollte.

Das ist misogyn und entmenschlichend. Denn was ist mit Frauen, die nicht oder nicht mehr menstruieren? Die magersüchtige Frau, die kranke Frau, die Frau nach der Menopause sind dieser Logik zufolge weder Frau noch Person, sondern nichts mehr. Allein die gebärfähige Frau ist es offenbar noch wert, in den Katalog legal definierter Gesellschaftsmitglieder aufgenommen zu werden. Eine bittere Ironie.

Persona non grata

Nur wenig hat der Feminismus so vehement bekämpft wie die Mutterschaft. Für Feministinnen wie Simone de Beauvoir war das zu stillende Kind ein Blutegel, die Frau eine vom Mann unterdrückte Reproduktionsmaschine. Nun bleibt sie das, eine menstruierende Persona non grata, möge sie mit der letzten biologischen Realität, die ihr bleibt, anstellen, was sie will.

1986 schrieb die amerikanische Feministin Gloria Steinem noch selbstbewusst, die Männer würden den Frauen auch noch die Menstruation wegnehmen, wenn sie es könnten. Doch niemand, scheint es, will menstruieren, kein Mann, keine «Frau». Die monatliche Blutung, die der biologischen Frau noch zugestanden wird, ist der misogyne rote Faden des Frauseins.

Schliesslich galten Frauen während der Periode in vielen Kulturkreisen als unrein. Der Geruch von Menstruationsblut vertreibe Tiere und Menschen, lautet ein alter, verbreiteter Aberglaube. Die Periode ist eine Rückkehr in urtümliche Stadien der Menschheitsgeschichte, Folge des Sündenfalls. Schon die Ritualmordlegenden der Reformation entwarfen das Bild der «Judensau», die aus einem vaginaähnlichen Geschlechtsteil heraus menstruiert. Nicht die Gebärmutter kennzeichnet die Frau, sondern das «Abjekt», wie die Psychoanalytikerin Julia Kristeva es genannt hat: Blut, Auflösung, Verflüssigung.

Jeder, der will, hat ein Recht

Die «Frau» als soziale Kategorie hingegen, so hätte Georg Lukács es beschrieben, ist zum kulturellen Konstrukt geworden, wie der Air-Conditioner oder das Ladegerät für das iPhone: Jeder, der will, hat ein Recht darauf. Wenn der Mann «Frau» wird und die biologische Frau zur menstruierenden Person, dann ist dies die tragische Kehrseite der Dialektik der Metamorphose, die schon Ovid beschrieben hat: Strukturen entstehen und werden zerstört, Neues kommt auf, wird ebenfalls strukturbildend, dann wird es unterdrückt und ausgegrenzt.

Der Feminismus anerkennt die Frau und ihre Unterschiede zum Mann. Weiblichkeit ist keine männliche Projektion, die Welt funktioniert nicht immer phallozentrisch. Phallozentrischer als «menstruierende Person» kann ein Begriff allerdings gar nicht mehr sein. Die Öffnung der Kategorie «Frau» reduziert den Unterschied zwischen Mann und Frau auf eine identitäre Kategorie, nach dem Grundsatz: Wenn ich mich als Frau fühle, bin ich auch eine.

Ausser für die «menstruierende Person» ist die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe nicht länger ausgrenzend, im Gegenteil: «Frausein» ist befreiend und ermächtigend. Noch eine dialektische Umkehrung: Der Mann, der Hausarbeit macht, ist nicht weniger Mann, sondern mehr Mann. Die Transfrau ist mehr Frau als die Frau. Und die biologische Frau? Sie ist Menstruation, zyklische Natur, ein abbaubares Restprodukt auf dem Komposthaufen der Geschichte.

 

Nota. - Zur unvermeidlichen Rivalität zwischen Feministinnen und Genderstudiosen habe ich mich bereits geäußert. Ich lasse das Obige daher unkommentiert.

JE