aus scinexx
Mitochondriale DNA: Auch vom Vater?
Erbgut aus den Zellkraftwerken wird doch nicht nur von der Mutter vererbt
Widerspruch zur gängigen Theorie: Entgegen
bisheriger Annahme kann mitochondriale DNA nicht nur von der Mutter an
den Nachwuchs weitergegeben werden. Stattdessen wird dieses Genmaterial
aus den Kraftwerken der Zelle in manchen Fällen offenbar auch vom Vater
vererbt. Hinweise darauf haben Forscher bei mehreren Personen aus gleich
drei nicht miteinander verwandten Familien gefunden. Ihre Entdeckung
stellt damit ein lange Zeit gültiges Dogma der Vererbungslehre in Frage.
Der größte Teil unseres Erbguts liegt im Zellkern und wird von
beiden Eltern an die Kinder weitergegeben. Neben dieser chromosomalen
DNA verfügen wir jedoch über weiteres Genmaterial: Es liegt in den
Kraftwerken der Zelle, den Mitochondrien. Da Spermien bei der
Befruchtung in der Regel nur ihren Zellkern übertragen, stammt die
mitochondriale DNA jedes Menschen aus der mütterlichen Eizelle. Das
Genmaterial in den Mitochondrien wird also ausschließlich von der Mutter vererbt - so zumindest dachte man bislang.
Mitochondrien im Blick
Wissenschaftler um Shiyu Luo vom Cincinnati Children's Hospital haben
nun Belege dafür entdeckt, dass mitochondriale DNA doch auch vom Vater
an den Nachwuchs weitergegeben werden kann. Auf die Spur dieses
unerwarteten Vererbungsmechanismus brachte das Team die DNA eines vier
Jahre alten Jungen. Bei diesem kleinen Patienten bestand der Verdacht
auf eine Mitochondriopathie - einer Erkrankung, die durch Mutationen im
mitochondrialen Erbgut verursacht wird.
Um diesem Verdacht auf den Grund zu gehen, wurde die DNA des Jungen
sequenziert und analysiert. Dabei stellte sich heraus: Ungewöhnlich
viele Genvarianten lagen nur in einem Teil der Mitochondrien der Zelle
mutiert vor, während dieser entsprechende Abschnitt des Erbguts in
anderen Mitochondrien unauffällig war. Dieses Phänomen ist als
Heteroplasmie bekannt. Das Verhältnis von normaler und mutierter DNA ist
dabei entscheidend dafür, ob durch die Mutationen tatsächlich Symptome
entstehen.
Von Mutter und Vater
Weil das Ausmaß der Heteroplasmie bei dem Jungen so ungewöhnlich war,
nahmen die Forscher anschließend auch das mitochondriale Erbgut seiner
Familienmitglieder unter die Lupe - unter anderem das der Mutter sowie
der Großeltern. Bei der Mutter machten sie eine überraschende
Entdeckung: Ihre von Heteroplasmie betroffenen Genvarianten ließen sich
nicht durch eine ausschließlich mütterliche Vererbung erklären.
Stattdessen schien sie 21 dieser Varianten von ihrer Mutter und zehn
weitere von ihrem Vater geerbt zu haben.
Der Junge und seine beiden Schwestern wiederum schienen sämtliche
Mitochondrien-DNA dem gängigen Schema nach von der Mutter geerbt zu
haben. Handelte es sich bei der väterlichen Vererbung um einen seltsamen
Einzelfall - oder war Luos Team womöglich sogar ein Fehler unterlaufen?
Offenbar nein: Zusätzliche, unabhängige DNA-Analysen bestätigten das
auffällige Ergebnis.
Ungewöhnlicher Vererbungsweg
Doch nicht nur das: Die Wissenschaftler wiesen dasselbe Phänomen
schließlich bei weiteren Familienmitgliedern und sogar anderen Familien
nach. Konkret fanden sie bei 17 Personen aus insgesamt drei
unterschiedlichen, nicht miteinander verwandten Familien Belege für eine
väterliche Vererbung von Mitochondrien-DNA. "Damit stellt unsere Arbeit
grundsätzliche Annahmen über die mitochondriale Vererbung in Frage",
schreiben sie.
Vererbung mitochondrialen Erbguts von beiden Elternteilen war bisher nur
von manchen Hefearten und in Ausnahmefällen von Drosophila-Fliegen,
Mäusen und auch Schafen bekannt, wie die Forscher berichten. Nun sei
klar, dass dieses Phänomen ebenfalls beim Menschen vorkommt: "Die Regel
ist nach wie vor die Vererbung über die Mutter. In einigen Fällen kann
mitochondriales Genmaterial aber auch vom Vater an die Kinder
weitergegeben werden."
Mechanismen entschlüsseln
Die Mechanismen hinter diesem ungewöhnlichen Vererbungsweg zu
entschlüsseln, könnte nach Ansicht des Teams nicht nur neue Einblicke
darin liefern, wie mitochondriale DNA von den Eltern an den Nachwuchs
übertragen wird. "Womöglich ergeben sich daraus sogar neue
Therapieansätze für mitochondriale Erbkrankheiten", schließen die
Forscher. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1810946115)
(PNAS, 27.11.2018 - DAL)
Dienstag, 27. November 2018
Mittwoch, 14. November 2018
Zu männlich?
aus Die Presse, Wien, 14.11.2018
Autismus:
Mangelt dem extrem männlichen Gehirn Zink?
Der defizitäre Sozialbezug hat mit Geschlechtsdifferenzen im Gehirn zu tun, das wird von einer breiten Studie bestätigt. Unklar bleibt weiter der Ursprung des Leidens, ein Verdacht richtet sich auf Zink.
Von Jürgen Langenbach
„Sind Sie autistisch?“ Das fragte im Frühjahr 2017 der britische TV-Sender Channel 4 auf einer Website (zur Vorberei- tung einer Dokumentation), es folgten Tests und Fragen nach Daten zur Person. 695.000 Menschen nahmen teil, darunter 35.648, die sich als Autisten deklarierten, weil sie entsprechende Diagnosen hatten, das waren 5,45 Prozent, viel mehr als in der Gesamtbevölkerung – etwa ein Prozent –, so ganz von der Welt abgeschnitten sind die nicht, bei denen es im Kern ihres breit gefächerten Leidens um mangelnden sozialen Bezug geht, von klein auf, autistische Kinder nehmen oft selbst mit ihren Müttern keinen Augenkontakt auf.
Woher das kommt, ist völlig unklar, in den 50er-Jahren vermutete der in den USA höchst einflussreiche Österreicher Leo Kanner emotionale Defizite in der Erziehung dahinter – „Kühlschrankmütter“ –, später setzte man auf Gene und fand auch Kandidaten, aber keine zentralen. Alternativ suchte Hans Asperger, auch er Österreicher, einen Zugang über den Charakter: Von Autismus sind mehr Männer als Frauen geschlagen – zwei bis drei Mal soviel –, und in seiner Praxis als Kinderpsychiater erlebte Asperger unter Autismuspatienten viele „kleine Professoren“. Deshalb sah er hinter Autismus „das männliche Muster, ins Extrem übertrieben“: Dieses Muster fühlt sich nicht in die Welt ein, sondern will Ordnung in sie bringen, mit Regeln und Systemen.
Es geriet in Vergessenheit, zwei Theorien griffen es später
auf, die vom Empathizing-Systemizing (E-S) und die vom „Extrem Male
Brain“ (EMB), sie gehen davon aus, dass Frauen über mehr Empathie
verfügen – Einfühlungsvermögen, intellektuelles wie emotionales – und
Männer über mehr Ordnungssinn, und dass Letzterer sich bei Autismus
verstärkt zeigt. Das hat sich oft bestätigt, an kleinen Samples, nun bot
Channel 4 Daten in Hülle und Fülle, und Simon Baron Cohen,
Autismusforscher in Oxford, nutzte die Chance und fand die Hypothesen
bestätigt.
Systematisierung vs. Empathie
Und zwar auf beiden Ebenen: Die Geschlechtsdifferenz im Gehirn zeigt sich in der Gesamtbevölkerung. Und sie zeigt sich ausgeprägter bei Autisten: Je höher der in Tests gemessene Systematisierungs-Quotient (SZ) ist, desto niedriger ist der Empathie-Quotient (EQ), und desto größer ist das Risiko, an Autismus zu erkranken.
Das heißt allerdings nicht, dass Autisten jegliche Empathie fehlt: Der EQ misst das intellektuelle Einfühlungsvermögen, nicht das emotionale, über das verfügen Autisten (umgekehrt ist es bei Psychopathen). Und das heißt auch nicht, dass (nur) jeder Mann gefährdet ist: Auch Frauen können einen hohen SZ haben und einen niederen EQ. Das heißt allerdings, dass die Folgen bis in die Berufswahl reichen: Wer Stem betreibt – Science, Technology, Engineering, Mathematics –, ist stärker gefährdet (Pnas 12. 11.).
Über die Ursache des Leidens ist damit allerdings nichts gewonnen, Baron Cohen sieht zu viel männliches Sexualhormon im Uterus dahinter. Ein anderer Verdacht richtet sich länger schon gegen Zink bzw. seinen Mangel. Er wird nun von Sally Kim (Stanford) bekräftigt: Sie hat an Zellkulturen gezeigt, dass und wie Zink bei der Bildung von Synapsen – den Verbindungen zwischen Gehirnzellen – mitspielt, und zwar in der frühen Entwicklung des Gehirns (Frontiers in Molecular Neuroscience 9. 11.). „Unser Befund verbindet den Zinkgehalt in Hirnzellen mit der Entwicklung von Autismus“, schließt Kim, rät aber dringlich von vorsorglicher Selbstmedikation ab: Es gibt keine klinischen Tests an Menschen – und Zink kann auch die Gesundheit gefährden, etwa die Aufnahme von Kupfer verringern und dadurch Anämie bringen.
Autismus:
Mangelt dem extrem männlichen Gehirn Zink?
Der defizitäre Sozialbezug hat mit Geschlechtsdifferenzen im Gehirn zu tun, das wird von einer breiten Studie bestätigt. Unklar bleibt weiter der Ursprung des Leidens, ein Verdacht richtet sich auf Zink.
Von Jürgen Langenbach
„Sind Sie autistisch?“ Das fragte im Frühjahr 2017 der britische TV-Sender Channel 4 auf einer Website (zur Vorberei- tung einer Dokumentation), es folgten Tests und Fragen nach Daten zur Person. 695.000 Menschen nahmen teil, darunter 35.648, die sich als Autisten deklarierten, weil sie entsprechende Diagnosen hatten, das waren 5,45 Prozent, viel mehr als in der Gesamtbevölkerung – etwa ein Prozent –, so ganz von der Welt abgeschnitten sind die nicht, bei denen es im Kern ihres breit gefächerten Leidens um mangelnden sozialen Bezug geht, von klein auf, autistische Kinder nehmen oft selbst mit ihren Müttern keinen Augenkontakt auf.
Woher das kommt, ist völlig unklar, in den 50er-Jahren vermutete der in den USA höchst einflussreiche Österreicher Leo Kanner emotionale Defizite in der Erziehung dahinter – „Kühlschrankmütter“ –, später setzte man auf Gene und fand auch Kandidaten, aber keine zentralen. Alternativ suchte Hans Asperger, auch er Österreicher, einen Zugang über den Charakter: Von Autismus sind mehr Männer als Frauen geschlagen – zwei bis drei Mal soviel –, und in seiner Praxis als Kinderpsychiater erlebte Asperger unter Autismuspatienten viele „kleine Professoren“. Deshalb sah er hinter Autismus „das männliche Muster, ins Extrem übertrieben“: Dieses Muster fühlt sich nicht in die Welt ein, sondern will Ordnung in sie bringen, mit Regeln und Systemen.
Systematisierung vs. Empathie
Und zwar auf beiden Ebenen: Die Geschlechtsdifferenz im Gehirn zeigt sich in der Gesamtbevölkerung. Und sie zeigt sich ausgeprägter bei Autisten: Je höher der in Tests gemessene Systematisierungs-Quotient (SZ) ist, desto niedriger ist der Empathie-Quotient (EQ), und desto größer ist das Risiko, an Autismus zu erkranken.
Das heißt allerdings nicht, dass Autisten jegliche Empathie fehlt: Der EQ misst das intellektuelle Einfühlungsvermögen, nicht das emotionale, über das verfügen Autisten (umgekehrt ist es bei Psychopathen). Und das heißt auch nicht, dass (nur) jeder Mann gefährdet ist: Auch Frauen können einen hohen SZ haben und einen niederen EQ. Das heißt allerdings, dass die Folgen bis in die Berufswahl reichen: Wer Stem betreibt – Science, Technology, Engineering, Mathematics –, ist stärker gefährdet (Pnas 12. 11.).
Über die Ursache des Leidens ist damit allerdings nichts gewonnen, Baron Cohen sieht zu viel männliches Sexualhormon im Uterus dahinter. Ein anderer Verdacht richtet sich länger schon gegen Zink bzw. seinen Mangel. Er wird nun von Sally Kim (Stanford) bekräftigt: Sie hat an Zellkulturen gezeigt, dass und wie Zink bei der Bildung von Synapsen – den Verbindungen zwischen Gehirnzellen – mitspielt, und zwar in der frühen Entwicklung des Gehirns (Frontiers in Molecular Neuroscience 9. 11.). „Unser Befund verbindet den Zinkgehalt in Hirnzellen mit der Entwicklung von Autismus“, schließt Kim, rät aber dringlich von vorsorglicher Selbstmedikation ab: Es gibt keine klinischen Tests an Menschen – und Zink kann auch die Gesundheit gefährden, etwa die Aufnahme von Kupfer verringern und dadurch Anämie bringen.
Freitag, 9. November 2018
Je mehr man ihn bestreitet, umso größer wird der kleine Unterschied.
Garten des buddhistischen Fruchtbarkeitstempels Tawarayama Onsen (Japan)In der Neuen Zürcher vom 2. November rezensierte Markus Schär ein neu erschienenes Buch des neuseeländischen Psychologen Steve Stewart-Williams - The Ape that Understood the Universe; in Untertitel: How the Mind and Culture Evolve. Gegenstand ist die beliebte Frage, ob Männer und Frauen "von Natur aus" unterschiedlich sind oder ob "alles nur Erziehung" ist. Nach einem kurzen Abriss des Aufstiegs der Gender Studies kommt er zur Sache selbst:
Der Konstanzer Biologe Axel Meyer stiess auf wütenden Protest, als er 2015 mit seinem Buch «Adams Apfel und Evas Erbe» erklärte, «warum Frauen anders sind als Männer». Und der Zürcher Anthropologe Carel van Schaik zwang sich, «den Text so trocken wie möglich zu halten», als er 2016 sein Lehrbuch zu den «Primate Origins of Human Nature» herausgab, «weil jede Aussage zum menschlichen Verhalten zu erbitterten Debatten führen kann». Der Autor des Bestsellers «Das Tagebuch der Menschheit» wagt sich erst in seinem nächsten Buch so locker wie in seinen Vorlesungen an die Unterschiede zwischen den Geschlechtern – nach seiner Emeritierung.
«Die Soziobiologen und die Evolutionspsychologen platzten wie die Stinktiere in eine Party», so Steve Stewart-Williams. Der Neuseeländer, der nach akademischem Globetrotten jetzt als Psychologieprofessor an der University of Nottingham in Malaysia lehrt, stellt diese Ideen in seinem neuen Buch, «The Ape that Understood the Universe», klar und witzig dar, mit einem ambitiösen Ziel: «In diesem Moment in der Geschichte ist es erstmals möglich, eine Erklärung für das menschliche Verhalten und die menschliche Kultur zu geben, die wenigstens eine passable Chance hat, akkurat zu sein.»
Der Psychologe stützt sich, wie die Biologen, auf die Evolution. Und bei der Geschlechterfrage geht er von einem Problem aus, das schon Charles Darwin umtrieb: Warum ziert den Pfauenhahn ein prächtiges Rad, obwohl es ihm im Überlebenskampf nur Nachteile beschert? Der Stammvater der Evolutionslehre fand bereits die Lösung: Es gibt nicht nur die natürliche, sondern auch die sexuelle Selektion. Bei den Pfauen wählten die Hennen die Hähne mit den schönsten Rädern aus, weil diese stark und gesund sein mussten, damit sie sich einen so hinderlichen Prunk leisten konnten – die Weibchen züchteten also die Männchen nach ihrem Wunschbild.
Welche Qualitäten das eine Geschlecht beim anderen schätzt, hängt von der Investition in den Nachwuchs ab. Die Weibchen müssen die Jungen austragen und oft lange beschützen, sie brauchen also Väter, die ihnen dabei helfen. Die Männchen dagegen können eine Vielzahl von Weibchen begatten, dafür müssen sie sich mit Ornamenten als Erzeuger empfehlen oder mit Waffen gegen Konkurrenten durchsetzen. Darum der Federschmuck bei den Vögeln oder die Mähne bei den Löwen einerseits, die Geweihe bei den Hirschen oder die grossen Eckzähne bei den Schimpansen anderseits. Darum aber auch die breiteren Schultern oder die wilderen Triebe bei den männlichen Menschen – zumindest sehen es die Anthropologen so.
Mit der Evolution aufgrund der sexuellen Selektion erklären sie, was Carel van Schaik im Lehrbuch und Steve Stewart-Williams als Populärwissenschaft aufzeigen: Männer wählen ihre Partnerinnen aufgrund ihrer Fruchtbarkeit aus; sie achten deshalb auf gesunde Haut und runde Formen. Und Frauen suchen bei ihren Partnern neben der Gesundheit vor allem Status und Ressourcen – deshalb finden, wie Axel Meyer zündelt, auch alte, graue Männer mit Porsche noch Gespielinnen. Mit diesem Ansatz lassen sich aber auch die Ungleichheiten begründen, die Politikerinnen wie Simonetta Sommaruga* missfallen: Im Durchschnitt – also nicht in jedem Fall! – interessieren sich Männer eher für Dinge und Frauen eher für Beziehungen, kämpfen Männer härter gegen Konkurrenten und gehen grössere Risiken ein. Deshalb erringen die Männer mehr Chefposten oder Nobelpreise, begehen aber auch schwerere Straftaten und erleiden einen früheren Tod.
Nicht die Evolution habe zu diesen Unterschieden geführt, wenden die Vertreterinnen der Gender-Studies ein, sondern die jahrtausendelange Diskriminierung der Frauen im Patriarchat. Dagegen fragt Steve Stewart-Williams, ob es um die Gewalt, die Untreue oder die Abenteuerlust der Männer geht: Weshalb zeigen sich die Geschlechtsunterschiede, wenn sie denn kulturell geprägt sind, in allen Kulturen gleich? Und vor allem: Weshalb halten sie sich, selbst wenn die Sozialisation, wie beim Zähmen wilder Knaben, dagegenwirkt?
Ungleich sind die Geschlechter denn auch gerade, wenn sie – dank der Gleichstellung der Frauen – machen können, was sie wollen. Eine Studie im führenden Wissenschaftsjournal «Science», mit dem bei Ernst Fehr in Zürich ausgebildeten Ökonomen Armin Falk als Lead-Autor, bestätigte kürzlich mit einer weltweiten Erhebung einen Befund, den die evolutionäre Psychologie schon länger kennt: je fortschrittlicher die Länder bei der Gleichstellung, desto grösser der Geschlechterunterschied bei der Berufswahl. Es könnte also doch vernünftige Gründe geben, weshalb sich die Löhne von Männern und Frauen unterscheiden – selbst wenn die Bundesrätin keine sieht.
*) Simonetta Sommaruga vertritt die Sozialistische Partei im Schweizer Bundesrat; 2015 war sie Bundespräsidentin der Schweiz.
Steve Stewart-Williams: The Ape that Understood the Universe. How the Mind and Culture Evolve. Cambridge University Press, Cambridge 2018. 378 S., Fr. 42.90.
Nota. - Der Fortschritt wird nach Nestroy immer kleiner statt größer, je näher man ihn anschaut. So ungezogen ist der Kleine Unterschied nicht. Der wird, wie die Natur es will, größer, je genauer man hinsieht.
JE.
Samstag, 27. Oktober 2018
Effeminierung.
R. EppMit der allgemeinen Effeminierung des öffentlichen Lebens in der westlichen Welt ist eine Umwertung der Werte geschehen. Kommunikation und Kooperation sind als das schlechthin Positive (weil Menschliche) zum obesrten Maßstab geworden, das Sachliche muss sich rechtfertigen durch den Grad, in dem es zu Frieden, Harmonie und Nachhaltigkeit beiträgt. Dies ist der erschlichene Sieg der gruppendynamischen Sektenlehre nach einem halben Jahrhundert: Das eigentlich Sachliche ist die Bezie- hungsebene, das sogenannt Sachliche dient nur zur Täuschung.
Das nimmt langsam ein Ende. Die Effeminieruung mit ihrem Schrittmacher, dem Feminismus, war die mentale Schauseite des Siegeszuges der Angestelltenzivilisation im 20. Jahrhundert. Deren sachliche Grundlage war die fortschreitende Ersetzung der Handarbeit durch maschinelle Fertigung und das dem entsprechende Ausufern der vermittelnden, verwaltenden Funktionen in der Produktion. Seither der Aufschwung der Gruppendynamik, die der analytischen Arbeitsplatzbewertung im letzten halben Jahrhundert den Rang abgelaufen hat.
Mit der digitalen Revolution geht auch das zu Ende. Die intelligenten Maschinen verwalten sich immer mehr selbst. Die Tätig- keiten, die weiblichen Neigungen (auch bei den Männern) am besten entsprachen, fallen in der Produktion schlicht und ein- fach weg. Und Produktion, das zeigt sich nun wieder, ist eine sachliche Frage und keine Beziehungskiste. Dem entspricht es wiederum, dass über Kooperation wieder nüchterner gesprochen und geschrieben wird; siehe oben.
PS. Das Sachliche ist nicht durch Beziehungen bestimmt, sondern durch Zwecke. Die wiederum unterliegen der Kritik, und die mag nicht jedEr. (Und wo es um Zwecke geht, geht es um Machen; Beziehung lässt sich nur erleben.)
Freitag, 26. Oktober 2018
Die Sachlichen und die Bezüglichen.
aus derStandard.at, 26. 10. 2018
Verhaltensökonom:
Frauen kooperieren bei Sympathie, Männer immer
Frauen kooperieren bei Sympathie, Männer immer
... STANDARD: Stimmt das Klischee, dass Männer eher zu Ellbogentaktik neigen und Frauen kooperativer sind?
Kosfeld: Eigentlich nicht. In unseren Versuchen haben wir gesehen, dass es davon abhängt, wie sympathisch das Gegen- über ist. Klar, gemeinsame Sympathie trägt zu Kooperation bei. Aber bei Frauen sinkt die Kooperation, wenn man ein- ander nicht sympathisch ist, deutlich. Den Männern ist das hingegen egal, die kooperieren immer gleich viel. Männer bevorteilen einander, indem sie schlicht Antipathie ignorieren, wenn es um Netzwerken, Beförderungen, Teamwork et cetera geht, während Frauen selektiver vorgehen. ...
Michael Kosfeld (49) forscht am Institute of Labor Economics (IZA) und lehrt an der Goethe-Universität Frankfurt. Der Verhaltensökonom erforscht die Basis sozialer Interaktionen, die Psychologie von Anreizen und die Frage, wie Vertrauen als Schmierstoff der Gesellschaft wirkt.
Zu den Studien von Michael Kosfeld
Nota. - Wundern Sie sich noch, dass Frauen lieber über Beziehungen reden und behaupten, Männer versteckten bloß ihre Beziehungsprobleme unter Sachfragen?
Das ist umso arglistiger, als in Beziehungs-Fragen Sachthemen immer enthalten sind. Allerdings gibt es Menschen, die auch in Sachfragen nur danach urteilen, wie ihnen ums Herze ist.
JE
Donnerstag, 18. Oktober 2018
Die wolln doch nur das Eine.
acces aus welt.de, 16. 10. 18
Geld oder Liebe?
Frauen wollen Geld, Männer wollen Liebe.
... Der Wirtschaftswissenschaftler Frey hat als einer der Ersten Wirtschaftslehre und das Thema Glück in der Forschung verbunden. Frey ist Gastprofessor an der Universität Basel und Direktor eines Wirtschaftsforschungsinsti- tuts in Zürich. Zuvor war er Professor an den Universitäten Konstanz, Zürich, Chicago, Warwick und Friedrichshafen. Der Experte ist etwas überrascht von dem, was in der Forsa-Umfrage herauskam.
Die nämlich zeigt, dass deutlich mehr Frauen (63 Prozent) als Männer (51 Prozent) ein sicheres Einkommen für besonders wünschenswert halten. Umgekehrt wünschen sich erheblich mehr Männer (61%) als Frauen (45%) ein glückliches Miteinander. Frey: „Das überrascht mich total.“
Andere Erhebungen zeigten, dass Frauen sehr viel Wert auf funktionierende, glückliche Beziehungen legen würden, so Frey, weil sie stärker als die meisten Männer in private Beziehungen eingebunden seien. Denkbar: Die aktuelle Studie könnte ein Ausreißer sein – oder ein Zeichen der Zeit.
Nota. - Auch als Ausreißer wär's pikant. Ist es aber ein Zeichen der Zeit, wird es heißen "Endlich zeitigt der Feminismus auch Erfolge in der breiten Masse" - der Männer.
Bei den Frauen freilich auch.
JE
Sonntag, 7. Oktober 2018
Endlich: weibliche Astrologie!
aus Süddeutsche.de,
von Sebastian Herrmann
Die zerstörende Kraft des Männlichen offenbart sich selbst in Grünanlagen. Parks seien nichts anders als "Petrischalen einer hündischen Rape Culture", schreibt die promovierte Feministin Helen Wilson in Gender, Place & Culture, einer führenden Fachpublikation der Disziplin der feministischen Geografie. Der Begriff "hündisch" ist wörtlich zu verstehen: Die Arbeit beschreibt Rüden als chronische Vergewaltiger, Hündinnen als unterdrückte Opfer und männliche Hundehalter als Komplizen und Anstifter der vierbeinig-maskulinen Gewalttäter. Wilson zieht diesen Schluss aus Beobachtungen in Parks in Portland, Oregon, und überlegt, ob Männer künftig vielleicht wie Hunde zu dressieren seien. Der Aufsatz sollte zum 25-jährigen Bestehen des Fachjournals als eine der herausragenden Arbeiten gewürdigt werden.
Astronomie? Eine sexistische Disziplin! Die Lösung? Feministische Astrologie
Doch da gibt es ein Problem: Der Aufsatz ist ein Fake, hinter der Autorin Wilson stecken Helen Pluckrose, James Lindsay und Peter Boghossian. Die drei Akademiker haben 20 erfundene Beiträge in angesehenen Fachjournalen aus den Bereichen der Gendertheorie, Kritischen Theorie und anderer Geisteswissenschaften eingereicht, die das Trio als "Klage-studien" bezeichnet.
Die Beiträge vertreten gewagte Thesen, die aber nicht so überzogen sind, dass sie in den entsprechenden Disziplinen als wahnwitzig auffallen: Heterosexuelle Männer sollten sich selbst anal penetrieren, um ihre Homo- und Transphobie abzubauen; Astronomie sei eine intrinsisch sexistische Disziplin und sollte um eine feministisch-queere Astrologie erweitert werden; männliche weiße Studenten sollten in Seminaren künftig angekettet auf dem Boden sitzen, um wenigstens symbolisch für historische Verbrechen zu büßen. Sieben der Aufsätze wurden von den Publikationen angenommen. Die meisten anderen befanden sich noch im Begutachtungsprozess, als das Trio sein Manöver öffentlich machte.
Die Aktion - darum geht es den Urhebern - stellt die Frage in den Raum: Was machen diese Disziplinen da eigentlich? Wie arbeiten sie? Die fabrizierten Studien unterscheiden sich nicht wesentlich von zahlreichen Arbeiten, die in ernsthafter Absicht in entsprechenden Journalen veröffentlich werden. Meist postulieren die Autoren eine Ungerechtigkeit und betrachten dann jede erdenkliche Situation als Beleg. Oft ist das keine Wissenschaft, sondern Aktivismus, der ein festgefahrenes Weltbild propagiert. Wer es aber wagt, fragwürdige Aspekte dieser Disziplinen zu kritisieren, gilt als Gegner der Gleichberechtigung, wird als Sexist, Rassist, Frauenhasser, Schwulenfeind, Transphobiker und Rechtsextremist beschimpft. Das würgt jede Debatte ab. Dabei wäre dringend darüber zu sprechen, wie diese Disziplinen arbeiten und welchen Wert wir ihren Inhalten beimessen.
Nota. - Man mag sogar fragen, ob die Berufung von Kavanaugh nicht auch was Gutes hat. Zu lange hat sich der liberale amerikanische Mainstream als amtlich beglaubigte Korrektheit aufgespielt und aufs Krakeelen beschränkt. Doch das kann die andere Seite genauso gut. Sie sollten sich stattdessen darum kümmern, was sachlich richtig ist. Und Richtungen, die das ausdrücklich ablehnen, sollten als unkorrekt gebrandmarkt werden.
Richtig schlecht wäre gewesen, wenn er lediglich wegen einer nicht hinreichend bewiesenen Anschuldigung zu Fall gekommen wäre. Das hat schon zu lange gedauert, dass man sich in jedem erdenklichen gesellschaftlichen Bereich einen unerwünschten Mann aus dem Feld schießen kann, indem man ihn öffentlich verdächtigt. Dass das oberste Gericht in Amerika künftig etwas konservativer ist als bisher, werden sie doch hoffentlich verkraften können.
JE
von Sebastian Herrmann
Die zerstörende Kraft des Männlichen offenbart sich selbst in Grünanlagen. Parks seien nichts anders als "Petrischalen einer hündischen Rape Culture", schreibt die promovierte Feministin Helen Wilson in Gender, Place & Culture, einer führenden Fachpublikation der Disziplin der feministischen Geografie. Der Begriff "hündisch" ist wörtlich zu verstehen: Die Arbeit beschreibt Rüden als chronische Vergewaltiger, Hündinnen als unterdrückte Opfer und männliche Hundehalter als Komplizen und Anstifter der vierbeinig-maskulinen Gewalttäter. Wilson zieht diesen Schluss aus Beobachtungen in Parks in Portland, Oregon, und überlegt, ob Männer künftig vielleicht wie Hunde zu dressieren seien. Der Aufsatz sollte zum 25-jährigen Bestehen des Fachjournals als eine der herausragenden Arbeiten gewürdigt werden.
Astronomie? Eine sexistische Disziplin! Die Lösung? Feministische Astrologie
Doch da gibt es ein Problem: Der Aufsatz ist ein Fake, hinter der Autorin Wilson stecken Helen Pluckrose, James Lindsay und Peter Boghossian. Die drei Akademiker haben 20 erfundene Beiträge in angesehenen Fachjournalen aus den Bereichen der Gendertheorie, Kritischen Theorie und anderer Geisteswissenschaften eingereicht, die das Trio als "Klage-studien" bezeichnet.
Die Beiträge vertreten gewagte Thesen, die aber nicht so überzogen sind, dass sie in den entsprechenden Disziplinen als wahnwitzig auffallen: Heterosexuelle Männer sollten sich selbst anal penetrieren, um ihre Homo- und Transphobie abzubauen; Astronomie sei eine intrinsisch sexistische Disziplin und sollte um eine feministisch-queere Astrologie erweitert werden; männliche weiße Studenten sollten in Seminaren künftig angekettet auf dem Boden sitzen, um wenigstens symbolisch für historische Verbrechen zu büßen. Sieben der Aufsätze wurden von den Publikationen angenommen. Die meisten anderen befanden sich noch im Begutachtungsprozess, als das Trio sein Manöver öffentlich machte.
Die Aktion - darum geht es den Urhebern - stellt die Frage in den Raum: Was machen diese Disziplinen da eigentlich? Wie arbeiten sie? Die fabrizierten Studien unterscheiden sich nicht wesentlich von zahlreichen Arbeiten, die in ernsthafter Absicht in entsprechenden Journalen veröffentlich werden. Meist postulieren die Autoren eine Ungerechtigkeit und betrachten dann jede erdenkliche Situation als Beleg. Oft ist das keine Wissenschaft, sondern Aktivismus, der ein festgefahrenes Weltbild propagiert. Wer es aber wagt, fragwürdige Aspekte dieser Disziplinen zu kritisieren, gilt als Gegner der Gleichberechtigung, wird als Sexist, Rassist, Frauenhasser, Schwulenfeind, Transphobiker und Rechtsextremist beschimpft. Das würgt jede Debatte ab. Dabei wäre dringend darüber zu sprechen, wie diese Disziplinen arbeiten und welchen Wert wir ihren Inhalten beimessen.
Nota. - Man mag sogar fragen, ob die Berufung von Kavanaugh nicht auch was Gutes hat. Zu lange hat sich der liberale amerikanische Mainstream als amtlich beglaubigte Korrektheit aufgespielt und aufs Krakeelen beschränkt. Doch das kann die andere Seite genauso gut. Sie sollten sich stattdessen darum kümmern, was sachlich richtig ist. Und Richtungen, die das ausdrücklich ablehnen, sollten als unkorrekt gebrandmarkt werden.
Richtig schlecht wäre gewesen, wenn er lediglich wegen einer nicht hinreichend bewiesenen Anschuldigung zu Fall gekommen wäre. Das hat schon zu lange gedauert, dass man sich in jedem erdenklichen gesellschaftlichen Bereich einen unerwünschten Mann aus dem Feld schießen kann, indem man ihn öffentlich verdächtigt. Dass das oberste Gericht in Amerika künftig etwas konservativer ist als bisher, werden sie doch hoffentlich verkraften können.
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