Mittwoch, 12. April 2017

Im Gehirn ist der Unterschied wirklich nicht groß.

 
aus Die Presse, Wien,

Wie klein ist der Unterschied?
Ein breiter Blick in die Gehirne von Männern und Frauen hat zwar einige Differenzen gefunden, aber keinen Sexualdimorphismus.

Männer haben größere Gehirne. Das steht fest, bietet allerdings keinen Grund zu Schlussfolgerungen: Männer sind generell größer, das ist ein biologischer Sexualdimorphismus, die Geschlechter haben auch sonst unstrittig unterschiedliche Körperformen. Nur wie es drinnen so ist, im Kopf, das ist durchaus strittig und wird bisweilen mit Glaubenseifer ausgefochten. Fest steht wieder, dass Männer eine bessere Orientierung im Raum haben, mit einer Ausnahme: Auf Märkten erinnern Frauen sich perfekt daran, wo sie das letzte Mal gut eingekauft haben. Das ist ein Erbe der Jäger und Sammler – Männer mussten von der Jagd nach Hause finden, Frauen mussten wissen, wann es wo was zu ernten gibt –, es ist also kulturell erklärbar. Anderes und Härteres ist es nicht: Männer leiden viel häufiger an Autismus, Frauen werden öfter von Alzheimer geschlagen (in vergleichbarem Alter): Es kann nur an biologischen Unterschieden liegen.

Aber wo die in den Gehirnen sitzen, ist rätselhaft, und die generelle Erkundung dieser biologischen Phänomene ist eben überlagert mit den sozialen Zuschreibungen von „Gender“. Zudem kann man Gehirne im Inneren nicht so leicht vermessen, es gibt zwar Studien, aber sie haben meist ein kleines Sample, weniger als hundert. Deshalb hat Stuart Ritchie (Edinburgh) sich bei der UK Biobank bedient, in der sind Langzeitdaten von 500.000 Menschen, von 5000 auch Magnetresonanzbilder der Gehirne: Männergehirne sind wieder größer, und wenn man um die Körpergröße korrigiert, bleiben manche es auch, etwa der Hippocampus, zuständig für Erinnerung und Orientierung, oder die Amygdala, zuständig für Erinnerung und Entscheidungen. Insgesamt 14 Areale sind bei Männern größer, 10 bei Frauen, die Differenzen sind jedoch so klein, dass Ritchie „keinen Sexualdimorphismus“ sieht (bioRxiv 4. 4.).

Den Männern fehlt etwas
 
Etwas anderes hat er gesehen: In männlichen Gehirnen ist die Bandbreite der Größe der Areale viel weiter, das passt zu dem älteren Befund, dass die Intelligenz innerhalb der Männer unterschiedlicher verteilt ist: Es liegt vermutlich am X-Chromosom: Hat ein dortiges Gen Probleme, kann bei Frauen das vom anderen X einspringen. Aber Männer haben nur ein X. (jl)


Freitag, 7. April 2017

Männlich stürmt voran.

Das weibliche und männliche Erbgut konkurrieren anfangs. 
aus Die Presse, Wien, 1. 4. 2017

Weibchen lässt Männchen gewinnen 
Einzell-Embryos sind faszinierend: In ihnen muss das weibliche und männliche Erbgut eins werden. Einen ersten Wettkampf entscheidet dabei das männliche Genom für sich. 

 

Aus zwei mach eins: Das passiert, wenn ein Spermium eine Eizelle befruchtet. Es ist der einzige Zeitpunkt, an dem zeitgleich zwei Zellkerne in einer Zelle sind. „Das Genom in Spermien ist völlig anders strukturiert als in anderen Körperzellen“, erklärt Kikue Tachibana-Konwalski vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Damit die männliche DNA in den winzigen Spermienkopf passt, ist sie um spezielle Proteine gewickelt: nämlich um Protamine. Alle restlichen Körperzellen, inklusive der Eizellen, nutzen Histone, um die lange DNA-Schnur kompakt zu verpacken.

Diese Proteine sind wichtig für die Epigenetik: also für jede Steuerung, was aus einer Zelle wird, die nicht von der DNA-Sequenz bestimmt wird. Epigenetisch sorgen also Schutzproteine und andere Moleküle dafür, welche Teile der DNA aktiviert und in Proteine umgesetzt werden und welche stumm geschaltet bleiben. Nur so ist es möglich, dass alle Zellen eines Menschen dieselbe DNA haben, aber ganz unterschiedliche Dinge bilden wie Wimpern, Haut, Leberzellen oder den Herzmuskel.

Keimzellen müssen vergessen

„Die große Frage ist, wie werden kurz nach der Befruchtung das männliche und das weibliche Genom neu organisiert, damit daraus ein neues Lebewesen entstehen kann“, sagt Tachibana-Konwalski.

Denn Spermien- und Eizelle müssen vergessen, was sie vorher waren, also ihre epigenetische Programmierung löschen, sonst könnte daraus nichts Neues wachsen. „Dass hier epigenetisch viel passiert, war schon klar. Wir haben nun eine Methode entwickelt, die so genau wie nie zuvor abbildet, wie sich die 3-D-Strukturen der männlichen und weiblichen Genome kurz nach der Befruchtung entwickeln“, erklärt Tachibana-Konwalski. Die Methode, die nun im Fachjournal „Nature“ publiziert wurde, entwickelte ihr Masterstudent Ilya Flyamer mit Eizellen, die Dissertantin Johanna Gassler wendete sie bei Einzell-Embryos an. Unterstützung bei den Simulationsmodellen kam aus den USA, vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Herkömmliche Methoden, um die 3-D-Struktur von DNA zu messen, verwenden zugleich Millionen von Zellen und erhalten Durchschnittswerte. „Das wäre, als ob man fünf Millionen Profilfotos übereinander legt und dadurch erfährt, dass ein Mensch zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase und einen Mund hat“, sagt Tachibana-Konwalski. „Unsere Methode kann das ,Gesicht‘ der einzelnen Eizellen abbilden. Wir können in jeder individuell sehen, welche Charakteristika sie hat.“ So erkennt man, welche DNA-Stränge und DNA-Schleifen nahe beinander liegen – und vielleicht gemeinsam reguliert werden – und welche nicht.

Die Auswertung zeigte Überraschendes: Obwohl das Genom des Spermiums sich völlig umstrukturieren muss – seine Protamin-Aufwickelung auflösen und sich neu um Histone arrangieren –, gewinnt es das Wettrennen und erreicht alle drei Levels der Genomorganisation schneller als das Erbgut der ehemaligen Eizelle.

Männchen erreicht Level drei

Level eins ist, dass der lange DNA-Strang in Schleifen gelegt wird, damit Stellen, die auf dem Strang weit entfernt sind, in der Schleife nahe zusammenkommen. Level zwei sind Schleifen in diesen Schleifen. Und Level drei ist bis heute noch nicht ganz verstanden: Durch mysteriöse Mechanismen nähern sich DNA-Abschnitte, die aktiv umgesetzt werden, an und rotten sich zusammen. Das tun auch Abschnitte, die zur Zeit stumm geschaltet sind. „Das weibliche Genom ist kurz nach der Befruchtung nur in Schleifen organisiert. Das männliche Genom hingegen erlangt schon in wenigen Stunden alle drei Levels“, sagt Tachibana-Konwalski. Erst wenn beide Genome vereint in diesem dritten Level ankommen, kann wahrscheinlich die Bildung eines neuen Organismus beginnen – mit all seinen unterschiedlichen Zelltypen.

„Dass das männliche Genom das Wettrennen gewinnt, war sehr überraschend. Immerhin dirigieren die Eiweißkörper der Eizellen die Neuorganisation des männlichen Genoms“, so Tachibana-Konwalski. Die Annahme ist nun, dass das weibliche Genom dem männlichen den Vortritt lässt.

Erst wenn die 3-D-Strukturierung des männlichen Genoms abgeschlossen ist, vervollständigt das weibliche Erbgut seine Strukturierung. Und gemeinsam starten beide die Bildung eines mehrzelligen Embryos. Ob die Tatsache, dass das männliche Genom schneller organisiert ist und schneller umgesetzt wird als das weibliche, auch Einfluss darauf hat, dass männliche Merkmale stärker im Embryo angelegt werden, kann diese Studie aber nicht beantworten.

LEXIKON


Einzell-Embryo nennt man die befruchtete Eizelle, in der sich das weibliche Erbgut und das männliche aus dem Spermium befinden. Zu keinem anderen Zeitpunkt sind zugleich zwei unterschiedliche Zellkerne in einer Zelle.

Das Einzell-Stadium wird auch als Zygote bezeichnet: Direkt nach der Befruchtung wird die Außenhülle verstärkt, damit keine weiteren Spermien eindringen. Beim Menschen dauert das Einzell-Stadium etwa 30 Stunden, nach der Zellteilung kommt es zum Zweizell-, dann zum Vierzell-Stadium usw., bis nach circa drei Tagen ein 16-zelliges Blastomer vorliegt. Die vorliegende Studie wurde an Mäusen durchgeführt.


Nota. - Prosaisches Faktum: Das männliche Erbgut schafft seine Umstrukturierung schneller als das weibliche. Ideologische Verpackung: Das überrascht den Biologen; er ist nämlich gewöhnt, dass auf der Mikroebene das Männliche gegenüber dem Weiblichen zunächst im Nachteil ist (den es auf der Normalebene mehr oder minder kompensieren muss). Doch hier ist es mal anders. 

Ein  biologischer Grund, weshalb das Männliche schneller ist, lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Nahe läge: nach einem biologischen Grund zu suchen, weshalb das Weibliche langsamer ist. Aber nein, das wäre politisch nicht korrekt! Ein biologischer Rückstand des Männliuchen, na schön, das ist üblich; aber ein biologischer Rückstand des Weiblichen? Unerhört, das kann nicht sein! Zuerst vermutet die Wissenschaft also, dass das Weibliche dem Männlichen 'den Vortritt lässt', großzügig, wie wir es nun einmal kennen. 

Und das machen sie alle, die weiblichen Keimzellen, als hätten sie sich's überlegt und miteinander abgespro- chen. Das ist zwar nicht wissenschaftlich gedacht, aber korrekt; es ist eine ergiebige Forschungshypotheses, denn sie bringt Drittmittel ans Institut.
JE 


 

Donnerstag, 6. April 2017

Frauen schauen auf innere Werte...

R. Valentino
aus Der Standard, Wien, 

Frauen wollen einen gut aussehenden Partner 
Angeblich kommt es bei der Suche nach dem "Richtigen" nicht so sehr aufs Aussehen an. Doch männliche Attraktivität ist wichtiger als Persönlichkeit.

von  

Für Frauen sind bei der Partnerwahl vor allem die „inneren Werte“ entscheidend. Zumindest in Befragungen stellen sie Eigenschaften wie nett, verständnisvoll, kooperativ, humorvoll, familienfreundlich, interessant, intelligent und gebildet in den Vordergrund. Die äußerliche Attraktivität des Partners landet regelmäßig auf den hinteren Plätzen, erscheint als weniger wichtig. Aber das ist wohl nur ein Teil der Wahrheit, wie eine neue Studie aus den USA zeigt. 
 
Sobald Frauen zwischen den Porträts attraktiver und weniger attraktiver Männer wählen können, entscheiden sie sich für die besser aussehenden, auch wenn diese weniger positive Charakterzüge haben. Die „äußeren“ triumphieren über die „inneren Werte“. 
 
Madeleine Fugère von der Eastern Connecticut State University und ihr Team befragten 80 Frauen zwischen 15 und 29 nach ihren Vorlieben in Bezug auf einen männlichen Partner. Zusätzlich wurden auch 61 Mütter interviewt, welchen Typ von Mann sie für ihre Töchter bevorzugten.

Wer kommt für ein Rendezvous in Frage?


Jede Frau bekam drei Fotos verschiedener Männer vorgelegt, das jeweils von einem Persönlichkeitsprofil mit drei Eigenschaften ergänzt wurde. Das „freundliche“ Profil etwa setzte sich aus „freundlich, zuverlässig, reif“ zusammen, das „gefällige“ aus „ansprechende und angenehme Veranlagung, ehrgeizig, intelligent“. Die Frauen mussten entscheiden, für wie attraktiv sie den jeweiligen Mann hielten, wie sie seine Persönlichkeit bewerteten und ob er für ein Rendezvous in Frage kam.

Am wichtigsten war den Frauen die körperliche Attraktivität, wie die im Fachblatt „Evolutionary Psychological Science“ veröffentlichte Studie ergab. Besonders gut aussehende Männer landeten ebenso auf den vorderen Plätzen wie durchschnittlich aussehende Männer. Nur wenn sie über eine ausgesprochen schmeichelhafte Persönlichkeit verfügten, war es Durchschnittstypen möglich, genauso begehrt zu werden wie ausgesprochen ansehnliche Männer. Die Mütter waren kompromissbereiter, in ihrem Urteil war das Äußere nicht gar so wichtig.

Wer nicht attraktiv ist, hat wenig Chancen


In jedem Fall arm dran waren von der Natur nicht so begünstigte Herren. Ihr Charakter konnte noch so verheißungsvoll sein, der äußere Makel verhinderte, dass sie als möglicher Partner in Frage kamen. „Ein minimales Maß an männlicher körperlicher Attraktivität ist für Frauen wie für ihre Mütter zwingend“, lautet die Schlussfolgerung der Autorin Fugère.

Ernüchternd, aber aus psychologischer Sicht nachvollziehbar. Denn das angenehme Äußere eines möglichen Partners ist kein purer Selbstzweck. Es wird unbewusst offenbar mit anderen positiven Eigenschaften verknüpft, etwa mit einem ebenso angenehmen Charakter, mit Gesundheit und Fruchtbarkeit. Dagegen ist ein gutes Persönlichkeitsprofil, das nur auf dem Papier steht, aber von einem wenig einnehmenden Äußeren begleitet wird, schlicht nicht überzeugend.

„Äußere Werte“ wie ebenmäßige und symmetrische Gesichtszüge sind also durchaus ein Anzeichen für verborgene „innere“ Qualitäten einer Person. Das mag ein Grund dafür sein, dass Schönheit – männliche wie weibliche – uns blenden kann und des kritischen Urteils beraubt.


Nota. - Das mit den inneren Werten hat sowieso nie einerR geglaubt. Bemerkenswert ist diese Studie trotzdem, aber sie ist tendenziös und einseitig. Neben die Fotos hätten auch die Kontoauszüge gelegt werden sollen.
JE


Freitag, 24. März 2017

Warum so viele Vergewaltigungsprozesse mit einem Freispruch enden.


aus Süddeutsche.de, 

Ein unheimlicher Verdacht
  • Angeklagte in Vergewaltigungsprozessen kommen überproportional häufig mit einem Freispruch davon.
  • Ein Tübinger Kriminologe vermutet, das liege an der gewachsenen Sensibilität für das Thema.
  • Das heißt: Zwar hat das Bemühen der Justiz zugenommen, Angeklagte in Vergewaltigungsprozessen zu verurteilen, aber oft ist die Beweislage so dünn, dass die Richter den Angeklagten am Ende freisprechen müssen.
 
Von Wolfgang Janisch, Karlsruhe

Der Freispruch ist eine ambivalente Angelegenheit. Einerseits hat er einen bitteren Beigeschmack: Der Angeklagte musste zunächst ein womöglich langwieriges und belastendes Verfahren über sich ergehen lassen, bevor seine Unschuld amtlich festgestellt wurde. Ob die Weste dadurch wieder weiß wird, ist zweifelhaft; irgendwas bleibt immer hängen. Andererseits: Freispruch heißt, dass die Justiz sich korrigieren kann. Ein Gericht befindet einen Angeklagten für unschuldig. Wahrscheinlich ist eine gewisse Freispruchquote notwendig, um das Grundvertrauen in die Justiz aufrechtzuerhalten; bei null Prozent wäre man misstrauisch.

Der Tübinger Kriminologe Jörg Kinzig stellt am kommenden Samstag beim Strafverteidigertag in Bremen eine Studie vor, für die sein Team mehr als 300 Freisprüche untersucht hat, bei denen der Angeklagte anfangs noch in Untersuchungs-haft genommen worden war - also ein "dringender Tatverdacht" bestand. Die erste Erkenntnis der Arbeit lautet: Statistisch ist der Freispruch eine verlässliche Größe. Über 940 000 Angeklagte wurde im Jahr 2015 ein Urteil gesprochen, in 27 000 Fällen war dies ein Freispruch. Macht drei Prozent. In den Siebzigerjahren waren es mal vier Prozent, um das Jahr 2000 nur 2,5, aber seit Jahren ist die Kurve stabil.

Dazu muss man allerdings wissen, dass sich hinter der scheinbar so niedrigen Quote von Freisprüchen in Wahrheit eine große Zahl von Verfahren verbirgt, die schon vorher aussortiert wurden: Die Staatsanwaltschaften stellen etwa 60 Prozent ihrer fünf Millionen Verfahren ein. Auch die Strafgerichte verfügen in einem Viertel der Fälle, die zu ihnen gelangen, eine Einstellung. Viele kleine Quasi-Freisprüche also, bevor es überhaupt zum Urteil kommt - ein Filtersystem.

Häufiger Freispruch für Angeklagte in Vergewaltigungsprozessen

In der Detailanalyse sticht freilich eine Rubrik unangenehm deutlich hervor - Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen. 2015 lag die Freispruchquote dort bei einem Viertel. Das ist nicht nur ein Riesen-abstand zum Durchschnittswert von drei Prozent, sondern auch zu anderen Delikten mit hoher Freispruchrate, wie Raub (gut neun Prozent) oder Tötungsdelikte (mehr als acht Prozent). Angeklagte in Vergewaltigungsprozessen kommen also überproportional häufig mit einem Freispruch davon: Ist das nun ein Beleg für eine männerdominierte und frauenfeindliche Justiz?

Aus Sicht der Forscher spricht wenig für diese These, übrigens schon deshalb, weil die Justiz mit ihrem hohen Frauenanteil längst nicht mehr männerdominiert ist. Sexualdelikte gehören, was die Beweislage angeht, zu den kompliziertesten Verfahren, das weiß man nicht erst seit dem Prozess gegen Jörg Kachelmann. Häufig steht Aussage gegen Aussage, weitere Beweise sind nicht vorhanden. Manchmal ziehen Opfer ihre Aussage zurück, weil sie sich mit dem Täter wieder versöhnt haben. Oder weil sie von ihm unter Druck gesetzt wurden. Oder weil es eben doch keine Vergewaltigung war, sondern einvernehmlicher Sex.

Über 940 000 Angeklagte wurde 2015 geurteilt. In 27 000 Fällen war dies ein Freispruch.

Aber das erklärt noch nicht die beklemmend hohe Freispruchquote. Kinzigs These lautet: Möglicherweise liegt die Ursache nicht etwa in einer mangelnden, sondern im Gegenteil in einer besonders großen Sensibilität für das Thema. "Auch in wackeligen Fällen, die früher eingestellt worden wären, werden inzwischen Anklagen geschrieben und Prozesse geführt." Sein Mitarbeiter Wolfgang Stelly hat bei der Analyse von Fallakten den Eindruck gewonnen, dass den Aussagen der - tatsächlichen oder vermeintlichen - Opfer in den Anklagen sogar ein gewisser Vertrauensvorschuss eingeräumt werde.

Oft dünne Beweislage

Auch eine andere Zahlenkurve spricht für diese Einschätzung: Mag die Freispruchquote ansonsten stabil sein, bei den Sexualdelikten hat sie sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten ungefähr verdoppelt. Also just in dem Zeitraum, in dem die öffentliche Aufmerksamkeit dafür gewachsen ist und man also eher das Gegenteil erwartet hätte - weniger Freisprüche für mutmaßliche Vergewaltiger. Wenn das stimmt, dann könnte das heißen: Zwar hat das Bemühen der Justiz zugenommen, Angeklagte in Vergewaltigungsprozessen zu verurteilen; die Staatsanwälte erheben Anklage, die Richter führen die Prozesse. Dadurch aber erhöht sich der Anteil von Verfahren, in denen die Beweislage dünn ist und die Richter am Ende doch freisprechen müssen.

Bleibt die Frage, wo eigentlich bei so vielen später Freigesprochenen der dringende Tatverdacht herkam, der ihnen erst einmal ein paar Monate U-Haft eingebracht hat. Die Gründe reichen von wankelmütigen Zeugen bis zur überraschenden "Wende" im Prozess. In ungefähr der Hälfte der Fälle hat sich allerdings im Verlauf des Verfahrens fast nichts geändert. Beispiel: Am letzten Arbeitstag eines Saisonarbeiters in einem Gasthaus verschwinden 390 Euro aus der Geldbörse des Kellners. Möglicher Täterkreis: Mindestens ein Dutzend Gäste und Angestellte. 63 Tage sitzt ein Beschuldigter in Untersuchungshaft. Danach wird er freigesprochen - weil auch viele andere als Täter in Betracht kommen.

Die Analyse der Fallakten deutet nach Stellys Worten darauf hin, dass manche Menschen eben schneller in der U-Haft landen als andere. Von den untersuchten U-Häftlingen hatten zwei Drittel Migrationshintergrund, drei Viertel waren vorbestraft, die Hälfte arbeitslos, fast ein Viertel ohne festen Wohnsitz. Wie dringend der Verdacht tatsächlich ist, spielt danach oft eine Nebenrolle.

Mittwoch, 22. März 2017

Der Durchschnittsmann.


 
Mannsein ist, wenn es gelingt, die Überkompensation einer Organminderwertigkeit.
Wenn es nicht gelingt, ist es eine Organminderwertigkeit.
Der Mann ist typischerweise merklich über- oder merklich unterdurchschnittlich.
Am durchschnittlichen Mann ist ein Weib verlorengegangen.



Freitag, 17. März 2017

Männer sind so unsensibel.


aus scinexx

Frauen stresst das Leben mehr 
Männer und Frauen bewerten potenzielle Stressfaktoren anders

Gestresste Frauenwelt: Frauen lassen sich von belastenden Situationen stärker stressen als Männer – zumindest aus subjektiver Sicht. In einer Umfrage unter Briten bewerteten weibliche Teilnehmer Ereignisse wie den Tod eines Angehörigen, Krankheit oder finanzielle Nöte durchweg als stressiger. Das könnte sie auch anfälliger für stressbedingte Krankheiten machen, glauben die Forscher.
Stehen wir häufig unter Stress, hat dies Folgen für Körper und Geist: Die Belastung macht vergesslicher, schwächt unsere Selbstkontrolle und kann im Alter sogar die Anfälligkeit für Demenz erhöhen. Zu viel Stress schadet uns demnach – das gilt für Männer wie Frauen gleichermaßen.

Doch es gibt auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie Forscher inzwischen wissen. So verhalten sich Frauen in stressigen Situationen oft anders als Männer – und auch ihr Körper reagiert unterschiedlich. Je nach Geschlecht schüttet er zum Beispiel andere Hormone aus. Das wirkt sich offenbar auch auf den subjektiv empfundenen Stress der Betroffenen aus.

Durchweg stärker gestresst

Wie stark sich die Wahrnehmung von Stress bei Männern und Frauen tatsächlich unterscheidet, haben Wissenschaftler nun mithilfe einer Umfrage untersucht. Im Auftrag der europäischen Physiological Society bat das Meinungsforschungs- institut YouGov dafür 2.078 Briten um eine persönliche Einschätzung: Sie sollten einstufen, wie sehr sie bestimmte Lebensereignisse stressten – zum Beispiel der Tod eines Angehörigen, Krankheit, finanzielle Probleme oder der Brexit.

Das frappierende Ergebnis: Bei allen abgefragten Ereignissen fühlten sich Frauen dem eigenen Empfinden nach gestresster als die männlichen Teilnehmer. "Dass dieser Unterschied bei wirklich jedem Ereignis deutlich wurde, war schon bemerkenswert", sagt Lucy Donaldson von der Physiological Society. Besonders groß war der Unterschied demnach bei der Bedrohung durch Terrorismus. Die geringste Stressdifferenz verursachte die Geburt des ersten Kindes.

Auch das Alter spielt eine Rolle

Auch das Alter spielte bei der Bewertung von Stress offenbar eine Rolle. Je älter die Befragten waren, desto stressiger schienen ihnen viele Ereignisse. Die wenig überraschenden Ausnahmen: Der Verlust des Smartphones wurde durchweg von jüngeren Menschen als stressiger bewertet. Und auch die Geburt eines Kindes stresste junge Befragte mehr – wahrscheinlich, weil sie öfter als Ältere mit dieser Situation konfrontiert sind.

Die Wissenschaftler wollen nun vor allem für die möglichen körperlichen Folgen von Stress sensibilisieren: "Viele Menschen sind sich zwar bewusst, welchen Einfluss Stress auf die mentale Gesundheit haben kann. Es ist aber auch wichtig, die Folgen für den Körper zu bedenken. Das Gehirn, das Nerven-, das Hormonsystem – sie alle reagieren auf Stress und das hat wiederum Auswirkungen auf das Herz, das Immunsystem und den Magen-Darm-Trakt", sagt Donaldson. Dass Frauen sich oft gestresster fühlten als Männer, könne sie womöglich anfälliger für schwerwiegende Krankheiten machen.

(The Physiological Society, 17.03.2017 - DAL) 


Nota. - Männer sind zwar empfindlicher, aber Frauen klagen. Doch das hat seine evolutionäre Logik. Da sie schon verletzlicher auf die Welt gekommen sind, ist es eine Überlebensfrage, ob sie sich einen Panzer umlegen oder nicht. Es bleibt männlichen Individuen gar nichts anderes übrig, als sich abzuhärten. Haben sie denn jemand, der sie im Ernstfall schon beschützen wird? Es ist umgekehrt, Schutz wird von ihnen erwartet. Dass ihnen auch noch nachgesagt wird, die wahren Zimperliesen wären sie, fällt da schon gar nicht mehr ins Gewicht.
JE




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 4. März 2017

Der Interimspascha.

aus derStandard.at, 4. März 2017, 09:00

Warum Löwenmännchen Konkurrenz brauchen
In Löwenrudeln wechseln regelmäßig die Alphatiere. Zoologen haben nun eruiert, warum in Namibia diese Wechsel seltener sind und dadurch die genetische Vielfalt leidet

von Kai Althoetmar

Durban/Wien – Aus Tierdokumentationen kennt man die Szenen: Ein männlicher Löwe erobert ein Rudel, vertreibt das bisherige Alphamännchen und tötet den noch jungen Nachwuchs, den sein Vorgänger mit den Löwinnen des Rudels gezeugt hatte. Möglichst schnell will der neue Rudelführer seine Gene weitergeben, was nur geht, wenn die Weibchen wieder empfängnisbereit sind.

Der Sinn der "Grausamkeit"

Was Tierfreunde als Grausamkeit empfinden mögen, erfüllt biologisch einen Sinn. Der Chefwechsel im Löwenrudel verhindert Inzucht und damit eine genetische Verarmung der Population. Denn sobald ein Rudelführer seine Gruppe drei, vier Jahre am Stück unter Kontrolle hat, beginnt er sich auch mit den eigenen Töchtern zu paaren.

Es gehört also zum Lauf der Natur, dass der Alphalöwe im Schnitt nach zwei bis drei Jahren wieder gestürzt wird. Nicht immer geht das mit Infantizid, der Tötung der Jüngsten, einher. Oft gelingt es den Löwinnen, das Leben ihres Nachwuchses zu verteidigen, oder sie ziehen mit ihren Jüngsten ab.

Langfristige Gefährdung

Konflikte zwischen Mensch und Raubkatze können diese Abläufe allerdings stören, wie Forscher aus Österreich und Südafrika ermittelt haben: Durch Abschüsse von Viehzüchtern droht den Beständen genetische Verarmung, und sie gefährden langfristig die Raubkatzenpopulationen.

Für seine Studie im "Journal of Zoology" markierte das Team um die österreichische Zoologin Martina Trinkel von der südafrikanischen Uni in KwaZulu-Natal und Paul Fleischmann von der HTL Hallein in Namibias Etosha-Nationalpark 181 Löwen vor 17 Jahren mit Brandzeichen; ein bis zwei Weibchen je Rudel wurden mit Radiohalsbändern ausgestattet. Das Alter der Tiere ermittelten die Forscher anhand der Zähne.

Der Etosha-Nationalpark ist seit 1973 umzäunt. Allerdings büxen Löwen regelmäßig durch Löcher aus, die Warzenschweine und Stachelschweine unter dem Zaun graben. Vor allem halbwüchsige Löwenmännchen und erwachsene Löwinnen machten sich davon. Die Tiere ziehen dann meist wie Nomaden umher, häufig auf ungünstigem Terrain, ehe sie später andere Rudel zu übernehmen versuchen.

Hohe Löwenverluste

An den Osten und Süden des Etosha-Parks grenzt kommerzielles Farmland. Viehzüchter halten dort extensiv Rinder. Dem mit Rindern reich gedeckten Tisch außerhalb des Parks können die ausgerissenen Löwen nicht widerstehen. Farmer reagierten auf Viehrisse durch die vagabundierenden Löwen sehr oft mit Abschuss. 59 Prozent der halbwüchsigen Löwenmännchen und 27 Prozent der erwachsenen Löwenweibchen, die den Park verließen, wurden in den 17 Jahren auf dem Farmland entlang der Parkgrenzen erschossen oder gezielt vergiftet. Die getöteten Männchen fielen damit aus, um künftig im Park Rudel zu übernehmen.

Die Zoologen konnten die abgeschossenen Löwen anhand ihrer Brandzeichen identifizieren. Tiere, die nicht von Farmern getötet wurden, kamen durch Kämpfe untereinander, Verletzungen bei der Jagd oder altersbedingt um. 62 von 82 Todesfällen, deren Ursache festgestellt wurde, gingen auf Menschen zurück. In vier Fällen wurden sogar ganze Rudel auf Farmland ausgelöscht. Das geschah zum Beispiel, nachdem im Park ein Wasserloch ausgetrocknet war und das gesamte Rudel den Park verlassen hatte.

Hohes Inzuchtrisiko

Das hatte Folgen für die Löwen im Park: Vermutlich wegen des Mangels an Konkurrenz durch heranwachsende Männchen hielten erwachsene Löwen ihre Rudel fast sieben Jahre lang in Besitz, schreiben Trinkel und Kollegen. Das sei dreimal so lang wie sonst üblich und erhöhe das Inzuchtrisiko. Löwen, die ein Rudel eroberten, waren zu dem Zeitpunkt im Schnitt 5,2 Jahre alt, die gestürzten Rudelchefs waren durchschnittlich schon elf Jahre alt und hatten im Mittel 6,7 Jahre lang die Kontrolle über ihre Gruppe – eine unnatürlich lange Dauer.

Volltext der Studie Journal of Zoology:
Journal of Zoology: "Electrifying the fence or living with consequences? Problem animal control threatens the long-term viability of a free-ranging lion population"


Nota. - Seine ganze Jugend lang hat er gekämpft wie ein Löwe, und als er es endlich bis an die Spitze geschafft hatte, ging der Stress erst richtig los: All seine Damen wollten bedient sein, und alle Nasen lang musste ein Rivale in die Flucht geschlalgen werden. Bis nach zwei, drei Jahren einer stärker war als er, zu dem sind die Damen übergelaufen, und ihn haben sie in die Wüste gejagt, wo er ganz alleine schließlich verhundern musste. 

Die Leidenschaft hat ihn soweit gebracht; beneidenswert, wer frei davon.
JE