aus scinexx
Männer erinnern sich stärker an Schmerzen
Schmerzgedächtnis scheint auch vom Geschlecht abhängig zu sein
Überraschender Effekt: Frauen erinnern sich offenbar anders
an Schmerzen als Männer. Wie eine Studie zeigt, reagieren männliche
Probanden überempfindlich auf eigentlich harmlose Schmerzreize, wenn sie
in derselben Umgebung zuvor ein starkes Schmerzerlebnis hatten. Bei
Frauen zeigt sich dieser Effekt dagegen nicht. Dies könnte auch
bedeuten, dass Männer anfälliger für chronische Schmerzen sind.
Ob im Rücken, in den Gelenken oder im Kopf: Viele Menschen plagen sich mit chronischen Schmerzen herum. Mediziner sind sich inzwischen einig, dass das sogenannte Schmerzgedächtnis
wesentlich mitverantwortlich für solche andauernden Beschwerden ist.
Demnach scheint sich unser Körper starke Schmerzen regelrecht merken zu
können.
So können die anfänglichen Schmerzreize nachweislich Spuren in den
peripheren Nervenzellen, aber auch in den Zellen in Rückenmark und
Gehirn hinterlassen und sie überempfindlich machen. Als Folge tut es
selbst dann noch weh, wenn der ursprüngliche Grund für die Schmerzen
längst nicht mehr vorhanden ist.
Von Maus zu Mensch
Welche Faktoren dieses „Einbrennen“ von Schmerzen begünstigen, ist
bisher erst in Teilen verstanden. Wissenschaftler um Loren Martin von
der McGill University in Montreal haben nun herausgefunden, dass es in
diesem Zusammenhang offenbar eine geschlechtsspezifische Komponente
gibt.
Für seine Studie hatte das Forscherteam zunächst untersucht,
inwiefern sich Mäuse an vergangene Schmerzen erinnern. Das überraschende
Ergebnis: Während starke Schmerzerlebnisse männliche Nager
überempfindlich für selbst harmlose Reize machten, schien dies bei ihren
weiblichen Artgenossen nicht der Fall zu sein. „Wir wollten dann sehen,
ob es ähnliche Unterschiede auch beim Menschen gibt“, berichtet Martins
Kollege Jeffrey Mogil.
Schmerzhaftes Erlebnis
Zu diesem Zweck führten die Wissenschaftler mit 41 Männern und 38
Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren einen Schmerztest durch. Im
Experiment mussten die Probanden zunächst leichte Hitzereize auf ihrem
Arm ertragen und den dabei empfundenen Schmerz auf einer
100-Punkte-Skala bewerten.
Direkt im Anschluss wurden sie mit einem wesentlich stärkeren
Schmerzreiz konfrontiert: 20 Minuten lang sollten sie Fitnessübungen mit
ihrem Arm ausführen, während sie eine enge Blutdruckmanschette trugen –
ein schmerzhaftes Erlebnis, dem nur sieben der Teilnehmer weniger als
50 Punkte auf der Skala vergaben. Wie würde sich diese Erfahrung auf die
Wahrnehmung späterer Reize auswirken?
Veränderte Wahrnehmung
Dies testeten die Forscher am darauffolgenden Tag. Wieder wurden die
Probanden in einen Raum geführt und wieder wurden sie demselben leichten
Hitzereiz wie im ersten Durchgang ausgesetzt. Dabei zeigte sich: Wurden
Männer für das Experiment in denselben Raum geführt wie beim vorherigen
Experiment, bewerteten sie den Schmerz deutlich höher als am Tag zuvor.
Offenbar hatte die Erinnerung an das starke Schmerzerlebnis in dieser
Umgebung sie überempfindlich gemacht. Dieser Effekt war bei weiblichen
Teilnehmern dagegen nicht zu beobachten, wie Martins Team berichtet.
Eine Frage der Erinnerung
Damit scheint nun klar: Das Schmerzempfinden von Frauen und Männern
reagiert offenbar unterschiedlich auf vergangene Erfahrungen. Doch liegt
das beobachtete Phänomen wirklich in den Erinnerungen an frühere
Schmerzen begründet? Um dies zu überprüfen, verabreichten die
Wissenschaftler Mäusen einen Wirkstoff, der bestimmte Erinnerungen
gezielt auslöschen kann. Und tatsächlich: So behandelte Mäusemännchen
reagierten nicht mehr überempfindlich.
Wie aber lässt sich erklären, dass das Schmerzgedächtnis offenbar nur
bei Männern, nicht aber bei Frauen zum Tragen kommt? Die Forscher
spekulieren, dass unter anderem geschlechtsspezifische Stressreaktionen,
aber auch das Hormon Testosteron in Zusammenhang mit diesem Phänomen
stehen könnten.
Welche Rolle spielt Testosteron?
Denn zum einen berichteten Männer, dass sie sich stark gestresst
fühlten, wenn sie in einen Raum geführt wurden, indem sie zuvor ihre
schmerzhaften Armübungen ausgeführt hatten. Frauen fühlten sich nach
eigenen Angaben in einer solchen Situation dagegen nicht sonderlich
gestresst. Zum anderen zeigte sich die kontextabhängige
Schmerzüberempfindlichkeit nicht bei männlichen Mäusen, die kastriert
waren.
Wie genau Schmerz, Erinnerung, Stress und Geschlecht zusammenhängen,
wollen die Wissenschaftler in Zukunft weiter untersuchen: „Dies könnte
uns Einblicke geben, die für die Behandlung chronischer Schmerzen
nützlich sein könnten“, schließt Mogil. (Current Biology, 2019; doi: 10.1016/j.cub.2018.11.030)
Quelle: McGill University
Montag, 14. Januar 2019
Mittwoch, 9. Januar 2019
In hochentwickelten Ländern sind Männer benachteiligt.
aus süddeutsche.de,Die Gesundheit der Männer ist meist schlechter als die der Frauen
Wo Männer leiden
Von Sebastian Herrmann
Ungleichheit, das klingt nach einer klaren Sache: Da sind auf der einen Seite diejenigen, die Privilegien genießen. Und auf der anderen Seite stehen jene, die systematisch ausgebremst werden. Doch so klar verhält es sich in der Praxis kaum - das fängt schon damit an, wie Ungleichheit definiert und gemessen wird. Die Psychologen Gijsbert Stoet von der britischen University of Essex und David Geary von der University of Missiouri, USA, sagen im Fall der Gleichberechtigung von Frauen und Männern: Der für Ländervergleiche gängige Index liefere ein unscharfes Bild, das weder Frauen noch Männern gerecht werde.
Dieses Ergebnis widerspricht der Diskussion, die gerade in
Industriestaaten so hitzig geführt wird. Das weckt natürlich Argwohn und
wirft die Frage auf: Warum liefert die neue Auswertung ein anderes Bild
als der seit 2006 geläufige Global Gender Gap Index (GGGI)?
"Bisher berücksichtigt kein Messinstrument zur Bestimmung von Geschlechtergerechtigkeit Widrigkeiten, die vor allem Männer treffen", sagt Stoet von der Universität Essex. Der GGGI ist so ausgelegt, dass er per Definition gar keine Bereiche identifizieren kann, in denen Frauen Männer überflügelt haben. Für jeden Unterindex - zum Beispiel Bildungsabschlüsse oder wirtschaftliche Partizipation - werden Werte von null bis eins gebildet. Eins bedeutet, dass Frauen Parität zu Männern erreicht haben. Der Wert eins wird jedoch auch vergeben, wenn Frauen Männer in einem Bereich weit hinter sich gelassen haben. Der GGGI kann also trotz aller erzielten Fortschritte niemals ein anderes Ergebnis liefern, als dass Frauen es insgesamt noch immer schwerer haben als Männer.
Das soll der neue Index ändern. "Der GIGI berücksichtigt Lebensaspekte, die für alle Menschen relevant sind", sagt Stoet. In den unterentwickelten Ländern fallen Frauen in den Auswertungen vor allem deshalb hinter Männern zurück, weil ihnen dort sehr häufig der Zugang zu Bildung verwehrt wird. Dass Männern in hoch entwickelten Ländern in der Auswertung teils hinter Frauen zurückbleiben, liege an der durchschnittlich geringeren Lebenserwartung von Männern und dem Umstand, dass sie weniger Jahre in guter Gesundheit bleiben. Das liege unter anderem daran, dass Männer wesentlich häufiger bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen, deutlich mehr Alkohol trinken und zum Beispiel die Präventionsmedizin auf weibliche Bedürfnisse zugeschnitten sei.
Der neue Index, so die Forscher, solle etablierte Messinstrumente nicht ersetzen, aber ergänzen. Es könnte ja schon hilfreich sein, wenn ein Gedanke in die so polarisierende Geschlechterdebatte einsickert: Männer leben keinesfalls überall im Schlaraffenland, wo sie täglich Wunschkonzerten lauschen.
Wo Männer leiden
- Der für Ländervergleiche gängige Index zur Geschlechtergerechtigkeit liefere ein unscharfes Bild, kritisieren britische Psychologen.
- Sie schlagen ein neues Messinstrument vor, das sich an nur drei Faktoren orientiert.
Von Sebastian Herrmann
Ungleichheit, das klingt nach einer klaren Sache: Da sind auf der einen Seite diejenigen, die Privilegien genießen. Und auf der anderen Seite stehen jene, die systematisch ausgebremst werden. Doch so klar verhält es sich in der Praxis kaum - das fängt schon damit an, wie Ungleichheit definiert und gemessen wird. Die Psychologen Gijsbert Stoet von der britischen University of Essex und David Geary von der University of Missiouri, USA, sagen im Fall der Gleichberechtigung von Frauen und Männern: Der für Ländervergleiche gängige Index liefere ein unscharfes Bild, das weder Frauen noch Männern gerecht werde.
Die Wissenschaftler schlagen nun im Fachmagazin Plos One
ein vereinfachtes Instrument vor, den Basic Index of Gender Inequality
(GIGI), der sich aus drei Faktoren errechnet: Bildungschancen, die in
guter Gesundheit verbrachten Lebensjahre sowie die
generelle Lebenszufriedenheit.
Legten die Wissenschaftler diesen Bewertungsmaßstab an 134 Nationen mit insgesamt 6,8 Milliarden Bewohnern an, ergab sich ein Bild, das mit dem aktuellen Konsens nicht ganz vereinbar ist. Demnach haben Männer in 91 Ländern Nachteile zu ertragen und Frauen in 43
Nationen. In unterentwickelten Ländern litten vor allem Frauen unter
Ungleichheit, die meisten dieser Nationen liegen in Afrika und Südasien.
In den hoch entwickelten Industriestaaten hingegen sei gemäß der Daten
ihres GIGI weitgehend Geschlechtergerechtigkeit erzielt - mit leichten
Vorteilen für Frauen, so die beiden Forscher.
Bisher ignorieren Analysen, dass auch Männer in manchen Bereichen benachteiligt sind
"Bisher berücksichtigt kein Messinstrument zur Bestimmung von Geschlechtergerechtigkeit Widrigkeiten, die vor allem Männer treffen", sagt Stoet von der Universität Essex. Der GGGI ist so ausgelegt, dass er per Definition gar keine Bereiche identifizieren kann, in denen Frauen Männer überflügelt haben. Für jeden Unterindex - zum Beispiel Bildungsabschlüsse oder wirtschaftliche Partizipation - werden Werte von null bis eins gebildet. Eins bedeutet, dass Frauen Parität zu Männern erreicht haben. Der Wert eins wird jedoch auch vergeben, wenn Frauen Männer in einem Bereich weit hinter sich gelassen haben. Der GGGI kann also trotz aller erzielten Fortschritte niemals ein anderes Ergebnis liefern, als dass Frauen es insgesamt noch immer schwerer haben als Männer.
Das soll der neue Index ändern. "Der GIGI berücksichtigt Lebensaspekte, die für alle Menschen relevant sind", sagt Stoet. In den unterentwickelten Ländern fallen Frauen in den Auswertungen vor allem deshalb hinter Männern zurück, weil ihnen dort sehr häufig der Zugang zu Bildung verwehrt wird. Dass Männern in hoch entwickelten Ländern in der Auswertung teils hinter Frauen zurückbleiben, liege an der durchschnittlich geringeren Lebenserwartung von Männern und dem Umstand, dass sie weniger Jahre in guter Gesundheit bleiben. Das liege unter anderem daran, dass Männer wesentlich häufiger bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen, deutlich mehr Alkohol trinken und zum Beispiel die Präventionsmedizin auf weibliche Bedürfnisse zugeschnitten sei.
Der neue Index, so die Forscher, solle etablierte Messinstrumente nicht ersetzen, aber ergänzen. Es könnte ja schon hilfreich sein, wenn ein Gedanke in die so polarisierende Geschlechterdebatte einsickert: Männer leben keinesfalls überall im Schlaraffenland, wo sie täglich Wunschkonzerten lauschen.
Freitag, 14. Dezember 2018
Werden Männer nicht depressiv?
Munch, Melancholieaus welt.de, 14. 12. 2018
„Depressionen werden bei Männern systematisch unterdiagnostiziert“
Von Tanja Koch
Manche Stereotypen halten sich hartnäckig: Demnach neigen insbesondere Frauen zu Depressionen. Ein Irrglaube – dies zeigt auch die dreimal höhere Suizidrate bei Männern. Es gibt einen Grund, warum sie durch das Diagnoseraster fallen.
Manche Stereotypen halten sich hartnäckig: Demnach neigen insbesondere Frauen zu Depressionen. Ein Irrglaube – dies zeigt auch die dreimal höhere Suizidrate bei Männern. Es gibt einen Grund, warum sie durch das Diagnoseraster fallen.
Mark Hogencamp liegt schreiend auf dem Boden. „Wir müssen in Deckung gehen, wir müssen in Deckung gehen!“, ruft er panisch. Sein Gesicht ist vor Angst verzerrt, die Augen sind zugekniffen. Hogencamp leidet an Angstattacken. Er bildet sich ein, animierte Barbiepuppen zu sehen. Sie prügeln auf ihn ein, sehen aus wie Nazis. Fünf weitere Barbiepuppen erscheinen, weiblich und auf Stöckelschuhen. Mit Maschinengewehren erschießen sie die Angreifer, retten Hogencamp.
Die Szenen stammen aus dem Trailer zum Film „Willkommen in Marwen“, der Anfang 2019 ins Kino kommt. Steve Carell spielt die Hauptrolle, die Geschichte des Films ist wahr. Nach einem Barbesuch im April 2000 wird der Maler Mark Hogencamp verprügelt und erkrankt an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Als seine Versicherung die nötige Therapie nicht mehr bezahlt, flüchtet er sich in eine Fantasiewelt: das belgische Miniaturdorf Marwencol, das er in seinem Garten aufbaut. Dort durchlebt er die traumatische Erfahrung wieder und wieder und versucht, sie zu bewältigen.
Ein Mann, der an einer psychischen Störung leidet, und weibliche Helden – das ist in Mainstream-Medien ein ungewohntes Bild. Denn entsprechend dem Stereotyp sind Frauen ängstlich, schwach und traurig, Männer hingegen stark und belastbar.
Statistiken über Depressionen bei Männern und Frauen scheinen das auf den ersten Blick zu bestätigen. Es gibt eine deutliche „Gender Depression Gap“, eine Schere, die besagt, dass zwei- bis dreimal so viele Frauen wie Männer die Diagnose Depression erhalten. Doch es gibt noch eine andere Zahl: Etwa dreimal so viele Männer im Vergleich zu Frauen begehen Selbstmord. Wie passt das zusammen?
Dass Männer ein geringeres Depressionsrisiko haben, schließt Anne Maria Möller-Leimkühler, Sozialwissenschaftlerin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie München, aus: „Es gibt keine Daten, die das biologisch oder psychologisch belegen können. Vielmehr handelt es sich um eine systematische Unterdiagnostik bei Männern“, erklärt sie. Depressionen seien keine Frauenkrankheit. Ein Faktor sei, dass Männer noch immer seltener zum Arzt gehen – trotz Aktionen wie dem „Movember“, bei der für einen Monat lang Schnurrbart-Tragen angesagt ist. Das Ziel der Bewegung: auf Themen der Männergesundheit aufmerksam machen.
Um
Depressionen bei Männern besser zu erkennen, reiche es aber nicht aus,
das Diagnoseraster zu erweitern, erklärt Möller-Leimkühler. Depressionen
und entsprechende Gefühle sollten gleichzeitig nicht mehr als Schwäche
oder persönliches Versagen angesehen werden. Zudem müssten Männer
lernen, einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen und sich von
der Vorstellung des starken Mannes zu lösen. „Denn: Je stärker sich ein
Mann an diese Normen gebunden fühlt, desto eher fühlt er sich
unmännlich, wenn er Probleme hat, diese zu erfüllen. Studien zeigen,
dass dies mit einem höheren Depressionsrisiko einhergeht“, erklärt
Möller-Leimkühler.
Bei vielen Männern äußern sich Depressionen aber tatsächlich ganz anders. Anstatt traurig zu sein, zu grübeln und über den psychischen Stress zu sprechen, kompensieren sie ihn auf der Verhaltensebene. „Die Unterschiede bei den Symptomen basieren darauf, wie Männer mit emotionalen Konflikten umgehen“, erklärt Möller-Leimkühler. Sie hätten keinen unmittelbaren Draht zu ihren Gefühlen – was nicht nur hirnanatomische, sondern auch sozialisationsbedingte Gründe habe: „Jungen lernen schon früh, ihre Emotionen zu kontrollieren, was später dazu führen kann, dass die typischen und eher bei Frauen beobachteten Depressionssymptome verleugnet, verdrängt oder abgewehrt werden.“ Das allerdings kann Symptome wie Aggressionen, Süchte und antisoziales Verhalten auslösen.
Bei vielen Männern äußern sich Depressionen aber tatsächlich ganz anders. Anstatt traurig zu sein, zu grübeln und über den psychischen Stress zu sprechen, kompensieren sie ihn auf der Verhaltensebene. „Die Unterschiede bei den Symptomen basieren darauf, wie Männer mit emotionalen Konflikten umgehen“, erklärt Möller-Leimkühler. Sie hätten keinen unmittelbaren Draht zu ihren Gefühlen – was nicht nur hirnanatomische, sondern auch sozialisationsbedingte Gründe habe: „Jungen lernen schon früh, ihre Emotionen zu kontrollieren, was später dazu führen kann, dass die typischen und eher bei Frauen beobachteten Depressionssymptome verleugnet, verdrängt oder abgewehrt werden.“ Das allerdings kann Symptome wie Aggressionen, Süchte und antisoziales Verhalten auslösen.
Suizidalität hingegen ist ein Anzeichen, das bei beiden Geschlechtern auf eine Depression hinweist. Die Rate ist bei Männern jedoch dreimal so hoch wie bei Frauen. „Der Suizidversuch bei Frauen ist ein Hilfeschrei, Männer setzen ihr Vorhaben dagegen mit härteren Methoden gezielt um. Sie haben eine deutlich stärkere Selbsttötungsabsicht, denn wenn ihnen selbst das nicht gelingt, wäre es ja peinlich“, sagt Möller-Leimkühler.
Nota. - Es berichtet eine Frau über die Forschungen einer Frau. Na so ein Zufall.
JE
Montag, 10. Dezember 2018
Kompetenz wirkt männlich.
aus spektrum.de, 10.12.2018
Kompetenz sieht männlich aus
Personen mit maskulineren Zügen schätzen wir offenbar auf den ersten Blick auch als fähiger ein.
von Daniela Zeibig
Wenn wir anhand der äußeren Erscheinung die Fähigkeiten einer Person einschätzen sollen, dann gehen Kompetenz und Maskulinität offenbar Hand in Hand. Darauf deutet zumindest eine Untersuchung hin, die Forscher um DongWon Oh von der Princeton University im Fachmagazin »Psychological Science« veröffentlichten.
Die Wissenschaftler legten Versuchsteilnehmern zunächst in mehreren Experimenten Bilder von verschiedenen Gesichtern vor und baten sie darum, einzuschätzen, wie fähig die abgebildeten Personen auf den ersten Blick aussahen. Anhand der Ergebnisse entwickelten sie dann ein Modell, dass ihnen erlaubte, Fotos am Computer so zu manipulieren, dass die darauf gezeigten Menschen mal mehr, mal weniger kompetent erschienen. Diese Aufnahmen präsentierten DongWon Oh und Kollegen dann neuen Probanden. Dieses Mal ging es unter anderem darum, die Maskulinität der abgebildeten Personen zu beurteilen. Dabei entdeckten die Forscher, dass Gesichter, die so manipuliert waren, dass sie besonders kompetent aussahen, von den Versuchspersonen auch als besonders männlich eingeschätzt wurden. Zudem attestierte man den Gezeigten auch mehr Selbstvertrauen. Auch in einem Onlineexperiment betrachteten Probanden die auf Kompetenz geeichten Gesichter als eher maskulin, während die inkompetent wirkenden als femininer eingestuft wurden. Wie attraktiv die abgebildeten Personen waren, spielte dabei keine Rolle.
In einem abschließenden Versuch veränderten die Wissenschaftler schließlich männliche und weibliche Gesichter so, dass sie mal maskuliner und mal femininer wirkten. Männer sahen die Versuchspersonen dabei als umso kompetenter an, je maskuliner sie dargestellt waren. Bei den weiblichen Gesichtern galt dieser Zusammenhang ebenfalls – allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Die maskulinsten Frauengesichter wurden am Ende schließlich wieder als weniger kompetent eingestuft.
»Unsere Forschung zeigt den verhängnisvollen Gender-Bias auf, der mit unserer Wahrnehmung anderer verknüpft ist«, so DongWon Oh. »Menschen mit einem maskulinen Aussehen schätzen wir als kompetent ein – und das kann unsere Führungsentscheidungen beeinflussen.« Die Ergebnisse der Wissenschaftler reihen sich damit in eine wachsende Anzahl von Studien ein, die zeigen, dass Führungsqualitäten heutzutage nach wie vor in erster Linie mit typisch männlichen Eigenschaften assoziiert werden. Doch leider sei eine kompetente Ausstrahlung eben nicht immer auch ein Hinweis auf tatsächlich vorhandene Kompetenz, sagt DongWon Oh. Die Forscher wollen deshalb als nächstes ergründen, wie sich der Effekt eventuell abmildern lässt.
Kompetenz sieht männlich aus
Personen mit maskulineren Zügen schätzen wir offenbar auf den ersten Blick auch als fähiger ein.
von Daniela Zeibig
Wenn wir anhand der äußeren Erscheinung die Fähigkeiten einer Person einschätzen sollen, dann gehen Kompetenz und Maskulinität offenbar Hand in Hand. Darauf deutet zumindest eine Untersuchung hin, die Forscher um DongWon Oh von der Princeton University im Fachmagazin »Psychological Science« veröffentlichten.
Die Wissenschaftler legten Versuchsteilnehmern zunächst in mehreren Experimenten Bilder von verschiedenen Gesichtern vor und baten sie darum, einzuschätzen, wie fähig die abgebildeten Personen auf den ersten Blick aussahen. Anhand der Ergebnisse entwickelten sie dann ein Modell, dass ihnen erlaubte, Fotos am Computer so zu manipulieren, dass die darauf gezeigten Menschen mal mehr, mal weniger kompetent erschienen. Diese Aufnahmen präsentierten DongWon Oh und Kollegen dann neuen Probanden. Dieses Mal ging es unter anderem darum, die Maskulinität der abgebildeten Personen zu beurteilen. Dabei entdeckten die Forscher, dass Gesichter, die so manipuliert waren, dass sie besonders kompetent aussahen, von den Versuchspersonen auch als besonders männlich eingeschätzt wurden. Zudem attestierte man den Gezeigten auch mehr Selbstvertrauen. Auch in einem Onlineexperiment betrachteten Probanden die auf Kompetenz geeichten Gesichter als eher maskulin, während die inkompetent wirkenden als femininer eingestuft wurden. Wie attraktiv die abgebildeten Personen waren, spielte dabei keine Rolle.
In einem abschließenden Versuch veränderten die Wissenschaftler schließlich männliche und weibliche Gesichter so, dass sie mal maskuliner und mal femininer wirkten. Männer sahen die Versuchspersonen dabei als umso kompetenter an, je maskuliner sie dargestellt waren. Bei den weiblichen Gesichtern galt dieser Zusammenhang ebenfalls – allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Die maskulinsten Frauengesichter wurden am Ende schließlich wieder als weniger kompetent eingestuft.
»Unsere Forschung zeigt den verhängnisvollen Gender-Bias auf, der mit unserer Wahrnehmung anderer verknüpft ist«, so DongWon Oh. »Menschen mit einem maskulinen Aussehen schätzen wir als kompetent ein – und das kann unsere Führungsentscheidungen beeinflussen.« Die Ergebnisse der Wissenschaftler reihen sich damit in eine wachsende Anzahl von Studien ein, die zeigen, dass Führungsqualitäten heutzutage nach wie vor in erster Linie mit typisch männlichen Eigenschaften assoziiert werden. Doch leider sei eine kompetente Ausstrahlung eben nicht immer auch ein Hinweis auf tatsächlich vorhandene Kompetenz, sagt DongWon Oh. Die Forscher wollen deshalb als nächstes ergründen, wie sich der Effekt eventuell abmildern lässt.
Daniela Zeibig ist Redakteurin bei »Spektrum.de« und »Gehirn&Geist«.
Dienstag, 27. November 2018
Wir auch!
aus scinexx
Mitochondriale DNA: Auch vom Vater?
Erbgut aus den Zellkraftwerken wird doch nicht nur von der Mutter vererbt
Widerspruch zur gängigen Theorie: Entgegen bisheriger Annahme kann mitochondriale DNA nicht nur von der Mutter an den Nachwuchs weitergegeben werden. Stattdessen wird dieses Genmaterial aus den Kraftwerken der Zelle in manchen Fällen offenbar auch vom Vater vererbt. Hinweise darauf haben Forscher bei mehreren Personen aus gleich drei nicht miteinander verwandten Familien gefunden. Ihre Entdeckung stellt damit ein lange Zeit gültiges Dogma der Vererbungslehre in Frage.
Der größte Teil unseres Erbguts liegt im Zellkern und wird von beiden Eltern an die Kinder weitergegeben. Neben dieser chromosomalen DNA verfügen wir jedoch über weiteres Genmaterial: Es liegt in den Kraftwerken der Zelle, den Mitochondrien. Da Spermien bei der Befruchtung in der Regel nur ihren Zellkern übertragen, stammt die mitochondriale DNA jedes Menschen aus der mütterlichen Eizelle. Das Genmaterial in den Mitochondrien wird also ausschließlich von der Mutter vererbt - so zumindest dachte man bislang.
Mitochondrien im Blick
Wissenschaftler um Shiyu Luo vom Cincinnati Children's Hospital haben nun Belege dafür entdeckt, dass mitochondriale DNA doch auch vom Vater an den Nachwuchs weitergegeben werden kann. Auf die Spur dieses unerwarteten Vererbungsmechanismus brachte das Team die DNA eines vier Jahre alten Jungen. Bei diesem kleinen Patienten bestand der Verdacht auf eine Mitochondriopathie - einer Erkrankung, die durch Mutationen im mitochondrialen Erbgut verursacht wird.
Um diesem Verdacht auf den Grund zu gehen, wurde die DNA des Jungen sequenziert und analysiert. Dabei stellte sich heraus: Ungewöhnlich viele Genvarianten lagen nur in einem Teil der Mitochondrien der Zelle mutiert vor, während dieser entsprechende Abschnitt des Erbguts in anderen Mitochondrien unauffällig war. Dieses Phänomen ist als Heteroplasmie bekannt. Das Verhältnis von normaler und mutierter DNA ist dabei entscheidend dafür, ob durch die Mutationen tatsächlich Symptome entstehen.
Von Mutter und Vater
Weil das Ausmaß der Heteroplasmie bei dem Jungen so ungewöhnlich war, nahmen die Forscher anschließend auch das mitochondriale Erbgut seiner Familienmitglieder unter die Lupe - unter anderem das der Mutter sowie der Großeltern. Bei der Mutter machten sie eine überraschende Entdeckung: Ihre von Heteroplasmie betroffenen Genvarianten ließen sich nicht durch eine ausschließlich mütterliche Vererbung erklären. Stattdessen schien sie 21 dieser Varianten von ihrer Mutter und zehn weitere von ihrem Vater geerbt zu haben.
Der Junge und seine beiden Schwestern wiederum schienen sämtliche Mitochondrien-DNA dem gängigen Schema nach von der Mutter geerbt zu haben. Handelte es sich bei der väterlichen Vererbung um einen seltsamen Einzelfall - oder war Luos Team womöglich sogar ein Fehler unterlaufen? Offenbar nein: Zusätzliche, unabhängige DNA-Analysen bestätigten das auffällige Ergebnis.
Ungewöhnlicher Vererbungsweg
Doch nicht nur das: Die Wissenschaftler wiesen dasselbe Phänomen schließlich bei weiteren Familienmitgliedern und sogar anderen Familien nach. Konkret fanden sie bei 17 Personen aus insgesamt drei unterschiedlichen, nicht miteinander verwandten Familien Belege für eine väterliche Vererbung von Mitochondrien-DNA. "Damit stellt unsere Arbeit grundsätzliche Annahmen über die mitochondriale Vererbung in Frage", schreiben sie.
Vererbung mitochondrialen Erbguts von beiden Elternteilen war bisher nur von manchen Hefearten und in Ausnahmefällen von Drosophila-Fliegen, Mäusen und auch Schafen bekannt, wie die Forscher berichten. Nun sei klar, dass dieses Phänomen ebenfalls beim Menschen vorkommt: "Die Regel ist nach wie vor die Vererbung über die Mutter. In einigen Fällen kann mitochondriales Genmaterial aber auch vom Vater an die Kinder weitergegeben werden."
Mechanismen entschlüsseln
Die Mechanismen hinter diesem ungewöhnlichen Vererbungsweg zu entschlüsseln, könnte nach Ansicht des Teams nicht nur neue Einblicke darin liefern, wie mitochondriale DNA von den Eltern an den Nachwuchs übertragen wird. "Womöglich ergeben sich daraus sogar neue Therapieansätze für mitochondriale Erbkrankheiten", schließen die Forscher. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1810946115)
(PNAS, 27.11.2018 - DAL)
Mitochondriale DNA: Auch vom Vater?
Erbgut aus den Zellkraftwerken wird doch nicht nur von der Mutter vererbt
Widerspruch zur gängigen Theorie: Entgegen bisheriger Annahme kann mitochondriale DNA nicht nur von der Mutter an den Nachwuchs weitergegeben werden. Stattdessen wird dieses Genmaterial aus den Kraftwerken der Zelle in manchen Fällen offenbar auch vom Vater vererbt. Hinweise darauf haben Forscher bei mehreren Personen aus gleich drei nicht miteinander verwandten Familien gefunden. Ihre Entdeckung stellt damit ein lange Zeit gültiges Dogma der Vererbungslehre in Frage.
Der größte Teil unseres Erbguts liegt im Zellkern und wird von beiden Eltern an die Kinder weitergegeben. Neben dieser chromosomalen DNA verfügen wir jedoch über weiteres Genmaterial: Es liegt in den Kraftwerken der Zelle, den Mitochondrien. Da Spermien bei der Befruchtung in der Regel nur ihren Zellkern übertragen, stammt die mitochondriale DNA jedes Menschen aus der mütterlichen Eizelle. Das Genmaterial in den Mitochondrien wird also ausschließlich von der Mutter vererbt - so zumindest dachte man bislang.
Mitochondrien im Blick
Wissenschaftler um Shiyu Luo vom Cincinnati Children's Hospital haben nun Belege dafür entdeckt, dass mitochondriale DNA doch auch vom Vater an den Nachwuchs weitergegeben werden kann. Auf die Spur dieses unerwarteten Vererbungsmechanismus brachte das Team die DNA eines vier Jahre alten Jungen. Bei diesem kleinen Patienten bestand der Verdacht auf eine Mitochondriopathie - einer Erkrankung, die durch Mutationen im mitochondrialen Erbgut verursacht wird.
Um diesem Verdacht auf den Grund zu gehen, wurde die DNA des Jungen sequenziert und analysiert. Dabei stellte sich heraus: Ungewöhnlich viele Genvarianten lagen nur in einem Teil der Mitochondrien der Zelle mutiert vor, während dieser entsprechende Abschnitt des Erbguts in anderen Mitochondrien unauffällig war. Dieses Phänomen ist als Heteroplasmie bekannt. Das Verhältnis von normaler und mutierter DNA ist dabei entscheidend dafür, ob durch die Mutationen tatsächlich Symptome entstehen.
Von Mutter und Vater
Weil das Ausmaß der Heteroplasmie bei dem Jungen so ungewöhnlich war, nahmen die Forscher anschließend auch das mitochondriale Erbgut seiner Familienmitglieder unter die Lupe - unter anderem das der Mutter sowie der Großeltern. Bei der Mutter machten sie eine überraschende Entdeckung: Ihre von Heteroplasmie betroffenen Genvarianten ließen sich nicht durch eine ausschließlich mütterliche Vererbung erklären. Stattdessen schien sie 21 dieser Varianten von ihrer Mutter und zehn weitere von ihrem Vater geerbt zu haben.
Der Junge und seine beiden Schwestern wiederum schienen sämtliche Mitochondrien-DNA dem gängigen Schema nach von der Mutter geerbt zu haben. Handelte es sich bei der väterlichen Vererbung um einen seltsamen Einzelfall - oder war Luos Team womöglich sogar ein Fehler unterlaufen? Offenbar nein: Zusätzliche, unabhängige DNA-Analysen bestätigten das auffällige Ergebnis.
Ungewöhnlicher Vererbungsweg
Doch nicht nur das: Die Wissenschaftler wiesen dasselbe Phänomen schließlich bei weiteren Familienmitgliedern und sogar anderen Familien nach. Konkret fanden sie bei 17 Personen aus insgesamt drei unterschiedlichen, nicht miteinander verwandten Familien Belege für eine väterliche Vererbung von Mitochondrien-DNA. "Damit stellt unsere Arbeit grundsätzliche Annahmen über die mitochondriale Vererbung in Frage", schreiben sie.
Vererbung mitochondrialen Erbguts von beiden Elternteilen war bisher nur von manchen Hefearten und in Ausnahmefällen von Drosophila-Fliegen, Mäusen und auch Schafen bekannt, wie die Forscher berichten. Nun sei klar, dass dieses Phänomen ebenfalls beim Menschen vorkommt: "Die Regel ist nach wie vor die Vererbung über die Mutter. In einigen Fällen kann mitochondriales Genmaterial aber auch vom Vater an die Kinder weitergegeben werden."
Mechanismen entschlüsseln
Die Mechanismen hinter diesem ungewöhnlichen Vererbungsweg zu entschlüsseln, könnte nach Ansicht des Teams nicht nur neue Einblicke darin liefern, wie mitochondriale DNA von den Eltern an den Nachwuchs übertragen wird. "Womöglich ergeben sich daraus sogar neue Therapieansätze für mitochondriale Erbkrankheiten", schließen die Forscher. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1810946115)
(PNAS, 27.11.2018 - DAL)
Mittwoch, 14. November 2018
Zu männlich?
aus Die Presse, Wien, 14.11.2018
Autismus:
Mangelt dem extrem männlichen Gehirn Zink?
Der defizitäre Sozialbezug hat mit Geschlechtsdifferenzen im Gehirn zu tun, das wird von einer breiten Studie bestätigt. Unklar bleibt weiter der Ursprung des Leidens, ein Verdacht richtet sich auf Zink.
Von Jürgen Langenbach
„Sind Sie autistisch?“ Das fragte im Frühjahr 2017 der britische TV-Sender Channel 4 auf einer Website (zur Vorberei- tung einer Dokumentation), es folgten Tests und Fragen nach Daten zur Person. 695.000 Menschen nahmen teil, darunter 35.648, die sich als Autisten deklarierten, weil sie entsprechende Diagnosen hatten, das waren 5,45 Prozent, viel mehr als in der Gesamtbevölkerung – etwa ein Prozent –, so ganz von der Welt abgeschnitten sind die nicht, bei denen es im Kern ihres breit gefächerten Leidens um mangelnden sozialen Bezug geht, von klein auf, autistische Kinder nehmen oft selbst mit ihren Müttern keinen Augenkontakt auf.
Woher das kommt, ist völlig unklar, in den 50er-Jahren vermutete der in den USA höchst einflussreiche Österreicher Leo Kanner emotionale Defizite in der Erziehung dahinter – „Kühlschrankmütter“ –, später setzte man auf Gene und fand auch Kandidaten, aber keine zentralen. Alternativ suchte Hans Asperger, auch er Österreicher, einen Zugang über den Charakter: Von Autismus sind mehr Männer als Frauen geschlagen – zwei bis drei Mal soviel –, und in seiner Praxis als Kinderpsychiater erlebte Asperger unter Autismuspatienten viele „kleine Professoren“. Deshalb sah er hinter Autismus „das männliche Muster, ins Extrem übertrieben“: Dieses Muster fühlt sich nicht in die Welt ein, sondern will Ordnung in sie bringen, mit Regeln und Systemen.
Es geriet in Vergessenheit, zwei Theorien griffen es später
auf, die vom Empathizing-Systemizing (E-S) und die vom „Extrem Male
Brain“ (EMB), sie gehen davon aus, dass Frauen über mehr Empathie
verfügen – Einfühlungsvermögen, intellektuelles wie emotionales – und
Männer über mehr Ordnungssinn, und dass Letzterer sich bei Autismus
verstärkt zeigt. Das hat sich oft bestätigt, an kleinen Samples, nun bot
Channel 4 Daten in Hülle und Fülle, und Simon Baron Cohen,
Autismusforscher in Oxford, nutzte die Chance und fand die Hypothesen
bestätigt.
Systematisierung vs. Empathie
Und zwar auf beiden Ebenen: Die Geschlechtsdifferenz im Gehirn zeigt sich in der Gesamtbevölkerung. Und sie zeigt sich ausgeprägter bei Autisten: Je höher der in Tests gemessene Systematisierungs-Quotient (SZ) ist, desto niedriger ist der Empathie-Quotient (EQ), und desto größer ist das Risiko, an Autismus zu erkranken.
Das heißt allerdings nicht, dass Autisten jegliche Empathie fehlt: Der EQ misst das intellektuelle Einfühlungsvermögen, nicht das emotionale, über das verfügen Autisten (umgekehrt ist es bei Psychopathen). Und das heißt auch nicht, dass (nur) jeder Mann gefährdet ist: Auch Frauen können einen hohen SZ haben und einen niederen EQ. Das heißt allerdings, dass die Folgen bis in die Berufswahl reichen: Wer Stem betreibt – Science, Technology, Engineering, Mathematics –, ist stärker gefährdet (Pnas 12. 11.).
Über die Ursache des Leidens ist damit allerdings nichts gewonnen, Baron Cohen sieht zu viel männliches Sexualhormon im Uterus dahinter. Ein anderer Verdacht richtet sich länger schon gegen Zink bzw. seinen Mangel. Er wird nun von Sally Kim (Stanford) bekräftigt: Sie hat an Zellkulturen gezeigt, dass und wie Zink bei der Bildung von Synapsen – den Verbindungen zwischen Gehirnzellen – mitspielt, und zwar in der frühen Entwicklung des Gehirns (Frontiers in Molecular Neuroscience 9. 11.). „Unser Befund verbindet den Zinkgehalt in Hirnzellen mit der Entwicklung von Autismus“, schließt Kim, rät aber dringlich von vorsorglicher Selbstmedikation ab: Es gibt keine klinischen Tests an Menschen – und Zink kann auch die Gesundheit gefährden, etwa die Aufnahme von Kupfer verringern und dadurch Anämie bringen.
Autismus:
Mangelt dem extrem männlichen Gehirn Zink?
Der defizitäre Sozialbezug hat mit Geschlechtsdifferenzen im Gehirn zu tun, das wird von einer breiten Studie bestätigt. Unklar bleibt weiter der Ursprung des Leidens, ein Verdacht richtet sich auf Zink.
Von Jürgen Langenbach
„Sind Sie autistisch?“ Das fragte im Frühjahr 2017 der britische TV-Sender Channel 4 auf einer Website (zur Vorberei- tung einer Dokumentation), es folgten Tests und Fragen nach Daten zur Person. 695.000 Menschen nahmen teil, darunter 35.648, die sich als Autisten deklarierten, weil sie entsprechende Diagnosen hatten, das waren 5,45 Prozent, viel mehr als in der Gesamtbevölkerung – etwa ein Prozent –, so ganz von der Welt abgeschnitten sind die nicht, bei denen es im Kern ihres breit gefächerten Leidens um mangelnden sozialen Bezug geht, von klein auf, autistische Kinder nehmen oft selbst mit ihren Müttern keinen Augenkontakt auf.
Woher das kommt, ist völlig unklar, in den 50er-Jahren vermutete der in den USA höchst einflussreiche Österreicher Leo Kanner emotionale Defizite in der Erziehung dahinter – „Kühlschrankmütter“ –, später setzte man auf Gene und fand auch Kandidaten, aber keine zentralen. Alternativ suchte Hans Asperger, auch er Österreicher, einen Zugang über den Charakter: Von Autismus sind mehr Männer als Frauen geschlagen – zwei bis drei Mal soviel –, und in seiner Praxis als Kinderpsychiater erlebte Asperger unter Autismuspatienten viele „kleine Professoren“. Deshalb sah er hinter Autismus „das männliche Muster, ins Extrem übertrieben“: Dieses Muster fühlt sich nicht in die Welt ein, sondern will Ordnung in sie bringen, mit Regeln und Systemen.
Systematisierung vs. Empathie
Und zwar auf beiden Ebenen: Die Geschlechtsdifferenz im Gehirn zeigt sich in der Gesamtbevölkerung. Und sie zeigt sich ausgeprägter bei Autisten: Je höher der in Tests gemessene Systematisierungs-Quotient (SZ) ist, desto niedriger ist der Empathie-Quotient (EQ), und desto größer ist das Risiko, an Autismus zu erkranken.
Das heißt allerdings nicht, dass Autisten jegliche Empathie fehlt: Der EQ misst das intellektuelle Einfühlungsvermögen, nicht das emotionale, über das verfügen Autisten (umgekehrt ist es bei Psychopathen). Und das heißt auch nicht, dass (nur) jeder Mann gefährdet ist: Auch Frauen können einen hohen SZ haben und einen niederen EQ. Das heißt allerdings, dass die Folgen bis in die Berufswahl reichen: Wer Stem betreibt – Science, Technology, Engineering, Mathematics –, ist stärker gefährdet (Pnas 12. 11.).
Über die Ursache des Leidens ist damit allerdings nichts gewonnen, Baron Cohen sieht zu viel männliches Sexualhormon im Uterus dahinter. Ein anderer Verdacht richtet sich länger schon gegen Zink bzw. seinen Mangel. Er wird nun von Sally Kim (Stanford) bekräftigt: Sie hat an Zellkulturen gezeigt, dass und wie Zink bei der Bildung von Synapsen – den Verbindungen zwischen Gehirnzellen – mitspielt, und zwar in der frühen Entwicklung des Gehirns (Frontiers in Molecular Neuroscience 9. 11.). „Unser Befund verbindet den Zinkgehalt in Hirnzellen mit der Entwicklung von Autismus“, schließt Kim, rät aber dringlich von vorsorglicher Selbstmedikation ab: Es gibt keine klinischen Tests an Menschen – und Zink kann auch die Gesundheit gefährden, etwa die Aufnahme von Kupfer verringern und dadurch Anämie bringen.
Freitag, 9. November 2018
Je mehr man ihn bestreitet, umso größer wird der kleine Unterschied.
Garten des buddhistischen Fruchtbarkeitstempels Tawarayama Onsen (Japan)In der Neuen Zürcher vom 2. November rezensierte Markus Schär ein neu erschienenes Buch des neuseeländischen Psychologen Steve Stewart-Williams - The Ape that Understood the Universe; in Untertitel: How the Mind and Culture Evolve. Gegenstand ist die beliebte Frage, ob Männer und Frauen "von Natur aus" unterschiedlich sind oder ob "alles nur Erziehung" ist. Nach einem kurzen Abriss des Aufstiegs der Gender Studies kommt er zur Sache selbst:
Der Konstanzer Biologe Axel Meyer stiess auf wütenden Protest, als er 2015 mit seinem Buch «Adams Apfel und Evas Erbe» erklärte, «warum Frauen anders sind als Männer». Und der Zürcher Anthropologe Carel van Schaik zwang sich, «den Text so trocken wie möglich zu halten», als er 2016 sein Lehrbuch zu den «Primate Origins of Human Nature» herausgab, «weil jede Aussage zum menschlichen Verhalten zu erbitterten Debatten führen kann». Der Autor des Bestsellers «Das Tagebuch der Menschheit» wagt sich erst in seinem nächsten Buch so locker wie in seinen Vorlesungen an die Unterschiede zwischen den Geschlechtern – nach seiner Emeritierung.
«Die Soziobiologen und die Evolutionspsychologen platzten wie die Stinktiere in eine Party», so Steve Stewart-Williams. Der Neuseeländer, der nach akademischem Globetrotten jetzt als Psychologieprofessor an der University of Nottingham in Malaysia lehrt, stellt diese Ideen in seinem neuen Buch, «The Ape that Understood the Universe», klar und witzig dar, mit einem ambitiösen Ziel: «In diesem Moment in der Geschichte ist es erstmals möglich, eine Erklärung für das menschliche Verhalten und die menschliche Kultur zu geben, die wenigstens eine passable Chance hat, akkurat zu sein.»
Der Psychologe stützt sich, wie die Biologen, auf die Evolution. Und bei der Geschlechterfrage geht er von einem Problem aus, das schon Charles Darwin umtrieb: Warum ziert den Pfauenhahn ein prächtiges Rad, obwohl es ihm im Überlebenskampf nur Nachteile beschert? Der Stammvater der Evolutionslehre fand bereits die Lösung: Es gibt nicht nur die natürliche, sondern auch die sexuelle Selektion. Bei den Pfauen wählten die Hennen die Hähne mit den schönsten Rädern aus, weil diese stark und gesund sein mussten, damit sie sich einen so hinderlichen Prunk leisten konnten – die Weibchen züchteten also die Männchen nach ihrem Wunschbild.
Welche Qualitäten das eine Geschlecht beim anderen schätzt, hängt von der Investition in den Nachwuchs ab. Die Weibchen müssen die Jungen austragen und oft lange beschützen, sie brauchen also Väter, die ihnen dabei helfen. Die Männchen dagegen können eine Vielzahl von Weibchen begatten, dafür müssen sie sich mit Ornamenten als Erzeuger empfehlen oder mit Waffen gegen Konkurrenten durchsetzen. Darum der Federschmuck bei den Vögeln oder die Mähne bei den Löwen einerseits, die Geweihe bei den Hirschen oder die grossen Eckzähne bei den Schimpansen anderseits. Darum aber auch die breiteren Schultern oder die wilderen Triebe bei den männlichen Menschen – zumindest sehen es die Anthropologen so.
Mit der Evolution aufgrund der sexuellen Selektion erklären sie, was Carel van Schaik im Lehrbuch und Steve Stewart-Williams als Populärwissenschaft aufzeigen: Männer wählen ihre Partnerinnen aufgrund ihrer Fruchtbarkeit aus; sie achten deshalb auf gesunde Haut und runde Formen. Und Frauen suchen bei ihren Partnern neben der Gesundheit vor allem Status und Ressourcen – deshalb finden, wie Axel Meyer zündelt, auch alte, graue Männer mit Porsche noch Gespielinnen. Mit diesem Ansatz lassen sich aber auch die Ungleichheiten begründen, die Politikerinnen wie Simonetta Sommaruga* missfallen: Im Durchschnitt – also nicht in jedem Fall! – interessieren sich Männer eher für Dinge und Frauen eher für Beziehungen, kämpfen Männer härter gegen Konkurrenten und gehen grössere Risiken ein. Deshalb erringen die Männer mehr Chefposten oder Nobelpreise, begehen aber auch schwerere Straftaten und erleiden einen früheren Tod.
Nicht die Evolution habe zu diesen Unterschieden geführt, wenden die Vertreterinnen der Gender-Studies ein, sondern die jahrtausendelange Diskriminierung der Frauen im Patriarchat. Dagegen fragt Steve Stewart-Williams, ob es um die Gewalt, die Untreue oder die Abenteuerlust der Männer geht: Weshalb zeigen sich die Geschlechtsunterschiede, wenn sie denn kulturell geprägt sind, in allen Kulturen gleich? Und vor allem: Weshalb halten sie sich, selbst wenn die Sozialisation, wie beim Zähmen wilder Knaben, dagegenwirkt?
Ungleich sind die Geschlechter denn auch gerade, wenn sie – dank der Gleichstellung der Frauen – machen können, was sie wollen. Eine Studie im führenden Wissenschaftsjournal «Science», mit dem bei Ernst Fehr in Zürich ausgebildeten Ökonomen Armin Falk als Lead-Autor, bestätigte kürzlich mit einer weltweiten Erhebung einen Befund, den die evolutionäre Psychologie schon länger kennt: je fortschrittlicher die Länder bei der Gleichstellung, desto grösser der Geschlechterunterschied bei der Berufswahl. Es könnte also doch vernünftige Gründe geben, weshalb sich die Löhne von Männern und Frauen unterscheiden – selbst wenn die Bundesrätin keine sieht.
*) Simonetta Sommaruga vertritt die Sozialistische Partei im Schweizer Bundesrat; 2015 war sie Bundespräsidentin der Schweiz.
Steve Stewart-Williams: The Ape that Understood the Universe. How the Mind and Culture Evolve. Cambridge University Press, Cambridge 2018. 378 S., Fr. 42.90.
Nota. - Der Fortschritt wird nach Nestroy immer kleiner statt größer, je näher man ihn anschaut. So ungezogen ist der Kleine Unterschied nicht. Der wird, wie die Natur es will, größer, je genauer man hinsieht.
JE.
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