aus Forschung & Lehre 11. November 2014
Wozu Gender Studies?
Der
Begriff ‚Gender Studies‘ wird derzeit auf mindestens drei Weisen
verwendet: als Bezeichnung eines transdisziplinä- ren
kulturwissenschaftlichen Forschungsgebietes, als beschwichtigende
Umbenennung der feministischen Geschlechter- forschung und als
rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen. Eine
kritische Bestandsaufnahme aus soziologischer Sicht.
Der Sinn von ,Gender Studies’
In
einem engen und präzisen Sinn bezeichnet Gender Studies die
kulturwissenschaftliche Forschung zur Geschlechterdif- ferenzierung. Das
wissenschaftliche Wissen über die Geschlechterdifferenz ist heute durch
eine zweifache Paradigmen- differenzierung geteilt. Neben die ontologische
Unterschei-dung von sex und gender, die Natur- und Kulturwissenschaf- ten
trennt, ist eine epistemologische Differenz getreten: Die
Geschlechterforschung verwendet Geschlecht als analytische Kategorie und
empirische Variable, sie beobachtet Phänomene also mithilfe der
Geschlechterunterscheidung und stellt so biologische
Geschlechtsunterschiede oder soziale und sprachliche Ungleichheiten
fest. Die Gender Studies dagegen beobachten diese Unterscheidung selbst
als Phänomen, d.h. sie untersuchen, ob und wie eine Gesellschaft
‚Geschlechter‘ unterscheidet (wie sie es auch mit ‚Rassen’ tun oder
lassen kann) – etwa in Geburtssituationen, sprachlichen Formen,
Tätigkeiten, sozialen Beziehungen usw. Ihre Kernfächer sind die
Geschichts- und Literaturwissenschaften, die Ethnologie und Soziolo- gie,
Erziehungswissenschaft, Linguistik und Wissenschaftsforschung. Diese
Fächer haben gezeigt, dass Gender historisch und kulturell unabhängig
von der biologischen Ausstattung menschlicher Männchen und Weibchen
variiert – einschließlich der Zahl und des Zuschnitts von
Geschlechtskategorien, die Gesellschaften vorsehen. Und sie haben eine
neue grundlagentheoretische Vorstellung vom Geschlecht etabliert:
Geschlecht besteht aus einer sozialen Praxis, die stattfindet oder
nicht.
In der Gesellschaft stößt diese Einsicht auf tradierte
alltagsweltliche Überzeugungen von der Natürlichkeit und Universa- lität
des Geschlechtsunterschieds, die seit dem 19. Jahrhundert durch die
Biologie geprägt wurden. Die Gender Studies haben deren alte Frage nach
der Geschlechterdifferenzierung in eine kulturwissenschaftliche
Grundlagenforschung überführt. Sie sind eine Wissenschaft von der
Geschlechterunterscheidung, die mit den Naturwissenschaften um die
Beantwortung der Frage konkurriert, was das Geschlecht überhaupt ist:
eine natürliche Tatsache unserer Organ- und Zellstrukturen oder eine
sinnhafte und historische Praxis, in die unsere Körper eingelassen sind.
Was beide Unterneh- mungen teilen, ist die Suche nach den Grundlagen der
Zweigeschlechtlichkeit – ob man sie nun in genetischen oder in
kulturellen Codes sucht.
‚Geschlechter‘ bestehen in
kulturwissenschaftlicher Sicht nicht bloß aus ein paar durch körperliche
Tatsachen begrenzten Sozialisationseinflüssen, sondern aus einer
historisch trägen Gemengelage aus Klassifikationspraktiken, kognitiven
Schemata, sprachlichen Kategorien, Verhaltensgewohnheiten, Stereotypen,
institutioneller Trägheit, Machtinteressen und diversen sich
verstärkenden oder abschwächenden Bedingungskonstellationen. Wegen
dieser Vielschichtigkeit ist diese soziale Konstruktion eine recht
stabile Realität. Biologen können dem nur die Behauptung hinzufügen,
dass dies auch notwendig und ewig so sein müsse. Dies ist für die Gender
Studies nicht mehr als ein Datum, denn sie rekonstruieren auch
biologische Forschungsergebnisse und Konzepte – nicht im Sinne von
politisierender Wissenschaftskritik, sondern von empirischer
Wissenschaftsforschung, die den Wandel biologischen Wissens begleitet
und die Reflexivität dieser Fächer beträchtlich steigern kann.
Gender als rhetorischer Lack
Neben
diesem präzisen Sinn von Gender Studies wird das Etikett aber auch noch
anders verwendet: Zum einen ist ‚Gender‘ ein dünner rhetorischer Lack
auf einer traditionellen Frauenforschung, die sich als feministische
Gegenwis- senschaft versteht. Sie ist im Wesentlichen
Geschlechterforschung geblieben, die in der Feststellung sozialer
Ungleichheit ihr Zentralthema hat. Zum anderen verschleift sich das
Label ‚Gender‘ in einem politischen Etikettenschwindel: Auf der einen
Seite tarnen sich mit ihm verzweifelte hochschulpolitische Versuche,
hartnäckige Männerdomänen in bestimmten Fächern mit ‚Frauenprofessuren‘
aufzubrechen; auf der anderen Seite macht das sog. ‚Gender
Mainstreaming‘ von Bü- rokratien die analytischen Gewinne des Konzeptes
zunichte, indem es Personen unausgesetzt mit der
Geschlechterunter- scheidung beobachtet und ‚gendert’, ohne zu
reflektieren, dass dies das Geschlecht beständig reproduziert, obwohl es
doch einmal erklärtes Ziel dieser Politik war, dessen soziale Relevanz
abzubauen. In dieser traurigen Gestalt ist der Feminismus zu einer
Staatsmacht geworden, die sich gebärdet wie eine Guerilla im Kampf gegen
einen übermächtigen Klassenfeind.
Das
Konzept ‚Gender‘ ist in der öffentlichen Wahrnehmung auf diese Weise
heillos mit feministischer Politik und bü- rokratischer Frauenförderung
verquickt worden. Für eine Naturwissenschaftlerin ist diese
Politisierung schwer verständ- lich. Aber alle Sozial- und
Kulturwissenschaften haben es schwerer, sich von gesellschaftlich
aufgedrängten Problemen und politisch verlangten ‚Lösungen‘ zu
distanzieren. Ihnen stellen sich Herausforderungen der
Professionalisierung, von denen Wissenschaf-ten hinter Labormauern keine
Vorstellung haben.
So war auch die Politisierung der
Geschlechterfrage lange die wichtigste Triebkraft zur
Institutionalisierung der femini- stischen Geschlechterforschung.
Inzwischen ist sie das größte Hemmnis ihrer intellektuellen Entfaltung.
Trotz aller Aka- demisierung ist sie immer noch politisch gerahmt: in der
Positionierung als kritische Gegenwissenschaft, in der Verein- nahmung
durch Ministerien und soziale Bewegungen, in der Handlungsorientierung
des Wissens und in der Rekrutierung ihres Personals. Sie folgt noch
immer der Logik einer sozialen Bewegung: Sie fasst das
Forschungspersonal in Termini politischer Repräsentation auf und
fraktioniert Frauen, Männer und Queers. Und sie lässt sich als Vehikel
der Frauenför- derung verzwecken, um auf diese verquere Weise einen Teil
der Karrierehemmnisse für Frauen an Universitäten aus dem Weg zu räumen.
Die
feministische Geschlechterforschung ist so zu einer gendered science
geworden. Sie sieht genauso aus wie die Wissenschaft, die sie so
vehement als androzentrisch kritisiert hat. Einen solch hohen Grad
homosozialer Verdichtung und Schließung gibt es in keinem anderen
Forschungsgebiet. Und die Geschlechterforschung steckt eben deshalb so
tief in den Unterscheidungsroutinen der Gesellschaft, die sie
kritisiert, weil sie sich durch ein besseres, kritisches Bewusstsein von
diesen Routinen ausgenommen sieht. Es ist eine einzige Peinlichkeit,
dass der Feminismus, der das Gendering von Wissensprozessen mit guten
Gründen kritisierte, selbst nicht in der Lage war, Wissensprozesse unter
Absehung von Geschlecht zu organisieren.
Dies hat intellektuelle
Folgen: Leicht erkennbar ist eine politisch selektive Themenwahl der
Forschung. Maximale Sensibilität gibt es – verständlicherweise – für
Aufstiegshemmnisse von Frauen und persistente soziale Ungleichheiten;
völlig unterforscht bleiben dagegen kulturelle Aspekte des
Geschlechterverhältnisses (etwa politisch inkorrekte
Attrak- tivitätsnormen oder lebensweltliche Biologismen) sowie die
vorhandenen Benachteiligungen von Jungen und Männern. Sie wurden den –
verständlichen – Ressentiments von Männerrechtlern überlassen.
Ein
weiterer, viel schwerer zu überwindender Bias der Geschlechterforschung
liegt in der systematischen Überschätzung der Relevanz, die die
Geschlechterunterscheidung für moderne Gesellschaften hat. Wir leben
nicht mehr in einer Genus- gesellschaft, die alle Tätigkeiten und
Positionen mit geschlechtlichem Sinn versieht, sondern in einer
Gesellschaft, die zwar in bestimmten Feldern noch hartnäckig nach
Geschlecht unterscheidet, es in vielen Feldern aber erfolgreich
ver- meidet. Es gibt eine längst realisierte Geschlechtsblindheit der
modernen Gesellschaft, deren Bedeutung eine ‚Geschlech- terforschung‘ auch
deshalb unterschätzt, weil sie fast nur von Frauen betrieben wird. Denn
wir strukturieren unsere Welt- wahrnehmung nach unserer
Selbstwahrnehmung. Die von Frauen wird aber kulturell ungleich stärker
als die von Män- nern darauf verpflichtet, die Geschlechtszugehörigkeit
überhaupt für einen hochrangigen Umstand ihres Lebens zu halten. Die
Geschlechterforschung wird daher von Personal durchgeführt, auf das die
Gesellschaft das Geschlecht projizierte. Vor allem dieser Bias bestimmt
ihre Wissensproduktion. Und auch die Überzeugung, das Geschlecht sei
eine weibliche Eigenschaft, ist ein wissensgeschichtliches Erbe des 19.
Jahrhunderts. Die Frauenforschung hält in ihrer Sozialorganisa- tion
emphatisch an diesem Erbe fest: Das Geschlecht sind die Frauen. Es ist
ihre Zuständigkeit und sie sind die kulturel- len Stammhalter dieses
Erbes.
Der Feminismus wird in der Geschlechterforschung von vielen
immer noch als Name einer Art politischer Partei aufge- fasst – eine
geschlossene Wagenburg – anstatt als das viele (auch den Autor dieser
Zeilen) prägende Generationenprojekt, das er war. Der Kern des
feministischen Bekenntnisses liegt in einer großen, stillen Hoffnung:
das Böse in der Welt in einem Geschlecht verorten zu können und insofern
selbst ‚das andere‘ zu bleiben. Der Feminismus bleibt damit der
Geschlechterunterscheidung so verpflichtet wie der Atheismus der
Religion. Er kann sie nur gebrauchen, repräsentieren und wütend
kritisieren, aber nicht beobachten wie die Gender Studies das tun, um
einen Fall von Humankategorisierung zu verstehen. Dafür braucht es (1)
ein anderes Rollenverständnis und (2) eine andere Organisation der
Forschung.
Ein anderes Rollenverständnis
1. Die Forschung
über Frauen, Männer und Queers muss ihren tradierten politischen
Separatismus endlich überwinden und auf dem Weg einer professionellen
Distanzierung ihre angestammten Loyalitäten gegenüber sozialen
Bewegungen in den Griff kriegen. Gefragt sind nüchterne
Bestandsaufnahmen ungleicher Chancen in der Konkurrenz der
‚Geschlechter‘, Explorationen der Vielfalt neuer, posttraditionaler
Lebensstile, luzide Analysen der Paradoxien im Geschlechterverhält- nis,
und kaltblütige Bilanzierungen der historischen Gleichzeitigkeit des
politisch Ungleichzeitigen – von archaischen Gewaltakten gegen Frauen
über die Irrelevanz von Geschlecht bis zur Benachteiligung von Männern.
Wer diesen Nerv nicht hat, sollte nicht über Geschlechter forschen. Wer
ihn hat, könnte das Motto variieren, das Hans-Joachim Friedrichs einmal
für die Rollendifferenzierung des Journalisten vom politisch denkenden
Bürger prägte: „Eine gute Gender For- scherin erkennt man daran, dass sie
sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten
Sache.”
Eine
ebenfalls quasi-journalistische Aufgabe liegt in einer anderen
Darstellung der Geschlechterforschung in der Öffent- lichkeit. Sie fällt
auch hier eher durch politischen Lärm auf. Da treten Professorinnen, die
sich in ihrem besseren politi- schen Bewusstsein eingebunkert haben, zum
Vergnügen der Massenmedien in eine traurige Gesellschaft von
revanchi- stischen Männern und Comedians, die ausrangierte Sexismen
pflegen – ein unerquickliches Schlammcatchen ewig Gest- riger gegen ewig
Vorgestrige. Anstelle eines subkulturellen Jargons voller Kampfvokabeln,
der auf exklusive Gruppen- bildung zielt, braucht es eine
Kommunikationsstrategie, die Verantwortung für den Denkstil des je
eigenen Faches übernimmt und auf diese Weise öffentlich verstehbar den
nostalgischen Biologismen unserer Gesellschaft entgegentritt. Eine
‚Gegenwissenschaft‘ kann das nicht, sondern nur ein Fach, das seine
Zuständigkeit gegenüber der Gesellschaft wahrnimmt.
Eine andere Forschungsorganisation
2.
Neben einem veränderten Rollenverständnis braucht es eine Öffnung des
disziplinären Horizonts. Vor allem die Gender Studies (im engeren Sinne)
stehen hier vor zwei Erweiterungen: a) eine Überführung der Lektionen
und Gegenstände der Geschlechtsdifferenzierungsforschung in den Kanon
ihrer jeweiligen Fächer, also etwa der Allgemeinen Geschichte,
All- gemeinen Soziologie usw. Dieser Prozess hat längst begonnen (vor
allem in der Geschichts- und Literaturwissenschaft) und macht dem
thematischen Separatismus ein Ende. b) Eine Überführung der Gender
Studies in eine erweiterte trans- disziplinäre Differenzierungsforschung,
die die Unterscheidung der Menschen nach Geschlecht nur mehr als einen
inter- essanten Fall unter anderen untersucht. So braucht es auch einen
Ausstieg aus den Gender Studies, um die Fragen der Kreuzung von Gender
mit ähnlich politisierten Unterscheidungen – etwa Rasse, Ethnizität und
Religion – nicht in eine fruchtlose ‚oppression olympics‘ münden zu
lassen, sondern ohne gender bias zu analysieren.
Die Gender
Studies sind jenes kulturwissenschaftliche Unternehmen, das den
praktischen Vollzug der Geschlechter- differenz in der Gesellschaft
beobachtet: ihren historischen Auf- und Abbau, ihre hartnäckigen
Rekonstruktionen, ihre Wandlungs- und Verfallsprozesse, paradoxen
Wendungen und ihre widersprüchliche Selbstabwicklung. Vor unseren Augen
werden alte soziale Kategorien dekomponiert: die ‚Homosexualität‘ löst
sich in geschlechtsgleiche Intimbezie- hungen auf, die ‚Mutter‘ wird durch
die Reproduktionsmedizin in verschiedene Figuren aufgespalten, der
‚Mann‘ verliert sich in Rollen (wie Ernährer, Beschützer, Kämpfer usw.),
die allesamt auch Frauen einnehmen können. Die Männer werden dabei
weiter Macht abgeben müssen. Aber auch den Frauen wird das passieren:
bei der Mutterschaft etwa, deren millimeterweise Abtretung auch ihnen
Ersetzbarkeitskränkungen beschert; und bei der Moralität: Erfolgreiche
Frauen werden die einst unbescholtene ‚Weiblichkeit‘ weiter desavouieren
und die alte Hoffnung des Feminismus zersetzen.
Und das ist gut so.
Postscriptum
P.S.:
Ein Text wie dieser wird zwangsläufig hineingesogen in die Stimmungen
und Strömungen, in denen er sich artiku- liert: der eingeübten Indifferenz
der meisten, bei einem immergleichen Thema auf taub zu stellen, dem
verdrucksten Schweigen der politisch Gutwilligen, die schon lange ahnen,
dass etwas schief läuft, dem revanchistischen Lauern von Maskulisten
auf schlagkräftige Argumente und der misstrauischen Hermeneutik der
Insassinnen der Wagenburg, die den Autor schon an seiner vermeintlichen
Geschlechtszugehörigkeit als potenziellen Frauenfeind verbuchten. Ach
Schwestern! Es gibt ein postnormatives Denken nach dem Feminismus: klar,
heiter, kritisch, theoretisch innovativ und empirisch lernfähig. Sein
einziger Nachteil: Es weiß nicht immer sofort, wer der Täter war.
Professor
Stefan Hirschauer lehrt soziologische Theorie und Gender Studies an der
Universität Mainz und ist Sprecher der DFG-Forschergruppe ,Un/doing
differences’