kaufda...fortpflanzen, ist das richtig.
Rebecca Gomperts in Neue Zürcher, 25. 6. 22:
«Eine
Abtreibung ist eine akzeptable Art, um zu regulieren, ob man Kinder hat
oder nicht. Egal, ob man es einmal oder zehnmal macht.»
Halten wir fest: Ein sozialpolitisches Thema wie vor fünfzig Jahren ist Abtreibung nicht mehr. Wer keine Kinder will, muss keine Kinder bekommen. Natürlich gibt es Sonderfälle...
Halten wir weiterhin fest: Moral ist - wie Religion - Privatsache. Was ich andern schulde - und sie mir -, regelt das Recht. Moral ist das, was ich mir selber schuldig bin, und das weiß nur ich.
Wer also aus moralischen Gründen gegen Abtreibung ist, muss sich nicht zwingen lassen. Einen andern mag er verurteilen, doch ihm sein eigenes Gesetz überhelfen darf er nicht. Und sollte es aus pragmatischen Gründen gar nicht wollen. Ein strafrechtliches Verbot schafft eine ganze Reihe von Folgeproblemen; ob es die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche senken würde, steht aber in den Sternen.
Ein ganz anderes Thema ist das öffentliche Reden über Abtreibung - und die Rolle, die poli-tische Instanzen dabei haben können.
Der eingangs zitierte Spruch der eingangs genannten Person. Er enthält die die öffentlich-moralische Gleichstellung von Abtreibung ung und Geburt.
Moralisch und öffentlich - kann das nach obigem gehen? Moral kommt von lat. mos, das bedeutet Sitte und Gewohnheit. Im Griechischen - Ethik/ethos ists dasselbe. Überall in der Welt gab es es und gibt es Sitten, die öffentlich gelten, weil so viele als für sich geltend aner-kennen. Und sie mögen sich entrüsten, wenn andere es nicht tun, und in gepflegter Sprache dürfen sie das sogar sagen. Mehr aber auch nicht - schon der Aufruf, Kliniken zu boykottieren, ist nicht legitim.
Der westliche Rechtsstaat beruht auf der Fiktion des autonomen Subjekts. Wenn er direkt et-was mit Moral zu tun hat, dann dies. Es ist die Grundlage für die kategorische Scheidung zwi-schen öffentlich geltenden Recht und persönlicher Sittlichkeit.
Haben sich staatliche Instanzen also ganz aus dem Thema rauszuhalten? Nicht, wo es politisch und virtuell rechtlich von Belang ist. Der Paragraph 219a ist so ein Fall. Er stammt aus einer Zeit, als Abtreiben strafbar war. Doch davon abhängig ist er nicht. Nicht nur hat ein Staat das Recht, sondern auch die politische Pflicht, klar und deutlich festzustellen, dass in öffentlicher Wertschätzung Gebären und Kinder in die Welt einführen etwas radikal anderes ist als die eigene Familie... eben nicht zu planen, sondern nachträglich zurechtzuschneiden. Dass der § 219a gestrichen wurde, ist ein kulturelle Schande. Werben mögen sie für Botoximplantate.
123rf Das ist nicht einer unter tausend Strafrechtsparagraphen. Das ist eine grundlegende Aussage über das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft: ob gebären und abtreiben als gleich-wertig gelten sollen.
Ist es aber Sache des Staates, darüber zu befinden?
Da könnte man drüber streiten - er ist ja nicht unsere Gouvernante. Auf keinen Fall aber kann man ihm die Ansage erlauben, dass es so sei; er muss schließlich als Stifter einer Rechtsord-nung glaubhaft bleiben.

Sexualhormon Testosteron
Von
Nicola von Lutterotti
Wer sich in der heutigen Zeit mit Unterschieden zwischen den Geschlechtern befasst, begibt sich auf vermintes Terrain. Dass Männer anders aussehen als Frauen, lässt sich indes schwerlich leugnen. Schon Kleinkinder sind zu einer solchen Differenzierung in der Lage. Das äußere Erscheinungsbild ist dabei das eine, die biologischen Voraussetzungen dafür das andere. Bereits im Mutterleib wirken auf männliche Ungeborene andere Kräfte ein als auf weibliche. Anders als viele annehmen dürften, geschieht dies jedoch nicht unmittelbar, sondern ab etwa der sechsten Schwangerschaftswoche. Erst zu diesem Zeitpunkt entwickeln sich die Geschlechter in unterschiedliche Richtungen. Aus dem gleichen embryonalen Zellhaufen, dem Genitalhöcker, wachsen dann entweder Penis und Hodensäcke heran oder Klitoris und Schamlippen.
Die Ausbildung der männlichen Geschlechtsorgane, und nicht nur dieser, trägt die Handschrift von Testosteron – eines Hormons, das die einen mit „echten Kerlen“ verbinden, die anderen mit Aggressivität und Gewalt. Hergestellt aus dem Fettstoff Cholesterin, zieht Testosteron seit jeher echte und vermeintliche Experten in seinen Bann. So befassen sich unzählige Schriften mit diesem als typisch männlich geltenden Geschlechtshormon, das, wenngleich in deutlich geringeren Mengen, auch vom weiblichen Organismus erzeugt wird.
Was den Einfluss von Testosteron auf Männer betrifft, fällt es inmitten der Kakophonie von Annahmen und Behauptungen oft schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Carole Hooven, Dozentin und Ko-Direktorin für menschliche Evolutionsbiologie an der Harvard University, ist nun angetreten, dieses Gewirr zu entflechten. In ihrem Buch „T wie Testosteron“ räumt sie mit gängigen Vorurteilen auf und versucht zugleich, einem nicht einschlägig vorgebildeten Publikum zu erläutern, wie das Sexualhormon den Körper und das Verhalten von Männern prägt und was sich die Natur dabei gedacht haben könnte. Die Tatsache, dass sie an der Harvard University über Geschlechterunterschiede und Testosteron promoviert hat, verleiht ihr dabei die nötige Autorität, um ihren Lesern und vor allem auch Leserinnen nahezulegen, selbst nicht als „woke“ geltende Einsichten zu akzeptieren oder zumindest zur Kenntnis zu nehmen – jedenfalls dann, wenn sie auf einer soliden wissenschaftlichen Basis ruhen.
Carole K. Hooven: „T wie Testosteron“. Alles über das Hormon, das uns beherrscht, trennt und verbindet. Ullstein-Verlg
Ein Beispiel betrifft die seit Langem schwelende Debatte, ob es an der kulturellen Prägung oder an der Biologie liegt, dass Mädchen generell eher mit Puppen spielen und Jungen häufiger toben und sich balgen. Auch wenn sich diese Frage nicht mit letzter Sicherheit beantworten lässt, kann Hooven doch recht überzeugend darlegen, dass die geschlechtstypischen Beschäftigungsvorlieben von Kindern zumindest teilweise naturgegeben sind und Testosteron hierzu maßgeblich beiträgt. Zugleich versäumt sie es nicht, und das erhöht ihre Glaubwürdigkeit als Wissenschaftlerin, den bedeutsamen Einfluss der Kultur ins Spiel zu bringen.
Hierzu erwähnt sie unter anderem ein Experiment, in dem Männer und Frauen angehalten wurden, das Verhalten von drei Monate alten Babys zu beurteilen. Gingen die Versuchspersonen davon aus, dass es sich bei dem Säugling um ein Mädchen handelte – dieser in Wahrheit aber ein Junge war –, beschrieben sie dessen Verhalten auffallend oft mit Attributen, die gemeinhin als typisch weiblich gelten. Andererseits bezeichnete eine Frau ein vermeintliches Mädchen als „zufriedener und genügsamer, als es ein Junge wäre“.
Um ihren Lesern die biologische Bedeutung von Testosteron nahezubringen, beschränkt sich Hooven nicht auf den Menschen. Mit unzähligen Beispielen aus dem Tierreich versucht sie vielmehr zu vermitteln, dass das Hormon in der Natur vorwiegend eine Aufgabe besitzt, nämlich männliche Vertreter einer Tierart in die Lage versetzen, sich im Fortpflanzungs-Wettbewerb zu behaupten und den eigenen Genen auf die Weise einen Vorteil zu verschaffen. Gleich zu Beginn ihres Werks schildert die Autorin hierzu eine Szene aus dem Leben von Schimpansen, die sie nachhaltig erschüttert hat. Sie sah während eines Forschungsaufenthalts in Uganda, wie ein kräftiges und besonders streitsüchtiges Männchen ein sehr viel kleineres Weibchen jäh attackierte und mit Fäusten, Stockhieben und Tritten blutig schlug.
Wie sich später zeigte, besaß der gewalttätige und von der Gruppe gefürchtete Schimpanse namens Imoso einen ungewöhnlich hohen Testosteronspiegel. Seine Brutalität gegenüber dem Weibchen hatte offenbar System. So gibt es laut der Autorin Hinweise, dass aggressive Männchen bei Schimpansenweibchen besonders gut ankommen und entsprechend viele Nachkommen zeugen. Einem größeren Publikum wurde Imoso daraufhin als „der Frauenschläger von Kibale“, so der Titel eines Beitrags im „Time Magazine“, bekannt. „Der vermenschlichende Titel hat mir Bauchschmerzen verursacht, aber die Ähnlichkeiten zwischen Imosos verstörendem Verhalten und häuslicher Gewalt unter Menschen waren nicht zu leugnen“, gibt die Entwicklungsbiologin offen zu.
Wer den Hauptakteur seiner Erzählung gleich zu Beginn in ein finsteres Licht rückt, muss erhebliche Überzeugungsarbeit leisten, um diesen anschließend zu rehabilitieren. Hooven, deren Unterricht mehrfach prämiert wurde, stellt sich dieser Aufgabe mit Verve. Didaktisch geübt, erklärt sie ihren Lesern zunächst die Methoden und Erkenntnisse relevanter wissenschaftlicher Studien. Ihr Ansinnen dabei ist es, interessierte Laien in die Lage zu versetzen, die Ergebnisse der Forschung zu verstehen und irreführende oder auch falsche Interpretationen als solche zu erkennen. Zugleich scheut sie sich nicht, Themen wie Homosexualität, Trans-Gender und Intersexualität aufzugreifen.
Gestützt auf Gespräche mit solchen Personen, schildert sie etwa, wie eine Testosteron-Therapie das Empfinden, die Sexualität und den Körper eines als Frau geborenen Trans-Mannes verändert. Zu Wort kommt unter anderem auch eine Studentin, die über ein für Männer charakteristisches Y-Chromosom verfügt, aber die Gestalt einer Frau hat und sich auch als solche fühlt. Ursächlich für die Diskrepanz zwischen dem genetischen Hintergrund und dem äußeren Erscheinungsbild der Betroffenen ist eine Unempfindlichkeit der Zellen auf Testosteron. Ihr Körper stellt das Hormon zwar her, kann dessen Signale jedoch nicht erkennen. Da die junge Frau gesund ist und sich wohl in ihrer Haut fühlt, weigert sie sich, von einer Störung zu sprechen. Nach der Lektüre von „T wie Testosteron“ dürften die meisten Leserinnen und Leser dieser Ansicht beipflichten.
Carole K. Hooven: „T wie Testosteron“. Alles über das Hormon, das uns beherrscht, trennt und verbindet. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Ullstein Verlag, Berlin 2022. 480 S., geb., 19,99 Euro.

Die WELT veröffentlichte kürzlich einen von mir mitverfassten Artikel, zunächst unter dem Titel „Wie ARD und ZDF unsere Kinder sexualisieren und umerziehen“. Diese Überschrift wurde dann in „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Wie ARD und ZDF unsere Kinder indok-trinieren“ verwandelt. Der von unserem Autorenteam gewählte Titel war: „Aufruf von Wis-senschaftlern gegen die Fehlberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“.
In diesem Text verwiesen wir auf eben diesen zur Unterschrift bereitstehenden Aufruf. Zen-trales Thema waren die fehlerhaften Darstellungen biologischer Sachverhalte zu den Themen Geschlecht und Genderdysphorie/Transsexualismus. Unsere Vorwürfe haben wir in einem 50-seitigen Dossier belegt, und der Aufruf wurde mittlerweile neben anderen Unterstützern auch von hunderten von Wissenschaftlern unterzeichnet, darunter zahlreiche Biologen, Mediziner und Psychologen mit universitärem Lehrstuhl.
Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, will es aber besser wissen als diese Koryphäen. In einer Replik auf unseren Text, die ebenfalls in der WELT erschien, schrieb er: „Die Autor*innen sprechen in ihrem Text von einer ‚bestätigte(n) wissenschaft-lichen Erkenntnis der Zweigeschlechtlichkeit‘. Spätestens hier kann man den Text eigentlich weglegen und als quasi-kreationistisches Erzeugnis ignorieren. Ich mache mir trotzdem die Mühe, dem zu entgegnen: Intergeschlechtlichkeit existiert! Transgeschlechtlichkeit existiert!”
Tatsächlich haben die Autoren des Dossiers – was Lehmann wissen müsste, falls er es denn gelesen hat – die Existenz von Intersexualität (Störung der geschlechtlichen Entwicklung) und Transsexualität bzw. Genderdysphorie nicht nur konstatiert, sondern auch klare klinische De-finitionen dieser Phänomene gegeben. Allerdings vermögen wir, anders als Lehmann, auch den Begriff des Geschlechts im Dossier zu definieren. Aus dieser Definition (bezugnehmend auf Arten anisogametischer Keimzellen) ergibt sich in Konjunktion mit den empirischen Fak-ten (es gibt nur zwei solche Arten: Eizellen und Spermien) logisch gültig die Zweigeschlecht-lichkeit. Intersexualität und Transsexualität sind Erscheinungen innerhalb dieser Zweige-schlechtlichkeit.
Eine Störung (oder Variante) der geschlechtlichen Entwicklung produziert so wenig ein neues Geschlecht, wie eine anatomische Entwicklungsstörung in Form eines verkürzten Arms oder eines zusätzlichen Fingers eine neue Spezies der Gattung Mensch produziert. Ebenso: So sehr sich manche Frauen auch als Mann identifizieren mögen und manche Männer als Frau, so we-nig kreieren sie dadurch biologisch gesehen ein drittes Geschlecht.
Wenn das Bundesverfassungsgericht, auf welches sich Lehmann beruft, ein solches als Ge-schlechtseintrag zulässt, so ist dies eine juristische Fiktion, ändert aber nichts an den biolo-gischen Fakten. Kurz, Lehmann hat seine abstrusen Vorstellungen sicherlich nicht der bio-logischen Primärliteratur entnommen, sondern offenbar dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Lehmann erklärt weiter: „Auch gegenüber der Politik der Bundesregierung verbreitet das Pam-phlet Falschbehauptungen. Wie etwa, dass künftig 14-Jährige ,gegen den Willen ihrer Eltern über eine hormonelle und operative Anpassung entscheiden können‘ sollen. Nein, das ist nicht geplant. Das war es auch nie.“
Dass Lehmann diese falsche Behauptung, auf deren Verlogenheit er wiederholt hingewiesen wurde, permanent und impertinent allerorten wiederholt, macht sie nicht wahrer. Es sei Le-sern und vor allem den Eltern unter ihnen geraten, den Koalitionsvertrag und die früheren Entwürfe des sogenannten „Selbstbestimmungsgesetzes“ von Grünen und FDP selbst zu prüfen.
So heißt es etwa im Gesetzentwurf der Grünen vom 10.6.2020 über den genitalverändernden chirurgischen Eingriff: „Verweigern die sorgeberechtigten Personen [ihre] Einwilligung, so ersetzt das Familiengericht die Einwilligung …“ Für die Hormonbehandlung wiederum wird weder die Einwilligung der Eltern noch die des Familiengerichts verlangt, wie der Entwurf unter „Zu Satz 3“ ausdrücklich feststellt.
Und was seinen großen Kritikpunkt am bestehenden Transsexuellengesetz angeht, nämlich dass die „Zwangsgutachten“ „entwürdigend“ seien, so sei darauf hingewiesen, dass das Bun-desverfassungsgericht dies anders sieht und die Zulässigkeit dieser Gutachten bereits 2011 erklärte und 2017 nochmals ausführlich begründete. Während das Bundesverfassungsgericht eben keine wissenschaftliche Instanz zur Entscheidung über biologische Fakten ist, ist es autorisiert, festzustellen, was im Sinne der Verfassung menschenwürdig ist.
Nicht nur für Kindeswohl und Elternrechte hat das geplante „Selbstbestimmungsgesetz“ katastrophale Auswirkungen, sondern auch für Frauen. Das Gesetzesvorhaben würde es er-lauben, seinen amtlichen Geschlechtseintrag umstandslos mit allen Rechtsfolgen zu ändern. Andere Länder haben mit den Folgen hieraus bereits Erfahrungen. In vermeintlichen Frauen-gefängnissen wurden Frauen von mit ihnen inhaftierten „transidenten“ Männer vergewaltigt; und von Männern begangene Vergewaltigungen können kriminalstatistisch Frauen zugeschrie-ben werden (die sich vor Gericht auf ihre Peiniger natürlich entgegen der Fakten mit weibli-chen Pronomen beziehen müssen, was wiederum die Rede- und Gewissensfreiheit verletzt).
Zudem haben Männer, ob „transident“ oder nicht, hierdurch leichten Zugang zu Frauentoi-letten, die diese aber nicht unbedingt mit Männern teilen möchten, da dies ihrem Schamemp-finden und erwiesenermaßen ihren Sicherheitsinteressen widerspricht. Und schließlich werden in diesen Ländern Frauen von Transfrauen im Kampfsport mühelos überwunden, beim Ge-wichtheben deklassiert und bei Schwimmwettbewerben um Längen zurückgelassen. Die Rede von undefinierten „Geschlechtsidentitäten“ ändert an dieser auf biologischen Realitäten beru-henden Unfairness nichts. Lehmann aber scheinen die Interessen von Frauen gleichgültig zu sein.
Damit kommen wir zu einem Thema, mit dem Lehmann in Ermangelung vernünftiger Ar-gumente beginnt: nämlich „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ und „Hetze“. Er meint, unser Artikel habe „einen Frontalangriff gegen LGBTIQ*“ unternommen und triefe „vor Homo- und Transfeindlichkeit.“ Diese Aussagen sind unbegründet und bleiben wenig über-raschend von Lehmann unbelegt.
Tatsächlich hat ein Transsexuellennetzwerk, dass sich von der „Genderideologie“ ausdrücklich distanziert, auf unseren Beitrag positiv reagiert. Und die LGB Alliance Deutschland hat unse-ren Artikel und Aufruf unterstützt und Mathias Döpfners Distanzierung von ihm verurteilt. Abschließend sei meine Eingangsbemerkung ergänzt. Zentrales Thema waren für uns in der Tat die fehlerhaften Darstellungen biologischer Sachverhalte zu den Themen Geschlecht und Genderdys-phorie/Transsexualismus. Aber wir wiesen auch darauf hin, dass diese Falschdar-stellungen extrem negative Auswirkungen auf Kinder bzw. Jugendliche haben.
Ebenso wiesen wir darauf hin, dass Sexualaufklärung – die wir befürworten – altersangemes-sen sein muss. Wir haben in dem Artikel festgestellt und im Dossier belegt, dass dies oft ganz gewiss nicht der Fall ist. Erwachsene können einvernehmlich miteinander tun, was sie wollen, aber nicht jedes erwachsene Verhalten muss Kindern und Heranwachsenden, auch nicht durch Medien vermittelt, penetrant und permanent zur Schau gestellt werden. Wenn Lehmann dies anders sieht, sieht er das Jugendwohl offenbar so wenig wie das von Frauen.
Unser Aufruf fordert, Wissenschaft vor Ideologie und Gemeinwohl vor Partialinteressen zu stellen. Lehmann kommt dieser Aufforderung so wenig nach wie der ÖRR. Zumindest aber, so unsere Hoffnung, ist Letzterer reformfähig.
aus nzz.ch, 4. 6. 2022 Hans Thoma, Walkürenritt
Eine
Antwort ist so alt wie die Komödie «Lysistrata» von Aristophanes. Der
Name der Heldin ist Programm. «Lysis» ist «Auflösung, «Stratos» Heer.
Die Frau hat also im Peloponnesischen Krieg die Armeen zerlegt, wiewohl
ganz friedlich. Ihre Waffen: Sex und Gold, was die Männer noch mehr
lockte als der Krieg. In Athen und Sparta verschwören sich die Frauen
gegen die Buben mit dem XY-Chromosom. Die Athenerinnen verschanzen sich
auf der Akropolis, wo die Kriegskasse lagert, und verweigern den Männern
ihre Körper. Ähnlich in Sparta. Der Liebesentzug wirkt, die Jungs legen
ihre Schwerter beiseite und sich selber ins Ehebett.
Es
ist eine herzerwärmende Geschichte weiblicher Weisheit, nur stimmt sie
nicht. Der Bruderkrieg dauerte 27 Jahre und endete mit dem Sieg Spartas.
Doch hat sich die Idee festgesetzt, wonach Frauen die besseren,
jedenfalls friedfertigeren Menschen seien. Mütter kümmern sich ums
Leben, Männer um Krieg. Frauen sind umsichtig und fürsorglich,
testosterongesteuerte Männer schlagen reflexhaft zu, Aggressivität und
Gewalt wurzeln in ihrer Natur. Seit dem Ukraine-Krieg ist die
Lysistrata-Saga wieder akut. Leider ist sie in den letzten 2500 Jahren
nicht bestätigt worden. Der Frieden blieb bloss eine Pause zwischen zwei
Kriegen.
Gegen Aggressoren hilft nur Gewalt
Was
ist feministische Aussenpolitik (FAP)? Es gibt zwei Versionen. Eine
findet sich in der Anleitung des Auswärtigen Amtes in Berlin, wo es mehr
um Proporz als um Strategie geht. Einer FAP «geht es nicht um das
Ausschliessen, sondern um das Einbinden . . . Wenn die Hälfte der
Bevölkerung keine Möglichkeit zu gleichberechtigter Teilhabe hat, kann
keine Gesellschaft ihr Potenzial voll ausschöpfen, können wir Frieden
und Sicherheit nicht dauerhaft erreichen.»
Die
zweite ist ambitionierter. Sie will das Wesen internationaler Politik
umkrempeln. Ein probates Beispiel: FAP «fordert das Ende einer simplen
Weltsicht. Sie denkt strukturelle Gewalt wie Rassismus, Sexismus oder
Klassismus mit. Denn die Fokussierung auf die Bedürfnisse von gerade
weissen Männern reicht nicht aus, um die Komplexitäten des Lebens zu
verstehen . . . Jede Waffe mehr bringt mehr patriarchale Gewalt, [diese]
mehr Waffen.» Der Sinn der FAP «muss sein, dass patriarchale Regime wie
das Putins auch in Russland nicht mehr existieren können».

Das
Amt zwingt zu Realpolitik: Die deutsche Aussenministerin Annalena
Baerbock tritt im März 2022 mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg
nach einem Treffen in Berlin vor die Presse.
Das
ist die harte Version: eine neue Weltordnung plus Regime-Change, was an
George W. Bushs Kriege erinnert. Sodann an den US-Präsidenten Woodrow
Wilson und seine Parole im Ersten Weltkrieg: «Make the world safe for
democracy». Das hehre Ziel der beiden hatte zwei Haken. Ihre Strategie
forderte insgesamt drei Kriege mit Millionen Toten und hat Europa nach
1918 und Nahost nach «mission accomplished» weder befriedet noch
demokratisiert.
Heute
darf man Wilson/Bush so ironisieren: «Macht die Welt sicher durch
Feminismus.» Das wirft drei Probleme auf. Erstens: Ob Potentat wie
Saddam oder Autokrat wie Putin, die Aggressoren haben leider die Macht,
und deren Sturz erfordert überlegene Gegengewalt. Weibliche
Überzeugungskraft läutert sie ebenso wenig wie männliche; freiwillig
gehen sie nicht, zumal da draussen das Kriegsverbrechertribunal lauert.
Also Krieg für den Frieden – und da geht sie dahin, die weiche Macht
jedweden Geschlechts.
Pazifismus,
ein Kern der FAP, verbessert die Welt nur in der Vorstellungskraft.
«Wer Frieden will», dozierten die Römer, «muss sich auf den Krieg
vorbereiten.» Und ihn notfalls führen. Denn, um Friedrich Schiller zu
bemühen: «Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen
Nachbarn nicht gefällt.
Weibliche Machtpolitik in der Praxis
Das
ist das erste Problem – wie bei Schopenhauer, der wähnte: «Die Welt ist
meine Vorstellung, dies ist die Wahrheit.» Das zweite würde eine
dogmatische Feministin aufspiessen. Sie würde ihren laxen Kolleginnen
vorwerfen, just mit den Kategorien der weissen Männer zu hantieren. Etwa
so: «Ihr reproduziert doch bloss die alten Rollenklischees. Ihr redet
letztlich genauso wie die Männer. Ihr preist Frauen als Friedensbringer,
ihr schreibt ihnen zu, wovon die Jungs träumen: Sanftmut, Hingabe,
Kinder-Küche-Kirche. So bleibt ihr gefangen in der Unterwerfung.» FAP
wäre demnach ein Irrweg. Wenn Frauen wie Männer handeln, was wird aus
ihrer spezifischen Identität als Frau? Man kann den Kuchen nicht essen
und behalten.
Das
dritte Problem ist das gravierendste, ein Denkfehler. Er verwechselt
Gender mit Gebaren. Die plakatierten Tugenden der Frauen –
Friedfertigkeit usw. – lassen sich von ihrer Position in Gesellschaft
und Staat nicht trennen. Wer keine Macht hat, wird den Krieg nicht
proben. Unter dem traditionellen «Patriarchat» mussten Frauen andere
Machtquellen anzapfen – siehe Lysistrata und Genossinnen, deren sexuelle
Macht Rüstung und Schwert austrickste.
Greifen wir nun in die Geschichte, wo Frauen die Herrschaft errangen, und das
Bild sich dreht. Fangen wir an mit Deborah, der israelitischen
Heerführerin. «Es gebrach an Regiment in Israel, bis dass ich, Deborah,
aufkam, eine Mutter Israels.» (Richter 5,7) Unter ihrer Führung siegte
ihr Volk im Befreiungskrieg gegen seine kanaanitischen Unterdrücker.
Frieden lässt sich nicht oft ohne Waffen schaffen.
Boudicea
sammelte 60 n. Chr. ein 100 000-Mann-Heer gegen die Römer, die
Britannia unterjocht hatten. Sie schlug sie und brannte Londinum
(London) nieder. Die Frau griff zur Gewalt, weil es das nationale
Interesse so gebot
Ein
Sprung nach vorn. Isabella von Spanien vereinte ab 1492 mit ihrem Mann
Ferdinand die iberische Halbinsel und verjagte die muslimischen
Eroberer. Ihr Motto im Wappen: «Er wiegt so viel wie sie.» Unter ihrer
Herrschaft entstand ein riesiges Imperium in Lateinamerika. Mit anderen
Worten: Kolonialismus ist nicht allein Männersache, wie es im
Katechismus des Korrekten heisst.
Johanna
von Orleans war eine Kriegsherrin. Und Elizabeth I. (Königin von 1558
bis 1603) entsandte ein Heer in die Niederlande, um die protestantischen
Brüder (und die Insel) gegen die ausgreifenden Spanier zu schützen –
klassische Gleichgewichtspolitik. Sie erfand den englischen
Kolonialismus und besiegte die Armada des spanischen Erbfeindes. Sie
liess ihre katholische Rivalin Maria Stuart köpfen. Die
«Jungfrau-Königin» deklamierte in ihrer berühmtesten Rede: «Ich weiss,
ich habe den Körper einer schwachen, zarten Frau, doch das Herz und den
Willen eines Königs.» Auch wer Röcke trägt, gehorcht auf dem Thron der
Staatsräson.
Margaret Thatcher, die «Iron Lady»,
täuschte die Welt mit ihrer eleganten Garderobe – keine Hosen, stets
onduliertes Haar. Als Argentinien 1981 die Falklands eroberte, entsandte
sie die Flotte und triumphierte über 12 000 Kilometer hinweg. Manche
Männer im Kabinett waren nicht ganz so mutig. Auch nicht George Bush,
der 1990 zögerte, Saddam aus Kuwait zu vertreiben. Legendär ist ihr
Anruf beim Präsidenten: «Du wirst doch nicht wackeln, George!»
Lieber Gas als Solidarität
Was
lehrt dieser kurze Ausschnitt aus der Geschichte? Machtpolitik kommt
von Macht, nicht aus dem Hormonhaushalt. Auf dem Thron handeln Frauen
nicht anders als Männer. Dann gilt ihre Sorge nicht den Kindern, sondern
dem Staat. Angela Merkel vermied Krieg jenseits symbolischer Einsätze,
dies aber genauso wie ihr Macho-Vorgänger Gerhard Schröder und heute der
risikoscheue Olaf Scholz. «Weiblich» war ihre kalte Interessenpolitik
nicht. Siehe ihr stures Festhalten an Nord Stream 2, welche die
östlichen Nachbarn umging. Gas für Deutschland zählte mehr als
europäische Solidarität.
Gender
ist weder Schicksal noch Tugend. Wo man steht, hängt davon ab, wo man
sitzt – auf dem Thron oder an der Wiege. Natürlich haben Männer über
Jahrtausende Krieg geführt, die Aussenpolitik bestimmt, weil die Frauen
nichts zu sagen hatten – ausser im Umweg über des Königs Ohr wie bei
Madame de Pompadour. Das Weib hatte gefälligst für Nachwuchs, Wärme und
Speisung zu sorgen. Doch zeigen unsere Beispiele, dass an der Macht
Frauen wie Männer vorweg dem Wohle des Staates dienen, wo Selbstsucht
und -schutz sich zum ewigen Basso ostinato vereinen.
Machen
wir ein Gedankenexperiment und unterstellen ein weltweites Regiment der
Frauen. Wer würde auf Kants «Ewigen Frieden» wetten, wer auf den «sacro
egoismo» der Nationen? Wer auf Mutter Theresa, wer auf Maggie Thatcher?
PS: Wer mehr über Herrscherinnen wissen will, möge Antonia Frasers Klassiker «The Warrior Queens» (1988) lesen.
Josef Joffe
lehrt internationale Politik und politische Theorie an der Johns
Hopkins School of Advanced International Studies in Washington.
Nota. - Verdammt, ich habs immer noch nicht gelernt. Als ich zum erstenmal von femini-stischer Außenpolitik las, glaubte ich an einen müden Sarkasmus eines weißen alten Manns. Doch nein, was da seit nun einem halben Jahrhundert Netzhaut und Trommelfell strapaziert, ist ganz bierernst gemeint. Mehr als ein paar müde Sarkasmen fällt mir inzwischen selbst nicht mehr ein. Da habe ich einen Artikel übernommen, der sich ebenfalls ganz ernstgemeint gibt.
Aber ich weiß schon, was frau allen Ernstes entgegnen wird: Das waren alles biologische Frauen, die auf Männerthronen saßen. Aber mit Annalena Baerbock ist erstmals eine gegen-derte Feministin am Drücker!
Das ändert alles.
JE
Gräfin Pompadour