Donnerstag, 10. Oktober 2019

Und es gibt sie doch, die Männergrippe!


aus scinexx

Was ist dran an der Männergrippe?
Virale Infekte scheinen das männliche Geschlecht tatsächlich stärker zu treffen

Von wegen reine Anstellerei: Grippale Infekte und "echte" Grippeerkrankungen treffen Männer tatsächlich oft schwerer als Frauen. Eine Überblicksarbeit bestätigt nun: Vertreter des männlichen Geschlechts landen häufiger wegen einer Influenza im Krankenhaus und scheinen auch bei anderen Infekten anfälliger für Komplikationen zu sein. Ein möglicher Grund könnte ihr offenbar schwächeres Immunsystem sein.

Husten, Schnupfen, Heiserkeit: Für Frauen sind diese Symptome noch längst kein Grund, sich krank zu melden. Sie gehen mit einer normalen Erkältung brav zur Arbeit, schmeißen den Haushalt und kümmern sich um die Kinder. Für Männer hingegen wäre das in einer solchen Situation undenkbar. Sie liegen dann wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa, bemitleiden sich und sehen vor ihrem inneren Auge schon die eigene Beerdigung ablaufen.

Kein Wunder: Schließlich sind Männer nicht einfach erkältet. Männer haben die "Männergrippe", eine zumindest gefühlt weitaus schlimmere Variante solcher Infekte. Der schwere Verlauf hängt dabei vor allem mit der ausgeprägten Wehleidigkeit des männlichen Geschlechts zusammen. "Mann" übertreibt und leidet eben gerne - so die gängige, hauptsächlich von Frauen beeinflusste Lehrmeinung.

Der Mythos vom Warmduscher

Doch stimmt das auch? Oder wird der Männerwelt damit Unrecht getan? Schließlich gibt es inzwischen Hinweise darauf, dass einige Infekte Männer tatsächlich schwerer treffen als Frauen. Ob das auch für grippale Infekte und die Grippe gilt, hat nun Kyle Sue von der Memorial University of Newfoundland im kanadischen St John's untersucht.

Der Mediziner war es nach eigenen Angaben leid, ständig der Übertreibung bezichtigt zu werden - und durchforstete deshalb die wissenschaftliche Literatur auf der Suche nach Belegen für geschlechtsspezifische Unterschiede in Sachen Erkältung und Co. Die Recherche ergab: Das Phänomen scheint sich nicht nur durch die Tatsache erklären zu lassen, dass Männer Warmduscher sind. Ihr Körper leidet womöglich wirklich stärker unter den viralen Attacken.

Anfälliger für Komplikationen

So zeigen epidemiologische Studien beispielsweise, dass Männer mit einer Grippeerkrankung häufiger ins Krankenhaus eingeliefert werden und auch öfter daran sterben als Frauen im gleichen Alter. Bei anderen akuten viralen Infekten der Atemwege ist das männliche Geschlecht offenbar ebenfalls anfälliger für Komplikationen und einen tödlichen Verlauf, wie Sue berichtet.

Eine mögliche Erklärung dafür: Einigen Untersuchungen zufolge scheinen Männer ein weniger robustes Immunsystem zu haben. Als Folge kommt ihr Körper mit einem Infekt schlechter zurecht. "Männer übertreiben in Bezug auf ihre Symptome womöglich gar nicht. Stattdessen könnte ihr schwächeres Immunsystem zu schwereren Krankheitsverläufen und sogar einer höheren Sterblichkeit führen als bei Frauen", schreibt der Forscher.

Evolutionsbedingtes Verhalten?

Was zunächst unvorteilhaft klingt, könnte aus evolutionärer Sicht Sinn haben. Weniger in das Immunsystem zu investieren, erlaube Männern mehr Energie in andere wichtige biologische Prozesse zu stecken - zum Beispiel Wachstum oder Fortpflanzung, glaubt Sue.

Zudem könnte es für unsere Vorfahren ein lebenswichtiger Vorteil gewesen sein, bei einem Infekt gar nicht erst in Versuchung zu kommen, noch am normalen Alltagsleben teilzunehmen und etwa auf die Jagd zu gehen: "Auf dem Sofa zu liegen oder im Bett zu bleiben könnte ein evolutionsbedingtes Verhalten sein, das uns früher davor schützte, zu einem leichten Opfer für Räuber zu werden", konstatiert der Mediziner.

Rauf aufs Sofa, Männer!

Zwar sei noch weitere Forschung nötig, um das Phänomen der Männergrippe genauer zu verstehen - und zum Beispiel zu klären, ob bestimmte Umweltaspekte den männlichen Genesungsprozess beeinflussen können. Klar sei jedoch: Männer haben es mitunter wirklich schwerer.

"Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, männerfreundliche Räume mit großen Fernsehern und Liegesesseln zu schaffen - Räume, in denen sich Männer in Ruhe und in Sicherheit von ihrem schweren Leiden erholen können", schließt Sue. (BMJ, 2017; doi: 10.1136/bmj.j5560)
(The BMJ Christmas editions, 12.12.2017 - DAL)


Nota. - Das Männer ein insgesamt schwächeres Immunsystem haben als Frauen, ist sehr wahrscheinlich - aber erwiesen ist es nicht: weil nämlich eine konsistente Erklärung fehlt, siehe oben. Einige Plausibilität hat jedoch die Theorie, dass werdende Mütter, denen ein fremder Organismus im Leib heranwächst, ihr Immunsystem vorüberhegehend herabstimmen, um Abstoßungsreaktionen zu vermindern (weshalb Kindbettfieber so verbreitet ist); und dies insbesondere bei einem fremden Organismus, der das extrafremde Y-Chromosom in sich trägt. Bei den Müttern erhole sich das Immunsystem nach und nach wieder; nicht aber bei den neugeborenen männlichen Individuen, deren Immunsystem ja seinerseits herabgesstimmt war, aber von Anfang an; und keinen Status quo ante kennt, zu dem es zurückkehren könnte.
JE

Mittwoch, 9. Oktober 2019

#WeAllToo.


aus nzz.ch, 7. 10. 2019

Frei erfundene Berichte über Missbrauch: 
Scotland Yard ermittelt stümperhaft und gesetzeswidrig
Ehemalige Minister, Wirtschaftsakteure und hohe Militärs standen im Verdacht, Jahrzehnte zuvor Buben vergewaltigt zu haben. Das ist nicht wahr – und der Bericht über die Ermittlungen lässt Zweifel an der Urteilsfähigkeit der Hauptstadtpolizei aufkommen.

von Markus M. Haefliger, London

«Unrechtmässig», «stümperhaft» und «Grund zu sehr ernster Besorgnis», lautet das Urteil, das Sir Richard Henrique, ein ehemaliger Richter, über die Metropolitan Police und die Polizeiaufsichtsbehörde ausspricht. Die mit über 31 000 Uniformierten grösste Polizeitruppe Grossbritanniens hatte zwischen 2014 und 2016 während fast anderthalb Jahren gegen einen vermeintlichen Ring ehemaliger Minister, Wirtschaftsakteure und hoher Militärs in der Hauptstadt ermittelt. Die Angehörigen des Londoner Establishments standen im Verdacht, vier Jahrzehnte zuvor wüste Partys veranstaltet und Buben vergewaltigt zu haben; in drei Fällen sollen sie angeblich ihre Opfer zum eigenen sexuellen Vergnügen oder zur Einschüchterung anderer ermordet haben. 

Frei erfunden

Die Horrorgeschichten waren freilich frei erfunden, «samt und sonders», wie Henrique in seinem letzte Woche vollständig veröffentlichten Bericht festhielt. Vor drei Jahren hatte Scotland Yard, wie die Hauptstadtpolizei auch genannt wird, die 2,5 Millionen Pfund teure Strafuntersuchung eingestellt, ohne auch nur eine Anklage zu erheben. Henrique wurde beauftragt, allfällige Verfehlungen zu untersuchen, aber sein Bericht wurde gekürzt und bearbeitet und im November 2016 am Tag nach den amerikanischen Präsidentenwahlen veröffentlicht, damit er weitgehend unbemerkt bliebe. Erst letzten Freitag wurde die ganze, fast 400 Seiten umfassende Enquête der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am Montag folgte der Bericht des Independent Office for Police Conduct (IOPC), der Aufsichtsbehörde. Sie anerkennt Mängel und schlägt eine Liste von Verbesserungen vor, sieht aber von Disziplinarmassnahmen gegen einzelne Detektive oder die verantwortlichen Befehlshaber ab.

Edward Heath, zu Unrecht beschuldigter Ex-Premierminister. (Bild: AP)
Edward Heath, zu Unrecht beschuldigter Ex-Premierminister. 
Der Urheber der Verdächtigungen, ein Pfarrerssohn, ehemaliger Pfleger und Schulaufseher, hatte die Detektive systematisch belogen. Er gab an, zwischen 1975 und 1984 mehr als ein Dutzend Mal vergewaltigt worden zu sein. In den Vernehmungsprotokollen trat er als Zeuge «Nick» auf. Er erschlich sich von der Behörde für Opferentschädigung eine Zahlung von 22 000 Pfund. Letztes Jahr wurde er von Schweden, wo er sich niedergelassen hatte, ausgeliefert. Im Juli verurteilte ein Gericht Carl Beech, wie er nun mit seinem vollen Namen genannt werden konnte, wegen mehrfacher Irreführung der Justiz zu 18 Jahren Zuchthaus. Der 51-Jährige war Anfang Jahr selber wegen Kindsmisshandlung verurteilt worden. Er hat gegen das Urteil rekurriert. 

Nicht einmal Protokolle gelesen

Die Kritik im Henrique-Bericht war in den Grundzügen bekannt, aber die Einzelheiten sind empörend und lassen Zweifel aufkommen am Urteilsvermögen von Polizeibeamten und ihren Vorgesetzten. Laut dem Richter hätten bei den Detektiven immer wieder Warnlampen aufleuchten müssen, etwa wenn Beech behauptete, er sei mehrfach von den Übeltätern an seiner Schule abgeholt worden – ohne dass die Schule oder seine Mutter dies bemerkt haben sollten. Vergewaltigungen von mehreren Buben gleichzeitig sollen unter anderem im Haus des ehemaligen Premierministers Edward Heath vorgekommen sein – obwohl das Gebäude von Polizisten bewacht wurde. Beech heuerte einen Privatdetektiv an, um sicherzugehen, dass sein Stiefvater, der seinen Anschuldigungen hätte widersprechen können, gestorben war. Die Londoner Detektive machten sich nicht einmal die Mühe, die Protokolle zu lesen, welche die Polizei in Wiltshire verfasste, nachdem sich Beech zuerst bei ihnen gemeldet hatte. Kein Polizist, der Bescheid gewusst hätte über alle zur Verfügung stehenden Informationen, hätte Beech noch Glauben geschenkt, schreibt Henrique.

Die Frage ist, weshalb die Polizei dem falschen Opfer das Lügengebäude abkaufte. Henrique nennt als Grund eine «Kultur, wonach Opfern geglaubt werden muss». Die Polizeioperation «Midland» fiel vor fünf Jahren in eine Zeit, in der mehrere Fälle von systematischen Kindsmisshandlungen bekanntgeworden und schwere institutionelle Mängel zu deren Vorbeugung in der Vergangenheit aufgedeckt worden waren. Mit der historischen Aufklärung der Verbrechen wurde seither die grösste je an die Hand genommene öffentliche Untersuchung beauftragt. Aber das Pendel hat unterdessen zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen.

Laut dem Henrique-Bericht vereinbarten die Verantwortlichen der Operation im Voraus, was sie bei Eröffnung der Ermittlungen gegenüber der Presse sagen würden: dass «Nick» (Beech) ihrer Meinung nach ein glaubwürdiger Zeuge sei. Auch später noch erwirkten mit dem Fall betraute Polizeidetektive unter Angabe von unvollständigen Informationen von einem Richter Hausdurchsuchungsbefehle. Dadurch wurde wurde unter anderen Leon Brittan in Mitleidenschaft gezogen, ehemaliger Innenminister unter Margaret Thatcher und von 1989 bis 1999 EU-Kommissar. Brittan starb 2015 an einem Krebsleiden, während die Ermittlungen noch liefen; er erlebte die Rehabilitation seines Rufs nicht. 

Angst vor Rassismus-Vorwurf

Der Verstoss gegen die Unschuldsvermutung ähnelt anderen Polizeiskandalen wie der skandalösen Behandlung eines Studenten, der vor zwei Jahren in die Mühle der Justiz geriet, weil ihn seine Ex-Freundin der Vergewaltigung beschuldigt hatte. Der Prozess gegen ihn fiel in sich zusammen, als die die Polizei nach Ermittlungen von mehr als einem Jahr gezwungen wurde, endlich das Beweismittel in Form eines Handys auszuliefern, das den Beschuldigten entlastete. Als Folge müssen Klägerinnen in vergleichbaren Fällen neuerdings in die Offenlegung ihrer Kommunikationsmittel einwilligen. Ein anderes Beispiel sind Banden von pakistanischstämmigen Männern, die in Provinzstädten wie Rotherham in Nordengland Hunderte von jungen weissen Frauen vergewaltigten, von denen sie annahmen, dass sie vogelfrei seien. Die Polizei verschloss vor den Verbrechen jahrelang die Augen, aus Furcht, als rassistisch hingestellt zu werden.

Polizeichefin Cressida Dick entschuldigte sich am Montag einmal mehr bei den Opfern der falschen Beschuldigungen und ihren Angehörigen. Sie selber steht unter Beschuss, weil sie vor fünf Jahren als Kommissarin für Ermittlungen wegen Mords und Vergewaltigung eine Mitverantwortung für die Operation «Midland» traf. Ebenfalls am Montag schrieb Henrique im Boulevardblatt «Daily Mail» einen geharnischten Artikel, in dem er die zahnlose Aufarbeitung der Affäre durch die Polizeiaufsichtsbehörde kritisierte. Das IOPC habe die Untersuchung drei Jahre lang verschleppt und sei entgegen seinen, Henriques, damaligen Empfehlungen mild und unprofessionell vorgegangen. So seien keine Anstrengungen unternommen worden, um herauszufinden, über welche Informationen die ermittelnden Detektive um das Jahr 2015 herum verfügt hätten.


Nota. - Populismus ist nicht erst ein politisches Phänomen (der letzten Jahre); sondern ein gesellschaftliches Gift, das allezeit und allerorten schleicht. Bevor es die Demokratie angreift, beginnt es, den Rechtsstaat zu zersetzen. Recht und Freiheit sind die Grundlagen den Demokratie und nicht ihre süße Frucht.
JE

Dienstag, 8. Oktober 2019

Sind Männer unfairer?


aus scinexx

Männer sehen die Welt stärker wettbewerbsorientiert
Im Wettbewerb investieren Männer mehr Ressourcen als es Frauen tun, um die Leistung von Konkurrenten zu senken. Männer überschätzen die gegen sie gerichtete Sabotage und reagieren dementsprechend, während Frauen die Sabotage-Anstrengungen von Wettbewerbern realistisch einschätzen, so das Ergebnis eines Laborexperiments am KIT. Ein Arbeitsumfeld, dass Transparenz schafft und die Unsicherheit über das Sabotage-Level der Wettbewerber reduziert, veranlasst somit Männer auch weniger zu sabotieren, berichtet die Forschungsgruppe aus Karlsruhe und Bonn nun im Fachjournal Experimental Economics.

Die Aussicht auf einen Bonus, ein Projekt oder eine Beförderung kann Anreiz sein, sich im Beruf anzustrengen – oder die Leistung von Kolleginnen und Kollegen schlecht aussehen zu lassen. Um dies zu erreichen, werden Mitbewerbern wichtige Informationen über Kunden oder Geschäftspartner vorenthalten, Meeting-Termine nicht mitgeteilt oder gar die Festplatte gelöscht.

Professorin Petra Nieken beschäftigt sich als Leiterin des Lehrstuhls für Human Resource Management am KIT mit Anreiz- und Motivationsmechanismen. Gemeinsam mit Dr. Simon Dato, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für angewandte Mikroökonomik der Universität Bonn, hat sie Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen im Wettbewerb untersucht. „Uns ging es darum, den Geschlechterunterschied in unethischem Verhalten, der Sabotage, klar aufzuzeigen und die zugrundeliegenden Mechanismen zu verstehen, um langfristig Gegenmaßnahmen entwickeln zu können“, so die Wirtschaftswissenschaftlerin. Die Ergebnisse ihres kontrollierten Laborexperiments haben sie unter dem Titel „Gender difference in sabotage: the role of uncertainity and beliefs“ in der Fachzeitschrift Experimental Economics veröffentlicht.

Bei Wettbewerben zählt die relative Leistung, es ist nur wichtig, dass man besser als die Mitbewerber ist. „Man kann also entweder härter arbeiten und seine eigene Performance erhöhen, oder die Performance des anderen senken. Alle Aktivitäten, die die Performance des Gegners senken, fallen unter den Begriff Sabotage“, erläutert Nieken. In dem aktuellen Experiment erhielten die Teilnehmenden die Aufgabe, Wörter in eine Ziffernfolge zu übertragen. Für jede richtige Codierung bekamen sie Punkte, und wer die meisten Punkte erreichte, erhielt einen Bonus. Frauen und Männer zeigten im Durchschnitt vergleichbare Leistungen. Beide Geschlechter hätten also auch eine in etwa gleiche Chance, den Wettbewerb gegeneinander zu gewinnen. Es gab in der Versuchsanordnung allerdings die Möglichkeit, durch den Einsatz von Geld dem Wettbewerber Punkte wegzunehmen. Es zeigte sich, dass Männer mehr als Frauen sabotierten, sie investierten mehr Geld, um die Leistung des Wettbewerbers zu senken. „Dadurch gewinnen sie häufiger, obwohl Männer und Frauen im Schnitt vergleichbare Leistung bringen“, sagt Nieken.

Im Experiment wurden zudem die Informationen, die die Teilnehmer über das Sabotage-Ausmaß der Wettbewerber erhielten, gezielt variiert. „Wir konnten zeigen, dass der relevante Faktor für das eigene Sabotage-Verhalten die Unsicherheit über das Sabotage-Verhalten der Wettbewerber ist“, so Nieken. „Männer überschätzen die gegen sie gerichtete Sabotage systematisch, infolge dessen sabotieren sie auch stärker. Frauen dagegen schätzen das Ausmaß der Sabotage realistisch ein. Es ist nicht so, dass Frauen und Männer unterschiedliche moralische Wertmaßstäbe haben, sondern Männer nehmen ihre Umwelt als kompetitiver, stärker auf Wettbewerb ausgerichtet, wahr“, betont Nieken.

Wenn Männer das Feedback-Signal bekommen, dass die Welt gar nicht so kompetitiv ist, wie sie annehmen, passen sie ihre Erwartung – infolge auch ihr Verhalten – entsprechend an und reduzieren ihr Sabotage-Verhalten auf das Level von Frauen. „Das funktioniert schon durch ein sanftes Signal“, sagt Nieken. Die Folge: Es gewinnt wieder die bessere Person und Frauen sind nicht systematisch benachteiligt. Diese Erkenntnis ermöglicht es laut Nieken, Sabotage-Verhalten schon entgegenzusteuern, indem im Unternehmen Bewusstsein für diesen Mechanismus geschaffen wird. „Ziel ist es, den Besten oder die Beste zu fördern. Wird systematisch die 'falsche' Person befördert, ist das sowohl für die Verlierer als auch für die Unternehmen nachteilig“. (Experimental Economics: "Gender differences in sabotage: the role of uncertainty and beliefs.")

Quelle: Karlsruher Institut für Technologie


Nota. - Zunächst einmal: Es stimmt also nicht, dass Konkurrenz in jedem Fall die Performanz steigert; unter Umständen bremst sie stattdessen. 

Dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen aktuell durch 'Feedback' nivelliert werden kann, verweist darauf, dass es sich, wenn überhaupt, um eine sehr rezente genetische Erwerbung handeln muss. Bis in die Jäger-und-Sammler-Zeit wird man nicht zurückgehen müssen. Kulturhistorisch plausibel wäre zwar eine Erklärung durch 'außen' und 'innen'. Während das Sammeln im Unfeld des Lagers wohl kaum Anlass zu Misstrauen gibt, hat aber die Jagd Kooperation und gegen- seitiges Vertrauen geradezu als Bedingung. 

Anders das Verhältnis von Haushalt und unsicherer Umwelt in den sedentären Gesellschaften. Kooperativ und arglos kann und muss das gegenseitige Verhältnis in den früher Wohnstätten gewesen sein. Das Verhältnis zu den nächsten Nachbargemeinschaften variierte dagegen zwischen Raub und friedlichem Handel. Die Außenbeziehungen der ländlichen Gemeinschaften waren eine Domände der Männer, und in dem Maße, wie sich die Verkehrswege stalilisierten, entstand aus dem dauerhaften Zusammenhang ein Markt und eine Öffentlichkeit und bildeten sich die agrarischen Gemeinden zu einer bürgerlichen Gesellschaft und die variablen Außenbeziehungen zur andauernden Konkurrenz. Und die Protagoni- sten der bürgerlichen Gesellschaft und Gründer einer Öffentlichkeit waren wiederum Männer.
JE




Montag, 7. Oktober 2019

Der Kampf um Gender.


aus nzz.ch

Der Kampf um Gender
Anti-aufklärerisch und kulturrelativistisch: Wie ein noch junges Studienfach die dringenden Themen der Gegenwart verschläft.

von Vojin Saša Vukadinović

Die Gender-Studies befinden sich in einer Legitimationskrise: Die Öffentlichkeit begegnet dem Fach mit Ablehnung, Biologen fechten ihre Wissenschaftlichkeit an, und politische Gruppierungen mobilisieren wahlweise gegen einen «Wahn» oder eine «Ideologie». Alle beanstanden Sinn und Zweck eines Studienfachs, das mit zwanzig Jahren noch relativ jung ist, gleichwohl aber eine Vielzahl an Kontroversen durchlaufen hat. Der zunehmende Lärm dieser Einsprüche übertönt Belange, die bisher deutlich weniger Gehör gefunden haben.

Dazu zählt die Kritik an Forschungstendenzen, die auf den ersten Blick überraschend anmuten, weil sie jedweden aufklärerischen Anspruch bezüglich Geschlecht und Sexualität konterkarieren. So gehen manche Gender-Studies-Arbeiten von einer deterministischen «Kultur» aus, die einem Individuum wesensbestimmend übergeordnet sei. Ebenfalls ist ein damit einhergehender Kulturrelativismus zu beobachten, der die Genitalverstümmelung von Mädchen schon einmal mit der westlichen Wahlfreiheit, ein Genitalpiercing zu tragen oder nicht, vergleicht oder Selbstmordattentate als «queer» interpretiert, weil diese Unordnung in der «symbolischen Ordnung» stifteten. Generell ist eine Verschiebung weg von der Beschäftigung mit Ausbeutung hin zu Strategien zu verzeichnen, die sich nicht an einer Beseitigung gewalttätiger Verhältnisse interessiert zeigen, sondern Betroffenen bisweilen nahelegen, sich in diese zu fügen.

Genese der Gender-Studies

Dass sich solche Positionen in einem Fach finden, das mit dem akademischen wie gesellschaftspolitischen Anspruch angetreten ist, für geschlechter- und sexualitätsrelevante Fragen zu sensibilisieren, und dabei stets auch eine globale Tragweite geltend gemacht hat, dürfte zunächst verwundern. Tatsächlich waren Behauptungen wie die vorgenannten während der Institutionalisierung der neuen Disziplin noch nicht prominent vertreten. War die Frühphase der Gender-Studies in den 1990er Jahren stark von psychoanalytischen und literaturwissenschaftlichen Zugriffen geprägt, hatten im nachfolgenden Jahrzehnt sogenannte «selbstreflexive» Ansätze Konjunktur.


Wichtiger als der Nachweis der Veränderbarkeit von Geschlechterrollen wurden Fragen nach dem Sprechort der Einzelnen. Bedeutsamer als das, was gesagt wurde, war nun, wer etwas sagte. Identitäten, deren historische Herkunft und deren etwaige Überwindung zunächst im Fokus des Fachs gestanden hatten, wurden damit neu errichtet und hoffnungsvoll aufgeladen. Diese Aufmerksamkeitsverschiebung verstärkte eine Kulturalisierung des Partikularen – und damit die Abkehr vom Universalismus. Infolgedessen blühten die besagten antiemanzipatorischen Inhalte auf.

Die Kritik an diesen ist bisher zumeist von aussen vorgetragen worden: Innerhalb der Gender-Studies ist es noch nicht zu einer Debatte darüber gekommen. Hier wird ein starker Kontrast zu anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern deutlich: Es gibt bekanntlich nicht die Historikermeinung, nicht den Soziologenstandpunkt und auch nicht die politikwissenschaftliche Einschätzung eines Problems, sondern konkurrierende, bisweilen sehr hart miteinander um die richtigen Methoden, Theorien und Resultate streitende Schulen und Denkströmungen. In den Gender-Studies hingegen hatten bisher noch die bedenklichsten Positionen keine fachinterne Anfechtung zu befürchten: Sie blieben ohne Widerspruch.

Wozu Gender-Studies?

In einem polemischen Beitrag hat Stefan Hirschauer vor wenigen Jahren die Frage «Wozu Gender-Studies?» gestellt. Der antifeministische Tenor des Artikels war zwar bedauerlich, schmälerte allerdings nicht den Wert des Arguments. So plädierte der Soziologe dafür, dass sich Geschlechterforscherinnen nicht mit der Sache gemeinmachen sollten, der sie nachgingen, und sprach vom «verdrucksten Schweigen» jener, «die schon lange ahnen, dass etwas schiefläuft», jedoch keine Stellung bezögen. Zu den Fehlentwicklungen zählte Hirschauer die systematische Überbewertung des Status, welcher der Geschlechterunterscheidung in modernen Gesellschaften zukomme, vor allem aber die Abwesenheit «kaltblütige[r] Bilanzierungen der historischen Gleichzeitigkeit des politisch Ungleichzeitigen – von archaischen Gewaltakten gegen Frauen über die Irrelevanz von Geschlecht bis zur Benachteiligung von Männern». Er beklagte weiter eine «Wagenburgmentalität», die sich vor der Komplexität der Welt verriegle, statt dieser analytisch gerecht zu werden.


Wagenburgmentalität

Hiervon zeugen von Jargon geprägte Gender-Studies-Schriften, die sich zwar mit sozialen Veränderungen befassen, den Dialog ausserhalb des eigenen Radius allerdings nicht suchen. Solche Abhandlungen fallen hinter die Möglichkeiten des Romans zurück, des allen zugänglichen Laboratoriums des Denkbaren: Weitaus emanzipatorischere und phantasievollere Vorstellungen, was das Abstreifen überholter Geschlechterrollen anbelangt, sind in den letzten Jahrzehnten beispielsweise in den Werken von Monique Wittig, Octavia Butler oder Jeanette Winterson angedacht worden. Zum anderen befördert jene von Hirschauer monierte «Wagenburgmentalität» die Tendenz, sich gegenseitig nicht zu kritisieren.


Hiervon profitieren vor allem Arbeiten, die zweifelhafte Positionen vertreten können, weil sie keine innerdisziplinären Herausforderungen zu befürchten haben. Die Gender-Studies wurden auf einer sprachlichen Unterscheidung gegründet, die es im Deutschen nicht gibt: Sinnstiftend wurde «gender», d. h. Ausdruck der Geschlechtsidentität, und nicht «sex», das im Englischen die biologisch-materielle Dimension meint (und das Sexuelle stärker evoziert). Nach aussen hat diese Präferenz schroffe Ablehnung provoziert, wodurch die gesellschaftspolitische Vermittlung der Frage beeinträchtigt wurde, weshalb es sich lohnt, über die Ordnung der Geschlechter nachzudenken. Nach innen wiederum hat der Vorzug von «gender» gegenüber «sex» entschieden den Blick auf Repräsentationsweisen favorisiert.

Dies beförderte ein Missverhältnis zwischen der Frage danach, wie etwas dargestellt wird, und der Frage, warum dem Geschlecht eine bestimmte Funktion zukommt – gesellschaftlich, politisch, ökonomisch. 

Und die wesentliche, nicht austauschbare Funktion ist diejenige der Reproduktion der Gattung: Sie wird von Frauen geleistet. Während der Second Wave Feminism der 1970er Jahre dies zentral zum Thema hatte, sind die Schwangerschaft sowie der Körper als dezidiert geschlechtlich ausgewiesene Belange in den Gender-Studies zu Sekundärthemen geworden.

Der Fokus auf Sprache und Bedeutung hat zudem das Gewicht von einigen entscheidenden Feldern wegverlagert, auf denen sich die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart besonders bemerkbar machen. Forschung zur jihadistischen Gefahr etwa kam bisher vor allem aus der Politikwissenschaft, während sich Arbeiten aus den Gender-Studies vorwiegend mit der Täterrepräsentation in westlichen Medien befassen. Damit wird die wissenschaftliche Klärung der Genese dieses Phänomens anderen Fächern überlassen, die den evidenten geschlechterrelevanten Aspekt dann in der Regel übergehen. Eklatante Wissenslücken bleiben so bestehen.

Materielle Realität


Gleiches gilt für weitere gewichtige Forschungsfelder. Die rasanten Durchbrüche und Veränderungen in der Bio- und Hochtechnologie der letzten zwanzig Jahre müssten mit weitaus höherer Aufmerksamkeit als bisher verfolgt werden, gerade weil viele davon geschlechtliche Belange tangieren und von globaler Dimension sind: Leihmutterschaft, Abtreibung, HIV/Aids, Hormontherapien und geschlechtsangleichende Operationen sowie Schönheitschirurgie sind als evidente Beispiele zu nennen. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Themen müssten bereits Bachelorstudierenden der Geschlechterforschung elementare Kenntnisse in Biologie, Medizin und Anthropologie vermittelt werden (und nicht, wie bisher, feministische Biologiekritik). Dies würde ihnen die Diskussion mit skeptischen Vertretern jener Disziplinen ermöglichen sowie dem interdisziplinären Selbstverständnis des Faches gerecht werden. Vor allem würde dies ihre Teilhabe an der Gestaltung des 21. Jahrhunderts entschieden vorantreiben und das dringende, bis anhin fehlende Gegengewicht zu den eingangs skizzierten Aporien bilden.

Die gewichtigste Antwort auf Hirschauers Frage liegt in der Tatsache begründet, dass das Emanzipationsversprechen in der Welt ist: Es gilt für alle. Menschenrechte und zivilisatorische Mindeststandards stehen nicht zur Verhandlung. Die politische Agitation hiergegen, die unter akademischen Vorzeichen von einigen betrieben wird und auf alle zurückfällt, die über Geschlecht arbeiten, ist gegen gute Bücher einzutauschen. Es ist zudem «sex», das darüber entscheidet, wer von Reproduktion, Abtreibung und unbezahlter Haus- und Care-Arbeit betroffen ist, und nicht «gender». Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser sich materiell manifestierenden Realität ist ein dringlicher Beitrag zur Analyse der globalen Gegenwart: darum Geschlechterforschung. 


Vojin Saša Vukadinović ist Historiker. Er forscht gegenwärtig zu den Anfängen des kapitalistischen Bewusstseins im 20. Jahrhundert. 


Nota. - Der Streit zwischen Feminismus und Gender Studies ist ein soziales Phänomen, kein wissenschaftliches. Nach- weisliche Erfolge hat der Feminismus qua Quote im öffentlichen Dienst und in den Medien erzielt, als Arbeitsbeschaf- fungsprogramm. Dort sind die Möglichkeiten aber langsam ausgeschöpft. Luft nach oben ist eventuell noch im akademi- schen Betrieb. Da kommt frau auch noch höher hinaus als anderswo. Doch die Akademikerinnen halten die Tür zu, die rechte Gesinnung allein soll hier nun nicht mehr reichen, es muss schon auch was studiert worden sein, sonst kann man sich zwischen den andern personalbedürftigen Fächern auf die Dauer nicht behaupten.

Doch dass die studierten Schwestern es überhaupt soweit gebracht haben, verdanken sie ja nicht ihrer Wissenschaft, sondern dem stillschweigenden feministischen Apriori dieses, nun ja, Fachs. Das haben aber nicht sie etabliert, sondern die Straßenkämpferinnen mit ihrem Kreischen und Krakeelen. 

Ach, so ist manch böses Blut aufgekommen.
JE

Sonntag, 6. Oktober 2019

Gendergerechtigkeit.


Gelegentlich schrieb ich, dass es immer noch das Maskulinum heißt statt der Maskulinus, könne einen Mann schon verletzen. Doch das war ein Scherz. Zwar sind Vernunft, Wissenschaft und Leistung zweifellos männliche Darbietungen, aber wenn ich der Vernunft, der Wissenschaft und der Leistung sagen müsste, käme ich mir albern vor. Ich sage anstandslos die Wirtschaft, die Industrie, die Fabrik und die Maschine. Das Auto geht auch in Ordnung, und der Flieger statt das Flugzeug zu sagen wer- de ich mir gar nicht erst angewöhnen.

Nur das Christkind nervt von kleinauf. 



Samstag, 5. Oktober 2019

Die Sexualisierung der Sprache von amtswegen.

Das Gender-Sternchen: Schliesst es ein oder doch eher aus? (Bild: NZZ)
aus nzz.ch, 4.10.2019
Liebe Sprachbenutzerinnen und Sprachbenutzer: Wie halten Sie es mit der Sexualisierung der Sprache von oben? Die Suche nach einer Sprache der Gleichberechtigung hat nicht zur gewünschten Genderneutra- lität geführt, sondern zu einem neuen Kulturkampf unter den Geschlechtern. Es ist höchste Zeit, das Projekt der gegenderten Ausdrucksform zu begraben – und die Sprache ihren Benutzern zurückzugeben.

von René Scheu 

In der sich so fortschrittlich dünkenden Schweiz herrscht das Patriarchat. Wer das abstreitet, der möge so gut sein und auf seinen eigenen Sprachgebrauch achten – die männliche Form dominiert noch immer, nicht nur im mündlichen, auch im schriftlichen Ausdruck. Und wo keine sprachliche Gleichbehandlung von Mann und Frau gegeben ist, da kann von Gleichstellung, wie Artikel 8 der Bundesverfassung sie festsetzt, vernünftigerweise nicht die Rede sein. Oder will das im Jahre 2019 jemand ernsthaft bestreiten?

Wer sich öffentlich äussert, muss also auf der Hut sein. Der Umgang mit Sprache ist voller Fallstricke und ziemlich schwierig geworden. Wie schwierig, zeigte jüngst eine Debatte im Zürcher Gemeinderat, die weit über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen sorgte. Was wie eine Posse auf den Politbetrieb anmutet, ist der politlinguistische Ernst- bzw. Normalfall in einem demokratisch gewählten Parlament: Die Gemeinderätin Susanne Brunner (svp.) erfrecht sich, eine Interpellation zu einem unbewilligten Festival einzureichen, in der sie das generische Maskulinum verwendet.

Sie spricht von «Besetzern» statt von «Besetzerinnen und Besetzern» oder «Besetzenden». So müsste es gemäss den «Ausführungsbestimmungen zur Geschäftsordnung des Gemeinderates» korrekt heissen, die wiederum auf den «Städtischen Richtlinien zur Rechtschreibung» beruhen, die ihrerseits ein «Reglement für die sprachliche Gleichstellung» enthalten. Ob die Politikerin nun also gezielt eine Provokation platzierte, eine PR-Aktion in eigener Sache lancierte oder bloss unerschrocken handelte, ist nicht aktenkundig und spielt hier keine Rolle. Fakt ist, dass der Vorstoss zuerst vom Ratsbüro zurückgewiesen wird, weil er interne Richtlinien verletzt, «insbesondere was die sprachliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern betrifft».

Also bessert Susanne Brunner nach und weist in einer Fussnote explizit darauf hin, das generische Maskulinum umfasse auch «weibliche Individuen und solche, die sich keinem Geschlecht zuordnen». Doch das Büro bleibt konsequent und lehnt die Interpellation ein zweites Mal ab. Und die rot-grüne Parlamentsmehrheit stützt später voller Wonne und Wiehern den Entscheid.

Linke und Bürgerliche: verkehrte Rollen

Was die Votanten im Plenum vorbringen, ist in der Tat höchst illustrativ. Die sich gerne locker gebende Ratslinke pocht unisono auf Einhaltung der Regeln. Und die sonst gesetzestreuen Bürgerlichen murren zwar, geben sich in ihren Voten aber erstaunlich zahm. Viele scheinen vor dem Diktat der politischen Korrektheit kapituliert zu haben und sehen in der «genderneutralen Sprache» einen «unumkehrbaren gesellschaftlichen Trend», wie es ein Vertreter der FDP zu Protokoll gibt.

Wer will sich schon die Finger verbrennen, während es um das hohe Gut der Gleichberechtigung geht, wer will schon auf Lesbarkeit, Verständlichkeit und sprachliche Schönheit pochen, wenn er dabei Gefahr läuft, als Frauenverächter dazustehen? Heiter angesichts der bedeutungsschweren Tristesse bleibt bloss ein Vertreter der Alternativen Liste, der sich die gute Laune partout nicht verderben lässt. Er begrüsst die Parlamentskollegen mit «Mitglieder und Mitvaginas».

Was sich im Zürcher Gemeinderat abspielt, hat eine Vorgeschichte, die rund dreissig Jahre zurückreicht. Sie lässt sich in einem amtlichen Dokument mit dem Titel «Geschlechtergerechte Sprache» studieren, das von der Schweizerischen Bundeskanzlei in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften 2009 in überarbeiteter Fassung publiziert wurde.

Hier lässt sich en détail nachlesen, wie sich Bundesbern seit den 1990er Jahren um eine gleichsam gleichberechtigte Sprache bemüht – und der Leitfaden illustriert zugleich, wie kompliziert und unfreiwillig komisch der Umgang mit Sprache wird, wenn man sich ihrer eigenen Logik widersetzt. Um das generische Maskulinum zu ersetzen, gibt es Dutzende von Seiten mit Vorschlägen für geschlechtergerechte Formulierungen, die zuweilen geradezu selbstparodistisch wirken (zumal wenn man sie laut vorliest).

Die sprachphilosophische Prämisse im Leitfaden der Bundeskanzlei ist dieselbe wie in Zürichs Städtischen Richtlinien zur Rechtschreibung. Beide gehen davon aus, dass Gleichstellungspolitik über Sprachpolitik läuft: Wer es mit gesellschaftlicher Gleichstellung ernst meint, muss mit sprachlicher Gleichberechtigung beginnen.

Der politische Kurzschluss

Klingt gut. Nur liegt diesem Ansatz ein grundlegender Kategorienfehler zugrunde. Genus und Sexus, sprachliches und biologisches Geschlecht haben zunächst einmal nichts miteinander zu tun. «Der» Käse ist nicht männlich, «die» Milch nicht weiblich, «das» Kind nicht sächlich. Und hat sich schon jemand darüber beklagt, dass das Deutsche bloss ein Personalpronomen in der dritten Person Plural kennt: «sie»? Nein, wir denken dabei nicht ständig an Frauen.

Sprachen wurden zwar von Menschen erfunden, aber nicht auf dem Reissbrett geplant – es handelt sich um ein arbiträres Zeichensystem, das auf Konventionen beruht und sich im täglichen Gebrauch zu bewähren hat. Und so gibt es eben Sprachen mit zwei Genera, wie die meisten romanischen Sprachen, oder auch solche ohne Genus, wie das Englische. Die Rollenmuster und Stereotype von Frauen und Männern unterscheiden sich in Spanien und England jedoch nicht wesentlich von jenen in der Schweiz, was eigentlich genügen müsste, um einzusehen: Sie haben mit der sprachlichen Struktur nichts zu tun.

Die Endung -er im Deutschen, die so viel zu reden gibt, ist bloss eine Markierung: Sie macht aus einem Menschen, der lehrt, einen Lehrer. «Lehrer» ist, sprachwissenschaftlich betrachtet, erst mal nichts anderes als eine reine Funktionsbezeichnung, ohne allen Bezug zum biologischen Geschlecht. Das generische Maskulinum setzt also nicht Mann und Mensch gleich (und erniedrigt Frauen zu Un- oder Untermenschen), sondern es verhält sich gerade umgekehrt: Mit «Lehrer» ist ohne kontextuelle Angaben erst mal nur der Beruf gemeint. Ist hingegen von einer «Lehrerin» die Rede, sind zwingend sowohl Beruf als auch das biologische Geschlecht genannt. 

Das philosophische Missverständnis

Doch wie konnte dann das Missverständnis entstehen, dass das generische Maskulinum die Frauen unsichtbar mache, also ausschliesse, also diskriminiere? Es geht um einen Kurzschluss – und eine zweifelhafte sprachphilosophische Prämisse. Ja, bis vor kurzem waren Frauen in vielen Bereichen unsichtbar. Aber nicht aufgrund mangelnder Wortformen, sondern wegen sozialer Konventionen. Und nein, wer die Sprache per Dekret verbiegt, ändert dadurch nicht die soziale Wirklichkeit, sondern betreibt bloss Machtpolitik im Dienste der eigenen Agenda.

In den 1970er Jahren hat sich ein bis heute einflussreicher Radikalfeminismus mit einem folgenreichen philosophischen Konstruktivismus vermählt. Die Fetischisierung der Sprache mündet in ein Bonmot des Semiologen Roland Barthes aus dem Jahre 1977: «Die Sprache als Performanz aller Rede ist ganz einfach faschistisch.» Ganz einfach, denn: Wer spricht, handelt und bildet die Wirklichkeit nicht ab, sondern schafft sie erst – er will seine Weltsicht durchsetzen. Jeder Satz ist letztlich nichts anderes als eine autoritäre Setzung in einem sozialen Machtspiel, gemäss der Gleichung: Sprache = Sein = Macht.

Ein zweites Moment gesellt sich hinzu. Dieselbe französische Philosophie eines Roland Barthes oder Jacques Derrida übte sich in einer vehementen Kritik der abendländischen Vernunft, die sich amerikanische Akademiker seit den 1970er Jahren im Nachgang zu der Bürgerrechtsbewegung neu aneigneten: Was als die menschliche Vernunft, Wirklichkeit oder eben Sprache gilt, wird nun als Konstruktion des weissen männlichen Machtstrebens «entlarvt».

Das klingt wie eine Karikatur seriöser Geisteswissenschaft, ging jedoch unter dem Titel «French Theory» in die jüngere Geistesgeschichte ein, wurde von den europäischen Universitäten aus den USA über verschiedene Formen der Cultural Studies reimportiert – und hat zu einer drastischen Verarmung des akademischen Diskurses beigetragen. Die neue Wissenschaftsfeindlichkeit lässt sich ebenfalls in einer Gleichung darstellen: Vernunft = Logik = Patriarchat. 

Die Lösung

Die Vernunft ist also unter Geisteswissenschaftern in Verruf. Doch sollte man ihr nicht gänzlich abschwören, wenn man die Folgen des «betreuten Sprechens» (Joachim Gauck) bedenkt, das von höheren Bildungsanstalten und Verwaltungen mit staatlicher Billigung erzwungen wird. Durch die Doppelnennung von Frauen und Männern findet nämlich gerade keine Gleichberechtigung statt, sondern eine Politisierung und Sexualisierung der Lebenswelt, als würde das Geschlecht in allen menschlichen Angelegenheiten eine primäre Rolle spielen. Der Bürger als Wesen, das an der einen gemeinsamen menschlichen Vernunft teilhat, verschwindet, und es stehen sich plötzlich Frauen und Männer wie in einer Art permanentem Kulturkampf nackt gegenüber.

Zugleich melden sich all jene zu Wort, die sich weder dem Sexus «weiblich» oder «männlich» zugehörig fühlen. Und es werden stets neue Schreibweisen auf dem Reissbrett erfunden, die niemals alle zufriedenstellen können (mit Binnen-I, mit Sternchen, mit x) – und die sich für den alltäglichen Gebrauch auch nicht eignen. Eine Ideologie mit Geburtsfehler scheitert hier an ihren eigenen Widersprüchen: Jede Differenz bringt neue Differenzen hervor, jeder Versuch der Inkludierung erzeugt neue Exklusionen.

So liegt die Absurdität des radikalfeministischen Unterfangens für alle längst offen zutage. Darum wäre es an der Zeit, das generische Maskulinum neu zu entdecken: Es ist von schlichter Eleganz, weil es niemanden aus-, dafür aber alle einschliesst. Die Sprache gehört nicht höheren Genderbeauftragten oder Verwaltungsbeamten. Sie gehört allen, die sie tagtäglich mit Freude und Feingefühl benutzen.


Nota. - Es sei daran erinnert, dass auch das Arabische - das Arabische! - ein grammatisches Geschlecht nicht kennt. - Es ist mit dem sprachlichen Gendern wie mit allen andern Varianten des Feminismus: Es ist kein Anliegen von Frauen, son- dern ein Interesse der Quotenperson*innen in den Medien und der öffentlichen Verwaltung; es genderiert Arbeitsplätze.
JE



Dienstag, 1. Oktober 2019

Ein unnützer Atavismus.


  Maria Magdalena in Extase, Artemisia Gentileschi, um 1613
aus Tagesspiegel.de, 1. 10. 2019

Der Ursprung des weiblichen Orgasmus
Es ist toll, aber wozu ist es nütze? Mit Hilfe von Experimenten haben Evolutionsforscher den evolutiven Vorteil des großen Gefühls beim Sex ergründet.


Beim männlichen Orgasmus ist die Sache klar: Dass dieser elementar mit einer Ejakulation, dem Samenerguss, zusammenhängt, ist hinlänglich überprüft – wobei die Regel durch wenige Ausnahmen, aufgrund besonderer sexualakrobatischer Techniken oder gesundheitlicher Probleme, bestätigt wird. Das gilt neben Homo sapiens auch für andere Säugetiere.

Komplizierter ist es beim weiblichen Orgasmus, der ja in vielerlei Hinsicht von Profi- wie Amateurexperimentatoren ein ebenso gern erforschtes wie medial diskutiertes Phänomen ist. Zwar geht bei vielen Säugetieren das Kopulieren mit dem „Sprung“ der Eizelle aus dem Eierstock in den Eileiter einher – etwa bei Hasen, Katzen oder Kamelen. Doch beim Menschen, Menschenaffen und Nagetieren sind beide Ereignisse entkoppelt. Ob sich der Körper dabei nun zu einem Orgasmus hinreißen lässt oder nicht – das Ei springt, wann es will.

Der Orgasmus ist komplex - und hat sich nicht nur per Zufall entwickelt

Für die Evolution von Mäusen, Menschenaffen und Menschen war das offenbar kein größeres Problem, die Fortpflanzung klappte trotzdem. Für Evolutionsforscher aber schon. Denn der Orgasmus ist ein komplexer biologischer Prozess, der eine ganze Reihe von Hormonen und präzise koordinierte Reaktionen des Nervensystems bedarf – viel zu kostspielig also, um zufällig und ohne selektiven Druck, also einen Überlebensvorteil für die Art, entstanden zu sein. Trotzdem können Frauen auch völlig ohne den vieldiskutierten Orgasmus Nachwuchs empfangen.

Um diesen Widerspruch zu erklären, haben Forscher schon diverse Hypothesen aufgestellt, um den weiblichen Orgasmus zu erklären, warum er entstand und was seine Funktion ist. Eine davon hat nun ein Forscherteam um den Evolutionsbiologen Günter Wagner von der Yale Universität in New Haven, USA, experimentell überprüft – allerdings an Kaninchen („Weißen Neuseeländern“), nicht Menschen.

Die Forscher gingen davon aus, dass bei den ersten Ur-Säugetieren der Eisprung mit der Begattung einherging. Erst später im Laufe der Evolution sei diese „Kopulations-induzierte Ovulation“ (KIO) verloren gegangen. Könnte also der weibliche Orgasmus auf dem gleichen physiologischen Mechanismus beruhen, der ursprünglich den Eisprung während der Kopulation auslöste?

Wenn dem so sei, so die Forscher im Fachblatt „PNAS“, dann sollten der Orgasmus von Frauen und die KIO noch immer so viele physiologische Gemeinsamkeiten haben, dass beide Prozesse durch die gleichen pharmakologischen Wirkstoffe beeinflusst werden müssten.

Was bei Frauen den Orgasmus verhindert, stoppt bei Kaninchen den Eisprung

Also nahmen die Forscher einen Stoff, der bei Frauen bekanntermaßen den Orgasmus verhindert: Fluoxetin. Tatsächlich hatten die Kaninchen, die sie zwei Wochen lang täglich mit Fluoxetin behandelten, rund 30 Prozent weniger Eisprünge: Statt zwölf nur sieben in der mit vier Milligramm Fluoxetin behandelten „Zibben“-Gruppe und neun Eisprünge in der mit zwei Milligramm behandelten. Die Zahl der Eisprünge änderte sich auch dann nicht, wenn die Forscher nach der Fluoxetin-Behandlung ein Hormon gaben, mit dem sich der Eisprung stimulieren lässt – menschliches Choriongonadotropin, das nicht über das Nervensystem wirkt, sondern direkt auf die Eileiter.

Die Forscher schlussfolgern, dass der physiologische Mechanismus, der bei Kaninchen-Zibben den Eisprung mit der Begattung koppelt, homolog und damit evolutionsbiologisch verwandt ist mit dem Mechanismus, der dem Orgasmus von Frauen zugrunde liegt. 


Nota. - Hat sich erhaltungsbiologisch erübrigt; hat ich erhalten spaßeshalber.
JE