Dienstag, 8. Oktober 2013

Wie Mode Frauensache wurde.

Anthonis van Dyck, Wilhelm von Oranien als Prinz mit seiner zukünftigen Braut Maria Stuart 

aus NZZ, 5. 10. 2013

Die Welt als Laufsteg
Barbara Vinken versucht sich an einer Theorie der Mode.  

Von Hannelore Schlaffer


Marie Antoinette und Philippe d'Orléans, Mitglieder der königlichen Familie, stehen am Anfang einer Geschichte der nachrevolutionären Mode der bürgerlichen Gesellschaft, die die Literaturwissenschafterin Barbara Vinken in ihrem Buch «Angezogen. Die Geheimnisse der Mode» verfolgt, um aus ihr eine Theorie der Mode überhaupt zu gewinnen. Die Personen aus königlichem Geblüt sind «Trendsetter», die als Allegorien des historischen Wandels gelten dürfen. Sie haben sich der Rolle, die ihnen von Staats wegen auferlegt war, entzogen, haben, wenigstens zeitweise, die Staatsrobe ab- und das bürgerliche Kleid angezogen. Philippe Egalité tritt als Citoyen auf, die Königin kehrt Unterstes zuoberst, trägt ein Kleid, das wie ein Hemd aussieht, und das, deutlicher noch als bei einer Maîtresse, Nacktheit nicht verbirgt, sondern zeigt.

Kleid und Geschlecht

Mit dieser Eröffnung stellt Vinken am Beispiel zweier Figuren jene Fragen vor, die sie theoretisch zu fassen sucht: Wie verhält sich die Mode zum Verhältnis der Geschlechter? Darf Sexualität als die Erscheinungsform von Mode schlechthin angesehen werden? Während die Mode jener Epochen, die der Französischen Revolution vorangingen, den Körper des Mannes ausstellte und seine erotische Potenz betonte, unterwirft sich der Mann nach dem grossen sozialen Wandel einem «Kollektivkörper», der Gemeinschaft der verantwortlichen Bürger, deren Kostüm uniform ist; modisches Spiel bleibt ihm seither weitgehend versagt. Den Frauen hingegen werden Liebe, Lust und Laune für die Mode überlassen, ja modisch zu sein, wird ihnen geradezu aufgetragen. Ihre Mode übernimmt von den Männern das freie Spiel mit Körper und Stoff, vor allem aber behält die Frauenmode seit dem 19. Jahrhundert den Gestus des Zeigens bei, der «Ostentation», den zuvor Männer nutzten, um standespolitische ebenso wie persönliche Vorzüge zu akzentuieren; «die Männer waren das schöne Geschlecht», nun werden es die Frauen. Ihre Mode, die weniger die soziale als die erotische «Ostentation» einschliesst, führt dazu, dass heute so viel Nacktheit zu sehen ist wie nie zuvor. Dies scheint die These zu stützen, dass Sexualität Motor aller Modeschöpfung sei. Durch den spielerischen und erotisierten Auftritt, so Vinkens Résumé, zeigen Frauen, im Unterschied zu Männern, «dass sie sich von der Arbeit nicht vereinnahmen lassen».


Barbara Vinken: Angezogen - Das Geheimnis der Mode.   
Klett-Cotta, Stuttgart 2013. 255 S., Fr. 29.90.
 
Mit einer witzigen Szene beschliesst Vinken das Buch und ihre Lehre von der Entstehung der Frauenmode aus der Männermode, eine These, mit der sie der amerikanischen Kunsthistorikerin Anne Hollander und deren Buch «Anzug und Eros» folgt. Vinken schildert ein Paar am Morgen nach der Liebesnacht. Die junge Frau hat dem schlafenden Galan die Hosen gestohlen, entflieht mit den «boyfriend pants», die ihr zu gross sind und mit einem Strick gehalten werden müssen, auf die Strasse und lässt den neuen Adam in Nacktheit gefangen im Bett zurück. Damit kehrt Vinkens Modegeschichte, die in «Manhattan im März» und auf dem Washington Square beginnt, gerade dorthin zurück, wo möglicherweise nun auch die Spitzbübin mit ihrer Beute auftaucht und sich ausser dem Männerkleid hoffentlich auch einen männlichen Job erobern wird.

Frans Hals, Porträt des Willem van Heythuyzen

Das Buch beginnt zwar auf der Strasse und endet dort, doch gilt sein Interesse nicht der Mode, die jedermann und jede Frau tragen. In die Fabel, die erzählt, wie «die Mode modern und die Moderne Mode» wurde, schieben sich theoretische Überlegungen über Mode schlechthin ein, die, trotz aller Weigerung der bürgerlichen Männer, sich der Mode weiterhin zu unterwerfen, als anthropologische Konstante gesetzt ist. Abschweifungen zu den modischen Geckereien der Incroyables, Dandys und Dressmen sollen zeigen, dass auch Männer von Mode nicht lassen können. Diesen extravaganten Szenen schliessen sich Referate über die Modetheorien von Veblen, Flügel und Simmel an, von Männern also, die sich immerhin noch theoretisch mit Mode befassten, was inzwischen ebenfalls ganz den Frauen überlassen bleibt. Am Ende des Buches enthüllen Porträts von heutigen Modeschöpfern wie Yoji Yamamoto, Alexander McQueen und Martin Margiela die Leidenschaft der Autorin für die Laufstegmode. Eine Schlankheitskur hätte dem Buch gut getan und die geistreichen Beobachtungen, bedenkenswerten Thesen und pointierten Formulierungen, mit denen es aufwartet, so recht erst zur Geltung gebracht.

Wenn es nun eine Theorie der Mode sein sollte, zu der Vinken, bei aller Lust der Schilderung modischer Stile, immer wieder hinstrebt, dann allerdings hätten gegenwärtige Tendenzen der Mode schärfer beobachtet und in der Theorie untergebracht werden müssen. Die Kluft zwischen der von Vinken überschätzten Designermode, von der auch die Medien in jeder Saison wie von etwas Weltumstürzendem berichten, und dem Strassenkleid ist, selbst wenn der Schauplatz der Washington Square sein sollte, heute grösser denn je. Sie verhalten sich wie Kunst und Leben, Traum und Wirklichkeit - und diese Diskrepanz hätte eine Modetheorie zu fassen, der Laufsteg müsste der Strasse konfrontiert, die ökonomische Abhängigkeit beider Bereiche voneinander bedacht und in die Definition aufgenommen werden. 

Auch wäre zu überlegen, ob nicht doch die Frauen, wenn sie schon den Männern die Hosen ausziehen, bei diesem harmlosen Überfall auch die Einschätzung übernehmen, dass das gestohlene Objekt nicht viel wert sei. Was kann das Kleid noch bedeuten für Frauen, die sich, wie Männer, heute durch andere Leistungen denn durch körperliche Attraktivität hervortun können? Mittlerweile ist nicht ohne Grund die getragene Mode immer Jugendmode: Sie wird von jenem Teil der Bevölkerung durchgesetzt, der erotisch konkurriert und noch wenig andere Möglichkeiten zu einer Profilierung seiner Individualität hat. Bei berufstätigen Frauen hat die Mode kaum mehr eine grössere Bedeutung als bei männlichen Kollegen. Und wenn es schon eine Konstante «Mode» geben sollte, so müssten auch neue modische Gesten der Männer in den Blick kommen, die sich nicht des Wechselspiels von Körper und Stoff bedienen. Männer profilieren sich immer noch durch Accessoires, doch sind dies inzwischen Autos oder digitale Geräte, die für sie so wichtig sind wie für die Frau Ohrring, Halsband, Armreif.

Zu eng

Vinken geht von einem konventionellen, in sich geschlossenen Konzept, ja geradezu von einem Wunschbild «Mode» aus und gelangt damit zur Ästhetik einer Kunstrichtung, nicht zur Theorie eines gesellschaftlichen Phänomens. In vielen Bereichen der Wissenschaft haben sich mittlerweile die Begriffe erweitert, die der Philologie oder Literaturwissenschaft etwa zu dem der Textwissenschaft, der Kunstgeschichte zur Bildtheorie - so wäre denn auch der Begriff «Mode» weiter zu fassen, um zu einer zeitgemässen Kritik jener Inszenierungen zu gelangen, die wir zur Repräsentation von Individualität und Körper veranstalten.



Nota.

Sehen Sie ein Foto vom Vorstand eines Weltkonzerns. Wenn auch jeder der Herren seinen eignen Schneider hat, tragen sie doch alle denselben dunkelgrauen Anzug mit denselben Nadelstreifen. Lediglich die einzige Dame dabei fällt farbenfroh aus dem Rahmen, wenn auch nicht schrill, so doch in einem Kostüm, das außer ihr noch keine trug. Und währdend in England selbst die Königin denselben Hut - ach je - nicht zweimal aufsetzen kann, darf ein Lord denselben ausgebeulten und zerknitterten Anzug aus bester Shetlandwolle, und jeder Premierminister zumal, ruhig zwanzig Jahre lang anziehen. Nicht in Ascot; aber auch dort trägt er alle Jahre wieder, solange er reinpasst, denselben Dress, während seine Lady in Ohnmacht fällt, wenn eine Andere im selben Pariser Modell kommt wie sie. 

Weil sie um die Männer, ihre Herren und Pariarchen buhlen? Wenn Sie den Lord fragen, ob die Dame rot oder grün trägt, muss er sich erst umdrehen und hinsehen, unterwegs hatte er es nicht bemerkt. Nein, die Damen kämpfen nicht um die Gunst der Männer, sondern gegen die andern Frauen. Unter den Paradiesvögeln will jede die oberste sein. Darum haben sie die Männer in geschäftliche Einheitskluft gesteckt und ihnen die Mode weggenommen. 

In Wahrheit ist es nämlich so: Seit dem Sieg der bürgerlichen Gesellschaft hatte der Mann - Luther und Calvin hatten das Ihre beigetragen - ein Arbeiter zu sein, und zwar nicht im Weinberg und -keller des Herrn, sondern an der Werkbank und im Kontor! Der Bourgeois war ein alltäglich Werktätiger, kein eitler Müßiggänger wie der Aristokrat, und das sollte man ihm gefälligst auch ansehen; oder so sollte es wenigstens aussehen. Doch die Damen - ja, die Damen des Hauses, die vormals doch den bürgerliche Hauhalt selber geführt hatten, überließen das nunmehr, wie Gräfinnen und Edelfräuleins, dem Dienstpersonal; und wie jene wollten sie, bitteschön, auch aussehen.

So ist die Mode Frauensache geworden.
J.E.

PS. Beachten Sie übrigens, dass der Prinz Rosa trägt. Rosa galt bis Anfang der vorigen Jahrhunderts als die natürliche Jungenfarbe - als Vorstufe zum königlich kriegerischen Rot. Als Mädchenfarbe galt hingegen Blau - nach dem Mantel der Himmelskönigin Maria.

Montag, 7. Oktober 2013

Die Schule war schon immer eine Emaskulieranstalt.

Gemälde von Claus Meyer, 1898

Jenes Institut, das sich heute unter dem Namen 'die Schule' über die ganze Welt verbreitet hat, ist in seinen Grundzügen in der Klöstern des mittelalterlichen Europa entstanden; als ein Ort, wo die von kriegerischen Rittern beherrschte Feudalgesellschaft mit der nötigen Dosis buchgelehrter Kleriker versehen wurde, die ein wenig Frieden bringen konnten - in die Herzen und, so Gott wollte, auch ein wenig in die Städte und Fluren. Sie waren mental gewissermaßen der 'weibliche' Teil in einer von männlichen Tugenden geprägten Adelsgesellschaft. Nicht, was vom heranwachsenden Ritter an männlichen Tugenden zu erwarten war, wurde dort gepflegt, sondern deren friedfertig ordnungsliebender Widerpart - Fleiß und Ausdauer. Die Mittel: stundenlanges Stillsitzen, Mundhalten, Nachspre- chen und Repetieren. Während an den erstgeborenen Söhnen der herrschenden Kriegerkaste Kraft, Mut und Aben- teuergeist gefördert wurden, mussten sich ihre nachgeborenen Brüder in Sanftmut, Frömmigkeit und - nun ja, Ver- schlagenheit üben. Die Schule war nicht - schon damals nicht - der Ort, wo Jungen Männer werden durften.

In dem Maße, wie die Gesellschaft bürgerlicher wurden, kamen neben den Jungenschulen auch Institute für Mäd- chen auf, und als die industrielle Revolution der neunzehnten Jahrhunderts die bäuerliche Bevölkerung zu Indu- striearbeitern proletarisierte, wurde die Elementarschule zur Pflicht und das pfäffische Ideal des arbeitsamen Duck- mäusers zur Norm. Für die Mädchen nun auch wie für die Jungen. Und beim Lehrpersonal der Volksschulen waren die Frauen bald typischer als die Männer.

Natürlich hat sich im zwanzigsten Jahrhundert allerhand getan, der industrielle Tagelöhner ist auch schon längst nicht mehr der Standardfall des Arbeitslebens. Der höherqualifizierte Angestellte, dem man auch schonmal eigene Entscheidungen zumuten konnte - idealiter: der Staatsbeamte - wurde zum Produktionsziel der allgemeinbildenden Schulen, und dazu taugen Mädchen mindestens ebeno wie Jungen; wenn nicht mehr!

Fragen Sie sich jetzt immer noch, wie es kam, dass unsere Schulen zur Vorbereitung weiblicher Karrieren in der postindustriellen Berufswelt besser geeignet sind als zur Entwicklung männlicher Talente? Die Schule war noch nie was für Jungen. Sie war immer was gegen Jungen.




Sonntag, 6. Oktober 2013

Die Natur des Mannes.

Antonio Canova, Daedalus und IcarusCanova,  Daedalus und Icarus

“…aber die Natur des Mannes ist nicht natürlich, sondern naturändernd und darum manchmal überspannt.”

Robert Musil 


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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hg. A. Fris‚ Hamburg 1952, S. 685

Donnerstag, 26. September 2013

Endlich: Schuldgefühle auch für Väter.

aus Die Presse, Wien, 22. 9. 2013

Schuldgefühle: Jetzt machen auch die Väter mit

Das ständig schlechte Gewissen, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen, war lange Jahre der exklusive Begleiter berufstätiger Mütter. In den USA erreicht es nun auch die Daddies.

von SABINE MEZLER-ANDELBERG

Eine der letzten Bastionen der Frauen gerät ins Wanken: War es bisher nahezu ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, sich nach einem anstrengenden 16-Stunden-Tag noch schuldig zu fühlen, holen die Männer in dieser Disziplin auf. Zumindest ist das das Ergebnis einer Umfrage des amerikanischen „Redbook“-Magazins: Mehr als 60 Prozent der befragten Väter empfinden einen deutlichen Konflikt zwischen Beruf und Familie, die große Frage im Leben der neuen Väter lautet „Enttäusche ich meinen Chef oder enttäusche ich meine Kinder?“

„The new daddy guilt“ – sinngemäß „Die neuen Schuldgefühle der Väter“ – taufte die Autorin des Redbook-Berichts, Jessica Baumgardner, das neue Phänomen, das laut den Umfrageergebnissen nicht nur eine Empfindung der um 1980 geborenen „Millennium-Väter“ ist, sondern durchaus von den Frauen dieser Generation bestätigt wird – auch wenn die Zahlen noch ein wenig auseinanderklaffen. Immerhin 40 Prozent der befragten Mütter beschreiben die Väter ihrer Kinder als extrem involviert, 72 Prozent bescheinigen ihnen, dass sie sich bemühen, deutlich bessere Väter zu sein als es ihre eigenen waren. Mit Erfolg, wie eine Studie des „Families and Work Institute“ bestätigt: Rund 4,1 Stunden pro Tag verbringt der in den 80er-Jahren geborene Vater mit seinen Kindern, fast doppelt so viele wie noch die 70er-Jahrgänge in ihren Nachwuchs investiert haben. Und auch der Stellenwert der Vaterschaft ist in der jüngeren Vergangenheit gestiegen, wie eine zitierte nationale Studie aus dem Jahr 2011 zeigt: Laut dieser halten es 77 Prozent der Männer für wichtig, ein guter Vater zu sein, aber nur 49 Prozent sagen das auch über die Bedeutung der beruflichen Karriere. 

Sexy wie Brad Pitt. 

Soviel Engagement für die Familie kommt beim weiblichen Geschlecht an, wie Psychologe Joshua Coleman vom „Council on Contemporary Families“ an der Universität von Miami „Redbook“ bestätigt: „Bisher war es so, dass Frauen sich für Männer mit finanziellem Erfolg interessiert haben; heute geht es um Männer, die emotional involviert sind und sich an der Hausarbeit beteiligen“, beschreibt er die Veränderungen gegenüber Baumgardner, die etwas prägnanter formuliert, dass Brad Pitt mit seinen Kindern an der Hand beim Überqueren der Straße heute wesentlich sexier wirkt als George Clooney mit einer seiner Freundinnen am Arm.

Eine Attraktivität, die allerdings ihren Preis hat, wenn schon vor der Arbeit das Frühstück für den Junior bereitet, das Jausenpackerl gerichtet und der Weg zum Kindergarten mit ihm angetreten wird, ehe am Abend wieder einmal die Entscheidung zwischen einem gemeinsamen Abendessen und den vom Chef erwarteten Überstunden zu treffen ist. Das Ergebnis ist neben Erschöpfung immer auch das schlechtes Gewissen – ein Gemütszustand, der Frauen seit Jahrzehnten vertraut ist und Baumgardner in ihrem Essay zu der freundlichen Begrüßung „Welcome to our world, guys“ bewegt.

In Österreich sieht die Welt der Väter derzeit – noch – etwas anders aus, wie Erich Lehner, Männer- und Geschlechterforscher an der Alpen-Adria Universität, erklärt. Ein neues Schuldgefühl lasse sich empirisch nicht nachweisen, jedoch seien ein großes Bewusstsein und eine große Bereitschaft, mehr für die Kinder zu tun, sehr wohl vorhanden. Zwei Drittel der Väter seien heute bereit, in Karenz zu gehen, drei Viertel von ihnen können sich durchaus vorstellen, Teilzeit zu arbeiten. „Jedoch ist auch ein großes Bewusstsein dafür vorhanden, was dagegen spricht: nämlich die Angst vor Einkommensverlust und dem Karriereknick“, so Lehner über die nach wie vor vorhandenen Einschränkungen.

Vater spielt, Mutter sorgt. 

Natürlich engagieren sich die Väter heute, wissen wie man wickelt und spielen mit dem Nachwuchs; soweit, dass der Mann seinen Beruf danach ausrichte, sei es aber noch nicht. „Die 1. österreichische Männerstudie hat gezeigt, dass der Vater eher der Spielvater ist, die Mutter eher die Versorgungsarbeit übernimmt“, so der Männerforscher. Eine wirkliche Präsenz der Väter sieht er erst ab einer Verteilung der Versorgungsarbeit von 50:50 gegeben; eine Situation, die ohne eine Veränderung des derzeitigen gesellschaftlichen Systems aber nur schwer herbeizuführen sei. Die aber nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder positive Auswirkungen haben könnte, weisen doch Studien seit Jahren darauf hin, dass Kinder von zwei präsenten Eltern in allen Bereichen des Lebens bessere Chancen haben als Kinder, die mit nur einem präsenten Elternteil groß geworden sind.

Und wie steht es um die Wertschätzung der involvierten Väter in Österreich? Sehr wohl sei das Ansehen der Vaterschaft in bestimmten – bürgerlichen – Kreisen in den vergangenen Jahren gestiegen, auch wenn nach wie vor die berufliche Ausrichtung im Vordergrund stehe. Die aber keinesfalls im Gegensatz dazu stehen muss: „Involvierte Väter haben heute eine andere Männlichkeit“, so Lehner, die durchaus auch Unternehmen schätzen, da diese oft verlässlichere Mitarbeiter mit weniger Ausfällen sind. Als „sexier“ will Lehner ihren Status aber noch nicht bezeichnen, der „Brad-Pitt-Effekt“ scheint hier noch ein wenig auf sich warten zu lassen. Zumindest, was wissenschaftliche, empirisch belegbare Ergebnisse angeht.


Nota. - Die meisten Männer haben aber fürs Spielen mehr Talent als für Hausarbeit.
J.E.

Sonntag, 22. September 2013

Das starke Geschlecht in der Antike.

aus Badische Zeitung, 21. 9. 2013                                     Weingefäß, Athen, um 550 v.Chr.


Prächtige Burschen 
"Das starke Geschlecht in der Antike": Eine Ausstellung im Basler Antikenmuseum.

von Martin Halter

Der Mann darf heute schon mal Staub saugen, weinen und Schwäche zeigen, ohne seine Würde zu verlieren, und diese Aufweichung der alten Rollenbilder verunsichert ihn bekanntlich. Im alten Athen war noch klar, wann der Mann ein Mann war: Wenn er mit Trinkbecher, Flöte und Kurzschwert umgehen konnte, beim Opfer im Tempel, beim Sport im Stadion, bei der politischen Debatte auf dem Marktplatz und natürlich im Krieg seinen Mann stand. Er durfte vor Troja in heilige Raserei fallen oder sich in Olympia mit Stierblut dopen, und niemand nahm Anstoß, wenn sich pädophile Erzieher an Knaben vergriffen. Aber Homosexualität unter Erwachsenen war verpönt, und Heulsusen und Feiglinge wurden geächtet, verbannt oder noch härter bestraft.


Das Basler Antikenmuseum konfrontiert in seiner neuen Ausstellung "Wann ist man ein Mann? Das starke Geschlecht in der Antike" Mannsbilder aus der Zeit zwischen 550 bis 330 v. Chr. mit zeitgenössischen Vorstellungen von Männlichkeit. Eine auf den Boden gemalte Rennbahn führt augenzwinkernd durch einen Parcours von gut siebzig Exponaten: Vasen, Skulpturen, Waffen, Sportgeräte, Grabsteine – von der Wiege bis zur Bahre, vom Raufen und bacchantischen Saufen der Jugend bis zum Friedhof. Lockiges Langhaar galt als unmännlich, der Bart als Zeichen des Alters: In einem schönen Körper wohnte ein gesunder Geist, der sich durch Stärke, Tapferkeit, Selbstbeherrschung, Tugend und Zeugungskraft auszeichnete und Bürgersinn über private Selbstverwirklichung oder gar eheliche Liebe stellte.

Das Antikenmuseum will schon seit einiger Zeit die Antike vom Kothurn holen und näher an uns heran rücken; so wurde zuletzt in der Ausstellung "Sex, Drugs und Leierspiel" Athen als dionysisches Hippieparadies inszeniert. Der neue Direktor Andrea Bignasca und seine Kuratorin Ella van der Meijden treiben dieses Konzept jetzt noch weiter voran – und schießen dabei manchmal doch übers museumspädagogisch ehrenwerte Ziel hinaus. So stehen neben den erwartbaren Porträtbüsten, Statuen und Torsi unvermittelt und fast unkommentiert Objekte aus dem heutigen Männeralltag wie Ritalin und Viagra, Lenkrad, Windeln und Hanteln. Die Absicht ist klar: Die Playstation-Generation soll die Männer Athens nicht als entrückte Halbgötter aus Marmor und Gips wahrnehmen, sondern als "prächtige Burschen" wie du und ich, als Zeitgenossen und Leidensgefährten.

Das Beiprogramm umfasst neben klassischen Vorträgen und Kindernachmittagen auch Sparringskämpfe mit dem Basler Schwergewichtler Arnold "The Cobra" Gjergjaj und lokalen Faust- und Ringkämpferinnen, eine Abendführung "nur für Damen" und das eher postfeministische Angebot "Wir backen einen Traummann". In einer Parallelausstellung in der Skulpturhalle gibt es viel schwellende Muskeln und nackte Gemächte zum Thema Sportsmänner zu sehen. In der Sonderausstellung "Enthousiasmos" im Obergeschoss lässt die holländische Modefotografin Brigitte Vincken kraftstrotzendes Fleisch auf kalten Marmor, vergängliche auf unsterbliche Männlichkeit treffen, aber die innige Umarmung von nackten Modellathleten und antiken Kunstwerken erinnert dann doch eher an erotischen Kitsch à la Helmut Newton und Gunter Sachs als an Herakles und Theseus.

Antikenmuseum Basel, St. Alban-Graben 5, und Skulpturhalle Basel, Mittlere Str. 17. Bis 30. März, Di bis So 10–17 Uhr. In der Skulpturhalle: Sa, So 11–17 Uhr. 

Sie feierten, bildeten Körper und Geist, kämpften und politisierten – doch wer waren diese griechischen Supermänner? Weinschale (Kylix) aus Athen; Ton; um 470 v. Chr.
aus TagesWoche, Basel                                                         Weinschale (Kylix) aus Athen; Ton; um 470 v. Chr.

6.9.2013, 16:01 Uhr  

Das Antikenmuseum Basel stellt in einer Ausstellung den antiken griechischen Mann auf die Probe. Und richtet die Frage, was ein Mann sei, damit auch an uns. Die Antike spitzt scheinbar das allzu vertraute Ideal des machoiden Alleskönners noch zu. Doch irgendwas war anders. 

Von  

 Zunächst die schlechte Nachricht: Es gibt aus der Antike nichts Neues. Mit dem Titel «Wann ist man ein Mann?» bietet die Ausstellung im Antikenmuseum Basel und in der Skulpturenhalle an, unsere Konzepte von Männlichkeit zu überdenken – wie haben die’s damals gemacht? Etwas Zustupf für die Diskussion können wir tatsächlich gebrauchen.


Wir haben androgyne Models und die gleichgeschlechtliche Ehe, wir haben engagierte Väter und Prominente ohne dickes Auto, wir haben David Bowie und Bradley Manning. Das mag wohl sein, aber das Bild des muskulösen, erfolgreichen, unabhängigen Mannes ist dadurch nicht getrübt. Und die Griechen? Viel mehr noch! Ein Mann musste schön sein, sportlich, intellektuell und sich am besten noch Ruhm erkämpfen. So der erste Eindruck. 

Homoerotik angesehen und erwünscht

Die Ausstellung führt das Leben eines griechischen Mannes vor, wie er es im 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus idealerweise durchlaufen hat. Durch Skulpturen und bemalte Vasen werden die Stationen seines Weges erzählt: Sowie er kein Kleinkind mehr ist, folgt der griechische Racker anderen Bestimmungen als seine Schwestern. Schon jetzt hat er ungleich mehr Freiheiten, doch auch mehr Anforderungen werden an ihn gestellt. Der Bub lernt Musik machen, schreiben, rechnen (Schwesterchen lernt derweil haushalten) und treibt im gymnasion Sport.


Dies geschah damals nackt und eignete sich daher als Jagdgrund: Erwachsene Bürger schauten sich auf den Sportplätzen nach Jünglingen um und boten sich ihnen als Liebhaber und Mentoren an. Diese Form der Homoerotik war in der Antike angesehen und erwünscht. Ohne vorhergehendes Liebesspiel, so war man überzeugt, kommt die Lehre nicht weit.
 
Was uns abgeht: das Sinngefüge

Der Kenner bringt dieses Wissen mit. Schemenhaft gehört es auch zur Allgemeinbildung. In der Ausstellung ist man allerdings weitgehend seinen Eindrücken überlassen. Kurze Übersichtstexte führen in die jeweilige Lebenslage des Mannes ein. Doch die Beschriftungen der Exponate nehmen sich viel Freiheit und sind wenig informativ, dafür charmant.

Eine Silbermünze mit eingeprägtem Pferdegespann wird zum Beispiel so erläutert: «Auf dem 4-Ps-Boliden zum Sieg». Lovely. Als Ergänzung bekommt der Besucher aber ein Buch mitgegeben, das die Exponate erläutert und sich als prägnante Kulturgeschichte der alten Griechen entpuppt. Der Band ist so toll und kompetent gemacht, man will ihn auf dem Sofa lesen und danach aufbewahren.

 
Kampf und Ruhm

Beim Lesen zeigen sich die Bezüge, die zwischen den mannigfaltigen Anforderungen an den werdenden Mann bestehen. Damit entsteht ein umfassendes Sinngefüge. Liebe und Lehre hängen zusammen aber auch Liebe und Kampf. Kampf ist die höchste Tätigkeit und Ruhm das höchste Gut. Doch die ethischen Skills als Bürger zählen nicht weniger und genauso die politische Arbeit an der Gemeinschaft.

Die Bildung des Geistes ist wertlos ohne die Bildung des wohlgestalten Körpers – aber auch umgekehrt. In dieser Durchdringung der Werte findet sich wieder, was Westeuropa seit der Renaissance in Atem gehalten hat: Mass, Balance, Gemeinschaft. Dieser umfassende Blick ist der Neuzeit abhanden gekommen. Wir teilen die Werte der Antike, doch uns fehlt das Gefüge. Wir sind Spezialisten und wissen nicht warum. 

Gegenwartsbezug etwas holzschnittartig

Die Verherrlichung der Antike, aber auch ihre Vertrautheit haben sich verflüchtigt. Die Auseinandersetzung mit ihr ist in den akademischen Raum abgewandert und hat dort Staub angesetzt. Andrea Bignasca ist seit einem Jahr Direktor im Antikenmuseum Basel und hat sich vorgenommen, die klassische Ausstellungskultur aufzumischen. Er will die Antike als Geschichte erzählen und damit Fragen an die Gegenwart richten.

 
Zugegeben: Der Versuch der Ausstellenden, den Bezug zur heutigen Männlichkeit herzustellen, ist etwas platt. In sterilen Vitrinen stehen Giletterasierer neben Viagrapackungen. Staubsauger und Windel veranschaulichen den weichen und verantwortungsvollen Mann von heute. Na gut. Sein Vorhaben ist dem Rektor und seinen Kuratoren (federführend Ella van der Meijden) trotzdem gelungen: Sie erzählen die Antike als Geschichte der Männlichkeit.

Das kommt auch den Kunstwerken zugute: Man betrachtet sie nicht als Kunst, sondern taucht durch sie in eine Lebenswelt ein. Klafter werden ihnen damit von den Schultern genommen. Und nebenbei bemerkt man, was für ein fantastisches Stück man gerade vor Augen hat. 

Nota. 

Man kann streiten, ob es richtig gewesen wäre, die kultisch-aristokratische Knabenliebe, die in den dorischen Staaten Griechenlands eine öffentlich etablierte Institution war und in dem von der Ausstellung dokumentierten Zeitraum ihre Blüte hatte, in den Mittelpunkt einer solchen Ausstellung zu rücken. Aber wenn ein professioneller Besucher der Ausstellung zu einer Formulierung gelangt wie "niemand nahm Anstoß, wenn sich pädophile Erzieher an Knaben vergriffen", dann können die Gewichte dort nicht stimmen. Es war andersrum, die von Stadt und Familie anerkannten Liebhaber wurden zu den Erziehern der Knaben, in Sparta sogar zu deren Vormündern. Und auch das Wort Homo- erotik ist ganz fehl am Platz. Denn in dem päderastischen Verhältnis stand nicht die Gleichheit der beiden im Vordergrund, sondern ihre Ungleichheit: Wie anders hätte der Ältere den Jüngeren sonst zum Mann erziehen können? Was sie verband, war nicht das Geschlecht selbst, sondern ihre gemeinsame Bestimmung zur aretê - das, was an der Männlichkeit die Tugend ausmacht und von den Römern mit virtus übersetzt wurde; und eben der Eros. Homosexualität im Wortsinn war allerdings verpönt.

Das dorische Sparta war übrigens auch einer der ganz wenigen griechischen Staate, in denen auch die Mädchen eine sorgfältige Erziehung erfuhren; freilich ohne männliche Liebhaber.
J.E.

Mittwoch, 18. September 2013

Das richtige Männergesicht.

aus scinexx                                                                                         Hans Thoma, ...Caesar


Männer: Breites Gesicht provoziert Egoismus

Gesichtszüge beeinflussen das Verhalten des Gegenübers

Es kommt sehr wohl auf das Aussehen an - genauer gesagt auf die Breite des Gesichts: Männer mit breiteren Gesichtszügen gelten als erfolgreicher, aber auch als unehrlicher und aggressiver. Das allerdings hat Konsequenzen, wie ein neues Experiment von US-Forschern belegt: Wir verhalten uns Männern mit breiten Gesichtern gegenüber egoistischer und weniger hilfsbereit als solchen mit schmaleren, wie sie im Fachmagazin "PloS OnE" berichten. 

Ein breites Gesicht mit ausgeprägtem Kinn gilt als besonders männlich. Unbewusst signalisiert es offenbar eine stark von Testosteron geprägte Persönlichkeit. Tatsächlich haben Studien in den letzten Jahren einige Verbindungen zwischen der Gesichtsform und dem Verhalten gefunden. So ergab ein Experiment im Jahr 2012, dass Männer mit maskulinen Gesichtszügen eher zur Untreue neigen. 2011 belegten Michael Haselhuhn und Elaine Wong von der University of California in Riverside, dass Manager mit einem eher breiten Gesicht erfolgreicher sind und ihre Firma profitabler führen.

Jetzt haben sich die beiden Forscher angeschaut, ob es einen Zusammenhang der Gesichtszüge mit egoistischem Verhalten gibt - und dabei den Spieß auch einmal umgedreht: In vier neuen Experimenten überprüften sie, ob sich Männer mit breiten Gesicht egoistischer Verhalten und auch, wie ihr Gegenüber darauf reagiert. Die jeweils 131 bis 207 Probanden absolvierten dabei jeweils paarweise verschiedene Spiele, bei denen sie entscheiden mussten, ob sie mit ihrem Partner teilen wollten oder nicht. Bei einigen Durchgängen ging es dabei zusätzlich um die Frage, ob sie ihrem Partner trauten oder nicht.

Breites Gesicht provoziert unsozialere Reaktionen

Dabei zeigte sich: Männer mit breitem Gesicht neigten dazu, sich egoistisch zu verhalten und teilten seltener und ungerechter mit ihren Partnern. Umgekehrt aber hielten auch die Partner die Probanden mit den breiteren Gesichtern für weniger vertrauenswürdig und egoistischer und teilten dann ihrerseits auch weniger mit ihnen. Menschen reagieren demnach unbewusst auf die Gesichtsform - möglicherweise weil sie damit entsprechende Erwartungen verbinden.

Nach Ansicht der Forscher zeigt dies, dass der zuvor beobachtete Zusammenhang zwischen Gesichtsform und Verhalten zwei Triebkräfte hat: Das eine sind biologische Faktoren, wie beispielsweise ein höherer Testosteronwert, der Aussehen und Verhalten gleichermaßen beeinflusst. Das andere aber ist ein sozialer Aspekt: Die unbewusste Reaktion der anderen auf das Gesicht könnte dazu beitragen, bestimmte Verhaltensweisen - beispielsweise Egoismus oder Aggression - zu fördern. Allerdings betonen die Forscher auch, dass allein die Gesichtsform sicher nicht dazu geeignet ist, auf alle Aspekte der Persönlichkeit zu schließen und dass es hier nur um eine Tendenz geht. (PLoS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0072259)

(University of California - Riverside, 18.09.2013 - NPO)