aus Badische Zeitung, 21. 9. 2013 Weingefäß, Athen, um 550 v.Chr.
Prächtige Burschen
"Das starke Geschlecht in der Antike": Eine Ausstellung im Basler Antikenmuseum.
von Martin Halter
Der Mann darf heute schon mal Staub saugen, weinen und Schwäche
zeigen, ohne seine Würde zu verlieren, und diese Aufweichung der alten
Rollenbilder verunsichert ihn bekanntlich. Im alten Athen war noch klar,
wann der Mann ein Mann war: Wenn er mit Trinkbecher, Flöte und
Kurzschwert umgehen konnte, beim Opfer im Tempel, beim Sport im Stadion,
bei der politischen Debatte auf dem Marktplatz und natürlich im Krieg
seinen Mann stand. Er durfte vor Troja in heilige Raserei fallen oder
sich in Olympia mit Stierblut dopen, und niemand nahm Anstoß, wenn sich
pädophile Erzieher an Knaben vergriffen. Aber Homosexualität unter
Erwachsenen war verpönt, und Heulsusen und Feiglinge wurden geächtet,
verbannt oder noch härter bestraft.
Das Basler Antikenmuseum konfrontiert in seiner neuen Ausstellung "Wann
ist man ein Mann? Das starke Geschlecht in der Antike" Mannsbilder aus
der Zeit zwischen 550 bis 330 v. Chr. mit zeitgenössischen Vorstellungen
von Männlichkeit. Eine auf den Boden gemalte Rennbahn führt
augenzwinkernd durch einen Parcours von gut siebzig Exponaten: Vasen,
Skulpturen, Waffen, Sportgeräte, Grabsteine – von der Wiege bis zur
Bahre, vom Raufen und bacchantischen Saufen der Jugend bis zum Friedhof.
Lockiges Langhaar galt als unmännlich, der Bart als Zeichen des Alters:
In einem schönen Körper wohnte ein gesunder Geist, der sich durch
Stärke, Tapferkeit, Selbstbeherrschung, Tugend und Zeugungskraft
auszeichnete und Bürgersinn über private Selbstverwirklichung oder gar
eheliche Liebe stellte.
Das Antikenmuseum will schon seit einiger Zeit die Antike vom Kothurn
holen und näher an uns heran rücken; so wurde zuletzt in der Ausstellung
"Sex, Drugs und Leierspiel" Athen als dionysisches Hippieparadies
inszeniert. Der neue Direktor Andrea Bignasca und seine Kuratorin Ella
van der Meijden treiben dieses Konzept jetzt noch weiter voran – und
schießen dabei manchmal doch übers museumspädagogisch ehrenwerte Ziel
hinaus. So stehen neben den erwartbaren Porträtbüsten, Statuen und Torsi
unvermittelt und fast unkommentiert Objekte aus dem heutigen
Männeralltag wie Ritalin und Viagra, Lenkrad, Windeln und Hanteln. Die
Absicht ist klar: Die Playstation-Generation soll die Männer Athens
nicht als entrückte Halbgötter aus Marmor und Gips wahrnehmen, sondern
als "prächtige Burschen" wie du und ich, als Zeitgenossen und
Leidensgefährten.
Das Beiprogramm umfasst neben klassischen Vorträgen und
Kindernachmittagen auch Sparringskämpfe mit dem Basler Schwergewichtler
Arnold "The Cobra" Gjergjaj und lokalen Faust- und Ringkämpferinnen,
eine Abendführung "nur für Damen" und das eher postfeministische Angebot
"Wir backen einen Traummann". In einer Parallelausstellung in der
Skulpturhalle gibt es viel schwellende Muskeln und nackte Gemächte zum
Thema Sportsmänner zu sehen. In der Sonderausstellung "Enthousiasmos" im
Obergeschoss lässt die holländische Modefotografin Brigitte Vincken
kraftstrotzendes Fleisch auf kalten Marmor, vergängliche auf
unsterbliche Männlichkeit treffen, aber die innige Umarmung von nackten
Modellathleten und antiken Kunstwerken erinnert dann doch eher an
erotischen Kitsch à la Helmut Newton und Gunter Sachs als an Herakles
und Theseus.
Antikenmuseum Basel, St. Alban-Graben 5, und Skulpturhalle Basel,
Mittlere Str. 17. Bis 30. März, Di bis So 10–17 Uhr. In der
Skulpturhalle: Sa, So 11–17 Uhr.
aus TagesWoche, Basel Weinschale (Kylix) aus Athen; Ton; um 470 v. Chr.
6.9.2013, 16:01 Uhr
Das Antikenmuseum Basel stellt in einer
Ausstellung den antiken griechischen Mann auf die Probe. Und richtet die
Frage, was ein Mann sei, damit auch an uns. Die Antike spitzt scheinbar
das allzu vertraute Ideal des machoiden Alleskönners noch zu. Doch
irgendwas war anders.
Von Valentin Kimstedt
Zunächst die schlechte Nachricht: Es gibt aus der Antike
nichts Neues. Mit dem Titel «Wann ist man ein Mann?» bietet die
Ausstellung im Antikenmuseum Basel
und in der Skulpturenhalle an, unsere Konzepte von Männlichkeit zu
überdenken – wie haben die’s damals gemacht? Etwas Zustupf für die
Diskussion können wir tatsächlich gebrauchen.
Wir haben androgyne Models und die gleichgeschlechtliche Ehe, wir
haben engagierte Väter und Prominente ohne dickes Auto, wir haben David
Bowie und Bradley Manning. Das mag wohl sein, aber das Bild des
muskulösen, erfolgreichen, unabhängigen Mannes ist dadurch nicht
getrübt. Und die Griechen? Viel mehr noch! Ein Mann musste schön sein,
sportlich, intellektuell und sich am besten noch Ruhm erkämpfen. So der
erste Eindruck.
Homoerotik angesehen und erwünscht
Die Ausstellung führt das Leben eines griechischen Mannes vor, wie er
es im 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus idealerweise durchlaufen hat.
Durch Skulpturen und bemalte Vasen werden die Stationen seines Weges
erzählt: Sowie er kein Kleinkind mehr ist, folgt der griechische Racker
anderen Bestimmungen als seine Schwestern. Schon jetzt hat er ungleich
mehr Freiheiten, doch auch mehr Anforderungen werden an ihn gestellt.
Der Bub lernt Musik machen, schreiben, rechnen (Schwesterchen lernt
derweil haushalten) und treibt im gymnasion Sport.
Dies geschah damals nackt und eignete sich daher als Jagdgrund:
Erwachsene Bürger schauten sich auf den Sportplätzen nach Jünglingen um
und boten sich ihnen als Liebhaber und Mentoren an. Diese Form der
Homoerotik war in der Antike angesehen und erwünscht. Ohne
vorhergehendes Liebesspiel, so war man überzeugt, kommt die Lehre nicht
weit.
Was uns abgeht: das Sinngefüge
Der Kenner bringt dieses Wissen mit. Schemenhaft gehört es auch zur
Allgemeinbildung. In der Ausstellung ist man allerdings weitgehend
seinen Eindrücken überlassen. Kurze Übersichtstexte führen in die
jeweilige Lebenslage des Mannes ein. Doch die Beschriftungen der
Exponate nehmen sich viel Freiheit und sind wenig informativ, dafür
charmant.
Eine Silbermünze mit eingeprägtem Pferdegespann wird zum Beispiel so
erläutert: «Auf dem 4-Ps-Boliden zum Sieg». Lovely. Als Ergänzung
bekommt der Besucher aber ein Buch mitgegeben, das die Exponate
erläutert und sich als prägnante Kulturgeschichte der alten Griechen
entpuppt. Der Band ist so toll und kompetent gemacht, man will ihn auf
dem Sofa lesen und danach aufbewahren.
Kampf und Ruhm
Beim Lesen zeigen sich die Bezüge, die zwischen den mannigfaltigen
Anforderungen an den werdenden Mann bestehen. Damit entsteht ein
umfassendes Sinngefüge. Liebe und Lehre hängen zusammen aber auch Liebe
und Kampf. Kampf ist die höchste Tätigkeit und Ruhm das höchste Gut.
Doch die ethischen Skills als Bürger zählen nicht weniger und genauso
die politische Arbeit an der Gemeinschaft.
Die Bildung des Geistes ist wertlos ohne die Bildung des
wohlgestalten Körpers – aber auch umgekehrt. In dieser Durchdringung der
Werte findet sich wieder, was Westeuropa seit der Renaissance in Atem
gehalten hat: Mass, Balance, Gemeinschaft. Dieser umfassende Blick ist
der Neuzeit abhanden gekommen. Wir teilen die Werte der Antike, doch uns
fehlt das Gefüge. Wir sind Spezialisten und wissen nicht warum.
Gegenwartsbezug etwas holzschnittartig
Die Verherrlichung der Antike, aber auch ihre Vertrautheit haben sich
verflüchtigt. Die Auseinandersetzung mit ihr ist in den akademischen
Raum abgewandert und hat dort Staub angesetzt. Andrea Bignasca ist seit einem Jahr Direktor im Antikenmuseum Basel und hat sich vorgenommen,
die klassische Ausstellungskultur aufzumischen. Er will die Antike als
Geschichte erzählen und damit Fragen an die Gegenwart richten.
Zugegeben: Der Versuch der Ausstellenden, den Bezug zur heutigen
Männlichkeit herzustellen, ist etwas platt. In sterilen Vitrinen stehen
Giletterasierer neben Viagrapackungen. Staubsauger und Windel
veranschaulichen den weichen und verantwortungsvollen Mann von heute. Na
gut. Sein Vorhaben ist dem Rektor und seinen Kuratoren (federführend
Ella van der Meijden) trotzdem gelungen: Sie erzählen die Antike als
Geschichte der Männlichkeit.
Das kommt auch den Kunstwerken zugute: Man betrachtet sie nicht als
Kunst, sondern taucht durch sie in eine Lebenswelt ein. Klafter werden
ihnen damit von den Schultern genommen. Und nebenbei bemerkt man, was
für ein fantastisches Stück man gerade vor Augen hat.
Nota.
Man kann streiten, ob es richtig gewesen wäre, die kultisch-aristokratische Knabenliebe, die in den dorischen Staaten Griechenlands eine öffentlich etablierte Institution war und in dem von der Ausstellung dokumentierten Zeitraum ihre Blüte hatte, in den Mittelpunkt einer solchen Ausstellung zu rücken. Aber wenn ein professioneller Besucher der Ausstellung zu einer Formulierung gelangt wie "niemand nahm Anstoß, wenn sich
pädophile Erzieher an Knaben vergriffen", dann können die Gewichte dort nicht stimmen. Es war andersrum, die von Stadt und Familie anerkannten Liebhaber wurden zu den Erziehern der Knaben, in Sparta sogar zu deren Vormündern. Und auch das Wort Homo- erotik ist ganz fehl am Platz. Denn in dem päderastischen Verhältnis stand nicht die Gleichheit der beiden im Vordergrund, sondern ihre Ungleichheit: Wie anders hätte der Ältere den Jüngeren sonst zum Mann erziehen können? Was sie verband, war nicht das Geschlecht selbst, sondern ihre gemeinsame Bestimmung zur aretê - das, was an der Männlichkeit die Tugend ausmacht und von den Römern mit virtus übersetzt wurde; und eben der Eros. Homosexualität im Wortsinn war allerdings verpönt.
Das dorische Sparta war übrigens auch einer der ganz wenigen griechischen Staate, in denen auch die Mädchen eine sorgfältige Erziehung erfuhren; freilich ohne männliche Liebhaber.
J.E.
Sonntag, 22. September 2013
Mittwoch, 18. September 2013
Das richtige Männergesicht.
aus scinexx Hans Thoma, ...Caesar
Männer: Breites Gesicht provoziert Egoismus
Gesichtszüge beeinflussen das Verhalten des Gegenübers
Es kommt sehr wohl auf das Aussehen an - genauer gesagt auf die Breite des Gesichts: Männer mit breiteren Gesichtszügen gelten als erfolgreicher, aber auch als unehrlicher und aggressiver. Das allerdings hat Konsequenzen, wie ein neues Experiment von US-Forschern belegt: Wir verhalten uns Männern mit breiten Gesichtern gegenüber egoistischer und weniger hilfsbereit als solchen mit schmaleren, wie sie im Fachmagazin "PloS OnE" berichten.
Ein breites Gesicht mit ausgeprägtem Kinn gilt als besonders männlich. Unbewusst signalisiert es offenbar eine stark von Testosteron geprägte Persönlichkeit. Tatsächlich haben Studien in den letzten Jahren einige Verbindungen zwischen der Gesichtsform und dem Verhalten gefunden. So ergab ein Experiment im Jahr 2012, dass Männer mit maskulinen Gesichtszügen eher zur Untreue neigen. 2011 belegten Michael Haselhuhn und Elaine Wong von der University of California in Riverside, dass Manager mit einem eher breiten Gesicht erfolgreicher sind und ihre Firma profitabler führen.
Jetzt haben sich die beiden Forscher angeschaut, ob es einen Zusammenhang der Gesichtszüge mit egoistischem Verhalten gibt - und dabei den Spieß auch einmal umgedreht: In vier neuen Experimenten überprüften sie, ob sich Männer mit breiten Gesicht egoistischer Verhalten und auch, wie ihr Gegenüber darauf reagiert. Die jeweils 131 bis 207 Probanden absolvierten dabei jeweils paarweise verschiedene Spiele, bei denen sie entscheiden mussten, ob sie mit ihrem Partner teilen wollten oder nicht. Bei einigen Durchgängen ging es dabei zusätzlich um die Frage, ob sie ihrem Partner trauten oder nicht.
Breites Gesicht provoziert unsozialere Reaktionen
Dabei zeigte sich: Männer mit breitem Gesicht neigten dazu, sich egoistisch zu verhalten und teilten seltener und ungerechter mit ihren Partnern. Umgekehrt aber hielten auch die Partner die Probanden mit den breiteren Gesichtern für weniger vertrauenswürdig und egoistischer und teilten dann ihrerseits auch weniger mit ihnen. Menschen reagieren demnach unbewusst auf die Gesichtsform - möglicherweise weil sie damit entsprechende Erwartungen verbinden.
Nach Ansicht der Forscher zeigt dies, dass der zuvor beobachtete Zusammenhang zwischen Gesichtsform und Verhalten zwei Triebkräfte hat: Das eine sind biologische Faktoren, wie beispielsweise ein höherer Testosteronwert, der Aussehen und Verhalten gleichermaßen beeinflusst. Das andere aber ist ein sozialer Aspekt: Die unbewusste Reaktion der anderen auf das Gesicht könnte dazu beitragen, bestimmte Verhaltensweisen - beispielsweise Egoismus oder Aggression - zu fördern. Allerdings betonen die Forscher auch, dass allein die Gesichtsform sicher nicht dazu geeignet ist, auf alle Aspekte der Persönlichkeit zu schließen und dass es hier nur um eine Tendenz geht. (PLoS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0072259)
(University of California - Riverside, 18.09.2013 - NPO)
Männer: Breites Gesicht provoziert Egoismus
Gesichtszüge beeinflussen das Verhalten des Gegenübers
Es kommt sehr wohl auf das Aussehen an - genauer gesagt auf die Breite des Gesichts: Männer mit breiteren Gesichtszügen gelten als erfolgreicher, aber auch als unehrlicher und aggressiver. Das allerdings hat Konsequenzen, wie ein neues Experiment von US-Forschern belegt: Wir verhalten uns Männern mit breiten Gesichtern gegenüber egoistischer und weniger hilfsbereit als solchen mit schmaleren, wie sie im Fachmagazin "PloS OnE" berichten.
Ein breites Gesicht mit ausgeprägtem Kinn gilt als besonders männlich. Unbewusst signalisiert es offenbar eine stark von Testosteron geprägte Persönlichkeit. Tatsächlich haben Studien in den letzten Jahren einige Verbindungen zwischen der Gesichtsform und dem Verhalten gefunden. So ergab ein Experiment im Jahr 2012, dass Männer mit maskulinen Gesichtszügen eher zur Untreue neigen. 2011 belegten Michael Haselhuhn und Elaine Wong von der University of California in Riverside, dass Manager mit einem eher breiten Gesicht erfolgreicher sind und ihre Firma profitabler führen.
Jetzt haben sich die beiden Forscher angeschaut, ob es einen Zusammenhang der Gesichtszüge mit egoistischem Verhalten gibt - und dabei den Spieß auch einmal umgedreht: In vier neuen Experimenten überprüften sie, ob sich Männer mit breiten Gesicht egoistischer Verhalten und auch, wie ihr Gegenüber darauf reagiert. Die jeweils 131 bis 207 Probanden absolvierten dabei jeweils paarweise verschiedene Spiele, bei denen sie entscheiden mussten, ob sie mit ihrem Partner teilen wollten oder nicht. Bei einigen Durchgängen ging es dabei zusätzlich um die Frage, ob sie ihrem Partner trauten oder nicht.
Breites Gesicht provoziert unsozialere Reaktionen
Dabei zeigte sich: Männer mit breitem Gesicht neigten dazu, sich egoistisch zu verhalten und teilten seltener und ungerechter mit ihren Partnern. Umgekehrt aber hielten auch die Partner die Probanden mit den breiteren Gesichtern für weniger vertrauenswürdig und egoistischer und teilten dann ihrerseits auch weniger mit ihnen. Menschen reagieren demnach unbewusst auf die Gesichtsform - möglicherweise weil sie damit entsprechende Erwartungen verbinden.
Nach Ansicht der Forscher zeigt dies, dass der zuvor beobachtete Zusammenhang zwischen Gesichtsform und Verhalten zwei Triebkräfte hat: Das eine sind biologische Faktoren, wie beispielsweise ein höherer Testosteronwert, der Aussehen und Verhalten gleichermaßen beeinflusst. Das andere aber ist ein sozialer Aspekt: Die unbewusste Reaktion der anderen auf das Gesicht könnte dazu beitragen, bestimmte Verhaltensweisen - beispielsweise Egoismus oder Aggression - zu fördern. Allerdings betonen die Forscher auch, dass allein die Gesichtsform sicher nicht dazu geeignet ist, auf alle Aspekte der Persönlichkeit zu schließen und dass es hier nur um eine Tendenz geht. (PLoS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0072259)
(University of California - Riverside, 18.09.2013 - NPO)
Dienstag, 17. September 2013
Macht Östrogen dumm?
aus scinexx
Weibliches Geschlechtshormon hemmt Lernfortschritte
- bei Ratten
Während des Eisprungs sind die Östrogen- konzentrationen im Blut bei Frauen am höchsten. Das Geschlechtshormon sorgt dafür, dass die Eizelle reift, und fördert das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut. Bereits seit einiger Zeit gibt es jedoch Hinweise darauf, dass hohe Östrogenwerte auch die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen. Inwieweit dies jedoch kausal zu spürbaren Einbußen bei erwachsenen Frauen führt, war bisher unklar.
„Obwohl Östrogen dafür bekannt ist, eine signifikante Rolle für Lernen und Gedächtnis zu spielen, gab es bisher keinen klaren Konsens über den genauen Effekt“, erklärt Wayne Brake, Professor für Neurobiologie an der kanadischen Concordia Universität. Brake und seine Kollegen haben nun erstmals in Versuchen an Ratten den hemmenden Effekt des Östrogens genauer untersucht. Für die Experimente nutzten sie die so genannte „latente Inhibition“, einen etablierten Test für die Bildung neuer Gedächtnisinhalte. Dabei wurde den weiblichen Tieren zunächst wiederholt ein Ton vorgespielt, ohne dass darauf eine Konsequenz folgte. Nachdem die Ratten sich an den Ton gewöhnt hatten, veränderten die Forscher den Versuchsablauf: Jetzt wurde der Ton mit einem weiteren Reiz gekoppelt. Während Rattenweibchen mit niedrigen Östrogenspiegeln schnell lernten, dass beides verknüpft war, brauchten die Tiere mit höheren Östrogenspiegeln deutlich länger.
„Wir haben diesen Effekt nur bei erwachsenen weiblichen Ratten beobachtet“, erklärt Brake. „Diese und andere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Östrogen direkt das Gehirn beeinflusst, vielleicht durch Störung von Signalmolekülen. Unsere Studie hilft damit, die Kontroverse über die Effekte des Östrogens auf das Gehirn zu klären. Der nächste Schritt ist nun, sich anzuschauen, wie genau dies geschieht.“ (Concordia University, 27.09.2010 - NPO) Nota. Ich will daran erinnern, dass das Gedächtnis nur die eine Hälfte der Intelligenz ausmacht. Die andre Hälfte ist der Humor. Vielleicht macht Östrogen Frauen ja stattdessen humoristischer, wer weiß?J.E.
Montag, 16. September 2013
Frauen scheuen Wettbewerb schon im Kindesalter.
Autor: Mark Fallak, Öffentlichkeitsarbeit
Institut zur Zukunft der Arbeit
25.06.2010
Mädchen sind schon als Dreijährige deutlich seltener zum Leistungswettbewerb mit Gleichaltrigen bereit als Jungen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die beim Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienen ist. Damit wird erstmals gezeigt, dass sich derartige Unterschiede zwischen den Geschlechtern bereits im Kleinkindalter ausprägen.
Die Studie basiert auf einem umfangreichen Experiment der Universität Innsbruck, in dem das Wettbewerbsverhalten von über 1000 Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 18 Jahren untersucht wurde. Je nach Alter mussten die Teilnehmer Rechenaufgaben lösen oder einen Wettlauf absolvieren und konnten dadurch Geld verdienen.
Im Laufe des Versuchs hatten sie die Wahl, ob sie gegen Gleichaltrige antreten wollten, um ihre Verdienstmöglichkeiten zu steigern. Im Schnitt entschieden sich 40 Prozent der Jungen, aber nur 19 Prozent der Mädchen für die Wettbewerbsvariante. In allen Altersgruppen lag der Abstand zwischen den Geschlechtern bei etwa 15 bis 20 Prozentpunkten. Dabei war es unerheblich, ob die Kinder in gemischten oder gleichgeschlechtlichen Gruppen gegeneinander antraten.
Ein weiterer interessanter Befund der Studie: Sowohl im Kopfrechnen als auch beim Wettlauf schnitten Jungen und Mädchen annähernd gleich ab. Allerdings neigen Jungen eher dazu, die eigene Leistung zu hoch einzuschätzen.
Wirtschaftsforscher sehen in der geringeren Wettbewerbsbereitschaft von Frauen eine mögliche Ursache für den Lohnabstand zwischen den Geschlechtern und den geringen Frauenanteil in Führungspositionen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, das Wettbewerbsverhalten von Frauen schon in jungen Jahren gezielter zu fördern, um einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu leisten“, sagt der Innsbrucker Verhaltensökonom Matthias Sutter, der die Studie mitverfasst hat.
___________________________________________________________
Nota.
Man darf beruhigt sein, dass man die Mädchen fördern will, indem man sie zu mehr Wettbewerb ermuntert, und nicht, indem man die Jungen vom Wettbewerb abhält. Da macht sich ein erster Fortschritt bemerkbar.
J.E.
Sonntag, 15. September 2013
Opferabonnement gekündigt.
aus Süddeutsche.de, 13. September 2013 17:45 Heidi K.
Erfundene Vergewaltigung
Von Hans Holzhaider, Darmstadt
Fünf Jahre und sechs Monate Haft für Heidi K. wegen
Freiheitsberaubung - "das war keine einfache Entscheidung", sagt die
Vorsitzende Richterin Barbara Bunk am Freitag. Die 15. Große Strafkammer
am Landgericht Darmstadt ist zu der Überzeugung gekommen, dass die
heute 48-jährige Lehrerin
gelogen hat, als sie vor zwölf Jahren ihren Kollegen Horst Arnold
beschuldigte, er habe sie während einer Unterrichtspause
anal vergewaltigt.
Fünf Jahre saß Horst Arnold, der die Tat immer bestritten hat,
dafür im Gefängnis. Weitere fünf Jahre kämpfte er um seine
Rehabilitierung, bis er im Juni 2011 in einem Wiederaufnahmeverfahren
freigesprochen wurde. Ein Jahr später starb er an den Folgen eines
Herzinfarkts. "Die Justiz würde sich gerne bei Herrn Arnold
entschuldigen", sagt die Richterin, "aber diese Entschuldigung können
wir jetzt nur noch an die Hinterbliebenen richten, die all die Jahre
mitgelitten haben." Arnolds Mutter, die die Urteilsverkündung
miterlebte, sagt: "Es bringt mir meinen Sohn nicht wieder, aber es ist
eine große Genugtuung." Ob sie das Urteil als gerecht empfinde? "Ich
hätte ihr mehr gewünscht", sagt Helga Arnold.
Was hat sich wirklich zugetragen an jenem 28. August in einem
Biologie-Vorbereitungsraum der Georg-August-Zinn-Schule im hessischen
Reichelsheim? Nach Überzeugung des Gerichts war es so: Horst Arnold kam
in den Raum und überraschte Heidi K. dabei, wie sie in seinen Unterlagen
stöberte. Er herrschte sie an, sie verließ den Raum. "Sie war verärgert
über die Zurechtweisung und fürchtete, er könnte den Vorfall
weitererzählen", sagt Richterin Bunk. Sie beschwerte sich über ihn -
"wir gehen davon aus, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht an eine
anale Vergewaltigung denkt". Aber die Reaktion der Kolleginnen
ermutigt sie. Idealopfer mit Alkoholproblem
Horst Arnold ist nicht sehr beliebt, man weiß, dass er ein
Alkoholproblem hat, dass er, wenn er getrunken hat, auch gelegentlich
verbal aggressiv ist. "Sie merkt: Er ist ein Idealopfer. Ihr wird
geglaubt, niemand zweifelt. Und so baut sie ihre Geschichte immer weiter
aus." Bis sie endlich, in der Endfassung, ihren Kollegen beschuldigt,
er habe sie brutal gegen den Tisch gedrängt, ihr den Mund zugehalten,
sie vergewaltigt und mit dem Tod bedroht, falls sie etwas verrate. Um
das zu untermauern, habe sie sich schließlich auch selbst Verletzungen
beigebracht - Kratzer und blaue Flecken am Bauch sowie einen kleinen
Einriss der Afterschleimhaut.
Welche Beweise hat das Gericht für diesen Ablauf? "Objektive
Beweise gibt es nicht", räumt die Richterin ein - Heidi K. hat die
Kleidung, die sie bei der behaupteten Tat trug, vernichtet. Es seien
"Mosaiksteinchen", die das Gericht von der Schuld der Angeklagten
überzeugt hätten.
Zunächst die widersprüchlichen Angaben über den Tathergang: Bei
der ersten Vernehmung sagte Heidi K., sie habe geschrien, später gab sie
an, sie habe nicht schreien können, weil der Täter ihr mit dem Unterarm
die Luft abgedrückt habe. "Bei einem solchen Vorgang bekommt man
Todesangst", sagt die Richterin, "das wird nicht einfach vergessen." Als
Nächstes: die Behauptung, sie habe nach der Tat einen "Blackout" gehabt
und könne sich nicht daran erinnern, unmittelbar nach der
Vergewaltigung zwei Unterrichtsstunden gehalten zu haben. "Das kann so
nicht gewesen sein. Das ist eine ganz klare Lüge und spricht dafür, dass
die Vergewaltigung nicht stattgefunden hat", sagt die Richterin. Plötzliche Analfissur
Schließlich die Verletzung am After. Zwei Ärztinnen hatten sie
nicht entdeckt, und Heidi K. hatte bei der Untersuchung auch nicht über Schmerzen
geklagt. Erst drei Wochen später, als sie sich zu einer neuerlichen
Untersuchung ins Krankenhaus begibt, ist die Analfissur plötzlich da,
und Heidi K. hat solche Schmerzen, dass die Untersuchung unter
Vollnarkose durchgeführt werden muss. "Das lässt nur den Schluss zu:
Unmittelbar nach der Tat gab es keine Analfissur", sagt Richterin Bunk.
Und das Motiv? "Ein Motiv im eigentlichen Sinn fehlt", sagt die
Richterin. "Das ist das Erschreckende: Sie braucht keinen spezifischen
Grund. Es ist eher eine Reaktion, aus einer momentanen Verärgerung, aus
Furcht vor eventuellen üblen Nachreden." Erklärbar sei das nur aus der
Persönlichkeit der Angeklagten: ihrem übersteigerten Geltungsbedürfnis,
ihrem Streben nach Anerkennung und Mitgefühl, ihrem Hang zur
Dramatisierung, der sich ja auch schon in der Vielzahl erfundener
Geschichten niedergeschlagen hat, die sie im Lauf der Jahre
verbreitet hatte.
Ihre Richterkollegen, die Horst Arnold vor elf Jahren verurteilt
haben, nimmt Bunk in Schutz. "Wir haben heute einen ganz anderen
Wissensstand als die Kammer damals", sagt sie. Die damaligen
Zeugenaussagen hätten ein völlig anderes Bild von Horst Arnold und Heidi
K. ergeben. Auch bei sorgfältiger Verhandlung könnten Richter durch
Falschaussagen getäuscht werden. "Dass falsche Urteile im Rechtsstaat
nicht auszuschließen sind", so die Richterin, "das ist einfach so."
"Ich hätte ihr mehr gewünscht"
Die Lehrerin Heidi K. hat sich die Vergewaltigung durch einen
Kollegen nach Ansicht des Landgerichts Darmstadt nur ausgedacht. Fünf
Jahre lang saß der unschuldige Mann im Gefängnis. Nun muss Heidi K.
selbst hinter Gitter. Nicht lang genug, wie manche meinen.
Von Hans Holzhaider, Darmstadt
Freitag, 13. September 2013
Väterforschung.
aus Die Presse, Wien, 9. 6. 2013
Welche Rolle spielt der Vater in der Kindererziehung? Eine große Studie widmet sich dem von der Forschung bislang stiefmütterlich vernachlässigten Forschungsobjekt.
von Petra Paumkirchner
Die Mutter-Kind-Beziehung ist längst eine gläserne Beziehung, die im letzten Jahrhundert aus allen Blickwinkeln untersucht und analysiert wurde. Wie ist es aber um den Vater bestellt? Was weiß die Forschung über die Vater-Kind-Beziehung? Wenig, sagt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert der Uni Wien, Expertin für frühkindliche Entwicklung: „Die Zeit ist reif, dass das Thema Vaterschaft erforscht wird. Moderne Väter fordern das auch ein.“
Ahnert hat gemeinsam mit fünf Kollegen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz das Netzwerk „Central European Network on Fatherhood“, Cenof, gegründet, in dem Vaterschaft aus fünf Perspektiven betrachtet wird: aus der Persönlichkeits-, Bio-, Arbeits- und Entwicklungspsychologie sowie der Psychopathologie.
Die Forscher interessiert zunächst, ob der Mann an sich von seiner psychischen und biologischen Ausstattung her Interesse daran hat, ein Kind großzuziehen. „Er hat keine Disposition gegen Kindererziehung, aber er ist stammesgeschichtlich darauf auch nicht ausgerichtet“, sagt Ahnert. Ein Teilaspekt dieser vielfältigen Studie ist der männliche Hormonhaushalt. Aus der Männerforschung weiß man, dass Männer mit hohem Testosteronspiegel im Blut weniger empathisch sind als Männer mit niedrigerer Konzentration des Sexualhormons.
Es stellt sich aber die Frage, ob Männer mit einer geringeren Testosteronkonzentration daher die besseren Väter sind oder ob Väter, die intensiv an der Geburtsvorbereitung Anteil nehmen, im Laufe der Schwangerschaft unabhängig von ihrer biologischen Ausstattung empathischer werden und eine erhöhte Fürsorglichkeit entwickeln.
Behütende Mütter.
„Spannend ist auch, welche Rolle die Väter überhaupt in der Familie spielen dürfen. Was lassen die Mütter zu?“ In der Psychologie spricht man vom „gatekeeping“-Konzept. Die Mutter funktioniert als „Torhüter“ und bestimmt, inwieweit sich der Vater an der Kinderbetreuung beteiligen darf.
Um das Großprojekt gut vorzubereiten und über die alltägliche Rolle des Vaters mehr zu erfahren, wurden Väter auf Kinderspielplätzen und in Kinderspielwarengeschäften von den Forscherinnen und Forschern interviewt. Neben klassischen Fragebögen zu den Themen Familienklima und Partnerschaftsqualität wird auch eine Smartphone-App benutzt, mit der die Väter ihr Zeitmanagement dokumentieren sollen.
„Die Väter bekommen eine Woche lang zu unterschiedlichen Zeiten ein SMS und müssen angeben, was sie gerade machen“, erklärt Ahnert die App, die sie derzeit mit ihren Studierenden erproben lässt. Meistens werden Teilnehmer ähnlicher Studien rückwirkend über ihren Wochenablauf befragt, was oft zu unrealistischen Einschätzungen führt und Ergebnisse verzerrt.
Fordernde Väter.
„Zentral für uns ist, die Motive und Bedingungen herauszufinden, mit denen sich Väter mit ihren Kindern auseinandersetzen“, so Ahnert. Generell lässt sich sagen, dass Väter anders mit ihren Kindern umgehen als Mütter: Sie stellen den fordernden Elternteil dar, manchmal überfordern sie die Kinder sogar. Während die Mütter behütend und beschützend wirken, sind die Väter eher herausfordernd.
Die Kinder können mit ihren Vätern den Erkundungsdrang ausleben und lernen mit Rivalität und Aggressivität umzugehen. Um das zu untersuchen, sind neue Forschungssettings nötig. Die klassischen Settings zwischen Mutter und Kind, bei denen Mutter und Kind z.B. gemeinsam in einem Raum spielen und die Mutter diesen kurz verlässt, um zu sehen, wie das Kind reagiert, können auf die Vater-Kind-Beziehung nicht umgelegt werden.
„Derzeit versuchen wir kreative, neue Ideen für eine standardisierte Testsituation mit Vater und Kind zu entwickeln“, sagt Ahnert. Dazu haben sich die Studierenden Bewegungsspiele und Bewegungsparcours ausgedacht, um darstellen zu können, wie Väter mit ihren Kindern umgehen. Wie lassen sich die Väter für diese Spiele begeistern? Weiters schaut sich die Forschungsgruppe an, welche Impulse Väter bei geistigen Herausforderungen für ihre Kinder setzen – zum Beispiel bei Knobelspielen, Puzzles und Geschicklichkeitsspielen.
Die Beobachtungen sollen aufzeigen, welche Entwicklungsimpulse von Vätern ausgehen und wie sich diese von jenen der Mütter unterscheiden. Daraus lassen sich auch Rückschlüsse ziehen, woran es Kindern, die ohne Väter aufwachsen, mangelt bzw. was alleinerziehende Mütter kompensieren müssen.
„Ein Forschungsschwerpunkt sind auch die immer zahlreicher werdenden Patchwork-Familien.“ Historisch gesehen sind Stiefmütter häufig in den Familien unserer Vorfahren anzutreffen, denn bis zum 20. Jahrhundert verstarben viele Wöchnerinnen an Kindbettfieber. Stiefväter sind ein relativ junges Phänomen, das jedoch zunimmt. Wenn es biologisch nicht ihr eigenes Kind ist, wodurch sind Stiefväter motiviert, sich bei der Kindererziehung zu engagieren? Und wie ändert sich die Motivation, wenn der Stiefvater und die Mutter der Stiefkinder eigene Kinder bekommen?
Entwicklung bei Frühgeborenen.
Lieselotte Ahnert selbst wird sich in einem Teilprojekt mit der Vater-Kind-Bindung bei Frühgeborenen beschäftigen. Seit eineinhalb Jahren führt sie in Kooperation mit dem Wiener AKH Studien in der Nachsorgeambulanz für Frühgeborene (gemeinsam mit Renate Fuiko) durch, um vor allem deren emotionale Entwicklung zu verfolgen.
„Wir konnten zeigen, dass Frühgeborene, die in ihrer weiteren Entwicklung durchaus von den Eltern in einem passenden Ausmaß gefordert und nicht nur behütet und von jeglicher Herausforderung abgehalten werden, später bessere emotionale Regulationsmechanismen zeigen und Stress besser bewältigen können als sozusagen nur in Watte gepackte Frühgeborene.“ Dies ist allerdings eine Gratwanderung, die noch besser untersucht werden muss, weil sie auch Auswirkungen auf die Beratung der Eltern hat.
Die Beratungsstellen sind jedoch fast vollkommen auf die Mütter fixiert. Umso wichtiger ist es, den Vater ins Boot zu holen und sein Potenzial in der Kindererziehung zu nutzen. Die Studienergebnisse von Cenof sollen – so jedenfalls der Wunsch der Forscher – in sozialpolitische Maßnahmen münden.
Unsere Väter: Unerforschte Wesen
Welche Rolle spielt der Vater in der Kindererziehung? Eine große Studie widmet sich dem von der Forschung bislang stiefmütterlich vernachlässigten Forschungsobjekt.
von Petra Paumkirchner
Die Mutter-Kind-Beziehung ist längst eine gläserne Beziehung, die im letzten Jahrhundert aus allen Blickwinkeln untersucht und analysiert wurde. Wie ist es aber um den Vater bestellt? Was weiß die Forschung über die Vater-Kind-Beziehung? Wenig, sagt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert der Uni Wien, Expertin für frühkindliche Entwicklung: „Die Zeit ist reif, dass das Thema Vaterschaft erforscht wird. Moderne Väter fordern das auch ein.“
Ahnert hat gemeinsam mit fünf Kollegen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz das Netzwerk „Central European Network on Fatherhood“, Cenof, gegründet, in dem Vaterschaft aus fünf Perspektiven betrachtet wird: aus der Persönlichkeits-, Bio-, Arbeits- und Entwicklungspsychologie sowie der Psychopathologie.
Die Forscher interessiert zunächst, ob der Mann an sich von seiner psychischen und biologischen Ausstattung her Interesse daran hat, ein Kind großzuziehen. „Er hat keine Disposition gegen Kindererziehung, aber er ist stammesgeschichtlich darauf auch nicht ausgerichtet“, sagt Ahnert. Ein Teilaspekt dieser vielfältigen Studie ist der männliche Hormonhaushalt. Aus der Männerforschung weiß man, dass Männer mit hohem Testosteronspiegel im Blut weniger empathisch sind als Männer mit niedrigerer Konzentration des Sexualhormons.
Es stellt sich aber die Frage, ob Männer mit einer geringeren Testosteronkonzentration daher die besseren Väter sind oder ob Väter, die intensiv an der Geburtsvorbereitung Anteil nehmen, im Laufe der Schwangerschaft unabhängig von ihrer biologischen Ausstattung empathischer werden und eine erhöhte Fürsorglichkeit entwickeln.
Behütende Mütter.
„Spannend ist auch, welche Rolle die Väter überhaupt in der Familie spielen dürfen. Was lassen die Mütter zu?“ In der Psychologie spricht man vom „gatekeeping“-Konzept. Die Mutter funktioniert als „Torhüter“ und bestimmt, inwieweit sich der Vater an der Kinderbetreuung beteiligen darf.
Um das Großprojekt gut vorzubereiten und über die alltägliche Rolle des Vaters mehr zu erfahren, wurden Väter auf Kinderspielplätzen und in Kinderspielwarengeschäften von den Forscherinnen und Forschern interviewt. Neben klassischen Fragebögen zu den Themen Familienklima und Partnerschaftsqualität wird auch eine Smartphone-App benutzt, mit der die Väter ihr Zeitmanagement dokumentieren sollen.
„Die Väter bekommen eine Woche lang zu unterschiedlichen Zeiten ein SMS und müssen angeben, was sie gerade machen“, erklärt Ahnert die App, die sie derzeit mit ihren Studierenden erproben lässt. Meistens werden Teilnehmer ähnlicher Studien rückwirkend über ihren Wochenablauf befragt, was oft zu unrealistischen Einschätzungen führt und Ergebnisse verzerrt.
Fordernde Väter.
„Zentral für uns ist, die Motive und Bedingungen herauszufinden, mit denen sich Väter mit ihren Kindern auseinandersetzen“, so Ahnert. Generell lässt sich sagen, dass Väter anders mit ihren Kindern umgehen als Mütter: Sie stellen den fordernden Elternteil dar, manchmal überfordern sie die Kinder sogar. Während die Mütter behütend und beschützend wirken, sind die Väter eher herausfordernd.
Die Kinder können mit ihren Vätern den Erkundungsdrang ausleben und lernen mit Rivalität und Aggressivität umzugehen. Um das zu untersuchen, sind neue Forschungssettings nötig. Die klassischen Settings zwischen Mutter und Kind, bei denen Mutter und Kind z.B. gemeinsam in einem Raum spielen und die Mutter diesen kurz verlässt, um zu sehen, wie das Kind reagiert, können auf die Vater-Kind-Beziehung nicht umgelegt werden.
„Derzeit versuchen wir kreative, neue Ideen für eine standardisierte Testsituation mit Vater und Kind zu entwickeln“, sagt Ahnert. Dazu haben sich die Studierenden Bewegungsspiele und Bewegungsparcours ausgedacht, um darstellen zu können, wie Väter mit ihren Kindern umgehen. Wie lassen sich die Väter für diese Spiele begeistern? Weiters schaut sich die Forschungsgruppe an, welche Impulse Väter bei geistigen Herausforderungen für ihre Kinder setzen – zum Beispiel bei Knobelspielen, Puzzles und Geschicklichkeitsspielen.
Die Beobachtungen sollen aufzeigen, welche Entwicklungsimpulse von Vätern ausgehen und wie sich diese von jenen der Mütter unterscheiden. Daraus lassen sich auch Rückschlüsse ziehen, woran es Kindern, die ohne Väter aufwachsen, mangelt bzw. was alleinerziehende Mütter kompensieren müssen.
„Ein Forschungsschwerpunkt sind auch die immer zahlreicher werdenden Patchwork-Familien.“ Historisch gesehen sind Stiefmütter häufig in den Familien unserer Vorfahren anzutreffen, denn bis zum 20. Jahrhundert verstarben viele Wöchnerinnen an Kindbettfieber. Stiefväter sind ein relativ junges Phänomen, das jedoch zunimmt. Wenn es biologisch nicht ihr eigenes Kind ist, wodurch sind Stiefväter motiviert, sich bei der Kindererziehung zu engagieren? Und wie ändert sich die Motivation, wenn der Stiefvater und die Mutter der Stiefkinder eigene Kinder bekommen?
Entwicklung bei Frühgeborenen.
Lieselotte Ahnert selbst wird sich in einem Teilprojekt mit der Vater-Kind-Bindung bei Frühgeborenen beschäftigen. Seit eineinhalb Jahren führt sie in Kooperation mit dem Wiener AKH Studien in der Nachsorgeambulanz für Frühgeborene (gemeinsam mit Renate Fuiko) durch, um vor allem deren emotionale Entwicklung zu verfolgen.
„Wir konnten zeigen, dass Frühgeborene, die in ihrer weiteren Entwicklung durchaus von den Eltern in einem passenden Ausmaß gefordert und nicht nur behütet und von jeglicher Herausforderung abgehalten werden, später bessere emotionale Regulationsmechanismen zeigen und Stress besser bewältigen können als sozusagen nur in Watte gepackte Frühgeborene.“ Dies ist allerdings eine Gratwanderung, die noch besser untersucht werden muss, weil sie auch Auswirkungen auf die Beratung der Eltern hat.
Die Beratungsstellen sind jedoch fast vollkommen auf die Mütter fixiert. Umso wichtiger ist es, den Vater ins Boot zu holen und sein Potenzial in der Kindererziehung zu nutzen. Die Studienergebnisse von Cenof sollen – so jedenfalls der Wunsch der Forscher – in sozialpolitische Maßnahmen münden.
Donnerstag, 12. September 2013
Östrogen ist männerfeindlich.
aus New York Times, 12. 9. 2013 Dieter Schütz, pixelio.de
By GINA KOLATA
Ben Iverson took part in a study of men aged 20 to 50 who agreed to have their testosterone production turned off for 16 weeks. The study is being repeated to measure vitality in older men.
The obvious culprit is testosterone, since men gradually make less of the male sex hormone as years go by. But a surprising new answer is emerging, one that doctors say could reinvigorate the study of how men’s bodies age. Estrogen, the female sex hormone, turns out to play a much bigger role in men’s bodies than previously thought, and falling levels contribute to their expanding waistlines just as they do in women’s.
Middle-Aged Men, Too, Can Blame Estrogen for That Waistline
It is the scourge of many a middle-aged man: he starts getting a pot belly, using lighter weights at the gym and somehow just doesn’t have the sexual desire of his younger years.
It is the scourge of many a middle-aged man: he starts getting a pot belly, using lighter weights at the gym and somehow just doesn’t have the sexual desire of his younger years.
By GINA KOLATA
Ben Iverson took part in a study of men aged 20 to 50 who agreed to have their testosterone production turned off for 16 weeks. The study is being repeated to measure vitality in older men.
The obvious culprit is testosterone, since men gradually make less of the male sex hormone as years go by. But a surprising new answer is emerging, one that doctors say could reinvigorate the study of how men’s bodies age. Estrogen, the female sex hormone, turns out to play a much bigger role in men’s bodies than previously thought, and falling levels contribute to their expanding waistlines just as they do in women’s.
The discovery of the role of estrogen in men is “a major advance,” said
Dr. Peter J. Snyder, a professor of medicine at the University of
Pennsylvania, who is leading a big new research project on hormone
therapy for men 65 and over. Until recently, testosterone deficiency was
considered nearly the sole reason that men undergo the familiar
physical complaints of midlife.
The new frontier of research involves figuring out which hormone does
what in men, and how body functions are affected at different hormone
levels. While dwindling testosterone levels are to blame for middle-aged
men’s smaller muscles, falling levels of estrogen regulate fat
accumulation, according to a study published
Wednesday in The New England Journal of Medicine, which provided the
most conclusive evidence to date that estrogen is a major factor in male
midlife woes. And both hormones are needed for libido.
“Some of the symptoms routinely attributed to testosterone deficiency
are actually partially or almost exclusively caused by the decline in
estrogens,” said Dr. Joel Finkelstein, an endocrinologist at Harvard
Medical School and the study’s lead author, in a news release on
Wednesday.
His study is only the start of what many hope will be a new
understanding of testosterone and estrogen in men. Dr. Snyder is leading
another study, the Testosterone Trial,
which measures levels of both hormones and asks whether testosterone
treatment can make older men with low testosterone levels more youthful —
by letting them walk more quickly, feel more vigorous, improve their
sexual functioning and their memories, and strengthen their bones.
Smaller studies have been promising but unreliable, and estrogen has not
been factored in.
“We had ignored this hormone in men, but we are studying it now,” said
Dr. Alvin M. Matsumoto, a testosterone and geriatrics researcher at the
University of Washington School of Medicine and the V.A. Puget Sound
Health Care System, who is a Testosterone Trial researcher. “We are just
starting out on this road.”
Both men and women make estrogen out of testosterone, and men make so
much that they end up with at least twice as much estrogen as
postmenopausal women. As levels of both hormones decline with age, the
body changes. But until now, researchers have focused almost exclusively
on how estrogen affects women and how testosterone affects men.
Dr. Finkelstein’s study provides a new road map of the function of each
hormone and its behavior at various levels. It suggests that different
symptoms kick in at different levels of testosterone deficiency.
Testosterone, he found, is the chief regulator of muscle tone and lean
body mass, but it takes less than was thought to maintain muscle. For a
young man, 550 nanograms of testosterone per deciliter of blood serum is
the average level, and doctors have generally considered levels below
300 nanograms so low they might require treatment, typically with
testosterone gels.
But Dr. Finkelstein’s study found that muscle strength and size turn out
to be unaffected until testosterone levels drop very low, below 200
nanograms. Fat accumulation, however, kicks in at higher testosterone
levels: at 300 to 350 nanograms of testosterone, estrogen levels sink
low enough that middle-aged spread begins.
As for sexual desire and performance, both require estrogen and
testosterone, and they increase steadily as those hormone levels rise.
Researchers say it is too early to make many specific recommendations,
but no one is suggesting that men take estrogen, because high doses
cause feminine features like enlarged breasts.
Although doctors prescribe testosterone gels for men whose levels fall
below 300 nanograms per deciliter, that cutoff point is arbitrary, and
there is no clinical rationale for it, Dr. Finkelstein said. Often men
take the hormone to treat complaints like fatigue, depression or loss of
sexual desire, which may or may not be from low levels of testosterone.
The data suggest that men with levels around 300 nanograms who complain
of sexual problems may want to try testosterone, but those who complain
of flagging muscle strength should not blame testosterone deficiency,
Dr. Finkelstein said. But, he added, “symptoms of low testosterone tend
to be quite vague.”
Today, millions of men are using testosterone gels, fueling a nearly $2 billion market.
For their study, Dr. Finkelstein and his colleagues recruited 400 men
aged 20 to 50 who agreed to have their testosterone production turned
off for 16 weeks. Half then received varying amounts of testosterone,
while the other half also got a drug that shuts off estrogen synthesis
so the researchers could assess the effects of having testosterone but
not estrogen.
It turned out to be surprisingly easy to recruit subjects, Dr.
Finkelstein said. One, Ben Iverson, joined in part for the $1,000
subjects were paid. “That, to me, was enticing,” he said. He was a
28-year-old Harvard graduate student at the time and is now an assistant
professor of finance at Northwestern University.
Although Mr. Iverson’s wife looked askance at the injections to block
testosterone production, Mr. Iverson ended up getting enough
testosterone in the gel he was assigned to use. The worst were the
testosterone-suppressing injections, which required him to use a huge
needle in his abdomen once a month, he said.
He found out when the study ended that he was in a group that got enough
testosterone to keep his levels in a normal range. “I literally did not
notice any difference at all,” Mr. Iverson recalled.
The worst symptoms were in men whose estrogen production was shut down — they got intense hot flashes.
Now Dr. Finkelstein is repeating the study with older men. The Testosterone Trial is looking at them too.
For that study, Dr. Snyder and his colleagues recruited nearly 800 men
aged 65 and older who have low testosterone levels. The men take either a
placebo or enough testosterone to bring their level to between 400 and
800. Investigators are assessing walking speed, sexual functioning,
vitality, memory, red-blood-cell count, bones and coronary arteries. The
yearlong study will be completed next year.
Next, researchers said, they want to do a large study like one conducted with thousands of women
in 2002 that asked about long-term risks and benefits of hormone
therapy. Does testosterone therapy lead, for example, to more prostate
cancer? Does it prevent heart attacks?
“We still don’t know the answers to the clinical questions,” Dr.
Matsumoto said. “Does it prevent things that are really important?”
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