Samstag, 4. Mai 2019

Väter und Feminismus.

Die Rechte des Mannes als Vater sind im Feminismus kein Thema. (Bild: Eddy Risch / Keystone)
aus nzz.ch, 4.5.2019

Der Feminismus hat weder die Rechte des Mannes als Vater noch das Recht des Kindes auf den Vater bedacht
Obwohl seit Dekaden über die Gleichstellung der Geschlechter debattiert wird, sind die Resultate ernüchternd. Dabei täte es not, die Männer als Väter besser mit einzubeziehen.

von Ralf Bönt

Als Meilenstein auf dem Weg in die Moderne wird unter vielen anderen Dingen mitunter auch der erste gelungene Kaiserschnitt genannt. Es war der Schweizer Tierarzt Jacob Nufer, der ihn im Jahr 1500, kurz vor Grundsteinlegung des Petersdoms, an seiner Frau Elisabeth vornahm. Nach Tagen erfolgloser Wehen hatte Nufer dem lokalen Prälaten sein Gottvertrauen glaubhaft machen können und so den himmlischen Segen erhalten. Mit einem gekonnten Schnitt und dessen ebenso gekonnter Versorgung rettete Nufer dann erstmals beide, Kind und Mutter. Nun war klar, zu wem die Menschen in Zukunft in der Not zuerst gehen würden: zum Arzt statt zum Prälaten. Allzu normal war bis anhin, dass Kind oder Mutter starb, oft auch beide, so dass der Liebesakt zum ständigen Begleiter die Lebensgefahr hatte: real sex sozusagen, not just for fun.

Heute votiert der Mensch zu Recht eher für den Spass, aber das klingt harmloser, als es ist: Die Entlassung des Körpers aus dem Zwang zur Reproduktion und zur Erhaltung der Art ist das grosse Freiheitsversprechen der Neuzeit. Die Frau sollte nicht mehr bloss gebären, der Mann nicht mehr bloss Zeuger, Nährer und Schützer sein. Mit anderen Worten: Mann und Frau sollten nicht mehr nur Mann und Frau sein müssen, sie konnten unabhängig vom Geschlecht zuerst Mensch sein. Dass dabei allen die gleichen Rechte zukämen, diese Idee setzte sich freilich erst 300 Jahre später durch, und zwar unabhängig vom Kinderkriegen. 

Eine kluge Revolutionärin 

Leider, muss man sagen. Die Erklärung der Menschenrechte war ein Erdbeben, dessen Epizentrum auf hoher See lag und eine Grundwelle erzeugte, die erst heute voll auf Land trifft. Denn die Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau greift am tiefsten in die Lebensentwürfe ein. Kaum jemand entdeckte dies so früh wie Olympe de Gouges (1748 bis 1793), deren Forderungen zentral auch das Recht der Frau auf die Bekanntgabe einer Vaterschaft enthielt. Die schöne und kluge Revolutionärin war damit nicht erfolgreich, der Code civil verbot die Erforschung einer Vaterschaft, und de Gouges starb für ihre Überzeugung. Erst Simone de Beauvoir griff das Thema wieder auf, 1949 in ihrem Buch «Das andere Geschlecht».

De Beauvoir hält Vaterschaft keineswegs hoch. Die Schwangerschaft ist ihr ein Drama, das sich nicht zwischen Mann und Frau abspielt, sondern zwischen den beiden Ichs der Frau: dem freien und dem unfreien. Das liest sich wie eine Lehre der Lieblosigkeit. Bei der Frage, ob der Fötus ein Teil des Frauenkörpers oder ein Parasit ist, entscheidet sie sich für Letzteres. Entsprechend meint die Philosophin an Beispielen beweisen zu können, dass ein Mutterinstinkt nicht existiert. Die vitale Transzendenz einer Geburt erlebe die Frau lediglich als Reduktion auf körperliche Immanenz, da sie am Gelingen oder Misslingen des Kindes keinen aktiven Teil habe.

Der Mann wird nicht etwa als Vater genannt, er geht weiterhin nur seiner Bestimmung nach, indem er Dinge schafft, die seine Subjektivität darstellen, seine Persönlichkeit: pure Transzendenz. Schon de Gouges hatte das Recht auf Bekanntgabe einer Vaterschaft in der Liste der Rechte der Frau geführt und nicht als egalitäres Menschenrecht, und das ist der Geburtsfehler des Feminismus. Die Rechte des Mannes als Vater sind nie mit bedacht worden, auch nicht als Recht des Kindes auf den Vater. Obwohl dies auch ihn von seiner biologischen Bestimmung lösen würde. 

Die Folgen sind fatal. Von de Beauvoir tief beeindruckt, schrieb Max Frisch seinen Bericht über den Homo Faber, den technischen Menschen, und es ist kein Wunder, dass er diesen nicht als befreites Subjekt im Sinne Nufers und von dessen tausend Nachfolgern wie Ignaz Philipp Semmelweis und Carl Djerassi sieht. Der Mann erscheint hier als jene fragmentierte, in ihrer Empathie für sich und den anderen gleichermassen gestörte, durch den modernen Rationalismus tief geprägte Gestalt. De Gouges hatte diesen Vorwurf explizit auch auf der Zunge gehabt, genährt freilich durch den Ausschluss der Frauen aus der Wissenschaft.

Der Soziologe Christoph Kucklick hat diese Genese der negativen Andrologie historisch aufgearbeitet. Paradoxerweise entwickelte sich der Mann darin charakterlich sogar rückwärts, mit steigender Triebhaftigkeit und sozialer Desintegration. In der maskulinen Kollektivschuldphantasie Frischs ist der Phallus eine tödliche Waffe: Elisabeth, Walter Fabers Geliebte und Tochter (ohne dass beide dies wissen), erschrickt vor dem Genital und stürzt rückwärts zu Tode. Eine sehr steile Dramaturgie: Als ob die Moderne ein Unglück sei, mündet der Konflikt zwischen immanenter Vaterschaft und transzendenter Subjektivität in eine Niederlage für alle. Vor allem aber für das schwächste Glied: das Kind. 

Antisexismus als Unterhaltung 

So fehlgeleitet die frühe Feminismus-Debatte oft war, von ihrem Ernst können wir heute nur noch träumen. Das veröffentlichte Wort unterscheidet sich kaum noch von den Kommentarspalten der Zeitungen und Diskussionen auf dem Werbeportal Facebook, wo Gespräche über Gender und Geschlecht ablaufen wie Wortwechsel zwischen einem Berliner Taxifahrer und einem Fahrradkurier, die sich um einen halben Meter Hauptstadt streiten. Antisexismus ist zur Unterhaltung verkommen und zum Unterhalt. Bekanntlich ist ewiges Witzeln auch weniger schwer auszuhalten als ewiges «Ernsteln», um ein Wort Peter Richters zu bemühen. Rationalität ausgerechnet ums Genitale zu verlangen, ist ja auch kühn. Aber es muss sein. Denn die Beteiligten verkennen den Ernst der Lage.

Geschichtsvergessenheit ist das Standardproblem einer jeden erfolgreichen Revolution. Indem ihre Urerzählung nicht mehr gekannt wird, wird sie zur Ideologie, die ausser Selbstverteidigung kein Ziel mehr hat. In diesem Geiste debattiert man lieber über das Geschlecht von Ampelfigürchen als über die ethischen Folgen neuer Reproduktionstechniken, die Abwesenheit männlicher Erzieher oder das Recht, eine Vaterschaft bekanntzugeben.

Zu Zeiten de Gouges’ war eine genaue Kenntnis der Vaterschaft technisch unmöglich, in einer modernen Gesellschaft sollte dies mittels Gentechnik aber Standard sein. Jeder Mensch benötigt zu seiner Zeugung noch immer ganz sicher einen Mann und eine Frau. Eine schöne sexy Sache übrigens und befreiend von der Last eigener Bedeutung. Es sollte allerdings das erstrangiges Recht sein, die beiden, von denen man abstammt, zu kennen. Doch selbst die Xenofeministinnen, die auf Technik setzen, um sich zu befreien, wollen die Polarität der Geschlechter mit ebendieser aufweichen, und wie in der Gendertheorie steht dahinter der nur wenig kaschierte Wunsch, den Mann wegzudiskutieren – ein anarchistischer Traum, so aporetisch wie zum Scheitern verurteilt.

Wir müssen Simone de Beauvoirs Versuche, die Frau jenseits der Mutter zu entwerfen, nicht verbrennen und auch nicht den «Homo Faber». Pessimisten der Moderne wird es immer geben. Aber weil die fünfziger Jahre schon länger vorbei sind, darf man fragen, wozu ein Roman gut ist, dessen Anstrengung darin besteht, das Wort «man» zu vermeiden. Oder warum die Genderforschung an komplett unpraktikablen, geschlechtsneutrale Sprachlösungen arbeitet, während unsere Kinder noch immer die Geschichte von Robin Hood vorgelesen bekommen, der sich auf den ersten paar Dutzend Seiten ohne Grund mit jedem auf Leben und Tod duelliert, den er trifft. Richtig schlimm ist Janoschs Albtraum «Popov lernt fliegen», wo ein alter einsamer Mann in den Himmel fliegt, unrasiert und ohne Unterhose. Oben warten wunderschöne Engelchen zum Heiraten, unerreichbar. Und das ist es: Unerreichbarkeit erzeugt Überreaktion, Heldengeschichten machen nicht frei, sie erzeugen Druck. Das Überreagieren von Männern, auch toxische Männlichkeit genannt, entsteht, wenn Männlichkeit für kleine Jungs als etwas kaum Erreichbares erscheint. 

Die Kouachi-Brüder zum Beispiel 

Das hat aber Methode. «Jedes Kind, das geboren wird, ist ein Gott, der Mensch wird», schrieb de Beauvoir mit Blick auf das Leben Jesu. Aber müssen wir noch immer Kreuze aufhängen, die dem Jungen klarmachen, dass Leid und Schuld die Elemente seines Lebens sein werden, Kollektivschuld gar? Dass es eine Himmelfahrt ist, die Männer von Frauen unterscheidet? Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Islamismus und Neo-Autoritarismus eine Krise der Moderne darstellen, denn es handelt sich um die Krise der Religion und des Patriarchats. Solche Lehren stammen aus einer Zeit, da wir über Körper nicht viel mehr wussten, als dass sie Eingänge und Ausgänge haben. Im Unwissen über das Entstehen des Lebens besetzte der Mann einst den Himmel als vermeintlichen Urgrund und eroberte damit auch den Welt-Aussenraum.

Der Philosoph Slavoj Žižek hat nach dem Attentat der Kouachi-Brüder auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» das Versagen der Linken herausgestellt und Walter Benjamins Erkenntnis zitiert, wonach jeder Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeugt. Die noch nicht überall gelungene Revolution ist jene gegen das Patriarchat. Unter den Kämpfern des Jihad sind ganz viele ohne Vater aufgewachsen. Das gilt auch für die Kouachis, die zudem ihre Mutter früh verloren haben. Sie zwangen ihre Frauen in Tschadors, die daraufhin ihre Jobs verloren und zu Hause blieben, bei ihren arbeitslosen Männern. Handlungsdruck entstand und Beweislast.

Eine Existenzberechtigung musste her. Während des Massakers verschonten sie die Journalistin Sigolène Vinson, mit der der ältere der beiden Brüder redete wie mit einem Dummerchen: Das war noch einmal die Inszenierung des Patriarchen, ein so lächerliches wie tragisches Aufbäumen, das längst spiegelverkehrt zur Realität steht. Die mit den Waffen in der Hand über andere richten, sind längst die Dummköpfe. Sie befinden sich in einem Rückzugsgefecht, das schon verloren war, als Jacob Nufer seine Familie rettete, um danach noch weitere sechs Kinder zu bekommen.

Aber Vorsicht: Ein Seebeben erzeugt am Ufer immer zwei Wellen. Die erste zieht sich zurück, bis alles frei liegt. Und dann kommt die zweite, die alles niederreisst. Auch die mehr und mehr von Arbeit entlasteten Väter wollen heute den Miteinbezug in die inneren Räume der Familie. Und die Frauen werden bemerken, dass sie davon profitieren, denn die Moderne richtet sich eben nicht gegen ihre Freiheit, wie in Simone de Beauvoirs Drama der beiden weiblichen Ichs. Eine Männerquote unter den Müttern wird es nicht geben. Überhaupt muss man hoffen, dass die Definition von Vaterschaft als «Vater ist, wer durch die Heirat als solcher erwiesen ist» nicht erst in hundert oder zweihundert Jahren obsolet sein wird, denn zurzeit sind leider noch viel mehr mehr Männer als Frauen gegen Vaterschaftstests.

Ralf Bönt, Jahrgang 1963, lebt als Schriftsteller in Berlin. 2012 erschien «Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann».

Freitag, 19. April 2019

Hexerverfolgung.

Liebfrauenkirche in Trier (Foto: SWR)
aus swr.de, 8. 4. 2019                         Liebfrauenkirche im Herzen der Stadt Trier. Sie profitiert bis heute von der Ermordung Dietrich Flades

Uralte Schulden
Stadt Trier zahlt seit 430 Jahren Hexengeld

Vor 430 Jahren verbrannte die Kirche in Trier den Uni-Rektor und Bürgermeister Dietrich Flade als "Hexenmeister". Wegen eines uralten Vertrags profitiert die katholische Kirche noch heute von der Hinrichtung.

Bis heute kassiert die Pfarrei Liebfrauen in Trier für die grausame Hinrichtung von Dietrich Flade. Jedes Jahr wandern 362,50 Euro aus der Stadtkasse in den Kirchensäckel. Ausgewiesen ist die Zahlung im Stadthaushalt als "Verpflichtungen aus dem Fladeschen Nachlass“.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1589: Am 18. September wird Dietrich Flade auf dem Hinrichtungsplatz im heutigen Trierer Stadtteil Euren stranguliert und anschließend verbrannt. Der Vorwurf: Flade sei ein "Hexenmeister" gewesen.

Flade war wohl selbst auch Täter

Der damals 55-jährige Flade war eine angesehene Persönlichkeit der Stadt und sehr wohlhabend. Gleich mehrere wichtige Ämter hatte er inne: Er war Doktor beider Rechte am Reichskammergericht, Rektor der Universität und kurfürstlicher Rat. Als Stadtschultheiß trieb er außerdem die Abgaben der Bürger ein. Vermutlich machte er sich dadurch nicht nur Freunde.

In seiner Funktion als Richter hatte Flade wohl selbst Hexenprozesse geleitet und soll dabei zahlreiche Todesurteile gefällt haben. Solche Urteile beruhten meist auf Geständnissen, die die Beschuldigten unter Folter abgaben.

Stadt hatte sich bei Flade 4.000 Goldgulden geliehen

Flade wird eines Tages selber als Hexer verleumdet: Weihbischof Peter Binsfeld sorgt dafür, dass er verhaftet wird. Auch Flade hält der Folter nicht stand und gesteht, was die Anklage hören will. Das Vermögen des Angeklagten wandert anschließend in die Hände des Erzbischofs Johann VII. von Schönenberg (1525-1599), der zugleich als Kurfürst fungierte.

Damit sicherte sich der Kirchenmann auch einen Schuldschein über 4.000 Goldgulden, die Flade der Stadt Trier geliehen hatte. Sie wollte mit dem Geld einen Prozess für die Unabhängigkeit vom Kurfürsten führen. Doch die Stadt verlor und Johann VII. verpflichtete Trier, Zinsen für das geliehene Geld an die fünf Innenstadtpfarreien zu bezahlen. Es sollte "zur Aufbesserung des Pfarrersgehalts" dienen.


Nota. - Die Mythen um den Hexenwahn stammen aus der Zeit dedr Aufklärung. Sie waren ein Mittel politischer Propaganda. Drei Fehldarstellungen prägen bis heute das öffentlicher Brewusstsein.

Erstens war die Hexenverfolgung keine mittelalterliche Erscheinung. Zum epidemischen Massenphänomen wurde ise erst in der frühen Neuzeit.

Zweitens hat die Hexenverfolgung nichts mit der Inquisition zu tun. Die katholische wie die evangelische Kirsche waren stattdessen Gegner des heidnischen Volksglaubens. Hexenprozesse fanden vor weltlichen Gerichten statt, nicht vor geistlichen. Richtig ist allerdings, dass viele Kleriker entgegen der öffentlichen Stellung der Amtskirchen sich an der Hetze beteiligten - z. B. wie am Besipiel Flade aus pekuniärem Interesse.

Die hartnäckigste Entstellung ist aber, dass es sich um eiine frauenfeindliche Bewegung mit sexuellen Untertönen handelte. Wie am Beispiel Flade ersichtlich, konnten ebensogut Männer der Hexerei bezichtigt werden - es reichte aus, dass irgendwer ein Motiv dafür hatte. Tatsächlich waren wohl in Deutschland nur ein Drittel der Opfer Männer, die große Mehrheit waren Frauen. Aber auch Kinder und sogar Tiere. In Russland dagegen waren wohl vier von fünf Verbrannten Männer und nur ein Fünftel Frauen.
JE

Mittwoch, 3. April 2019

Öffentlich erregt.



aus derStandard.at, 2. April 2019

Frauenvolksbegehren mit Gegenveranstaltung zu Žižek-Talk
Eine Veranstaltung der Parteiakademie der Liste Jetzt wird wegen eines "antifeministischen Podiums" kritisiert. Das Frauenvolksbegehren organisiert eine Gegenveranstaltung 

von Beate Hausbichler

Die Parteiakademie der Liste Jetzt lädt regelmäßig unter dem Titel "Talk Europe" zum Gespräch. In der Ausgabe vom 3. April soll es um die "gefährlichen Unsicherheiten der Gegenwart und mögliche Lösungsszenarien" gehen. Kritisch soll es werden, steht auf der Seite der Veranstaltungsreihe, und "durchaus polarisierend". Auf dem Podium wird der Philosophiestar Slavoj Žižek gemeinsam mit Robert Pfaller, ebenfalls Philosoph (Kunstuniversität Linz), und dem Politiker Peter Pilz (Liste Jetzt) sitzen. "Unsere Situation ist brandgefährlich. Es gibt Unsicherheiten und Elemente des Chaos in den Bereichen Umwelt, internationale Beziehungen bzw. Politik, in Biotechnologie, in sexuellen Beziehungen – einfach überall", wird Žižek in der Veranstaltungsankündigung zitiert.

Žižek, Pfaller, Pilz

Dass gerade diese drei Personen diese Umwälzungen diskutieren sollen, hat unter vielen Feministinnen für Irritation und Kritik gesorgt. Žižek äußerte sich erst vor kurzem sorgenvoll über die feministischen Auseinandersetzungen mit dem weiblichen Körper, die derzeit gehäuft publiziert werden – eine Auseinandersetzung, die letztlich die Erotik zerstöre. Die Rückeroberung des weiblichen Körpers sei "unsexy", schrieb Žižek kürzlich in einem Text für die "NZZ", die er darin auch abwertend als "Muschi-Erkundungs-Workshops" bezeichnet.

Er fragt sich außerdem, ob die Beschäftigung mit der Vulva und der Menstruation, wie sie zum Beispiel die Comiczeichnerin Liv Strömquist in "Fruit of Knowledge" vorgelegt hat, wirklich ein Fortschritt sei. "Wenn ja, dann sollten wir diesen Gedanken konsequent zu Ende führen und auch Exkremente entmystifizieren und entfetischisieren." Und Žižek schreibt weiter über die "Entzauberung des Erotischen": "Die männliche Fetischisierung der Vagina als das ultimativ mysteriöse Objekt der (männlichen) Begierde muss überwunden werden. Anstelle dessen soll die Vulva für Frauen zurückerobert werden, in all jener Komplexität, die frei ist von sexistischen Mythen."

Skeptisch gibt sich auch Robert Pfaller gegenüber feministischen Bewegungen, der mit MitstreiterInnen seines Vereins "Adults for Adults" an der #MeToo-Kampagne immer wieder die Verbreitung sexualfeindlicher Stimmung und Selbstviktimisierung kritisierte. Pilz hatte im im Jahr 2017 und 2018 mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung zu kämpfen: Eine Mitarbeiterin des Europäischen Volkspartei warf ihm sexuelle Belästigung am Rande des Forums Alpbach 2013 vor, auch wegen angeblicher Vorfälle zum Nachteil einer Mitarbeiterin des grünen Parlamentsklubs wurde ermittelt – das Verfahren zu diesen beiden Fällen wurde im Mai 2018 eingestellt.

Susemichel, Maurer, Spanbauer

"Die rechtspopulistischen Umwälzungen in Europa leisten einer frauenfeindlichen und antifeministischen Politik Vorschub", heißt vonseiten des Frauenvolksbegehrens, das in wenigen Tagen eine Gegenveranstaltung organisiert hat. Gerade wegen dieser Tendenzen sei es unverständlich, dass hier drei Männer, die antifeministische Positionen vertreten würden, "unter sich" die Lage Europas diskutieren. Die am selben Abend stattfindende Gegenveranstaltung findet in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsort von "Talk Europe" statt. In Anlehnung daran heißt die Gegenveranstaltung "Talk Patriarchy".

Ebenso wie beim Original fokussiert "Talk Patriarchy" ganz auf die drei Personen auf dem Podium, auf dem die grüne Ex-Nationalratsabgeordnete Sigi Maurer, Lea Susemichel, leitende Redakteurin des feministischen Monatsmagazins "Anschläge", und Vanessa Spanbauer, Chefredakteurin des Magazins "Fresh. Black Austrian Lifestyle", Platz nehmen. Zudem wird es eine Lesung von Stefanie Sargnagel und einen Auftritt der Musikerin Denice Bourbon geben.

"Es ist nicht bloß die übliche Ignoranz, dass ein Panel ausschließlich mit weißen Männern besetzt wird", sagt Susemichel. "Das ist eine Provokation. Žižek sieht es tatsächlich als Entzauberung und Verlust der Erotik an, wenn sich Frauen selbst mit ihrem Körper befassen", kritisiert sie. Mit der Ausleuchtung aller möglichen Körperöffnungen von Frauen in der Mainstream-Pornografie habe man überhaupt kein Problem, "das ist der männlichen Lust offenbar in keiner Form abträglich, aber wenn Frauen es wagen, Bücher über ihre Vulva zu schreiben, dann ist die erotische Kultur in Gefahr". In einer solchen Zusammensetzung mit "ausgewiesenen Antifeministen" könne es schwerlich um "neue Ordnungen" gehen, so Susemichel. Vielmehr gehe es "um einen männlichen Abwehrkampf, um alte Ordnungen unangetastet zu lassen".

Von Maria Stern "enttäuscht"

Till Hafner, Geschäftsführer der Parteiakademie der Liste Jetzt, bedauert, dass die Zusammensetzung des Podiums als Angriff auf den Feminismus aufgefasst wird. Das sei keinesfalls die Intention gewesen. "Wir wollten keinesfalls feministische Bewegungen infrage stellen", sagt Hafner, der die Gegenveranstaltung und "vor allem eine inhaltliche Debatte begrüßenswert" findet.

Christian Berger und Lena Jäger vom Frauenvolksbegehren zeigen sich von Maria Stern, Parteichefin der Liste Jetzt, enttäuscht. Stern war bis zur Bekanntgabe ihrer Kandidatur bei der Nationalratswahl im Jahr 2017 Sprecherin des Frauenvolksbegehrens. "Dass es hier offenbar keinen Einspruch von ihr gegeben hat, verstehen wir nicht", heißt es vom Frauenvolksbegehren.

Gerade in Zeiten von Echokammern sei es wichtig, einen offenen Diskurs zu wagen, sagt Stern auf Nachfrage des STANDARD. Grundsätzlich liege aber die Einladungspolitik nicht in ihrem Aufgabenbereich, sondern sei allein Sache der Akademie. "Würde die Akademie aber nur Leute einladen, mit denen wir immer zu 100 Prozent einer Meinung sind, wären die Diskurse dementsprechend langweilig", so Stern, die über Žižeks "NZZ"-Artikel sagt: "Der ist vollkommener Käse." 

Infos


Talk Patriarchy – Vanessa Spanbauer, Lea Susemichel, Sigi Maurer. Mittwoch, 3. April, 19 Uhr, FH Campus Vienna Biocenter, Helmut-Qualtinger-Gasse 2, 1030 Wien. Auf der Facebookseite des Frauenvolksbegehrens wird es auch einen Livestream geben.
Talk Europe – Slavoj Žižek, Robert Pfaller, Peter Pilz. Mittwoch, 3. April, 19 Uhr, Marxpalast, Maria-Jacobi-Gasse 2, 1030 Wien

Weiterlesen
Bernadette Grubner: Sexualität – der blinde Fleck des Feminismus


Nota. - Wolln wir wetten? Auf dem Männerpodium werden sie sich garantiert über FRAUEN lustig machen! Da hört sich ja wohl alles auf. Den Žižek sollte man in sein Herkunftsland ausschaffen.
JE

Sonntag, 31. März 2019

Geschlechtslose Kindheit.

aus derStandard.at, 30. März 2019

Eltern: "Nicht nach den Genitalien unseres Kindes fragen" 
Manche Eltern versuchen es mit Unisex-Namen, andere gehen noch weiter: Sie verraten das Geschlecht ihres Kindes nicht. Klappt das in einer Welt voller Stereotype?

von Marietta Adenberger
 
Wenn Fremde in der U-Bahn wissen wollen, ob ihr sechs Monate altes Kind ein Bub oder ein Mädchen ist, dann antworten die Eltern: "Wir wissen es noch nicht." Die Reaktionen seien dann irritiert, zum Teil sogar aggressiv, erzählen sie. "Dabei hat niemand das Recht, nach den Genitalien unseres Kindes zu fragen." Das Paar aus Wien (sie möchten lieber anonym bleiben) hat sich entschlossen, sein Kind geschlechtsneutral zu erziehen. Auch der Name – Alex – ist bewusst so gewählt, dass er keinen eindeutigen Hinweis auf das Geschlecht gibt. "Wir wollen nicht, dass unser Kind aufgrund des Geschlechts in Schubladen gesteckt wird." Sie glauben, dass sie mit ihrem Prinzip, ihr Kind tunlichst frei von gängigen Rollenmustern aufwachsen zu lassen, noch eine Ausnahme darstellen. Auch statistisch wird nicht erhoben, wie viele Familien in Österreich ihre Kinder tatsächlich geschlechtsneutral erziehen.

Buben toben, Mädchen spielen brav. Solche Rollenmuster sind nach wie vor gang und gäbe. Dabei gibt es in der Realität so viel Spielraum dazwischen: Buben ziehen auch gern rosa Tutus an und Mädchen Fußballtrikots.

Tiefsitzende Klischees

Nach wie vor ist die Idee davon, was typisch Mädchen und was typisch Bub ist, tief in den Köpfen verankert – trotz aller Genderdebatten der vergangenen Jahrzehnte. Das belegen auch diverse Baby-X-Experimente, die seit den 1970er-Jahren immer wieder gemacht werden. Sie weisen nach, dass Erwachsene je nachdem, ob sie glauben, einen Bub oder ein Mädchen vor sich zu haben, beim Spielen unterschiedlich agieren. Für Aufsehen sorgte unlängst etwa der Trailer der BBC-Doku Girl toys versus boy toys, weil Erwachsene einem vermeintlichen Mädchen Puppen und Kuscheltiere zu spielen gaben und einem vermeintlichen Buben ein Auto.

Entlarvend ist auch ein Blick in Bekleidungsabteilungen und Spielzeuggeschäfte für Kinder: Rosa, Pink und Lila ist für Mädchen, Blau für Buben. Das alles wirkt sich auf die Lebensläufe und Chancen der Kinder aus. Laut Untersuchungen googeln Eltern von Buben mehr als doppelt so häufig "Ist mein Kind ein Genie?" als die Eltern von Mädchen. Und nach einer deutsch-amerikanischen Studie wünschen sich Eltern für ihre Töchter tendenziell Berufe im Gesundheits- und Bildungswesen, für die Söhne favorisieren sie IT-Jobs. Gegen diese Stereotype wollen sich immer mehr Eltern ganz bewusst stellen und geschlechtsneutral erziehen. Später sollen die Kinder selbst die Wahl haben, wer und wie sie sein wollen.

Das versuchen etwa die Schwedin Miranda Rudklint, ihr Partner Kim und ihr Kind Eli. Eli trägt gern rosa Kleidung, steht auf Dinos und tanzt gern. Ob ihr vierjähriges Kind ein Bub oder ein Mädchen ist, sagen die Eltern nicht. Wenn sie über ihr Kind sprechen, verwenden sie das geschlechtsneutrale schwedische "hen". "Allein aus dem Grund, dass Eli hauptsächlich Rosa trägt, vermuten die meisten automatisch, dass es sich um ein Mädchen handelt", sagte Miranda vor kurzem in der ARD-Sendung Weltspiegel. Ihr Kind solle aber in einer Welt ohne Rollenklischees aufwachsen, denn das Geschlecht sei nicht das, was wir haben, sondern das, was wir tun. Auch Miranda und Kim wurden öfter dafür angefeindet, wie sie leben.

Hochgradig geschlechtsspezifisch

Ein (vermeintlicher) Bub im rosa Kleid oder mit lackierten Fingernägeln kann in der Öffentlichkeit ungewollt für Aufsehen sorgen. Barbara Schober, Dekanin der Fakultät für Psychologie an der Uni Wien: "Wenn es ans Eingemachte geht, verhalten sich die Menschen oft wesentlich stereotyper, als ihnen lieb ist. Viele Eltern beteuern, dass es für Buben und Mädchen beim Spielzeug alle Optionen geben soll. Aber fragt man sie, was sie letztlich kaufen, ist es häufig hochgradig geschlechtsspezifisch."

Noch nicht in der Öffentlichkeit angeeckt ist Leonie, Mutter eines 14 Monate alten Sohnes, die sich in der Wiener Initiative Kigebe (Kinder gendersensibel ins Leben begleiten) engagiert. Sie hat ihrem Sohn zwar keinen Unisex-Namen gegeben, lebt ihm gemeinsam mit dem Vater aber ganz bewussst vor, dass beide gleichwertig für die Familie zuständig sind: "Unser Kind soll nicht in Klischees aufwachsen und seine Identität selbst aufbauen." Beide sind konsequent gleichwertige Ansprechpartner, egal, ob es ums Trösten oder Hausarbeit geht. Auch das ist nicht selbstverständlich, wie Zeitverwendungsstudien zeigen.

Für Sascha Verlan, Autor des Buches Die Rosa-Hellblau-Falle und Vater von drei Kindern, geht es nicht darum, das Geschlecht seiner Kinder aufzuheben, sondern sensibel und aufmerksam zu sein für die Einflüsse und Einordnungen, die Kinder erleben. Er findet die Bezeichnung geschlechtsneutral daher schwierig: "Kinder sollen das Gefühl haben, dass sie alles ausprobieren und machen können, weil sie sind, was sie sind, und nicht obwohl." Sie sollten Freiräume haben, damit sie machen und entdecken können, wofür sie sich wirklich interessieren und sich nicht von außen einreden lassen, irgendetwas sei nicht für sie oder untypisch.

Grenzen des Engagements

Weil Stereotype in der Gesellschaft so tief sitzen, sieht Psychologin Barbara Schober Grenzen in der geschlechtsneutralen Erziehung. Sie glaubt nicht, dass man im Alltag alle Geschlechterklischees lösen kann: "Es ist ein interessanter Versuch und soll positiv wirken, weil die Kinder früh in ihrer Rollenvielfalt gestärkt werden. Allerdings leben sie nicht in einem isolierten Universum. Es ist die Frage, wie lange sich diese Erziehung aufrechterhalten lässt, vor allem, wenn die Kinder älter werden. Ein Bub kann und sollte mit einem Blumenkleid auf die Straße gehen, wenn er das möchte, aber eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema braucht es schon." Zu bedenken sei außerdem, dass sich Kinder selbst einordnen: "Sie suchen auch nach Identifikation, und Geschlecht ist für sie eine sehr sichtbare und klare Kategorie in unserer Gesellschaft", so die Psychologin. Das sei grundsätzlich auch nicht problematisch, wenn Eltern auch andere Identifikationskategorien als männlich oder weiblich anbieten.

Wie wollen die Eltern von Alex damit umgehen, falls sich ihr Kind so eine einfache Kategorie aussucht oder später erfährt, dass Fremde auf das Aussehen reagieren? "Wir vertrauen darauf, dass Alex spätestens bis zum Schulalter die eigene Identität schon gefunden hat und damit umgehen können wird." Für die Zeit davor haben sie jedenfalls schon vorgesorgt – und ihr Kind in einem Kindergarten angemeldet, der auf ihre Erziehung Rücksicht nimmt. 


Nota I. - Das wollte ich eigentlich kommentieren. Doch jetzt an meiner Tastatur fällt mir nichts ein, was, so will ich doch hoffen, Ihnen nicht selber einfällt. Reiben Sie sich die Augen und sehn Sie nochmal hin: Das steht alles wirklich da, und 1. April ist erst morgen.

Nota II. - Ach, ganz kann ichs mir doch nicht verkneifen: Unlängst hatte ich Gelegenheit, auf diesen Seiten daran zu er- innern, dass in Wien zu seiner Zeit der Spötter Karl Kraus gewirkt hat. Heute erinnere ich daran, dass in Wien vor hun- dert Jahren der Sexualmediziner Siegmund Freud - über dessen Lehre und weltweite Wirkung man geteilter Meinung sein kann - mit der bürgerlichen Spießerei aufgeräumt hat, Kinder als geschlechtslose Wesen zu betrachten. - Dass ich einmal bedauern müsste, dass Freud in Vergessenheit geraten ist, hätte ich mir nicht träumen lassen.
JE


 

Samstag, 30. März 2019

Es gibt Besseres zu tun.


aus FAZ.NET,

Junge Generation verliert Lust auf Sex
Keusches Amerika: Der Anteil der jungen Leute, der keinen Geschlechtsverkehr hat, steigt rasant. Gerade bei einer Gruppe überrascht die Sex-Flaute.

In den Vereinigten Staaten wächst offenbar eine Generation von Sexmuffeln heran. Der Anteil junger Menschen, die keinen Geschlechtsverkehr haben, habe 2018 einen neuen Höhepunkt erreicht, heißt es in einer am Freitag in der „Washington Post“ veröffentlichten Studie. Von den 18- bis 29-Jährigen hätten 23 Prozent in der Befragung angegeben, in den vorangegangenen zwölf Monaten keinen Sex gehabt zu haben. Im Jahr 2008 lag dieser Wert bei gerade mal acht Prozent.

Besonders keusch verhielten sich junge Männer: Von ihnen blickten 28 Prozent auf eine mindestens einjährige Sex-Flaute zurück – drei Mal mehr als im Jahr 2008. Bei Frauen lag dieser Wert in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen bei 18 Prozent.

Etwas reger verläuft das Liebesleben der 30- bis 39-Jährigen: Hier gaben nur sieben Prozent an, ein Jahr keinen Sex gehabt zu haben. In der Altersgruppe von 50 bis 59 Jahren lag der Wert bei 13 Prozent.


Nota. - Die wollen doch nur das Eine? Von wegen. Nicht immer lockt das Weib.
JE


 

Dienstag, 26. März 2019

Girl's Day.

Ach, zur Abwechslung mal was Versöhnliches - da bricht ich mir schon kein Zacken aus der Krone:


aus FAZ.NET,

Von Prinzessin Lillifee zur Vorstandsvorsitzenden



Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Sagt man. Das stimmt aber leider nicht immer. Meine älteste Tochter (12) zum Beispiel wartet seit einigen Tagen auf den Rückruf des örtlichen Forstamtes, aber das hat sich bisher nicht gemeldet. Dabei läuft uns die Zeit davon. Meine Tochter möchte nämlich den Girls’Day (am 28.3.!) im hiesigen Forst verbringen, einem Forstwirt bei der Arbeit zuschauen. Vor allem aber am Girls‘ Day nicht in die Schule müssen. Das wäre die schlimmste Option: Im Klassenzimmer Filmchen über die Arbeitswelt angucken, während die Mitschülerinnen tolle Sachen machen in irgendwelchen Agenturen, Handwerksbetrieben oder Unternehmen.

In die Arbeitswelt der eigenen Eltern reinschnuppern scheidet aus: Meine Frau fängt jetzt erst ihre neue Stelle an, und ich sitze nur am Computer und mache „Tippi-Tippi“ (wie unsere Jüngste meine Tätigkeit bezeichnet). Zu langweilig. Außerdem soll der Girls’Day ja vor allem Einblicke in technische oder naturwissenschaftliche Arbeitsfelder vermitteln, da wäre unsere Tochter bei uns ziemlich falsch. (MINT halten meine Frau und ich bestenfalls für eine Farbe oder eine Geschmacksrichtung bei dunkler Schokolade. Und ich bin ja schon froh, wenn das WLAN funktioniert.)

Zugegeben: Der Termin für den Girls’Day steht schon seit Monaten fest, die Infoblätter hatte ich, glaube ich, schon Anfang Januar in der Hand. Und mit etwas mehr elterlicher Unterstützung hätte meine Tochter wahrscheinlich jetzt keine Torschlusspanik. Außerdem gibt es da ja auch noch eine eigene Suchmaschine auf der Plattform des Girls’Day im Internet. Wir haben da gestern auch mal reingeschaut – es gab noch zwei offene Angebote in unserer Nähe: Schnuppertag bei der Bundeswehr (ab 15 Jahren) und Einblicke in das Arbeitsfeld einer Fachkraft für Lagerlogistik. Wir haben dann doch lieber noch bei unserem griechischen Lieblingsgastronom um die Ecke angefragt, ob unsere Zwölfjährige einen Tag in der Küche helfen kann. Leider ohne Erfolg.

Ich habe, ehrlich gesagt, ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Girls’Day.

Sicher, es gibt gute Gründe, Mädchen für sogenannte „Männerberufe“ zu interessieren und mit diesen blöden Rollenfestlegungen aufzuräumen. Ohnehin bin ich als Vater von drei Töchtern notwendigerweise Feminist. Und ich weiß auch, dass sich durch abwarten oder aussitzen noch nie etwas geändert hat in der Welt. Wenn ich mir nur vorstelle, meine irgendwann erwachsenen Töchter dürften nicht wählen gehen, ihr Vermögen nicht selbst verwalten, keiner beruflichen Tätigkeit oder keinem Studium nachgehen ohne Einwilligung eines Mannes, dürften nicht selbst bestimmen, wie sie leben möchten oder mit wem, dann steigt mein Blutdruck in gefährliche Höhen. Das alles klingt nach grauer Vorzeit und ist doch gar nicht so lange her. Wahrscheinlich hätte ich als Vater damals auch alles so hingenommen und meinen Töchtern erzählt, dass das eben so sei im Leben. Weil … warum auch immer. 
 
Ich bin deshalb sehr dankbar für das, was schon erreicht worden ist bei der Gleichstellung, und ich bin den Frauen dankbar, die meinen Töchtern ein besseres Leben erkämpft haben, (und ich bin froh über jene Männer, die auf diese Frauen gehört haben). Aber das reicht mir nicht. Ich will nicht, dass wir unsere Töchter in einer Gesellschaft großziehen, in der Frauen pro Stunde immer noch 21 Prozent weniger verdienen als Männer. Schon klar, das ist der „unbereinigte“ Verdienstunterschied, der „bereinigte“ fällt um einiges geringer aus. Aber was ist meinen Töchtern geholfen, wenn man beim Vergleichen nur das Einkommen von Betriebsleiterin und Betriebsleiter vergleicht – und nicht fragt, warum Frauen häufiger als Männer unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeiten verrichten, oder gar nicht erst in Berufen oder auf Positionen landen, die finanziell besser ausgestattet sind.

Das hat nichts mit ideologisch geprägter Gleichmacherei zu tun – sondern mit Chancengerechtigkeit, mit Freiheitsgraden. „Geld ist geprägte Freiheit“, sagte Dostojewski. Und so ist es. Da gibt es auch nichts zu romantisieren oder zu relativieren von wegen unterschiedlicher Qualifikationen oder Tätigkeiten: Wenn eine Gruppe tendenziell schlechter abschneidet beim Geld – so wie die Frauen – dann ist sie unfreier als andere. Als einer der Hauptgründe für den Gender Pay Gap wird immer wieder angeführt, dass Frauen häufiger in Branchen und Berufen arbeiten, in denen schlechter bezahlt wird, und Frauen seltener Führungspositionen erreichen.

Das alles scheint also für den Girls’Day zu sprechen: Macht Mädchen neugierig auf die besser bezahlten Männerjobs, dann löst sich das Problem schon. Doch was da als Lösung eines Gerechtigkeitsproblems verkauft wird, zielt in Wirklichkeit auf etwas ganz anderes: die Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials in techniknahen Berufen. Das ist legitim, hat aber nichts mit Emanzipation zu tun.

Emanzipation hat immer mit der Zunahme von Freiheitsgraden zu tun, mit der Frage, ob ich die Wahl habe. Nicht das Madigmachen von „Frauenberufen“ macht Mädchen freier, sondern die Besserstellung der Wertigkeit ihrer Tätigkeiten. Die bessere Finanzierung bisher schlecht oder gar nicht bezahlter „Frauenberufe“ wäre so ein Schritt vorwärts – dann würden sich vielleicht auch mehr Männer dafür interessieren.

Und wer bei seinen Kindern Rollenklischees wirklich durchbrechen will, darf damit nicht bis zum ersten Girls‘ (oder Boys‘) Day in der 5. Klasse warten. Und sollte lieber Pippi Langstrumpf vorlesen als Prinzessin Lillifee. Girls’Day ist jeden Tag ab Geburt – oder gar nicht.

Im vergangenen Jahr war meine Tochter beim Girls’Day in einer sogenannten Software-Schmiede. Sie fand das toll, weil sie mit einem Virtual-Reality-Headset virtuelle Gegenstände durch einen virtuellen Raum bewegen konnte. Außerdem gab es ein Mittagessen in der Firmenkantine.

Den Tag beim Förster habe übrigens ich meiner Tochter vorgeschlagen, nachdem sie ihre Zielvorstellungen für den diesjährigen Girls’Day ungefähr so beschrieben hat: „Irgendwas mit Fotos oder Design oder Tieren oder Bedienen in einem Restaurant.“ Ich finde, Forstamt kommt irgendwie hin. Das Leben ist eben kein Ponyhof.


Nota. - Es ist ja wahr; es gibt Männer, die sind Väter nur von Töchtern (bloß von Töchtern würde ich nicht einmal den- ken). Die haben gar keine Wahl, die müssen für Mädchen immer nur das Beste wollen. Und ich war vierzig Jahre lang Sozialpädagoge, ich kann gar nicht anders als ihnen beipflichten.

Emanzipation hat immer mit der Zunahme von Freiheitsgraden zu tun. Und ganz sicher nicht mit der Implementierung von Privilegien in geschützten Zonen, und schon gar nicht auf Kosten anderer.
JE

 

Montag, 18. März 2019

Das Märchen vom Pay gap.

Unter gleichen Bedingungen verdienen Frauen durchschnittlich zwei Prozent weniger als Männer.
aus FAZ.NET, 18. 3. 2019

Warum Frauen so wenig verdienen
Unter gleichen Bedingungen verdienen Frauen durchschnittlich zwei Prozent weniger als Männer. 

Von Patrick Bernau (Text) und Jens Giesel (Grafik)*

Frauen werden in der Arbeitswelt diskriminiert – so heißt es oft. Doch die wichtigeren Gründe für die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen liegen im Privatleben. 

Wie es an diesem Montag in Deutschland klingt, das kann jeder schon auswendig. „Frauen werden unfair bezahlt“, wird es dann heißen. Denn an diesem Montag ist „Equal Pay Day“, also der Tag, bis zu dem Frauen unentgeltlich gearbeitet haben, während die Männer schon seit dem ersten Tag des Jahres ordentlich verdienen. So wird die amtliche Statistik allgemein interpretiert.

Keine Frage: Frauen bekommen weniger. Im Durchschnitt verdienen Frauen 17,09 Euro je Stunde, Männer 21,60 Euro. Woran das liegt, dazu gibt es eine Geschichte, die immer wieder erzählt wird und die Frauen eine Opferrolle zuweist. Sie geht in etwa so: Die Chefs in den Unternehmen sind meistens Männer. Die wissen die Arbeit der Frauen nicht zu schätzen, auch weil die oft so bescheiden auftreten. Also bekommen die Frauen weniger Gehalt. Hat nicht erst ein Fall bei der Investmentbank UBS gezeigt, dass arbeitende Mütter jahrelang weniger Bonus bekamen?

Das führt dazu, dass die Frauen weniger Geld in die Familie einbringen als der Mann. Also müssen sie sich zu Hause um die Kinder kümmern, während der Mann Karriere machen darf. Sogar wenn die Frau mehr arbeiten würde, hätte sie nur mehr Stress: Die Hausarbeit und die Organisation der Familie blieben ohnehin an ihr hängen, weil sich die Männer erfolgreich drücken. Auch das Ehegattensplitting trägt dazu bei, dass sich eine richtige Berufstätigkeit der Frau nicht rechnet. All das könnte sich ändern, wenn nur mehr Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten der Unternehmen vertreten wären.

So geht die eine Erzählung. Es gibt aber auch noch eine andere. Die läuft so: Junge Frauen verdienen in den gleichen Berufen ungefähr genauso viel wie Männer. Weniger wird es nur, wenn sie sich für schlechter bezahlte Berufe entscheiden. Sie haben eben noch andere Werte als Geld. Oft heiraten sie aber Männer, die ein kleines bisschen älter sind und einen lukrativeren Beruf haben. Deshalb verdienen sie weniger als ihr Ehemann. An die Erziehung der Kinder stellen sie hohe Anforderungen, also übernehmen sie den Großteil der Kinderbetreuung.

Stundenlöhne von Männern und Frauen im Vergleich*

Während die Frauen nur noch Teilzeit arbeiten, machen die Männer Überstunden und holen sich die Lohnerhöhungen. Zwar haben die Unternehmen sich schon längst zum Ziel gemacht, Frauen zu fördern – hat nicht selbst Google gerade erst festgestellt, dass Frauen auf vergleichbaren Positionen mehr verdienen als Männer? Doch im Karriere-entscheidenden Alter zwischen 30 und 40 haben sich viele gute Frauen selbst aus dem Rennen genommen, sie arbeiten ja nur noch 60 Prozent. So werden zur allgemeinen Überraschung trotzdem immer wieder die Männer befördert.

Die Entscheidung über das Gehalt fällt im Privatleben

Beide Erzählungen enthalten ein Korn Wahrheit, doch am Equal Pay Day am Montag wird die erste Erzählung die Debatte dominieren. Dabei ist die zweite Erklärung viel näher an der Wahrheit, als ihr politisch zugestanden wird. Dass Frauen weniger verdienen als Männer – diese Entscheidung wird eher im Privatleben als bei der Arbeit getroffen.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung 
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Das zeigt schon die bekannteste Analyse der Gehaltsunterschiede. Seit Jahren spricht Deutschland über den Unterschied zwischen der „Lohnlücke“ und der „bereinigten Lohnlücke“: Frauen verdienen je Arbeitsstunde über 20 Prozent weniger als Männer, meldet das Statistische Bundesamt. Doch wenn die Statistiker vergleichen, wie viel Frauen auf vergleichbaren Stellen verdienen, dann landet man plötzlich bei „höchstens sechs Prozent“ Lohneinbußen für Frauen – die sogenannte bereinigte Lohnlücke.

Doch selbst diese Zahl überschätzt die Gehaltsunterschiede kolossal. Denn die Statistik hat einen wichtigen Mangel: Sie weiß nicht, ob jemand Elternzeit genommen hat. Sie weiß nur, wann die Leute angefangen haben zu arbeiten. Sie vergleicht also nach zehn Jahren oft Männer mit zehn Jahren Berufserfahrung und Frauen mit ein paar Jahren Berufserfahrung und ein paar Jahren Elternzeit. Kein Wunder, dass Frauen da weniger verdienen.

Warum Frauen weniger als Männer verdienen, in Prozentpunkten*
 
Am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut hat deshalb die Ökonomin Christina Boll mit Kollegen andere Daten gesucht und die Lohnlücke noch einmal berechnet. Sie stellte fest: Mehr als fünf Prozentpunkte der Lohnlücke gehen darauf zurück, dass Frauen weniger Berufserfahrung haben als Männer. Übrig bleibt in dieser Rechnung eine Gehaltslücke von rund zwei Prozent. Egal, wie man es misst: Die Gehaltsunterschiede sind anfangs klein und wachsen erst nach dem 30. Geburtstag, also wenn die Kinder kommen.

In Westdeutschland ist beliebt, dass Frauen nur Teilzeit arbeiten

Und warum sind es in Deutschland so oft die Frauen, die Elternzeit nehmen und Teilzeit arbeiten? Das wurde an einem Freitagmorgen Anfang des Jahres in Atlanta deutlich. Im sehr futuristischen Marriott-Hotel trafen sich in einem fensterlosen kleinen Konferenzraum Ökonomen aus der ganzen Welt, die die Bezahlung von Männern und Frauen erforschen. Dort wurde verglichen, was mit Frauen geschieht, wenn sie Kinder bekommen. Schweden, Österreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten wurden analysiert – doch nirgends verloren die Frauen in den Jahren nach ihrer ersten Geburt so viel Gehalt wie in Deutschland. Mütter verzichten in Deutschland durchschnittlich auf mehr als die Hälfte des weiteren Gehaltes – wegen Elternzeiten, Teilzeitarbeit und verlorenen Karrierechancen.
 



Liegt das nur daran, dass Plätze in deutschen Kinderkrippen so rar sind? Nein, glaubt Josef Zweimüller, Volkswirt an der Universität Zürich, der diesen Vergleich mit erarbeitet hat. Er weiß: Wie sich die Gehälter von Frauen entwickeln, hängt von den gesellschaftlichen Vorstellungen in den Ländern ab. Und die sind in Deutschland oft ganz klar: Wenn Frauen Nachwuchs haben, arbeiten sie weniger.

Dass Frauen mit Schulkindern Vollzeit arbeiten – im Vorzeigeland der Gleichberechtigung, in Dänemark, finden das 76 Prozent der Bürger gut. Selbst unter den katholischen Iren finden noch 41 Prozent, dass Mütter Vollzeit arbeiten sollten. In Westdeutschland aber liegt die Zustimmung nur bei 22 Prozent – und zwar bei Männern und Frauen gleichermaßen. Der Grund, aus dem viele Frauen für die Kinder zu Hause bleiben, ist einfach: Deutschland will das so. Zumindest der Westen. In Ostdeutschland findet Vollzeitarbeit eine gesellschaftliche Mehrheit, dort ist auch die Gehaltslücke deutlich niedriger.

Es zeigt sich ein großer Unterschied zwischen den Forderungen von Familienpolitikerinnen und den Prioritäten der Westdeutschen. Mancher ist erst zufrieden, wenn Frauen genauso viel verdienen, also auch genauso arbeiten wie Männer. Dabei ist das vielen Frauen offenbar gar nicht so wichtig, wenn sie im Gegenzug Zeit mit der Familie haben können.

Sollten Mütter von Schulkindern in Vollzeit arbeiten? Zustimmung in Prozent*

Vor zwei Jahren hat die SPD durchgesetzt, dass Unternehmen auf Anfrage Gehaltsvergleiche zwischen Männern und Frauen offenlegen müssen. Das fällt nicht immer leicht, aber bis heute haben die Deutschen diese Möglichkeit kaum genutzt. Eine Evaluation des Gesetzes steht noch aus, doch von großen Diskriminierungen weiß das Familienministerium bisher nicht zu berichten. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund nennt keine. Stattdessen fordert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack: „Betriebe müssten verpflichtet werden, ihre Entgeltpraxis zu überprüfen.“ Sie glaubt: Dass es so wenige Frauen in Vorständen gebe, liege daran, dass die keine Chance bekämen.

Die statistische Lohnlücke schrumpft so schnell nicht

Das erzählen Praktiker anders. Die Unternehmen suchen schon teils verzweifelt nach geeigneten Frauen. „Frauen können an der Spitze der Unternehmen inzwischen teilweise mehr verdienen als Männer“, sagt Christian Böhnke, der als Headhunter bei „Hunting Her“ speziell nach Frauen sucht, „jedenfalls wenn sie gut verhandeln.“ Nur die Verhandlung laufe nicht immer gut. Er erzählt: Vor kurzem rief ihn eine Frau an, die auf ihrer alten Stelle mehr als 300.000 Euro im Jahr verdient habe. Als er sie gefragt habe, was sie künftig verdienen wolle, rückte sie in einem fünfminütigen Monolog von ihren Gehaltsvorstellungen immer weiter ab – bis sie bei 200.000 Euro ankam, „wenn wirklich alles andere passt“. Böhnkes Fazit: „Frauen ködert man nicht, indem sie sich einen 7er-BMW statt eines 5ers als Firmenwagen zulegen können.“

Falls also Frauen und Männer unterschiedlich arbeiten wollen, wie viel Zwang darf der Staat dann ausüben, um das anzugleichen? Die Frage könnte theoretisch bleiben. Headhunter Böhnke stellt fest, dass Unternehmen im Kampf um gutes Personal sowieso ihre Arbeitsbedingungen so verändern, dass sie auch Wünschen der Frauen entgegenkommen.

Eines allerdings wird sich trotzdem so schnell nicht bessern: die statistische Lohnlücke. Die zeigt nämlich die Löhne sämtlicher arbeitender Deutscher, auch der 60-jährigen, deren Karriereentscheidungen schon vor Jahrzehnten gefallen sind. Am Statistischen Bundesamt hat der zuständige Gruppenleiter Martin Beck ausgerechnet: Selbst wenn junge Männer und Frauen von jetzt an immer gleich viel verdienen und man die Lohnlücke in fünf Jahren noch mal ermittelt– „da wird sich nicht viel verändern.“

*) aus technischen Gründen kann ich die Graphiken auf meinem Blog leider nicht wiedergeben. 
Klicken Sie bitte auf meinen Graphik-Link!
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