Freitag, 8. März 2019

Zur Feier des Tages...

Armenien, um 1900

...will ich's sagen, und weil ich sonst kaum Anlass dazu finde:

Eine Gesellschaft, die nicht die Talente all ihrer Angehörigen zu schätzen und zu fördern weiß, bewegt sich auf abschüssiger Bahn. Solange Länder nur für sich waren, mochten sie sich gefallen und sich gleich bleiben. Doch für sich ist jetzt kein Land mehr. Es ist nicht so und es soll zum Besten Aller nicht wieder so werden. 



Donnerstag, 7. März 2019

Gegen die Männerquote.

colourbox
aus nzz.ch, 7.3.2019

Respektiert ihr Frauen? Dann hört auf mit dem Frauenzählen! 
Nein, Frauen sind nicht unterrepräsentiert. Weil niemand weiss, was richtig repräsentiert wäre. Und nein, eine Quote hilft den Frauen nicht, sondern schadet ihnen bloss. Sie ist Ausdruck eines paternalistischen Denkens, das längst passé sein müsste.

von Reinhard K. Sprenger 


Frauenzählen hat sich zur Obsession entwickelt. Jüngst bei der Oscar-Verleihung: Wichtiger noch als die Qualität der Filme war die Zahl der Frauen in den jeweiligen Kategorien. Und dann heisst es jeweils zuverlässig, Frauen seien «unterrepräsentiert», und dann ist die Quote auf dem Tisch.

Neuerdings sind selbst in der sonst so gelassenen Schweiz Wahlquoten der letzte Schrei. Dabei ist die Quote der beste Weg, eine Gesellschaft zu ruinieren, in der Frauen und Männer den Job machen können, den sie wollen. Denn es existiert erstens kein Problem, das sie lösen kann; sie animiert zweitens dazu, in alte patriarchalische Denkmuster zurückzufallen; sie gereicht Frauen drittens zum Schaden; sie funktioniert viertens überhaupt nicht; und sie leistet – fünftens und letztens – einen schönen Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft.

Diese fünf Punkte möchte ich im Folgenden erläutern. Dabei wende ich mich vor allem an jene, die nicht so denken wie ich. Sie alle müssten allerdings zunächst über einen Schatten springen: dass hier ein Mann schreibt. Denn in dieser Debatte geht es ja meist nicht darum, was jemand sagt, sondern wer. 

Einmalige Chancen

Also: Wie heisst das Problem, für das die Quote die Lösung sein soll? Nun, zunächst steht nicht gerade der Untergang der Schweiz vor der Tür. Deshalb verlegen sich die Quotenbefürworter auf Ungerechtigkeiten. So seien Frauen hervorragend ausgebildet, aber in vielen gesellschaftlichen Bereichen unterrepräsentiert. In der Tat, die Differenzen sind zum Teil irritierend, sie vergrössern sich gar. Aber was bedeuten sie?

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, mangelnde Repräsentanz in einem gesellschaftlichen Bereich sei gleichbedeutend mit Unterdrückung. Sonst müssten wir ja auch über eine Männerquote in den Kinderkrippen nachdenken, über eine Frauenquote bei der Müllentsorgung und eine Männerquote in Altersheimen – weil Männer durchschnittlich 5,5 Jahre früher sterben als Frauen. Und wir leben nicht mehr in den sechziger Jahren.

Frauen sind schon lange keine Opfer einer männlich definierten Welt mehr, die für sie eine Glasdecke vorgesehen hat. Wenn man sich ansieht, wie in den gesellschaftlich attraktiven Bereichen (und um die geht es ja) seit vielen Jahren und mit teilweise unglaublichen Summen Frauen ge- und befördert werden, dann bleibt nur ein Schluss: Frauen haben heute historisch einmalige Chancen. Und die, die wollen, nutzen sie auch. Die meisten Frauen aber wollen offensichtlich nicht in Machtpositionen. Das ist auch nachvollziehbar und sogar sehr rational, ihnen ist anderes wichtiger. Sie verfolgen zumeist konsequent ihre persönliche Lebensplanung. Davor die Augen zu verschliessen, wäre respektlos.

Aber werden Frauen für die gleiche Arbeit nicht schlechter bezahlt als Männer? Die Frage klingt gut, führt aber in die Irre. Denn jeder Praktiker weiss, dass es gleiche Arbeit in einem strengen Sinne gar nicht gibt; man kann immer Ungleichheit rechtfertigen. Das ignorieren nur die Promotoren von Transparenzgesetzen, von denen viele noch nie ein Unternehmen von innen gesehen haben. 

Bundesbern träumt 

Mittlerweile fuchtelt man aber in Bundesbern nicht mehr mit horrenden Naiv-Statistiken herum, sondern beobachtet einen angeblich nicht erklärbaren Einkommensunterschied von 2 bis 6 Prozent. Und aus Differenz macht die Politik im Handumdrehen Diskriminierung.

Doch – erstens – liegt die Bandbreite in der Nähe statistischer Unschärfe. Zweitens bestehen bei genauerer Betrachtung die wesentlichen Unterschiede nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Männern und Müttern. Und Mutter wird, wer sich dafür entscheidet. Also brauchte es bessere Betreuungsstrukturen für Kleinkinder? Gewiss, und doch bliebe es dabei: Berufliche Karriere – also Macht, Geld, Einfluss – ist nicht für alle das höchste aller Gefühle. Wir sehen hier geradezu ein Paradebeispiel für das Geschäftsmodell der Politik: Ich habe die Lösung – wo ist das Problem? Das ist mein Argument: Die Frauenquote ist eine Lösung, für die es kein relevantes Problem mehr gibt.

Wenden wir uns nun den versteckten Botschaften zu, die in der Frauenquote gleichsam eingelagert sind. Oberflächlich wirkt die Frauenquote als Männerdiskriminierung. Das ist zwar Revanchismus, wäre aber vielleicht zu verschmerzen. Tiefer lotend aber diskriminiert sie die Frauen selbst.

Die Quote ist ein Rückfall in patriarchalische Denkmuster: Frauen sind zu schwach, um den gesellschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft zu schaffen. Kann das jemand ernsthaft behaupten, ohne Frauen abzuwerten? Deshalb ist jüngeren Frauen die Quote längst peinlich. Ältere, schon erfolgreich aufgestiegene Managerinnen sind genervt und lassen die Anrufe der Headhunter abwimmeln – sie wissen, dass die Avancen vorrangig ihrem Frausein gelten. Man könnte meinen, die Frauenquote sei der Übertrick der Solidargemeinschaft barmherziger Brüder, Frauen niemals als echte Wettbewerber anerkennen zu müssen. 

Zulasten der Frauen 

Aber die Frauen-Verniedlichung geht sogar noch weiter: Frauen seien Opfer gesellschaftlicher Rollenmuster. Sie wüssten gar nicht, worauf sie verzichteten, man müsse sie «sensibilisieren», «aufklären», sie brauchten Vorbilder. Die herablassende Bevormundung dieser Denkfigur scheint kaum jemanden zu empören. Dabei ist das reiner Erziehungsjargon nach altväterischer Sitte. So etwas kann nur sagen, wer Frauen geradezu infantilisieren will.

In der Praxis ist unübersehbar, dass die Quote den Frauen faktisch schadet. Den quotenlos Aufgestiegenen verweigert sie die Anerkennung. Und die durch die Quote Geförderten werden das Stigma der Quotenfrau nicht los. Das ist der Grund, weshalb viele besonders «progressive» Unternehmen mittlerweile erwägen, sich wieder von der Frauenförderung zu verabschieden: Die geförderten Frauen werden einfach im Arbeitsalltag nicht glücklich. An ihnen hängt der Geruch der Illegitimität: Ovarien statt Leistung.

Wenn wir uns schlicht die Konsequenzen bisheriger Quotenerfahrungen anschauen, dann ist das Ergebnis höchst ernüchternd. Im Silicon Valley haben alle Unternehmen Quoten – doch die Frauenrepräsentanz ist rückläufig. Viele Unternehmen incentivieren Manager mit Boni zur Erreichung von Quoten, machen die Frauenförderung zum wichtigen Kriterium ihrer Leistungsbeurteilung – vergeblich.

Schauen wir nach Norwegen, wo seit 2008 Frauen 40 Prozent der Verwaltungsratssitze besetzen. Die 400 quotenbestimmten Verwaltungsratssitze teilen sich gegenwärtig rund 70 Frauen. Das sind durchschnittlich fast sechs Sitze pro Frau – einige wenige sahnen also ab. Im operativen Management liegt der Frauenanteil jedoch noch immer unter 20 Prozent. Und auch die Zahl weiblicher Geschäftsleitungsmitglieder stieg nicht an – trotz flächendeckenden Krippen, langen Vaterschaftsurlauben, flexiblen Arbeitgebern und modernen Rollenmodellen. Politik trifft hier auf den harten Kern der Wirklichkeit, die sich nicht beliebig zurichten lässt. 

Trumpsche Politik 

Zuletzt komme ich zu den grössten Bedenken, die ich – als Managementberater – persönlich mit der Frauenquote verbinde. Die Frauenquote betrachtet die Frau nicht als Individuum, nicht als einzelne, besondere Person, sondern als Gruppenwesen. Das spaltet. Es spaltet die Unternehmen als Kooperationsarena: Mann und Frau arbeiten nicht mehr zusammen mit Blick auf die Lebensqualität von Kunden, also für Menschen ausserhalb des Unternehmens. Vielmehr betrachtet man sich als Repräsentant eines Förderungs- bzw. eines Benachteiligungs-Kollektivs. Es spaltet die Gesellschaft, die, ähnlich der Verwechslung zwischen grammatikalischem Geschlecht (Genus) und biologischem Geschlecht (Sexus), nicht mehr das Gemeinsame betont, sondern das Trennende.

Das grosse Wir wird in kleine Wirs unterschiedlichster Selbstbestätigungsmilieus verschoben, die aufgrund vermeintlicher Handicaps Ansprüche an die Restgesellschaft stellen. Haben wir nicht schon genug davon? Jagt nicht die Frauenquote als Beispiel einer breitbeinigen, faktenignoranten Basta-Politik die Wähler in die Arme der Extremen? Die Frauenquote illustriert eine Haltung, die gute Absichten hat, aber blind ist für die unbeabsichtigten Nebenwirkungen (wobei die Nebenwirkungen längst die Hauptwirkung ausmachen). Oder gelten in trumpscher Manier nur noch Bauchgefühl und Wunschzettel?

Also stellt sich die Frage, warum dennoch an der Forderung nach der Quote festgehalten wird. Dafür kenne ich drei Gründe: Es wird erstens nicht klar unterschieden zwischen Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Gleichheit. Da springt man munter hin und her und bedient sich je nach Lust und Laune. Zweitens brauchen Medien Probleme und Skandale, um über sie berichten zu können. Trends, detaillierte und vertiefende Analysen haben gegen den Zählreflex und gegen Behauptungsdespotismen keine Chance. Drittens: Man will den Frauen gar nicht helfen. Die Politik beutet lediglich die Frauen aus, um Aufmerksamkeitsgewinne einzustreichen.

Wer das nicht glauben will, sollte aufhören mit dem Frauenzählen.

Reinhard K. Sprenger ist Philosoph, Unternehmensberater und Autor u. a. von «Radikal digital: Weil der Mensch den Unterschied macht» (2018) und «Das anständige Unternehmen» (2016). Seine Bücher erscheinen bei Campus und DVA. Er lebt in der Schweiz.

Montag, 4. März 2019

Intersextoiletten sind...

  taz

...für die Männer, die nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen.

Da haben die Entrüstungswettläufer was zum Krähen. Dafür ist ja Fasching.










Samstag, 9. Februar 2019

Testosteron macht uns gut und stark.


aus spektrum.de, 9. 2. 2019
 
Der Männerstoff 

Testosteron galt lange Zeit als der böse Bube unter den Hormonen. Zuviel davon im Blut und der Mann wird zum Tier – trieb- und aggressionsgesteuert. Anders als in der Tierwelt jedoch lässt sich die pauschale Aussage "Testosteron macht aggressiv" beim Menschen nicht bestätigen. In der Doku erklären international renommierte Forscher, wie subtil das Hormon tatsächlich wirkt. Der öffentlich-rechtliche Sender ARTE ist eine deutsch-französische Kooperation mit Schwerpunkt Kultur und Gesellschaft. 

 Ein Video von ARTE

Testosteron – das wichtigste männliche Sexualhormon. Es steht für die Gesundheit des Mannes, sexuelle Lust und das Lebenselixier im Alter. Zugleich wird dem Hormon nachgesagt, es fördere die Aggressivität beim Kampf und Gerangel um den ersten Platz. Der testosterongesteuerte Mann sei risikobereit und egoistisch. Eigenschaften, die heute ein eher schlechtes Image haben. Doch was ist dran am Mythos vom testosterongesteuerten Mann?


Die Dokumentation geht der Entstehung und den Wirkungsweisen des Androgens auf den Grund. International renommierte Forscher erklären, wie subtil das Hormon im Menschen tatsächlich wirkt. Anders als bei Tieren lässt sich die pauschale Aussage »Testosteron macht aggressiv« beim Menschen nicht bestätigen. Neueste wissenschaftliche Studien legen etwa nahe, dass der Botenstoff tatsächlich soziales, selbstloses Verhalten, fördert.

Einer der führenden Experten auf diesem Gebiet ist der Franzose Jean-Claude Dreher aus Lyon. Er beweist in seinen Laborversuchen, dass Testosteron nicht aggressiv macht, sondern Männer strategisch handeln lässt. Wer mehr Testosteron im Körper trägt, behandelt andere freundlicher, um seinen eigenen Status zu stärken.

Der britische Verhaltenspsychologe Simon Baron-Cohen hat darüber hinaus untersucht, ob und inwiefern bereits der Testosterongehalt im Mutterleib unterschiedliche Verhaltensmerkmale bei Jungen und Mädchen zutage fördert. Den Forschungen zufolge wirkt sich die Hormonkonzentration auf die Gehirnentwicklung und somit auf Ausprägung von Empathie, Sprachentwicklung und Abstraktionsvermögen aus.

Dienstag, 5. Februar 2019

Sind Frauenhirne jugendlicher?


aus scinexx

Frauengehirne sind jünger 
Weibliche Denkorgane scheinen von Anfang an "jugendlicher" zu sein als männliche

Geschlechtsspezifischer Unterschied: Frauen haben offenbar jüngere Gehirne als Männer – zumindest was die Stoffwechselaktivität betrifft. Gemessen an diesem Parameter sind die Denkorgane von Frauen tendenziell jugendlicher als die Gehirne gleichaltriger Männer, wie eine Studie zeigt. Dieser Unterschied manifestiert sich erstaunlicherweise bereits in jungen Jahren. Er könnte erklären, warum Frauen im Alter weniger anfällig für kognitive Verfallserscheinungen sind.

Die Gehirne von Männern „ticken“ anders als die von Frauen: Für dieses altbekannte Klischee haben Wissenschaftler in jüngster Zeit tatsächlich immer wieder Belege gefunden. So empfinden Frauen beispielsweise Stress stärker und neigen eher zu Depressionen. Männer sind dafür vergesslicher und leiden im Alter häufiger unter leichten kognitiven Störungen, wie Statistiken zeigen.
 
Energiestoffwechsel

Genau diesem Unterschied in Sachen Gedächtnis haben sich nun Manu Goyal von der Washington University School of Medicine in St. Louis und seine Kollegen gewidmet. „Einer Theorie nach haben Frauen jugendlichere Gehirne als Männer“, schreiben die Forscher. Doch was ist an dieser These dran? Um möglichen geschlechtsspezifischen Differenzen in Bezug auf das Hirnalter auf die Spur zu kommen, haben sie sich auf einen wichtigen Aspekt unseres Denkorgans konzentriert: den Stoffwechsel.

Denn bekannt war bereits: Im Laufe des Lebens verändert sich im Gehirn die Verwertung des Energielieferanten Glucose. Babys und Kinder nutzen einen großen Teil dieser Zucker-Verbindung für die sogenannte aerobe Glycolyse – einen Stoffwechselweg, der für die Entwicklung und Reifung des Gehirns essenziell ist. Mit zunehmendem Alter wird der für diesen Prozess verwendete Zuckeranteil jedoch immer geringer. Ab einem Alter von 60 Jahren fließt dann kaum noch Zucker in die Glycolyse.

Unterschiede zwischen Mann und Frau


Anhand dieses Parameters lässt sich demnach auf das Alter einer Person schließen. Diese Tatsache nutzten die Forscher für ihre Studie an 121 Frauen und 84 Männern im Alter zwischen 20 und 82 Jahren. Konkret untersuchten sie die Denkorgane der Probanden mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Dies ermöglichte ihnen, den Anteil des Zuckers zu erfassen, der der aeroben Glycolyse zugeführt wird.

Mit den Ergebnissen der Männer fütterten Goyal und seine Kollegen schließlich einen lernfähigen Algorithmus, der auf diese Weise Zusammenhänge zwischen Hirnmetabolismus und Alter erkannte. Was würde passieren, wenn das so trainierte Programm nun die Stoffwechseldaten der Frauen auswertete?

Deutlich jünger – von Anfang an

Es zeigte sich: Der mit Männerdaten geschulte Algorithmus schätzte das Alter der weiblichen Probanden durchweg zu jung ein. Dabei lag das errechnete Alter im Schnitt 3,8 Jahre unter dem tatsächlichen Alter der Frauen. Ein ähnlicher Effekt offenbarte sich auch bei der umgekehrten Herangehensweise. Wurde das Programm mithilfe der Frauendaten trainiert, kam es für die Männer auf ein im Schnitt 2,4 Jahre zu hohes Alter.

„Der kalkulierte Altersunterschied zwischen Männern und Frauen ist signifikant“, sagt Goyal. Allerdings lässt sich dieser Unterschied ihm zufolge nicht damit erklären, dass Männergehirne schneller altern. Frappierender Weise zeigte sich der metabolische Altersunterschied nämlich bereits bei den jüngsten Studienteilnehmern, die erst in ihren 20ern waren. Es scheint sich demnach um eine von Anfang an bestehende Diskrepanz zu handeln.

Weniger anfällig für geistigen Verfall?

Was bedeutet das? „Das wissen wir noch nicht genau. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass Frauen im Alter weniger stark von kognitiven Verfallserscheinungen betroffen sind, weil ihre Gehirne effektiv jünger sind“, sagt Goyal. Wie genau Hirnstoffwechsel, Altern und Gedächtnisstörungen zusammenhängen und welche Rolle das Geschlecht dabei spielt, werden die Wissenschaftler in Zukunft näher untersuchen.

„Wir fangen gerade erst an zu verstehen, wie geschlechtsbezogene Faktoren den Verlauf der Gehirnalterung beeinflussen“, sagt Goyal. Gleichzeitig betont er aber auch: Obwohl der nun beobachtete Unterschied zwischen Männern und Frauen deutlich ist, sollte er nicht überbewertet werden. „Dieser Faktor ist nur für einen kleinen Teil der kognitiven Unterschiede zwischen zwei beliebigen Individuen verantwortlich“, schließt der Forscher. (PNAS, 2019; doi: 10.1073/pnas.1815917116)


Quelle: Washington University School of Medicine/ PNAS


Montag, 14. Januar 2019

Warum Männer wirklich wehleidiger sind.

Schmerz
aus scinexx

Männer erinnern sich stärker an Schmerzen 
Schmerzgedächtnis scheint auch vom Geschlecht abhängig zu sein

Überraschender Effekt: Frauen erinnern sich offenbar anders an Schmerzen als Männer. Wie eine Studie zeigt, reagieren männliche Probanden überempfindlich auf eigentlich harmlose Schmerzreize, wenn sie in derselben Umgebung zuvor ein starkes Schmerzerlebnis hatten. Bei Frauen zeigt sich dieser Effekt dagegen nicht. Dies könnte auch bedeuten, dass Männer anfälliger für chronische Schmerzen sind. 

Ob im Rücken, in den Gelenken oder im Kopf: Viele Menschen plagen sich mit chronischen Schmerzen herum. Mediziner sind sich inzwischen einig, dass das sogenannte Schmerzgedächtnis wesentlich mitverantwortlich für solche andauernden Beschwerden ist. Demnach scheint sich unser Körper starke Schmerzen regelrecht merken zu können.

So können die anfänglichen Schmerzreize nachweislich Spuren in den peripheren Nervenzellen, aber auch in den Zellen in Rückenmark und Gehirn hinterlassen und sie überempfindlich machen. Als Folge tut es selbst dann noch weh, wenn der ursprüngliche Grund für die Schmerzen längst nicht mehr vorhanden ist.

Von Maus zu Mensch

Welche Faktoren dieses „Einbrennen“ von Schmerzen begünstigen, ist bisher erst in Teilen verstanden. Wissenschaftler um Loren Martin von der McGill University in Montreal haben nun herausgefunden, dass es in diesem Zusammenhang offenbar eine geschlechtsspezifische Komponente gibt.

Für seine Studie hatte das Forscherteam zunächst untersucht, inwiefern sich Mäuse an vergangene Schmerzen erinnern. Das überraschende Ergebnis: Während starke Schmerzerlebnisse männliche Nager überempfindlich für selbst harmlose Reize machten, schien dies bei ihren weiblichen Artgenossen nicht der Fall zu sein. „Wir wollten dann sehen, ob es ähnliche Unterschiede auch beim Menschen gibt“, berichtet Martins Kollege Jeffrey Mogil.

Schmerzhaftes Erlebnis

Zu diesem Zweck führten die Wissenschaftler mit 41 Männern und 38 Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren einen Schmerztest durch. Im Experiment mussten die Probanden zunächst leichte Hitzereize auf ihrem Arm ertragen und den dabei empfundenen Schmerz auf einer 100-Punkte-Skala bewerten.

Direkt im Anschluss wurden sie mit einem wesentlich stärkeren Schmerzreiz konfrontiert: 20 Minuten lang sollten sie Fitnessübungen mit ihrem Arm ausführen, während sie eine enge Blutdruckmanschette trugen – ein schmerzhaftes Erlebnis, dem nur sieben der Teilnehmer weniger als 50 Punkte auf der Skala vergaben. Wie würde sich diese Erfahrung auf die Wahrnehmung späterer Reize auswirken?

Veränderte Wahrnehmung

Dies testeten die Forscher am darauffolgenden Tag. Wieder wurden die Probanden in einen Raum geführt und wieder wurden sie demselben leichten Hitzereiz wie im ersten Durchgang ausgesetzt. Dabei zeigte sich: Wurden Männer für das Experiment in denselben Raum geführt wie beim vorherigen Experiment, bewerteten sie den Schmerz deutlich höher als am Tag zuvor.

Offenbar hatte die Erinnerung an das starke Schmerzerlebnis in dieser Umgebung sie überempfindlich gemacht. Dieser Effekt war bei weiblichen Teilnehmern dagegen nicht zu beobachten, wie Martins Team berichtet.

Eine Frage der Erinnerung

Damit scheint nun klar: Das Schmerzempfinden von Frauen und Männern reagiert offenbar unterschiedlich auf vergangene Erfahrungen. Doch liegt das beobachtete Phänomen wirklich in den Erinnerungen an frühere Schmerzen begründet? Um dies zu überprüfen, verabreichten die Wissenschaftler Mäusen einen Wirkstoff, der bestimmte Erinnerungen gezielt auslöschen kann. Und tatsächlich: So behandelte Mäusemännchen reagierten nicht mehr überempfindlich.

Wie aber lässt sich erklären, dass das Schmerzgedächtnis offenbar nur bei Männern, nicht aber bei Frauen zum Tragen kommt? Die Forscher spekulieren, dass unter anderem geschlechtsspezifische Stressreaktionen, aber auch das Hormon Testosteron in Zusammenhang mit diesem Phänomen stehen könnten.

Welche Rolle spielt Testosteron?

Denn zum einen berichteten Männer, dass sie sich stark gestresst fühlten, wenn sie in einen Raum geführt wurden, indem sie zuvor ihre schmerzhaften Armübungen ausgeführt hatten. Frauen fühlten sich nach eigenen Angaben in einer solchen Situation dagegen nicht sonderlich gestresst. Zum anderen zeigte sich die kontextabhängige Schmerzüberempfindlichkeit nicht bei männlichen Mäusen, die kastriert waren.

Wie genau Schmerz, Erinnerung, Stress und Geschlecht zusammenhängen, wollen die Wissenschaftler in Zukunft weiter untersuchen: „Dies könnte uns Einblicke geben, die für die Behandlung chronischer Schmerzen nützlich sein könnten“, schließt Mogil. (Current Biology, 2019; doi: 10.1016/j.cub.2018.11.030)

Quelle: McGill University


Mittwoch, 9. Januar 2019

In hochentwickelten Ländern sind Männer benachteiligt.

Generation 65+
aus süddeutsche.de,Die Gesundheit der Männer ist meist schlechter als die der Frauen
 
Wo Männer leiden
  • Der für Ländervergleiche gängige Index zur Geschlechtergerechtigkeit liefere ein unscharfes Bild, kritisieren britische Psychologen.
  • Sie schlagen ein neues Messinstrument vor, das sich an nur drei Faktoren orientiert.
 
Von Sebastian Herrmann

Ungleichheit, das klingt nach einer klaren Sache: Da sind auf der einen Seite diejenigen, die Privilegien genießen. Und auf der anderen Seite stehen jene, die systematisch ausgebremst werden. Doch so klar verhält es sich in der Praxis kaum - das fängt schon damit an, wie Ungleichheit definiert und gemessen wird. Die Psychologen Gijsbert Stoet von der britischen University of Essex und David Geary von der University of Missiouri, USA, sagen im Fall der Gleichberechtigung von Frauen und Männern: Der für Ländervergleiche gängige Index liefere ein unscharfes Bild, das weder Frauen noch Männern gerecht werde.

Die Wissenschaftler schlagen nun im Fachmagazin Plos One ein vereinfachtes Instrument vor, den Basic Index of Gender Inequality (GIGI), der sich aus drei Faktoren errechnet: Bildungschancen, die in guter Gesundheit verbrachten Lebensjahre sowie die generelle Lebenszufriedenheit.

Legten die Wissenschaftler diesen Bewertungsmaßstab an 134 Nationen mit insgesamt 6,8 Milliarden Bewohnern an, ergab sich ein Bild, das mit dem aktuellen Konsens nicht ganz vereinbar ist. Demnach haben Männer in 91 Ländern Nachteile zu ertragen und Frauen in 43 Nationen. In unterentwickelten Ländern litten vor allem Frauen unter Ungleichheit, die meisten dieser Nationen liegen in Afrika und Südasien. In den hoch entwickelten Industriestaaten hingegen sei gemäß der Daten ihres GIGI weitgehend Geschlechtergerechtigkeit erzielt - mit leichten Vorteilen für Frauen, so die beiden Forscher.

Bisher ignorieren Analysen, dass auch Männer in manchen Bereichen benachteiligt sind
 
Dieses Ergebnis widerspricht der Diskussion, die gerade in Industriestaaten so hitzig geführt wird. Das weckt natürlich Argwohn und wirft die Frage auf: Warum liefert die neue Auswertung ein anderes Bild als der seit 2006 geläufige Global Gender Gap Index (GGGI)?

"Bisher berücksichtigt kein Messinstrument zur Bestimmung von Geschlechtergerechtigkeit Widrigkeiten, die vor allem Männer treffen", sagt Stoet von der Universität Essex. Der GGGI ist so ausgelegt, dass er per Definition gar keine Bereiche identifizieren kann, in denen Frauen Männer überflügelt haben. Für jeden Unterindex - zum Beispiel Bildungsabschlüsse oder wirtschaftliche Partizipation - werden Werte von null bis eins gebildet. Eins bedeutet, dass Frauen Parität zu Männern erreicht haben. Der Wert eins wird jedoch auch vergeben, wenn Frauen Männer in einem Bereich weit hinter sich gelassen haben. Der GGGI kann also trotz aller erzielten Fortschritte niemals ein anderes Ergebnis liefern, als dass Frauen es insgesamt noch immer schwerer haben als Männer.

Das soll der neue Index ändern. "Der GIGI berücksichtigt Lebensaspekte, die für alle Menschen relevant sind", sagt Stoet. In den unterentwickelten Ländern fallen Frauen in den Auswertungen vor allem deshalb hinter Männern zurück, weil ihnen dort sehr häufig der Zugang zu Bildung verwehrt wird. Dass Männern in hoch entwickelten Ländern in der Auswertung teils hinter Frauen zurückbleiben, liege an der durchschnittlich geringeren Lebenserwartung von Männern und dem Umstand, dass sie weniger Jahre in guter Gesundheit bleiben. Das liege unter anderem daran, dass Männer wesentlich häufiger bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen, deutlich mehr Alkohol trinken und zum Beispiel die Präventionsmedizin auf weibliche Bedürfnisse zugeschnitten sei.

Der neue Index, so die Forscher, solle etablierte Messinstrumente nicht ersetzen, aber ergänzen. Es könnte ja schon hilfreich sein, wenn ein Gedanke in die so polarisierende Geschlechterdebatte einsickert: Männer leben keinesfalls überall im Schlaraffenland, wo sie täglich Wunschkonzerten lauschen.