Charlize Theron mit Sohn
aus Süddeutsche.de, 14. Juni 2018
Lasst die Jungs doch einfach Jungs sein
Männliches
Verhalten wird schon im Kindergarten kriminalisiert, findet Charlotte
Roche. Mädchen haben es dadurch grundsätzlich leichter. Ein Plädoyer für
mehr Geschlechter-Gerechtigkeit.
von Charlottte Roche
So
wie es eine Quote geben müsste für DAX-Unternehmen und ihren
Frauenanteil in Führungspositionen, weil es ja anders nicht zu klappen
scheint - fiftyfifty bitte - sollte es auch eine Quote geben für
männliche Mitarbeiter in Kitas, Kindergärten, Grundschulen und so
weiter. Etwas weniger als die Hälfte aller Kinder sind ja Jungs. Also
müssten logisch gedacht auch etwas weniger als die Hälfte aller Erzieher
Männer sein.
Wie sollen sich die
Jungs vernünftig entwickeln, wenn sie nur von Kindergärtnerinnen und
Lehrerinnen erzogen oder unterrichtet werden? Ich halte das für ein
riesiges Problem, wie normales Jungsverhalten kriminalisiert wird von
vielen weiblichen Erzieherinnen. Sie finden Jungs oft zu laut, zu
aggressiv, zu alles. Was ist, wenn man das männliche Verhalten bei den
Kindern nicht so problematisiert würde? Es einfach so nehmen würde, wie
es ist? Vielleicht ist es ja gar nicht die Vorstufe zu Gewalt und
Vergewaltigung.
Ich finde wirklich,
dass es Mädchen grundsätzlich leichter haben als Jungs. Mädchen werden
unterstützt, so zu sein, wie sie wollen, wenn sie rumlaufen und sich
benehmen wollen wie ein Junge, super. Aber, wehe, ein Junge will
rumlaufen und sich benehmen wie ein Mädchen.
Es
ist absolut respektiert, wenn ein Mädchen ein Junge sein will: Wenn
jemand aus dem schwachen Geschlecht stark sein will, ist für viele
verständlich, aber wenn jemand vom vermeintlich starken Geschlecht
schwach sein will: peinlich! Das muss sich ändern.
Auch in der Sprache muss man da
sehr aufpassen. Ich auch. Wenn jemand eine zu leichte Challenge ausdenkt
in einem Spiel oder eine Sportübung einfach ist, sage ich:
»Pussyübung«. Das würde ja im Umkehrschluss heißen: dass alles, was
schwer und respektiert ist: eine Penisübung wäre. »Du bist eine Pussy«
heißt: du bist schwach. Dann würde »du bist ein Penis« heißen: du bist
stark. Sagt nur niemand. Es heißt entweder: pussy oder stark. Und das
fuckt mich vielleicht ab! Ich muss da auch jetzt mal besser drauf
achten, wie ich mich ausdrücke.
Hallo,
an alle Sprach-Gender-Kritiker. Was ist daran so schlimm, ein bisschen
seine Sprache und damit auch sein Denken zu ändern, dafür, dass andere
sich nicht ausgeschlossen, verletzt oder sogar erniedrigt fühlen? Wie
arrogant ist das eigent- lich, auf seine alte menschenverletzende Sprache
zu bestehen, anstatt einfach einzusehen, dass man mit kleinsten
Änderungen tatsächlich niemand mehr vor den Kopf stößt und tatsächlich
alle abholt! Es ist wirklich sehr einfach. Da, wo ich groß geworden bin,
im assigen Mönchengladbach, haben immer alle »schwul« gesagt für
scheiße. Es ist wirklich nicht schwer, sich solche Sachen abzugewöhnen.
Jeder, der sich weigert so etwas abzulegen, ist keinen Deut besser, als
die ganz gestrigen und hinterwäldlerischen, die immer noch Neger sagen,
oder die Jude als Beleidigung sagen. Es bleiben tatsächlich noch genug
Worte, wenn man das alles weglässt, um sich gut ausdrücken, keine Sorge.
Sprache muss nicht ausschließend sein.
Komischerweise scheint es aber
am Schwierigsten zu sein, die frauenfeindliche Sprache wegzubekommen.
Scheint am ehesten salonfähig zu sein. Viele haben Mitleid mit
unterdrückten Minderheiten, richtig, aber wir Frauen sind eben eine
unterdrückte Mehrheit. Da ist es schwieriger für viele, den Missstand zu
erkennen, und ihre Worte zu ändern.
Zurück zu meinem Lanze-Brechen für die Jungs von heute.
Auch
wenn ein Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil ist, sollte dafür
gesorgt werden, dass das Kind genügend Kontakt zu Erwachsenen des
anderen Geschlechts hat. Vorbild und so. Da kommt ja dann zu den ganzen
Kindergarten- erzieherinnen und Grundschullehrerinnen, zuhause noch all
die Stunden mit der Mutter dazu. Gar nicht gut. Im Moment ist es ja eher
leider öfter so rum: Tochter oder halt Sohn bei alleinerziehender
Mutter. Leider gibt es immer noch viel zu wenige alleinerziehende Väter.
Was ist denn da los? Wie lange will man diese Schieflage noch
hinnehmen?
Ich habe schon bei Müttern, die einen Sohn großziehen,
beobachtet, dass sie ihn auf einen Sockel heben, vielleicht auch weil
der Vater fehlt; sie machen ihn zum Mann im Haus. Er darf im Bett der
Mutter schlafen, bei der Wahl ihrer Partner mitreden, wird in
finanzielle Überlegungen einbezogen, pflegt die Mutter, wenn sie krank
ist. Die totale Überforderung für einen Sohn.
Hier
ein tolles Beispiel für ein freies Leben von Jungs, die bei erwachsenen
Frauen leben: Charlize Theron und ihr Adoptivsohn Jackson. (Ich weiß
jetzt nicht, ob er auch als Mädchen angesprochen werden will und das
Wort »Adoptiv- sohn« schon falsch war, aber ich stelle natürlich auch für
ihn/sie, sobald ich erfahre, wie es richtig wäre, meine Sprache um.
Check.) Die beiden rühren mich tatsächlich zu Tränen, wie sie Hand in
Hand über die Straße gehen, immer von Paparazzi abgeschossen und das
Kind in letzter Zeit fast nur noch - voll auf die zwölf - Mädchensachen
trägt. Ballerinas, Tütü, Handtäschchen. Rosa, Lila. Gut für ihn, dass er
die Freiheit bekommt! Und eine alte Löwin an seine Seite bekommen hat,
die ihm den Weg freibulldozert.
Nota. - Nein, es gibt nicht zuwenig alleinerziehende Väter, sondern zu viele alleinerziehende Mütter - und schon eine einzige ist zu viel, wenn sie sich für allein erziehend hält. Und nicht "etwas weniger als die Hälfte" aller Kinder sind Jungen, sondern etwas mehr: Bei der Geburt und in der Jugend sind die männlichen Exemplare noch in der Mehrheit. Aber sie sterben früher. Darum sind Männer in der ganzen Gesellschaft "etwas weniger als die Hälfte".
Schwul war immer ein Schimpfwort und ich habe es nie beutzt, "Pussyübung" käme mir weder in den Sinn noch über die Lippen, weil es vulgär ist, und ich bin zwar ein Macho, aber vulgär bin ich nicht; ich würde etwa Fräuleinübung sagen. Dass Frauen wegen der höheren Sterblichkeit der Männer eine ganz knappe Mehrheit sind, ist ein statistischer Fakt, doch am Anfang sind sie eine Minderheit. Aber dass sie unterdrückt würden, nämlich von den Männern, ist ein Ammen-Märchen. Und wenn die Kinder von Charlize Theron wirklich selber Mädchenkleider tragen wollen, hat sie Courage, wenn sie sie lässt. Doch mit einiger Wahrschein- lichkeit wird ein Tag kommen, wo sie es leid sind. Nehmen wir mal an, dass sie sie dann lässt.
JE