Freitag, 13. Januar 2017

Warum werden Menschenfrauen so früh unfruchtbar?

Mother-daughter competition in orcas may explain menopause
aus Süddeutsche.de,

Warum werden Frauen früh unfruchtbar? 
Aus Sicht der Evolution ist es wenig sinnvoll, dass Frauen nur bis zur Hälfte ihres Lebens Kinder bekommen können. Ein Blick auf Killerwale aber zeigt: Die Menopause bewahrt sie vor Konflikten.  

Von Kai Kupferschmidt
 
Für die meisten Menschen sind Großmütter ein Geschenk des Himmels, doch für Biologen sind sie ein Problem: Warum werden Frauen schon mit 50 Jahren unfruchtbar, wenn sie doch noch Jahrzehnte weiterleben? Im Wettlauf der Gene hat derjenige einen Vorsprung, der die meisten Kopien ins Rennen schickt.

Da scheint die beste Strategie für Weibchen klar zu sein: Nachfahren zeugen bis zum Lebensende. Die meisten Tiere machen das, doch nicht der Mensch. Warum? Nun glauben Wissenschaftler herausgefunden zu haben, woher die Güte der Großmütter stammt - ausgerechnet durch eine Studie an Killerwalen.

Vermutlich sind ältere Mütter nicht so motiviert im Konkurrenzkampf

Der britische Forscher Michael Cant von der Universität Exeter und seine Kollegen haben bei Orcas nachgeforscht, weil das Muster ihrer Fortpflanzung dem des Menschen ähnelt: Die Tiere können bis zu 100 Jahre leben, doch sobald die Weibchen etwa 40 Jahre alt sind, bekommen sie keinen Nachwuchs mehr. Einen Grund dafür präsentieren die Forscher im Fachblatt Current Biology: Wenn alte und junge Weibchen in einer Gruppe gleichzeitig Nachfahren haben, dann konkurrieren die Kälber um Ressourcen - und die Kinder der älteren Weibchen ziehen dabei den Kürzeren.

Von 1973 bis 2015 hatten Wissenschaftler an der Küste Nordamerikas genau Buch geführt über Geburten und Todesfälle in zwei Killerwalpopulationen. Die Kälber älterer Weibchen hatten deutlich schlechtere Chancen, ihren 15. Geburtstag zu erleben, wenn in der Gruppe auch jüngere Weibchen Junge bekamen. Vermutlich sind die älteren Mütter einfach nicht so motiviert im Konkurrenzkampf, sagt Cant. Die Forscher gehen davon aus, dass jüngere Weibchen bereit sind, rücksichtsloser für ihre Kinder zu kämpfen als ältere.

Beim Menschen flüchteten sich viele Forscher in ein Lob der Großmutter, um das Mysterium der Menopause zu erklären: Ältere Frauen, die selbst keine Nachkommen mehr zeugen, könnten sich ja um ihre Enkelkinder kümmern und deren Überlebenschancen verbessern. Allerdings gibt es Zweifel daran, dass diese Strategie evolutionär von Vorteil ist. Denn wenn es darum geht, wie effizient Frauen ihre Gene weitergeben, dann wäre es besser, wenn sie auch im Alter noch eigene Nachkommen auf die Welt bringen - diese tragen schließlich zur Hälfte die Gene der Mutter, Enkel nur zu einem Viertel.

Lob für die Großmutter - und für die Schwiegermutter

Wenn der eigene Nachwuchs älterer Frauen aber ohnehin schlechtere Chancen hat zu überleben, so wie bei den Orcas auch, dann könnte das zusammen mit der Großmutter-Fürsorge ausreichen, um die Evolution der Menopause zu erklären. Dabei spielt auch das Sozialverhalten eine Rolle: Vieles deutet darauf hin, dass in der Vorgeschichte des Menschen schwangere Frauen in die soziale Gruppe ihres Partners wechselten.

Wie die jungen Killerwalweibchen waren sie also mit der neuen Gruppe nicht verwandt und somit weniger gehemmt im Kampf um Ressourcen für ihr Kind. Die Schwiegermutter dagegen wäre in einem Dilemma, würde sie auch im fortgeschrittenen Alter noch Kinder bekommen - sie müsste auf ihren eigenen Nachwuchs achten und auf die Enkel. Die Menopause befreit sie aus diesem Konflikt. Neben dem Lob der Großmutter wäre es also auch Zeit für ein Lob der Schwiegermutter.


Montag, 9. Januar 2017

„Die Biologie ist einfach unterschiedlich.“

 Soeben von Fachjournalisten als Wissenschafterin der Jahres ausgezeichnet: Alexandra Kautzky-Willer, geboren 1962 in Wien, Professorin für Gendermedizin an der medizinischen Universität Wien, hier vor Wachsmodellen im Wiener Josephinum.
aus Die Presse, Wien, Alexandra Kautzky-Willer

Wissenschafterin des Jahres: 
Der (nicht so) kleine Unterschied 
Die Gendermedizin erforscht Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Alexandra Kautzky-Willer ist prominente Vertreterin dieses Faches.
 

In den sogenannten Gender Studies ist es derzeit bei manchen Geistes- und Sozialwissenschaftlern, vor allem in der Schule Judith Butlers, en vogue, möglichst alle Differenzen zwischen den beiden Geschlechtern als kulturell konstruiert zu erklären. Anders in der Gendermedizin: Dieses Fach befasst sich spezifisch mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Diese sind zwar in Wechselwirkung mit kulturellen Faktoren, finden sich aber „in allen Organen, auch in der Ebene der Zellen“, wie Alexandra Kautzky-Willer erklärt: „Die Biologie ist einfach unterschiedlich.“ Viele Unterschiede liegen an den Hormonen, und zwar nicht nur an den eigentlichen Sexualhormonen, auch Insulin und Glukagon wirken bei Frauen und Männern unterschiedlich. 

Mehr zum Thema:

Das erklärt etwa, wieso Typ-2-Diabetes bei Frauen oft zu spät erkannt wird. Kautzky-Willer, die auf die Volkskrankheiten Adipositas (Fettleibigkeit) und Diabetes spezialisiert ist, plädiert vehement für Zuckerbelastungstests, besonders bei Schwangeren. Auch bei den Wirkungen – und Nebenwirkungen! – von Medikamenten kennt man beträchtliche Geschlechterunterschiede, die Arzneimittelforschung ist oft noch auf Männer ausgerichtet. Sie glaube nicht, dass es in Zukunft „eine rote und eine hellblaue Pille“ geben werde, sagte Kautzky-Willer in einem Interview mit der APA, „doch im Beipacktext wird es Hinweise geben, welche Nebenwirkungen häufiger bei Frauen zu erwarten sind“.

Berücksichtigung der Geschlechterunterschiede in der Medizin kann natürlich auch die Männer betreffen. So meint Kautzky-Willer, dass man diesen schon früher – mit 45 – zur Darmspiegelung raten solle. Benachteiligt seien Männer bei der Diagnose von Depressionen: Für sie typische Symptome – Unruhe etwa – stehen noch nicht im Katalog. Immerhin begehen dreimal so viele Männer wie Frauen Selbstmord. Auch Osteoporose werde bei Männern oft übersehen, eben weil sie bei ihnen seltener als bei Frauen (vor allem nach dem Wechsel) ist.

Ein, zwei Jahre Differenz bleiben

Ein auffälliger Unterschied zwischen Frauen und Männern ist, dass diese in fast allen Ländern im Durchschnitt kürzer leben, in Österreich z. B. circa um sechs Jahre. Würde optimale geschlechtsspezifische Behandlung diesen Unterschied verringern? Schon, meint Kautzky-Willer, aber eine Differenz von ein bis zwei Jahren werde wohl bleiben, das liege wahrscheinlich an den Unterschieden bei der Fortpflanzung. Interessant sind hier Klosterstudien: Mönchen bringt offenbar ihre Lebensweise – die sich wohl in niedrigerem Testosteronspiegel auswirkt – deutlich mehr Lebensjahre, bei Nonnen ist der Unterschied zu anderen Frauen viel geringer.

...

Alexandra Kautzky-Willer ist Tochter eines Lehrerpaars, sowohl ihr Mann als auch ihr Sohn sind ebenfalls Mediziner. Habilitiert hat sie sich 1997 mit einer Arbeit über Insulin für das Fach Innere Medizin, 2010 übernahm sie an der Uni Wien die erste Professorenstelle für Gendermedizin in Österreich. Als Hobby nennt sie die Zucht von Reptilien, wobei sie auch in der Beschäftigung mit Stachelschwanzwaranen und Bartagamen der Genderwissenschaft nicht ganz entkommt. Schließlich können diese Tiere über die Temperatur der Eier bestimmen, ob ihr Nachwuchs männlich oder weiblich wird.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Mann braucht keine Krücke.

Penis bones from various mammals are part of the collection of bones at scientist Ray Bandar s his h
aus Süddeutsche.de,Penisknochen verschiedener Vertreter der Tierwelt

Darum hat der Mensch keinen Knochen im Penis
Das Baculum ist im Tierreich verbreitet, der Mensch aber verlässt sich bei der Erektion auf das nicht immer zuverlässige System der Schwellkörper. Eine Studie zeigt: Es liegt an der Monogamie.
 
Von Felix Hütten

Die Evolution, so lernt man das, treibt die Innovation in der Natur voran. Manchmal entstehen dabei jedoch Dinge, deren Sinn unerklärlich bleibt. Der Penisknochen, in der Fachsprache Os penis oder Baculum genannt, ist so ein bislang ungelöstes Rätsel der Evolution. Manche Spezies pflanzen sich bis heute mit dessen Hilfe fort. Anderen, so auch dem Menschen, ist er im Laufe der Evolution abhandengekommen.

Die Anthropologen Matilda Brindle und Christopher Opie vom University College London haben in einer Studie, erschienen im Journal Proceedings B der britischen Royal Society, untersucht, wie sich das besagte Körperteil im Laufe der Entstehung der Arten entwickelt hat. Ihre Antwort: Monogame Lebewesen brauchen ihn nicht.

"Hoher postkopulatorischer Wettbewerb"

Der Penisknochen hilft Tieren, beispielsweise Fledermaus-Männchen, Bonobos und Schimpansen, bei der Versteifung des Glieds. Das Baculum ist so etwas wie ein verknöcherter Schwellkörper, der die Erektion des Penis schnell und anhaltend ermöglicht. Zudem hilft er dem Männchen, sein Sperma möglichst nahe an die Gebärmutter des Weibchens zu bringen und eine Befruchtung wahrscheinlicher zu machen.

In ihrer Untersuchung zeigen die Wissenschaftler anhand komplexer Korrelationsrechnungen, dass sich der Knochen unter Säugetieren vor etwa 145 bis 95 Millionen Jahren ausgebildet haben muss, um im weiteren Verlauf teilweise wieder zu verschwinden. Warum das Baculum des Menschen überflüssig wurde, erklären sich die Autoren mit der Dauer des Geschlechtsverkehrs und der Zahl der Sexualpartner.

"Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass der Knochen die männliche Reproduktionsstrategie unterstützt, und zwar unter jenen Arten, in denen das Männchen einem hohen postkopulatorischen Wettbewerb ausgesetzt ist", sagt Autorin Matilda Brindle. Einfacher formuliert: Ein länger anhaltender Geschlechtsakt (mehr als drei Minuten) verringert die Chancen der Mitbewerber. Es geht also um die Frage, wessen Genmaterial am Ende zu Nachwuchs führt und somit überlebt.

Wackliges System der Erektion durch Schwellkörper

Polygamie, in diesem Fall Sex mit vielen verschiedenen Partnern, ist unter Menschen heute weniger häufig als im Tierreich. Diese kulturellen Änderungen im Fortpflanzungsverhalten könnten, so vermuten Brindle und Opie, einst das Aus für den menschlichen Penisknochen bedeutet haben. Als sich die menschliche Spezies von ihren Vorfahren absetzte und das Paarungsverhalten vor geschätzten zwei Millionen Jahren in Richtung Monogamie schwenkte, fehlte wahrscheinlich der evolutionäre Druck, den Penisknochen aufrechtzuerhalten, sagt Christopher Opie.

Wie die Forscher in ihrer Studie schreiben, konnten sie einen positiven Zusammenhang zwischen der Länge des Baculums und der Dauer des Geschlechtsaktes feststellen. Schimpansen und Bonobos, die mit dem Menschen eng verwandt sind, haben eine Paarungszeit von etwa sieben bis 15 Sekunden - im Vergleich zu anderen Tieren eher kurz. Im Verhältnis zur Körpergröße ist ihr Penisknochen winzig, und mit sechs bis acht Millimetern nicht länger als ein Fingernagel. Im Unterschied zum Menschen aber leben sie polygam, was ihnen womöglich diesen Überrest eines Penisknochens beschert.

Den Menschen betreffend wird übrigens eine weitere Theorie diskutiert. Aus Sicht der Fortpflanzung und der Evolution erscheint es schließlich auf den ersten Blick unlogisch, sich auf das wacklige System der Erektion durch Schwellkörper zu verlassen und die knöcherne Hilfe aufzugeben. Allerdings könnte die (knochenfreie) Erektion des Mannes für die Partnerin ein Signal der Gesundheit sein - was die Partnerwahl vereinfacht.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Kaum lässt der Selektionsdruck nach...

Nordirak
aus scinexx

Evolution: 
Schmalere Becken durch Kaiserschnitt?
Modell zeigt evolutionäre Auswirkung des medizinischen Fortschritts

Erstaunliche Anpassung: Die regelmäßige Durchführung von Kaiserschnitten hat sich in den letzten Jahrzehnten auf die Anatomie von Frauen ausgewirkt, wie ein Modell nun zeigt. Demnach wird das weibliche Becken immer schmaler - und ist als Folge in Relation zum Kindskopf oft zu klein. Den Grund dafür sehen die Forscher in der Evolution: Dank der Möglichkeit der Geburt per Operation fehle der Selektionsdruck hin zu einem breiteren Becken.

Immer mehr Babys werden per Kaiserschnitt geboren. In Brasilien sind es sogar mehr als die Hälfte. Viele Wissenschaftler halten den Trend hin zur Geburt per Operation für ein rein soziales Phänomen. Denn die Rate der Geburtsprobleme, die einen operativen Eingriff nötig machen, ist um ein Vielfaches geringer. "Das stimmt, aber eben nicht ganz", sagt Philipp Mitteröcker von der Universität Wien. Er und seine Kollegen haben den Zusammenhang zwischen Kaiserschnitten und Geburtsproblemen untersucht - und Erstaunliches festgestellt. 

Die Datenanalyse der Mediziner zeigt: Tatsächlich hat in den vergangenen Jahrzehnten auch die Anzahl der "echten" Geburtsprobleme zugenommen - allen voran das sogenannte Becken-Kopf-Missverhältnis. Seit den 1960er Jahren steigt demnach die Zahl der Frauen, deren Becken relativ zur Größe des Fötus zu schmal ist - und damit die Gefahr, dass der Kopf des Kindes bei der Entbindung nicht durch den Geburtskanal passt. 

Fortschritt fördert anatomische Missverhältnisse 

Doch warum ist das so? Die Wissenschaftler glauben: Die Evolution ist schuld. Während vor der Entwicklung des Kaiserschnitts in den 1950er Jahren eine Geburt noch für bis zu sechs Prozent der Frauen tödlich endete, können dank der modernen Medizin heute auch Frauen mit sehr schmalem Becken gefahrlos entbinden. Die Folge: Aus evolutionsbiologischer Sicht entfällt der Selektionsdruck hin zu einem breiteren Becken. 

Mithilfe eines Modells haben Mitteröcker und seine Kollegen berechnet, dass die regelmäßige Durchführung von Kaiserschnitten zu einer evolutionsbedingten Zunahme der Becken-Kopf-Missverhältnisse von zehn bis zwanzig Prozent geführt hat. Ihnen zufolge reichen etwa zwei Generationen, bis sich die Fortschritte in der Medizin in unserer Biologie abzeichnen. Demnach sei die Evolution auch beim modernen Menschen am Werk.

Das Dilemma des Frauenbeckens 

Dass Frauen überhaupt mit anatomischen Problemen bei der Geburt zu kämpfen haben, ist allerdings ein evolutionärer Sonderfall: Eigentlich müssten Gene, die für zu schmale Becken und zu große Föten sorgen, längst ausgestorben sein, da Frauen mit einer solchen Veranlagung früher selten die Geburt überlebt haben. 

Wissenschaftler vermuten den Grund für diese vermeintliche Fehlanpassung im aufrechten Gang: Als der Mensch auf diese Weise zu gehen begann, entwickelte er ein schmales Becken. "Dies ist aus evolutionärer Sicht für unsere Fortbewegung von Vorteil", sagt Mitteröcker. Das Dilemma: Auf der anderen Seite erhöhen sich die Überlebenschancen eines Babys, je größer es bei der Geburt ist. Hier kommen sich demnach der Selektionsdruck hin zu schmaleren Becken und jener hin zu größeren Babys in die Quere.

Die Fitnesskurve hat sich stark verschoben und die Diskrepanz zwischen der Größe des Fötus und des Geburtskanals nimmt zu.
Die Fitnesskurve hat sich stark verschoben und die Diskrepanz zwischen der Größe des Fötus und des Geburtskanals nimmt zu.

Kaiserschnitt verschiebt Fitnesskurve 

Was dieses Dilemma für die individuelle Fitness einer Frau bedeutet, haben die Forscher in ihrem Modell nachgezeichnet - und dabei auch den Effekt des Kaiserschnitts deutlich machen können: "Für unsere Fitnesskurve heißt das: Je schmaler das Becken und je größer das Kind, umso besser – aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem das Kind nicht mehr durchpasst: Dann wird es abrupt fatal", erklärt Mitteröcker.

Diesen Punkt markiert die sogenannte "Fitnessklippe" im Modell des Teams. Deutlich ist dabei zu sehen: Die Fitnessklippe hat sich seit der regelmäßigen Anwendung des Kaiserschnitts stark verschoben. Da wir am Becken-Kopf-Missverhältnis nicht mehr sterben, werden die Becken schmaler und natürliche Geburten tendenziell problematischer. 

Nicht nur ein soziales Phänomen 

Für die Forscher ist das ein eindeutiger Beleg dafür, dass die Zunahme von Kaiserschnitten zwar auch, aber nicht nur, ein soziales Phänomen ist: "Auch die Geburtsproblematik hat zugenommen, wenngleich in einem viel geringeren Ausmaß als die Kaiserschnitte", sagen sie. 

Wie Mitteröcker und seine Kollegen betonen, gehe es ihnen allerdings nicht darum, den Kaiserschnitt in Frage zu stellen - sondern vielmehr um Grundlagenforschung: Sie hätten zum ersten Mal mathematisch beschrieben, wie die Medizin den Lauf der Evolution verändert und wie schnell. In Zukunft könne dieses Modell auch in anderen Bereichen eingesetzt werden. (Proceedings oft he National Academy of Sciences, 2016; doi: 10.1073/pnas.1612410113)

(Universität Wien, 06.12.2016 - DAL) 


Nota. - Das ist des öftern schon bemerkt worden: Die Evolution durch Selektion geschieht gelegentlich viel rascher, als der gesunde Menschenverstand sich träumen lässt. Aber so rasch wie hier, im Verlauf von nur zwei Generationen - das wäre schon schwindelerregend! Doch Obacht: Hier geht es nicht um einen ruckartigen Effekt eines Selektionsdrucks, sondern um den ruckartigen Effekt des Fortfalls eines Millionen Jahre alten Selektions- drucks. Vorwärts ist, in der Natur wie im Menschenleben, etwas sachlich Anderes als rückwärts.

(Letzteres würfe ein neues Licht auf das Mysterium der Neotenie und das Dogma von der Unumkehrbarkeit physiologischer Spezialisierungen: Es müsse derselbe Selektionsdruck stets andauern, sonst könne ein evolutionärer Rückfall jederzeit eintreten... Ist das wieder so eine Rache Lamarcks an Darwin?)
JE




 

Donnerstag, 10. November 2016

Von der Gnade des Vergessenkönnens.

Andrea Danti 
aus scinexx 

Sind Männer wirklich vergesslicher?
Frauen sind in Sachen Gedächtnis besser - bis zur Menopause 

Von wegen Vorurteil: Forscher haben nun bestätigt, was viele Frauen längst zu wissen glaubten. Männer haben ein schlechteres Gedächtnis als das weibliche Geschlecht - allerdings nur bis zu den Wechseljhahren. Danach büßen Frauen ihren Vorsprung in Sachen Erinnerungsvermögen ein. Vermutlich sind die hormonellen Umstellungen schuld daran. Diese Erkenntnisse könnten auch neue Erklärungsansätze für die Entstehung von Alzheimer liefern.

Viele Frauen dürften überzeugt davon sein, dass Männer ein schlechteres Gedächtnis haben als sie. Schließlich vergessen die Herren der Schöpfung angeblich ständig wichtige Geburtstage und selbst den eigenen Hochzeitstag, um nur zwei Beispiele zu nennen. Doch Realität und Wahrnehmung sind bekanntermaßen oft zwei verschiedene Paar Schuhe. Was also ist wirklich dran an diesem Vorurteil? 
Tatsächlich belegen Studien, dass Männer zumindest im höheren Alter häufiger unter leichten Störungen des Gedächtnisses leiden als Frauen. Gleichzeitig haben Frauen ein höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Dies könnte aber auch einfach daran liegen, dass sie in der Regel älter werden als Männer. 

Frauen schlagen Männer

Wissenschaftler um Jill Goldstein vom Brigham and Women’s Hospital in Boston haben nun untersucht, ob es bereits im mittleren Lebensalter nachweislich geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf die Gedächtnisleistung gibt - oder ob die männliche Vergesslichkeit ein Klischee ist. Dafür ließen sie 212 gesunde Probanden zwischen 45 und 55 Jahren zu verschiedenen neuropsychologischen Tests antreten, die die Lernfähigkeit und das Erinnerungsvermögen auf die Probe stellten. 


Das Ergebnis gibt dem weiblichen Geschlecht recht: Die Frauen schnitten in allen getesteten Kategorien signifikant besser ab als gleichaltrige, männliche Mitstreiter. Doch es gab eine entscheidende Ausnahme: Frauen, die ihre Menopause schon hinter sich hatten, erzielten ungefähr die gleichen Ergebnisse wie die Männer - und waren demnach schlechter als andere weibliche Teilnehmer. 

Kein Vorsprung mehr nach der Menopause 

Für die Forscher ist das ein Zeichen dafür, dass sich durch die hormonelle Umstellung bestimmte Gehirnfunktionen nach den Wechseljahren ändern. Tatsächlich stützten weitere Untersuchungen die These, dass die weiblichen Geschlechtshormone wichtig für das Erinnerungsvermögen sind: Je höher bei den weiblichen Probanden die Konzentration einer bestimmten Form des Östrogens, das Östradiol, war, desto besser schnitten sie in den Tests ab. 

Vor allem neu Gelerntes konnten sich Frauen mit niedrigeren Mengen des Botenstoffs schlechter merken. Von den hormonellen Veränderungen könnten demnach insbesondere Bereiche in frontalen Regionen des Hirns betroffen sein, die unter anderem für das Kurzzeitgedächtnis eine Rolle spielen. 

Zusammenhang mit Alzheimer? 

Der Hormonhaushalt könnte bei Frauen womöglich auch ein Risikofaktor für die Entstehung von Alzheimer sein, vermutet Goldsteins Team. In künftigen Untersuchungen wollen die Wissenschaftler weiter erforschen, welche Menschen besonders anfällig für diese Form der Demenz sind und welche Unterschiede es dabei zwischen Männern und Frauen gibt. 

"Die Alzheimer-Erkrankung ist eine der größten Public Health-Herausforderungen unserer Zeit", schließt Goldstein. "Es ist unerlässlich, dass wir verstehen, wie wir das Gedächtnis ein Leben lang erhalten können. Dafür müssen wir in der Forschung auch geschlechtsspezifische Unterschiede betrachten." (The Journal of the North American Menopause Society, 2016)

(The North American Menopause Society (NAMS)/ Brigham and Women's Hospital, 10.11.2016 - DAL)

 Nota. -   Spekulieren wir mal (aber nur, weil es lustig ist) über den möglichen Selektionsvorteil. 1. In jungen Jahren gibt's noch viel zu lernen. Das setzt voraus, dass man den Kopf nicht voller unnötigem Ballast hat. Man muss immer wieder mal Platz schaffen für Neues; man merkt sich besser nicht alles, sondern nur das Wichtigere. 

2. (noch lustiger:) In der Frühzeit der Familie Homo waren die Männer Jäger, die Frauen Sammler. Die Männer unternahmen lange und gefährliche Ausflüge in die Wildnis, die Frauen blieben beim Lager und hüteten das Feuer. Die Männer konnten sich auf der Jagd nicht leisten, gegeneinander nachtragend zu sein, sie mussten sich im Ernstfall auf einander verlassen können. - Schön, das erklärt, warum sie vergessen lernten. Warum war das für die Frauen ohne Vorteil? - Weil sie in der Abswesenheit der Männer zusammensaßen und schwatzten, und da taugt jeder Erinnerungssplitter zum Giftpfeil. - Ach ja? Und warum nicht mehr nach der Menopause? - Da sind die stärksten Männer längst vergeben, da lohnt sich keine Intrige mehr.

Nur weil es lustig ist? Na ja - auch um zu zeigen, wie mann mit ein bisschen bösartiger Phantasie Genderstudien animieren kann
JE  

 

Mittwoch, 2. November 2016

Eine Frau hat ihre Tage auch im Kopf.

Das Gehirn von Frauen verändert sich im Takt ihres hormonellen Zyklus
aus scinexx

Frauengehirn verändert sich im Takt des Zyklus
Mit steigenden Östrogen-Spiegeln wächst der Hippocampus im weiblichen Gehirn

Hormon-Effekte im Gehirn: Der weibliche Zyklus lässt nicht nur ihre Hormonspiegel monatlich schwanken. Sogar das Gehirn verändert im Takt dieses Zyklus seine Struktur, wie nun eine Studie belegt. Der Hippocampus, das Gedächtniszentrum des Gehirns, nimmt immer dann an Volumen zu, wenn auch die Östrogenspiegel der Frau hoch sind. Ob und wie sich das auf Stimmung und geistige Leistungen auswirkt, muss nun erforscht werden.

Auf und Ab der Hormone: Durch den Menstruationszyklus der Frau schwanken im Laufe eines Monats die Spiegel wichtiger Hormone wie des Östrogens. Das beeinflusst nicht nur die Fruchtbarkeit und den Eisprung, sondern sogar das Verhalten und die Stimmung. So verändert sich die Kooperationsbereitschaft von Frauen im Rhythmus ihrer Hormone und auch bestimmte geistige Leistungen schwanken im Verlauf des Zyklus, wie Studien zeigen.

Was dahinter steckt, könnten nun Claudia Barth vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und ihre Kollegen herausgefunden haben. Für ihre Studie haben sie untersucht, ob und wie sich die Struktur des Gehirns bei einer Frau im Laufe des Zyklus verändert. Im Speziellen analysierten sie dabei die Größe des Hippocampus mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) – einer Hirnstruktur, die für Gedächtnis, Stimmung und Emotionen besonders wichtig ist.

Hippocampus-Volumen verändert sich

Das Ergebnis: Der schwankende Hormonspiegel verändert tatsächlich in erstaunlicher Regelmäßigkeit auch die Struktur des Gehirns. "Wir haben herausgefunden, dass parallel zum ansteigenden Östrogenspiegel bis zum Eisprung auch das Volumen des Hippocampus zunimmt - sowohl das seiner grauen als auch seiner weißen Substanz", berichtet Barth. Die Veränderungen im Hippocampus traten nahezu ohne Zeitverzögerung gegenüber den hormonellen Schwankungen auf.


Parallel zum Rhythmus des Östrogen-Spiegels über den Monatszyklus hinweg variiert bei Frauen auch die Struktur ihres Hippocampus (gelb).
Parallel zum Rhythmus des Östrogen-Spiegels über den Monatszyklus hinweg variiert bei Frauen auch die Struktur ihres Hippocampus (gelb).
Die Forscher vermuten daher, dass sich der Östrogenspiegel nahezu sofort auf das Gehirn auswirkt. Die Dichteveränderungen im MRT-Bild deuten darauf hin, dass sich bei der weißen Hirnsubstanz die Anordnung der Fasern und Zellen und die Ausrichtung der Myelinschicht der Nervenfasern ändert. Was genau dabei geschieht du über welche Mechanismen, ist aber noch unbekannt.

Wirkung auf Stimmung und Gedächtnis?

"Unsere Studie liefert damit den ersten Beleg, dass die subtilen hormonellen Schwankungen während des Menstruationszyklus zu Veränderungen in der Hirnstruktur führen", konstatieren die Wissenschaftler. Ob und wie sich dies auf das Verhalten und die geistigen Fähigkeiten der Frauen auswirken, ist allerdings bisher noch unklar.

Eine Vermutung haben die Forscher jedoch bereits: "Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle für unser Gedächtnis, unsere Stimmung, unsere Emotionen", sagt Barth. Es liege daher nahe, dass zyklusbedingte Stimmungsschwankungen oder Änderungen der geistigen Leistungsfähigkeit damit verknüpft sein könnten. Zumindest bei Mäusen habe man bereits Ähnliches festgestellt.

Um den noch offenen Fragen nachzugehen, planen die Forscher nun Studien mit einer größeren Zahl von Frauen. Möglicherweise geben die Ergebnisse auch Aufschluss darüber, warum manche Frauen besonders stark unter dem prämenstruellen Syndrom leiden. "Um die neuronalen Prozesse hinter diesem Leiden zu verstehen, müssen wir zunächst herausfinden, welchem monatlichen Rhythmus das Gehirn gesunder Frau folgt", sagt Barths Kollegin Julia Sacher. (Scientific Reports, 2016; doi: 10.1038/srep32833)

(Max-Planck-Gesellschaft, 10.10.2016 - NPO)

Dienstag, 1. November 2016

Der stetig größer werdende Unterschied.

Schnuller für jeden Bedarf. Allerdings: Eine Vorliebe der Geschlechter für Rosa oder Hellblau ist garantiert nicht biologisch festgelegt ...
aus Tagesspiegel.de, 1. 11. 2016, 19:35 Uhr 

Gender und Wissenschaft  
Der kleine und der große Unterschied 
Die Geschlechterforschung muss die Biologie stärker zur Kenntnis nehmen, sonst wird sie in die Isolation geraten. Ein Kommentar.
von  

Das Gender-Thema erhitzt die Gemüter. Kaum eine andere sozialwissenschaftliche Disziplin ist so umstritten wie die Geschlechterforschung. Ein großer Teil der Kritik entzündet sich an einem zentralen Gedanken des Fachs. Danach ist das biologische Geschlecht (Sex) im gesellschaftlichen Leben von eher geringer Bedeutung. Viel entscheidender ist das „kulturelle“ Geschlecht (Gender). Es ist eine soziale Konstruktion, mit deren Hilfe (überwiegend männliche) Macht und Unterdrückung, Ressourcen und Chancen organisiert werden. Männer und Frauen spielen Geschlechterrollen wie Schauspieler in einem Theaterstück. Die Genderwissenschaft ist angetreten, hinter die Kulissen des Dramas zu blicken und Ungleichheiten und Machtverhältnisse zu ändern.

Vielen leuchtet die Idee von der Zweiteilung, vom kleinen (biologisches Geschlecht) und vom großen Unterschied (kulturell konstruiertes Geschlecht) nicht ein, mehr noch: Sie fühlen sich so, als würde ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit infrage gestellt werden, und damit ein zentraler Teil ihrer Persönlichkeit. Skeptisch gegenüber der Geschlechterforschung sind auch manche Wissenschaftler. Dabei sind es nicht nur Biologen oder Psychologen, die der Geschlechterforschung vorwerfen, naturwissenschaftliche Fakten zu ignorieren. Diese kontert damit, dass sie an den Tatsachen nicht zweifle, sich aber gegen deren ideologische Vereinnahmung wehre. Biologie ja, Biologismus nein, lautet die Formel.

Genderforschung: Glaubensinhalte statt Fakten?

Aber mit der immer wieder behaupteten Anerkennung biologischer Tatbestände ist es womöglich doch nicht so weit her. Das zeigt eine Studie der Soziologin Charlotta Stern von der Universität Stockholm. Im Gespräch mit Genderforschern machte die Wissenschaftlerin häufig die Erfahrung, dass man nicht an „Glaubensinhalten“ rühren durfte. Immer, wenn sie ketzerische Ideen ins Spiel brachte, etwa die, dass es Ungleichheiten in den mathematischen Fähigkeiten von Männern und Frauen gebe oder dass beide Geschlechter angeborene Unterschiede in Talenten und Motivationen haben könnten, begegneten ihr finstere Blicke. Stern hatte das Gefühl, dass ihre Kollegen sich mit ihren Ansichten isolierten und in Tabus flüchteten. Doch stimmte ihre Wahrnehmung?

Die Wissenschaftlerin überprüfte ihre Annahme anhand des Grundsatzartikels „Doing Gender“ von 1987. In diesem unter Geschlechterforschern viel beachteten und häufig zitierten Aufsatz von Candace West und Don Zimmerman spielt die Biologie nur eine Nebenrolle; die zentrale These ist, dass die Geschlechterrollen („Gender“) ein Ergebnis sozialen Handelns („Doing“) sind. Heute, Jahrzehnte später, gibt es etliche Studien, die in eine andere Richtung deuten, in denen für Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch biologische und evolutionär bedingte Ursachen ausfindig gemacht wurden. Stern fragte sich, ob diese mittlerweile in der Forschung berücksichtigt wurden. Sie schaute sich für den Zeitraum 2004 bis 2014 jene Veröffentlichungen an, die „Doing Gender“ zitierten und die ihrerseits viel genannt wurden.

Gegen Ideologie - und selbst ideologisch?

Ergebnis der Stichprobe: Von 20 Beiträgen waren 15 „mit Scheuklappen versehen“, wie Stern schreibt. Sie ignorierten biologische Geschlechterunterschiede oder spielten sie herunter, vier waren neutral und lediglich einer zog die Biologie ernsthaft in Betracht – bei der Frage, welchen Einfluss das biologische Geschlecht der Kinder auf familiäre Prozesse wie Bildungsfragen, Scheidung und die verbrachte Zeit mit den Kindern hat. Sterns Fazit lautet, dass die sozialwissenschaft- liche Genderforschung ein Inseldasein führt und sich von anderen wissenschaftlichen Strömungen isoliert. Eine Vermutung, die auch andere Studien nahelegen. Die angeblich so anti-ideologische Geschlechterforschung läuft Gefahr, selbst ideologisch zu verknöchern.

Mann und Frau kommen nicht als unbeschriebene Blätter zur Welt. Es sind nicht nur die Genitalien, die sie unterscheiden, sondern auch, bei allen Gemeinsamkeiten, eine Reihe von biologischen und psychologischen Eigenheiten. Anders gesagt: Der Mensch hat seine natürliche Prägung nicht am Eingang der Zivilisation abgelegt wie einen Mantel an der Garderobe. Natur, Umwelt und Kultur finden in ihm zusammen. Diese Einheit im Verschiedenen macht unsere Existenz so spannend.


Nota. - Na Mann, das geht zu Herzen: Die treue Sele fragt sich wahr- und wahrhaftig, ob nicht vielleicht die anti-ideolo- gisch posierende Gender-Forschung "selber ideologisch"... ist? Nein nein, bloß: unter Umständen "werden könnte".

Ein Rammbock gegen die politische Korrektheit ist der Tagesspiegel nie gewesen. Da muss man schon froh sein, wenn hier und da die Stimme des gesunden Menschenverstands durchklingt.
JE